Tom Sojers neues Werk “Lichtdurchlässig“ (2025) verbindet die Sprachkunst Martin Bubers mit eigenen Erzählungen des Autors zu biblischen Texten. Für y-nachten.de folgt den Lichtfäden dieses Buches Benedikt J. Collinet.
„Was bedeutet es, jemanden anzusprechen, der nicht da ist?“ (S.9) – mit diesen Worten entführt Tom Sojer die Lesenden in (s)eine Welt des magischen Realismus und zugleich in Auseinandersetzung mit Martin Buber. Das angesprochene „jemand“ kann Gott sein, Bubers „ewiges Du“ (S. 170), aber auch jenes „Du“, das jede echte Begegnung erst hervorbringt oder die häufig in der Vergegnung endet, bei der nicht Ich und Du, sondern das objektifizierte Es dem Ich begegnet und keine echte Bindung aufkommt.
Auf 190 Seiten und in 17 Kapiteln spürt Sojer dieser großen Frage nach dem Du nach, gerahmt von Zitaten Bubers, die uns stets daran erinnern, dass wir hier Teil einer Textbe- oder vergegnung werden. Im Leseschlüssel (S.11f.) bietet Sojer Zugang zu einigen Grundgedanken, erläutert, dass die 17 Texte seiner persönlichen Auswahl für die Bibel folgen und legt die innere Struktur offen: Zunächst ein Bibeltext aus der Buber-Rosenzweig Übertragung, dann eine Kurzerzählung von Sojer, welche den Bibeltext neu und ganz anders erzählt und schließlich ein Impuls, der die beiden miteinander verbindet, indem Beobachtungen von Buber zu Sprache Bibeltext und Kurzerzählung ‚vernähen‘.
Sojer lädt in diesem Buch zu einer Reihe von Begegnungen ein, kreiert aber zugleich auch Vergegnungen. Dies kann einerseits Erfahrungen ermöglichen, andererseits werden aber hohe Ansprüche an die Lesenden gestellt, sodass auch unbeabsichtigte Vergegnungen geschehen können.
Anstößiges
Man kann das Buch künstlerisch lesen und dabei in die Vulnerabilität von zwischenmenschlichen Begegnungen eintauchen. Weniger die Bibeltexte selbst als vielmehr die anrührenden, teils anstößigen – im positiv herausfordernden Sinne – Erzählungen von Tom Sojer leisten dazu einen großen Beitrag. Ob es die stumm scheiternden Liebenden in Marburg sind, die zwei Witwer, die je den Tod des anderen Ehemannes betrauern oder die Episoden des Klavierspiels bei Pierre, immer wird man hineingenommen in das dunkel-tragische Moment einer fast gelungenen Begegnung, die doch im Rückblick als gescheitert erkannt werden muss.
Ob Sojer uns in diesen Episoden, etwa in den zahlreichen lyrischen Ichs (mit und ohne „Du“) auch selbst begegnen will, indem eigene biographische Momente eingewoben werden, kann, wie so häufig in der Sprachkunst, nur als Rezeptionsvorgang reinterpretiert werden. Doch wie der um Schlaf Ringende, der im stetig gleichen Orbit der S-Bahn um Berlin kreist, bis ihm die Figur einer Reklametafel erscheint, so ist der magische Realismus in all diesen Erzählungen präsent: zu wirklich um fantastisch zu sein, zu irreal, um eindeutig sein zu können.
Anspruch an die Lesenden
Die Ansprüche an die Lesenden sind hoch, wenn man nach Fäden greift, die in den Erzählungen und Impulsen auftauchen. Sojer setzt voraus, dass man Bubers Dialogphilosophie kennt und versteht, dass sein „Ich und Du“ ebenso geläufig sind, wie die Figur des Rižiners aus den „Erzählungen der Chassidim“. Viele hebräische Begriffe werden in Umschrift eingeführt, ohne ihre chassidische Bedeutung und Terminologie zu erklären. Aus einer künstlerischen Begegnung mit Buber kann dabei leicht eine Vergegnung werden, aufgrund fehlenden Wissens.
Nicht nur das Berliner Öffi-Netz, das man noch rasch aus der Suchmaschine ziehen kann, scheint als Spur ausgelegt.
Eine ganze Reihe von Namen in den Erzählungen sind verheutigte neutestamentliche Figuren, z.B. Pierre (Petrus) oder Marja (Maria). Dass eine botenartige Figur gerade am 29.September erscheint, dem Fest der Erzengel, wirkt ebenso wenig zufällig, wie die Marburger Begegnung just zu dem Zeitpunkt, wo Heidegger und Arendt dort ihre Liebesaffäre hatten.
Zwischen zwei Polen oszillieren für mich diese Erzählungen. Sie schweben zwischen Einsamkeit und Alleinsein und fordern zur Suche oder dem Sehnen nach einem Gegenüber auf: „Ein echtes Du duldet kein Nachsprechen. Es verlangt Antwort, Entscheidung, Gegenrede“ (S. 118). Werden die Lesenden also zum „Du“ des Textes?
Bibel neu lesen
Ein zweites Angebot ist ein neues Lesen biblischer Texte, durch die sprachgewaltig-poetische Buber-Rosenzweig Übersetzung, die heuer, am 60.Todestag Martin Bubers, 100 Jahre alt wird. Sojers Auswahl hat Gottesbegegnungen zum Thema. Die Texte folgen der jüdischen Tanach-Zählung, sodass Daniel zu den Schriften (Ketubim) gezählt wird und die Vordere Prophetie in der Umschrift Geschichtsbücher heißt, kleine Stolpersteine der ungeschulten Bibellesenden. Die Auswahl dieser Texte und ihr Wiederaufgreifen in den Impulsen enthüllt das, was Sojer im Vorwort „fokussierte Präsenz“ nennt, eine gegenwärtige Begegnung mit JHWH. Neben der Berufung Jesajas im Tempel und Mose am Dornbusch sind es aber auch Hagar in der Wüste, Ijob im Leid und Elija am Horeb, die plötzlich und unerwartet in die Präsenz Gottes hineingeraten, ohne sie je ganz greifen zu können. Auch wenn sie isoliert funktionieren, verbindet Sojer über die Impulse einzelne Texte miteinander und deutet seine Auswahl im Vorwort an, wenn er von „dunklen Texten“ (S. 11) spricht, einem seit Jahrhunderten üblichen Begriff in der biblischen Exegese für Gottesbegegnungen, die (Ehr-) Furcht auslösen und damit zugleich die Frage aufwerfen, ob hier Begegnung überhaupt gelingen kann.
Leibliche Dimension der Texte
Doch nicht nur das verbindet die Texte, sie tragen allesamt eine leibliche Dimension, z.B. Ablegen der Schuhe, Verhüllen des Gesichts, Reinbrennen der Zunge usw. Spuren ihrer Deutung finden sich ein weiteres Mal in den sprachphilosophischen Nachbemerkungen (S. 169-184), welche auch das Suchen nach dem „Du“ noch einmal betonen. Während aus dem Danielbuch ein apokalyptischer Text gewählt wird, der von „zerbrochenem Licht“ eines Prismas (S.152) spricht und eben nicht nur gebrochenem, ist der letzte Text der einzige, der den Kanon stört. Sojer endet mit Genesis 1, mit der Erschaffung des Lichts und verbindet damit zwei wichtige Linien:
alles Gebrochene, Lichtdurchlässige, weist nun zum Schöpfer des Lichts zurück.
Zugleich sieht die jüdische Leseordnung vor, dass nach dem Ende der Lektüre von vorne begonnen wird, Genesis 1 ist hier also der Anfang im Ende: jede Vergegnung hat damit die Chance, Begegnung zu werden in einem neuen Anfang: es ist keine zweite, sondern die immer erste Chance.
Mystisches Lesen

Nach diesen offensichtlichen Durchgängen will ich zum Abschluss noch eine persönliche Leserichtung teilen, die Sojer nicht explizit als Leseschlüssel angeboten hat: die mystische Lesart. Zu Beginn weist er darauf hin, dass er als Christ nicht übergriffig sein will, wenn er diese Form der eigenen und fremden Begegnung mit Martin Buber anbietet; als Form der Rezeption dieses Buches, wage ich es daher.
Im Buch wird sechsfach das Coverbild verwendet, ohne ein sichtbares Muster oder einen Rückschluss auf das Herkunftsobjekt zu geben und geht damit in Nähe zu Sojers Worten über Licht im Fenster (180f.). Neben der Begegnung mit dem „ewigen Du“, das durch eine Öffnung ins Weite begegnet (S. 180) und als direkte Anrede persönliche Gegenwart mit ethischem Anspruch im Nachhall das Leben prägen kann (S. 170) taucht auch das Motiv des gemeinsamen Tanzes auf (S. 120). Sie alle sind aus verschiedenen mystischen Strömungen des Judentums bekannt und meines Erachtens legt Sojer selbst eine wichtige Spur gleich zu Beginn seines Buches. Er wählt die Zahl 17, die in einigen Strömungen der Kaballah Zahlenmystik für Verbindung steht. Doch noch breiter bekannt im Judentum ist der 17.Tammuz als jener Monatstag, der den Auftakt zum dunkelsten Gedenktag des Judentums, den Tag der Tempelzerstörungen (9.Av) bildet; ein Tag der 2025 auf den 13.Juli gefallen ist, also auffallend nah am Datum des Vorworts.
Gerade bei den prophetischen Texten wählt Sojer Beispiele aus der islamischen Mystik des Sufismus, ohne allerdings die Chancen aufzugreifen, auf islamische Lichtmystik einzugehen, welche sich ebenfalls zwischen Licht, Wunde und Begegnung entfaltet.
Vom Dunkel ins Licht
Christlich gelesen können wir von Buber und Sojer auch viele Impulse mitnehmen für unsere Begegnung mit Gott als „Du“ – und damit auch als spirituelles Geschenk für den Advent: Die dunkle Seite Gottes oder auch die Ausgangsfrage, wie jemandem begegnen, der nicht da ist, stehen in der Tradition des deus absconditus. Lichtmystisches Denken gibt es bereits bei den Kirchenvätern. Der markinische Schrei Jesu am Kreuz greift dieses Moment ebenso auf, wie die Lichtwunden Jesu in der Darstellung von Sr. Faustyna Kowalska. Wenn die Begegnung der beiden Witwer auf die Trinität hin gelesen wird oder auch der Tanz an anderer Stelle, dann erinnert dies an die sich umtanzende Trinität mittelalterlicher Kirchenfenster, durch die das Licht sich brechend bewegt und in Sojers Deutung von Ijob klingen Momente an, die an Meister Eckharts „zu Grunde gehen“ erinnern.
Im Advent erwarten wir die Ankunft des Lichtes der Völker, das Hereinbrechen des „ewigen Du“ in der Inkarnation und die Begegnung für alle, unabhängig davon, ob sie Gott schon einmal vergegnet sind. Insofern schenkt Tom Sojer jenen mit Zeit, einen Text, der durchlässig ist auf das Licht.
Hashtag der Woche: #lichtdurchlässig
Beitragsbild: Sean Sinclair/Unsplash