Den Tod studieren? Das geht im Master „Perimortale Wissenschaften“ an der Universität in Regensburg. Zu seinem fünfjährigen Bestehen bekommen wir von ReMoTe einen Einblick, was es bedeuten kann, den Tod zu studieren.

Seit fünf Jahren kann man an der Fakultät für Katholische Theologie der Universität Regensburg den Master ‚Perimortale Wissenschaften: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär‘ (PeWi) studieren. Perimortal? Ein Kunstwort, als Wissenschaft ‚um den Tod herum‘ verstanden, das durch seinen transdisziplinären Zugang eine echte ‚Ermächtigung‘ über den Tod bietet: Deutungs- und Gestaltungsmacht werden breiter verteilt und damit demokratisiert – weg von weltanschaulichen, medizinischen oder wirtschaftlichen Eliten. Gleichzeitig zeigt sich eine Grenze dieser Ermächtigung: PeWi hat bislang (noch) kaum die typischen Orte aufgebrochen, an denen Tod gesellschaftlich verhandelt wird. Die Berufswege der Absolvent:innen führen abhängig vom jeweiligen Erststudium überwiegend zurück in die bekannten perimortalen Räume: Hospiz, Krankenhaus, Bestattung und Seelsorge.

Die „95%-rule“

Die eigentliche Reichweite von PeWi beginnt aber gerade ‚im Kleinen‘ – und damit außerhalb dieser Institutionen. Allan Kellehear beschreibt für die letzte Lebensphase die „95%-rule“: Der überwiegende Teil von Sterben, Sorge, Begleitung und Aushandlung findet nicht im direkten Kontakt mit professionellen Diensten statt, sondern außerhalb formaler Versorgung im Alltag.1 In diese 95 % hinein wirkt PeWi, wenn Studierende informell sprach- und auskunftsfähig werden: Wenn auf einer Party aus dem Satz „Ich studiere Tod“ plötzlich ein Gespräch wird („Wie läuft eigentlich Sterben?“, „Ist meine Trauer normal?“), entsteht niedrigschwellige Aufklärung dort, wo sie gesellschaftlich gebraucht wird – in den sozialen Räumen, die den größten Teil der perimortalen Wirklichkeit tragen.

Hinzu kommt ein Effekt, den man als zweite Berufssozialisation beschreiben kann: PeWi ist nicht nur Qualifizierung für Einsteiger:innen, sondern auch ein Upgrade für etablierte Praktiker:innen. Wer bereits in perimortalen Feldern arbeitet, bringt Routinen mit, die im Alltag ‚einfach laufen‘: Kommunikationsmuster, implizite Normen, Rollenerwartungen, Abgrenzungspraktiken. Im Studium werden sie sichtbar und damit begründungsbedürftig. Professionalität bedeutet dann weniger reibungslose Funktionalität, sondern reflektierte Praxis.

Von der Praxis zur Theorie und zurück / Das Konzept des Transformative Learning

Ebenso charakteristisch für PeWi ist schließlich die Verschränkung von Betroffenheit und Wissenschaftlichkeit. Viele Studierende kommen mit eigener Verlustgeschichte – der Tod ist für sie weniger Gegenstand als biografische Realität. Das Studium macht daraus etwas Arbeitsfähiges: aus Erleben werden Fragen, aus Fragen Begriffe, aus Begriffen Analysen. Es entsteht eine wissenschaftliche Kompetenz, die mehr kann als nur Betroffenheit zu verwalten. Lerntheoretisch passt das gut zum Konzept des Transformative Learning: Grenzerfahrungen erschüttern gewohnte Deutungsmuster.

Auch psychologisch ist das plausibel, denn die Konfrontation mit dem Sterben aktiviert nicht nur Trauer, sondern wirft unser ganzes psychisches Stabilisierungssystem an. Wenn der Tod präsent wird, klammern wir uns eher an vertraute Weltbilder, suchen Halt über Zugehörigkeit und reagieren schneller gereizt oder abwehrend, wenn etwas diese Sicherheiten irritiert.2 Gute Lehre und Forschung kämpft deshalb nicht gegen Reflexe an, sondern arbeitet mit ihr: Sie schafft Formate, in denen diese dosiert, reflektiert und gemeinsam verhandelbar wird, statt in der Individualität stehenzubleiben.

Theologie – dem Wesen nach perimortal

Dabei leben der wissenschaftliche Anspruch der PeWi und der Theologie gleichermaßen voneinander. Denn PeWi zeigt exemplarisch, dass Theologie an gesellschaftlich hochsensiblen Schnittstellen kompetent zu sprechen vermag. Als umfassendes Deutungsangebot versteht sie den Tod seit jeher nicht als Bruchstelle, sondern als Durchgang, was sie geradezu wesenhaft perimortal macht. Dankbar wird aufgenommen, dass die Theologie über eine Sprache verfügt, die das Unsagbare zu artikulieren versucht; und dass ihr diese Fähigkeit gerade in perimortalen Räumen auch gesellschaftlich noch zugetraut wird. Dass der junge Trieb der PeWi auf den so oft totgesagten Stamm der Theologie gepfropft wurde, darf durchaus als Auszeichnung gelten; mehr noch: Durch PeWi hindurch fließt wirklich der ‚Saft’ der Theologie, wie das erwähnte bruchstellenlose Todesmodell zeigt, das PeWi deutlich von einer rein naturwissenschaftlich orientierten Thanatologie unterscheidet.

Wenn aber der erste Schritt der Theologie „das […] Hören des glaubenden Menschen auf die […] Wortoffenbarung Gottes“3 ist, bleibt umso dringlicher zu fragen, ob sie angesichts der weltanschaulichen Diversität der Studierenden nicht in eine Wahl gezwungen wird: Entweder die Theologie verzwergt sich zu einer religionswissenschaftlichen, säkular anschlussfähigen Außenansicht; oder sie bricht ihre Kommunikation mit den meisten Studierenden – für diese irrelevant geworden – faktisch ab.

Der diffizile dritte Weg bestünde darin, die genannten theologischen ‚Säfte‘ der PeWi konstant in allen Lehrveranstaltungen als Träger „der transversalen Vernunft […] und crossdisziplinär produktive[n] Verunsicherung“4 sichtbar zu machen; so wie manche kirchliche Schule auf eigenen Religionsunterricht verzichten kann, weil jedes Fach dessen Angebot mitträgt. Dafür bräuchte es Mut bei allen, die Studien- und Modulpläne entwerfen, ebenso wie bei den Dozierenden: den Studierenden überall und immer neu die ‚Wahrheit‘ der Theologie lebensrelevant zu machen, statt nach der ‚Gewohnheit‘ den vor religiös homogenerem Publikum eingeübten Stiefel durchzuziehen.5

PeWi bietet/bringt/schöpft aus Perspektivenvielfalt

Denn PeWi trifft explizit auf eine facettenreiche Studierendenschaft, die die universitas neben den fakultätsspezifischen und interdisziplinären Inhalten ernst nimmt: Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Vorstudien oder Berufsleben und – besonders – Lebensabschnitten studieren gemeinsam. Genau darin liegt eine der großen Stärken des Studiengangs. PeWi hat, wenngleich weniger intentional als sich organisch entwickelnd, eine universitäre Form des intergenerationalen Austauschs geschaffen: Studierende zwischen 20 und 70 Jahren kommen sowohl persönlich als auch fachlich ins Gespräch, vernetzen sich und schaffen gemeinsame Projekte, die nicht selten über den universitären Rahmen hinausreichen, etwa in Informationsabenden zu perimortalen Themenfeldern.

Genau so wird aus einer vermeintlich heiklen Zumutung – und aus einem Thema, das viele lieber delegieren – eine echte und vor allem öffentliche Kompetenz: sprachfähig, urteilsfähig und handlungsfähig werden. PeWi sprengt Institutionen nicht unbedingt von außen, aber verlagert diese Sprech- und Urteilskraft dorthin, wo Sterben tatsächlich stattfindet – in die 95 % informeller Beziehungen und sozialer Räume – und damit auch auf den lebendigen, von unterschiedlichen Menschen gefüllten und fachlich breit gefächerten Campus der Universität Regensburg und ihrer Katholischen Fakultät. Nur so wird die Endlichkeit nicht ‚ausgelagert‘, sondern öffentlich: als etwas, das nicht gegen das Leben steht, sondern in es hineinragt – und darum gemeinsam verhandelt werden muss.

Hashtag der Woche: #LangLebePeWi


Beitragsbild: Matthew MacQuarrie

1 Kellehear, Allan (2022), The social nature of dying and the social model of health, in: Ders. / Abel, Julian (Hg.): Oxford Textbook of Public Health Palliative Care, 22–29.

2 Greenberg, Jeff / Solomon, Sheldon / Pyszczynski, Tom (1997), Terror Management Theory of Self-Esteem and Cultural Worldviews: Empirical Assessments and Conceptual Refinements, in: Advances in Experimental Social Psychology 29, 61–139.

3 Rahner, Karl / Vorgrimler, Herbert (1961), Theologie, in: Kleines theologisches Wörterbuch, 352.

4 Scheule, Rupert (2022), Den Tod integrieren. Sieben Thesen zum Masterstudium Perimortale Wissenschaften: Sterben, Tod und Trauer interdisziplinär. In: George, Wolfgang / Weber, Karsten (Hg.): Fehlendes Endlichkeitsbewusstsein und die Krisen im Anthropozän. Gießen, 219–231, zitiert nach: https://www.uni-regensburg.de/assets/theologie/moraltheologie/ScheuleTodIntegrieren.pdf [27.12.2025].

5 Nach Tertullian: „Dominus noster Christus veritatem se, non consuetudinem, cognominavit“ (De Virg., vel 1,1).

remote regensburger moraltheologie team

ReMoTe – das sind Antonio Zierer, Simon Heimerl und Sophie Matt. Alle drei haben Lehramt studiert und sind Wissenschaftliche Mitarbeiter:innen bei Prof. Scheule am Lehrstuhl für Moraltheologie der Universität Regensburg. Matt ist PeWi-Studienkoordinatorin und promoviert im Ph.D. Theologische Studien; Zierer und Heimerl promovieren zum Dr. theol.

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