Reden wir womöglich einfach aneinander vorbei? Tim Zeelen lenkt den Blick auf den Hintergrund heftig geführter Debatten und plädiert dafür, Emotionen und den mit ihnen verbundenen moralischen Intuitionen Raum zu geben. Könnte hierzu vielleicht Synodalität eine Ressource sein?

Eine „Kirche im Grabenkampf“ und eine „Gesprächsverweigerung und Abschottung […] auf beiden Seiten“1 beobachtete Daniel Bogner im Sommer 2025, als der US-amerikanische Bischof Robert Barron in Münster von der Josef Pieper Stiftung ausgezeichnet wurde. Für die einen ist Barron ein Vorreiter moderner Verkündigung authentischer katholischer Lehre, andere sehen eine zu große Nähe zu Donald Trump.

Dromedar oder Kamel?

Folgt hier die katholische Kirche einer gesellschaftlichen Tendenz der Polarisierung? Die Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser beschreiben die Polarisierungsthese mit einem eingängigen Bild:2 Die Gesellschaft entwickle sich weg von einer Dromedargesellschaft hin zu einer Kamelgesellschaft. Das Gros der Positionen versammle sich nicht mehr in der Mitte, sondern verteile sich zunehmend antagonistisch auf gegenüberliegenden Seiten.

Einer empirischen Überprüfung hält die Kamelthese allerdings nicht stand. Je nach Frage können sich die möglichen Positionen und daher Konfliktpunkte unterschiedlich anordnen – um bildlich zu bleiben.3 Dabei zeichnet sich eher ein Dromedar als ein Kamel ab. Ist die Welt also doch in Ordnung und wir sollten alle einfach mal tief durchatmen?

Wo liegt das Problem?

Mit einem bloßen Appell zur Versachlichung drohen wir einem Missverständnis aufzusitzen, zu dem nicht zuletzt das bildungsaffine und akademische Milieu neigt. Das Problem, an dem sich die Gemüter erhitzen, wird als etwas identifiziert, das als reine Sachfrage behandelt werden kann und sollte. Wir müssen also nur mehr erklären, informieren und Gefühle aus dem Spiel lassen, dann werden wir uns schon einig (oder auch: dann werden ‚die‘ das schon einsehen).

Hier wird etwas übersehen, das Mau, Lux und Westheuser als „Triggerpunkte“ beschreiben:

„[W]ir […] verstehen Triggerpunkte als jene Orte innerhalb der Tiefenstruktur von moralischen Erwartungen und sozialen Dispositionen, auf deren Berührung Menschen besonders heftig und emotional reagieren.“4

Im Zuge ihrer qualitativen empirischen Erhebung arbeiten sie eine „Taxonomie der Trigger“ heraus, die mit verletzten moralischen Erwartungen korrelieren.5 So zeigen sie beispielsweise eine breit geteilte Egalitätserwartung, die Gleichbehandlung fordert, Diskriminierung ablehnt (bspw. rassistischer Form) und oftmals durch ein Leistungsprinzip gerahmt ist. Irritiert wird diese egalitäre Intuition etwa, wenn sich der Eindruck von Sonderrechten oder einer Leistungsverweigerung einstellt.

It’s morality, stupid!

Heftige Konflikte entzünden sich demnach primär an moralischen Erwartungen. Sicherlich kann angefragt werden, ob die Charakterisierung als „moralisch“ durchgängig treffend ist oder ob hier und da nicht vielmehr selbstbezogene Motive ihre Wirkung entfalten. Entscheidend ist, dass die Triggerpunkt-These eine hintergründige Ebene sichtbar macht, die die eigene Position maßgeblich bestimmt, aber selbst kaum in der Diskussion zur Sprache und insofern auch nicht zur gemeinsamen kritischen Reflexion gebracht wird. Es greift daher zu kurz, eine aufgeheizte Debatte als bloßes Problem in der Sache ‚aufklärerisch‘ zu behandeln (bspw. Debatten um Gender) oder materiell befrieden zu wollen (Umverteilung), solange nicht die damit verbundenen moralischen Irritationen aufgedeckt und artikuliert werden.

Andernfalls laufen wir  Gefahr, ständig aneinander vorbeizureden, weil wir gar nicht verstehen, worum es dem:der anderen oder womöglich auch uns eigentlich geht. Das ist nicht nur tragisch, sondern auch gefährlich, denn „Polarisierungsunternehmer“6, nicht zuletzt von Seiten der extremen Rechten, machen sich diese Mechanismen zunutze und betreiben regelrecht eine „Triggerpunkt-Bewirtschaftung“7. Der oft in der Sache gegebene breite Konsens verschwindet hinter der Aufregung und man ist gezwungen, sich ständig gegenüber Extremen zu verorten. Es ist zu befürchten, dass Social Media unsere Kommunikation in Richtung dieser gegenüberstellenden Logik strukturiert.8 So kommen wir in der Sache gar nicht mehr ins Gespräch, weil wir schon daran scheitern, überhaupt einen verständigungsorientierten Dialog zustande zu bringen.

Lässt sich diese Diagnose auch auf die katholische Kirche beziehen? Es wäre sicherlich spannend, die Triggerpunkt-These an binnenkirchlichen Debatten empirisch zu erproben. Zu erwarten wäre wohl, dass zusätzliche oder andere ‚moralische Erwartungen‘ im Spiel sind – z. B. die Treue zum Evangelium. Jedenfalls würde uns dies eine differenziertere Einschätzung der „katholischen Verwerfungen“9 ermöglichen und hilfreiche Hinweise geben, wie wir miteinander besser ins Gespräch kommen können.

Wie kommen wir wieder ins Gespräch?

Eine Herausforderung hierbei besteht nicht zuletzt darin, durch Berührung der Triggerpunkte hervorgerufene Empörung abzufedern.10 Ohne damit sagen zu wollen, dass Empörung stets unangebracht wäre, ist sie doch für einen Dialog problematisch, da sie mit einer starken Erfahrung der Selbstgewissheit in Abwehr einer anderen Position verbunden ist. Ein verständigungsorientierter Austausch ist so kaum möglich, da hierzu die Bereitschaft zum distanzierten Blick auf die eigene Sicht und die des:der anderen notwendig ist (auch um überhaupt in die Lage zu kommen, die eigene Empörung kritisch prüfen zu können). Distanz und damit eine konstruktive Kritik ist also nicht ad hoc, sondern nur durch einen Prozess zu gewinnen, der nicht einfach darauf zielt, Gefühle durch die Vernunft niederzuringen, sondern ein kritisches Nachspüren, Analysieren und Artikulieren von Emotionen erlaubt.

Mir scheint, dass die katholische Kirche unter den Stichworten „Synodalität“ und „Unterscheidung“ bereits einer guten Methode auf der Spur ist. Drei Elemente sind vielversprechend:

  • Erstens verfällt die synodale Methode nicht einer vereinfachten Gegenüberstellung von Vernunft und Gefühl, sondern versteht Unterscheidung als ein Zusammenspiel von affektiven und kognitiven Elementen.
  • Zweitens wird diesem Zusammenspiel durch einen strukturierten Prozess Zeit und Raum gegeben.
  • Drittens besteht ein zentrales Element im Zuhören – methodisch im Regelfall zu Anfang –, ohne sogleich ins Spiel von Argument und Gegenargument einzusteigen, das sofort zu einer Selbstverortung und damit Positionierung gegen andere herausfordert.

Sicherlich gibt es in der katholischen Kirche noch keinen dichten Konsens über Synodalität, geschweige denn eine etablierte Praxis. Umso mehr ist diese Spur weiter zu verfolgen und konkret einzuüben. Wollen wir uns nicht fatalistisch Polarisierungsdynamiken ergeben, brauchen wir synodale Kompetenzen. Mittelbar könnten solche Kompetenzen auch eine wertvolle Ressource für die demokratische Gesellschaft sein.11

Hashtag der Woche: #synodality


Beitragsbild: Joanne Glaudemans auf Unsplash

1 Daniel Bogner: Katholische Verwerfungen, in: Herder Korrespondenz 79/9 (2025), 24–26, 24.26.

2 Vgl. Steffen Mau/Thomas Lux/Linus Westheuser: Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin: Suhrkamp 2023.

3 Vgl. ebd.

4 Ebd., 246.

5 Vgl. im Überblick ebd., 276.

6 Ebd., 375 ff.

7 Ebd., 388.

8 Vgl. Nils C. Kumkar: Polarisierung. Die Ordnung der Politik, Berlin: Suhrkamp 2025.

9 Bogner, Katholische Verwerfungen.

10 Vgl. Britta Hoffarth: Populismus, Emotionalisierung und die Tugend der Kritik, in: Sabrina Schenk (Hg.): Populismus und Protest. Demokratische Öffentlichkeiten in Zeiten von Rechtsextremismus und Digitalisierung, Opladen/Berlin/Toronto: Barbara Budrich 2024, 103–122. https://doi.org/10.2307/jj.12496268.7

11 Dank schulde ich für diese Überlegungen den Mitgliedern des Forschungskolloquiums des Lehrstuhls für Allgemeine Moraltheologie und Ethik der Universität Fribourg.

dr. tim zeelen

ist Postdoc an der Universität Augsburg und derzeit Forschungsfellow an der Universität Fribourg. Für seine Promotion befasste er sich mit der Frage, was Berufung ist und ob die Ehe als eine solche gedacht werden kann. Aktuell treibt ihn vor allem das Thema der Mensch-Tier-Beziehung um.

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