Wie würde eine Welt aussehen, in der die Apokalypse nicht am Ende der Zeit steht, sondern im Jetzt stattfindet? Dieser Frage geht der norwegische Autor Karl Ove Knausgård in seiner Morgenstern-Romanreihe nach. Fabian Vugrin hat die ersten vier Bände gelesen.
Nikolaus von Kues berechnete in seiner 1446 verfassten Abhandlung Coniectura de ultimis diebus (»Mutmaßung über die letzten Tage«) die von Johannes im letzten Buch des neuen Testaments prophezeite Apokalypse – also die vollkommene Annihilation (oder mindestens substantielle Transformation) der alten Welt samt Erschaffung einer neuen Erde, eines neuen Himmels und der Auferstehung Jesu – Pi mal Daumen auf die Jahre zwischen 1700 bis 1734.
Damit hat er sich im Erzählkosmos von Karl Ove Knausgård um rund dreihundert Jahre verrechnet.
Knausgårds Morgenstern-Zyklus: Die Apokalypse erzählen
In seiner aktuellen, auf sieben Teile angelegten Morgenstern-Romanreihe – von der im Deutschen vor wenigen Monaten der vierte Teil Die Schule der Nacht erschienen ist –, lässt der norwegische Autor genau das geschehen, was von Kues berechnete: die Apokalypse. Zumindest hat es den Anschein. Denn neben den Zitaten aus der Offenbarung des Johannes, welche Knausgård den ersten beiden Bänden voranstellt, sterben erstens keine Menschen mehr und zweitens taucht nicht irgendein neues, physikalisch eigentlich unmögliches Phänomen am Himmel auf, sondern: ein strahlend heller (Morgen)Stern.
Die ersten drei Bände handeln im Großen und Ganzen von eben jener erzählerischen, apokalyptischen Jetztzeit. Knausgård entwickelt darin ein Anliegen weiter, welches er in seiner Tübinger Poetikvorlesung im Jahr 2019 – noch vor der Veröffentlichung des ersten Bandes – verlautbarte:
Es gehe ihm »um ein Gefühl, das mich seit Längerem umtreibt, dass die Zukunft nicht mehr existiert, weil die Jetztzeit uns in Formen vermittelt wird, die so fest sind und so auf Wiederholung basieren, dass das Zukunftsartige an der Zukunft, ihre Unvorhersehbarkeit, verschwunden ist, ähnlich einem Fluss, der in eine Röhre verlegt wird«.
Erkenntnislehre der letzten Dinge
Es ist aus vielerlei Gründen kein Zufall, dass Knausgård für eben jenes Anliegen – die Literarisierung einer stagnierten Realität – die biblisch-apokalyptische Großerzählung des letzten Buchs des neuen Testaments ausgewählt hat. Zum einen ist die christliche Heilsgeschichte auf eine lineare, teleologische Vollendung hin ausgerichtet und damit, nietzscheanisch gesprochen, lebensfeindlich auf eine von Gott kommende Zukunft fixiert. Zum anderen aber bricht die biblische Erzählung in diesem Rahmen radikal mit einer alten Welt und nährt die Hoffnung auf eine Veränderung, Neuerung oder Transformation.
Woran sich Knausgård also versucht, ist nicht an einer Vollendung der Heilsgeschichte – sondern an einer Wiedereinführung der Zukunft in die Menschheitsgeschichte.
In anderen Worten: Knausgård lässt die Apokalypse nicht innerhalb der Heilsgeschichte geschehen, sondern innerhalb der Menschheitsgeschichte. Er nimmt der biblischen Erzählung das Primat der Apokalypse und fantasiert sie in der Welt des beginnenden 21. Jahrhunderts. In seiner Romanreihe ist das Auftauchen des Morgensterns daher keine Vollendung – es ist ein Anfang. Ein Anfang ohne Vollendung.
Das heißt aber auch: Erst die Apokalypse muss geschehen, damit sich etwas ändert. Sie lässt überhaupt erst ein Erkennen der Welt, wie sie ist, zu. Nicht umsonst leitet sich das Wort Apokalypse vom griechischen apokálypsis ab und bedeutet Enthüllung, Aufdeckung oder Offenbarung.
Es ist eine Form einer eschatologischen Epistemologie, die Knausgård hier eher bewusst als unbewusst konzipiert. Durch das Schreiben der Apokalypse – durch ihre Erfahrbarmachung, ihr Denken, ihr Imaginieren, ihr Erfühlen, ihr Empfinden, ihr Enthüllen – werden neue Erkenntnisse über die alte Welt offenbart. Ein neuer Stern muss auftauchen, damit die alten wieder leuchten. Der Tod muss verschwinden, damit sich das Leben wieder zeigt.
In der Schule des Teufels
Und wo die Apokalypse passiert und der Morgenstern grellt – das weiß auch Knausgård ist der Teufel nicht weit. Daher widmet sich sein neuester Band Die Schule der Nacht ebenjenem großen Gegner Gottes.
Entgegen seinem Lehrer Jon Fosse – der mit seinem Werk und insbesondere mit seiner Heptalogie das Wort hinter dem Wort und in diesem allem Anschein nach den katholischen Gott zu erkennen sucht, mit der Sprache also den da oben in die Enge treiben will –, versucht sich Knausgård mit seinem vierten Band an einer Erzählung des Teuflischen. Analog zu seinem Protagonisten, der Fotokünstler ist und nur dank eines faustischen Pakts, den er später auf tragische Weise bezahlt, zu Ruhm gelangt, bemüht sich Knausgård (der Wortkünstler) im Sinne des fosseschen Wortes hinter dem Wort um das Bild hinter dem Bild.
Während der Protagonist in Fosses Heptalogie seine Ölgemälde durch und mit Gott zu »wahrer« Kunst erhebt, versucht es der Fotograf in Die Schule der Nacht über das Abseitige, das Rückseitige, das bataillesche Heterogene – wortwörtlich: mithilfe des Teufels. Knausgård versucht nicht den da oben, sondern den da unten in die Enge der Literatur zu treiben. Wo Fosse das Göttliche sucht, sucht Knausgård das Teuflische.
Schöne neue Welt – Was verheißt der Morgenstern?
Bereits die sich über mehrere Jahrhunderte eingebürgerte Gleichsetzung des Teufels mit dem Namen »Luzifer« – die lateinische Bezeichnung für »Morgenstern« – mahnt zu einer vorsichtigen Interpretation:
Seit dem Beginn des ersten Bandes ist nicht ganz klar, ob der neue Stern am Romanhimmel nun Böses oder Gutes ankündigt. Ob er das Gesicht des Erlösers trägt (»Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern«, Offb. 22,16), oder das des Teufels (»Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!«, Jes. 14,12, nach Luther). Ob sich die Leben der Protagonistinnen und Protagonisten zum Guten oder zum Schlechten wenden. Ob die Welt gerettet oder vernichtet wird. Und ob man diesbezüglich überhaupt eine klare Unterscheidung treffen kann.
Die erzählpraktische Grundeinstellung der Romanreihe – eine deleuzehafte transversale Vielstimmigkeit – weist zumindest in eine Richtung: Die Apokalypse ist subjektiv.
Auch wenn der Morgenstern-Zyklus noch lange nicht auserzählt ist (auf sieben Bände ist er angelegt), lässt sich bis an diese Stelle immerhin eines spekulieren: Knausgårds Offenbarung soll keine Annihilation sein – sondern eine Transformation. Eine, die die Welt und ihre Menschen aus der tödlichen Falle des Alltags, dem Gefängnis der ewigen Wiederkunft und der Linearität der Heilsgeschichte reißen soll – so, wie man eine Röhre aus einem Fluss reißt. Oder in adventlicheren Worten: Die Schneekugel wurde in der Morgenstern-Realität gründlich geschüttelt. Wie die Welt danach aussieht, ist unklar – doch sie wird nicht mehr die Alte sein.
Hashtag der Woche: #ApokalypseErzählen
Beitragsbild: John Martin, The Desctruction of Pompeii and Herculaneum