Wie kann Jesu Handeln als Vorbild dienen, Diskriminierung sichtbar zu machen und gesellschaftliche Rollenbilder aufzubrechen? Marlene Nutz gibt einen Einblick in Mercy Amba Oduyoyes „African Women’s Theology“.

Mercy Amba Oduyoyes „African Women’s Theology” bildet einen wichtigen Bezugspunkt für afrikanische feministische Theologien. Doch auch für Theologien und Gesellschaften außerhalb dieses geographischen und sozialen Rahmens liefert Oduyoyes Theologie wertvolle Impulse. Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie Oduyoyes Jesusbild zur dringend notwendigen Dekonstruktion und Neu-Entwicklung von Frauen*- und Männer*-Bildern verhelfen kann.

African Women’s Theology: Begriffsklärung

Wichtig ist zunächst eine Klärung des von Oduyoye geprägten Begriffes Afrikanische Frauen, denn nur so erschließt sich die besondere Bedeutung, die Jesus für diese Personen hat. Oduyoye baute ab den 60ern eine Community afrikanischer Theologinnen auf und etablierte den Begriff „African Women’s Theology“. Mit dieser Bezeichnung zeigte sie die Minderheitsposition auf, die sich aus der Identität als Frau* und als Afrikanerin* im Theologiebetrieb ergab.

Es handelt sich um einen Abgrenzungsbegriff von der männlich geprägten Theologenschaft, um ein sprachliches Sichtbar-Machen der damals neu entstehenden Theologie von Frauen* im afrikanischen Kontext.1 Ausgangspunkt für diese Auseinandersetzung ist Oduyoyes inhaltliche Bestimmung des Begriffes „African Women“ als eine Gruppe von Menschen, die durch Kolonialisierung und Patriarchat unterdrückt wird.

Die Zuschreibungen „African“ und „Women“2 machen eine Perspektive sichtbar, aus der wertvolle theologische Einsichten gewonnen werden können.

Bedeutung Jesu für Afrikanische Frauen

Die Bedeutung Jesu für Afrikanische Frauen beschreibt Oduyoye ausgehend von den Unterdrückungserfahrungen, auf die die Bezeichnung dieser Gruppe verweist. Oduyoye richtet den Fokus auf Jesu konsequente Haltung an der Seite der Unterdrückten, zu denen auch Frauen zählen. Als grundlegendes Paradigma von Jesu Leben identifiziert Oduyoye, dass Jesus die vollständige Humanität jener anerkannt hat, denen diese innerhalb der damaligen gesellschaftlichen Normen nicht zugestanden wurde.

Theologische Legitimität von Maria und Elisabeth

In der Jesusüberlieferung wird die theologische Autorität von Frauen anerkannt: Mehrmals sind es Frauen, die fähig sind, Jesu Handeln und Verkündigung zu deuten.3 Paradigmatisch für die Rolle theologisch kompetenter Frauen in der Jesusüberlieferung ist das Gespräch zwischen Maria und Elisabeth in Lk 1.

Nach Oduyoye charakterisiert diese Erzählung die Christologie Afrikanischer Frauen. Die Situation der beiden Schwangeren spricht reale Lebensumstände an, gleichzeitig wird weibliche theologische Legitimität nicht infrage gestellt: Diese Frauen erkennen, dass sich ihre messianischen Erwartungen im Kind Marias erfüllen. Sie sind damit die ersten Personen, die die Möglichkeit von Rettung aussprechen. Dadurch, so Oduyoye, ermöglichen sie diese. Ihre sinnkonstituierenden Worte werden prominent an den Anfang des Lebens Jesu gesetzt.4 Das Gespräch zwischen Maria und Elisabeth lässt die Solidarität mit Frauen, die Jesus in seinem Leben zum Ausdruck brachte, bereits erahnen.

Jesus dekonstruiert Gendernormen

Wie Oduyoye beschreibt, verhält Jesus sich konsequent entgegen den Normen, die Menschsein in seiner Fülle entgegenstehen. Zu solchen Normen gehören Männer*- und Frauen*-Bilder.

Jesus nimmt Frauen* im Zuge seiner Lehre als religiöse Gegenüber ernst. Er heilt sie und ihre Angehörigen und setzt sich gegen ihre Ausbeutung ein.5 Oduyoye zeigt auf, dass Jesus noch einen Schritt weiter geht: Er selbst entfaltete seine Verkündigung anhand von Tätigkeiten, welche (damals wie heute) dem Zuständigkeitsbereich von Frauen* zugeschrieben wurden und werden.

Er machte sich die Bedürfnisse der Menschen, die ihn aufsuchten und denen er begegnete, zu eigen, und sah sich verantwortlich für ihr ganzheitliches Wohlbefinden. Jesus praktizierte eine konsequente Haltung von Mitgefühl und Fürsorge für andere. Oduyoye bezeichnet Jesus als „mother par excellence“6, da er mittels mütterlich gelesener Dienste ein Leben als Ebenbild Gottes vorlebte und für andere ermöglichte. Darin dekonstruiert Jesus die Grenze zwischen femininen und maskulinen Tätigkeiten.7

Oduyoyes Jesusbild als dringender Aufruf

Das jesuanische Aufbrechen von Männer*- und Frauen*-Rollen ist ein hochaktuelles Thema. Jene Tätigkeiten, die das physische und emotionale Wohlergehen der Mitmenschen zum Ziel haben, sind momentan nicht gleich unter Männern* und Frauen* verteilt.

Hilfreich ist ein Blick auf den Gender Overall Care Gap, eine Zahl, die aussagt, wie groß der Unterschied an unbezahlter Sorgearbeit im Geschlechtervergleich ist.8 Unter solche unbezahlte Sorgearbeit – auch Care-Arbeit – fallen Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen und Haushaltsarbeit. Zugrunde liegen Männer*- und Frauen*-Bilder, welche Emotionalität als „weiblich“ identifizieren.

Unter diesen Vorstellungen haben alle Geschlechter zu leiden. Untersuchungen aus den USA zeigen, dass Männer* im Vergleich zu Frauen* über eine signifikant geringere Anzahl und Intensität emotionaler Beziehungen verfügen.9 Dass Tätigkeiten, die als mütterlich und feminin wahrgenommen werden, zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt sind, zeigt sich statistisch und wird kollektiv erfahren.

Rettung durch Humanität für alle

Oduyoye spricht mit ihrer Theologie explizit aus einer Unterdrückungsperspektive. Auf diese Weise gelangt sie zu einem Jesusbild, welches uns dabei helfen kann, vorhandene soziale Strukturen unseres Miteinanders dahingehend zu hinterfragen, ob sie ein Leben in Fülle befördern. Jesus macht ersichtlich, wie eine konsequente Haltung der Anerkennung von Humanität für alle möglich ist. In seiner Nachfolge kann gelingen, zu einem Menschenbild zu gelangen, welches Relationalität und Fürsorge als etwas grundlegend Menschliches feiert und realisiert.

Hashtag der Woche: #AfricanWomensTheology


(Beitragsbild @Clay Banks / Unsplash)

1 Oluwatomisin Olayinka Oredein, Interview with Mercy Amba Oduyoye. Mercy Amba Oduyoye in Her Own Words, in: Journal of Feminist Studies in Religion 32, Nr. 2 (2016), 153–164, hier: 158-159.

2 Die Worte „African“ und „Woman“ reproduzieren essentialistische Kategorien, um deren Dekonstruktion heute Dekolonialisierung und Feminismus bemüht sind. In diesem Artikel werden sie deshalb kursiv gesetzt.

3 Vgl. Mercy Amba Oduyoye, Women’s Presence in the Life and Teaching of Jesus with Particular Emphasis on His Passion. The Ecumenical Review 60, no. 1–2 (2008): 82–89, hier: 83. https://doi.org/10.1111/j.1758-6623.2008.tb00248.x.

4 Vgl. Mercy Amba Oduyoye, Introducing African Women’s Theology, Sheffield 2001: 51. Vgl. Oluwatomisin Olayinka Oredein, The Theology of Mercy Amba Oduyoye: Ecumenism, Feminism, and Communal Practice, University of Notre Dame Press, 2023: 60.

5 Vgl. Oduyoye, Introducing African Women’s Theology, 65.

6 Vgl. Oduyoye, „Women’s Presence,” 83.

7 Vgl. Oduyoye, Introducing African Women’s Theology, 68.

8 Gemessen an der Gesamtbevölkerung Österreichs ab dem Alter von 10 Jahren beträgt der Unterschied zwischen der Sorgearbeit, welche Männer* und Frauen* leisten, 71%. Der Vergleich zwischen ausschließlich jenen, die Sorgearbeit leisten, zeigt einen Unterschied von 43% auf. Vgl. Momentum Institut 2024, Equal Care Day (https://www.momentum-institut.at/news/equal-care-day-frauen-leisten-fast-um-die-haelfte-mehr-unbezahlte-care-arbeit/, letzter Zugriff: 21.11.2025)

9 Vgl. New York Times, Why Women Are Weary Of The Emotional Labour Of Mankeeping, 2025 (https://www.nytimes.com/2025/07/28/well/family/mankeeping-definition.html, letzter Zugriff: 21.11.2025); vgl. American Survey Center, Men’s Social Circles are Shrinking, 2021 (https://www.americansurveycenter.org/why-mens-social-circles-are-shrinking/, letzter Zugriff: 21.11.2025)

marlene nutz

studiert Katholische Fachtheologie an der Universität Wien, verfolgt daneben ein Kunststudium und engagiert sich in Protest und Dialog für Klimagerechtigkeit.

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