Was passiert, wenn gut gemeinte Fürsprache diejenigen übertönt, um die es eigentlich geht? Sabrina Zöttl sucht Wege zu einer Repräsentation, die nicht die Stimme nimmt, sondern den Raum für sie öffnet.
Wie sprechen wir über Menschen, die selten selbst zu Wort kommen? Diese Frage begleitet mich, seit ich mich mit Sexarbeit beschäftige.
In der Öffentlichkeit1 gibt es zwei laute Narrative: hier die Viktimisierung, dort der Mythos radikaler Selbstermächtigung. Dazwischen wird es leise. Genau in dieser Leerstelle entscheidet sich, ob Diskurse gerecht werden.
Theologisch-sozialethisch beginnt Gerechtigkeit damit, dass wir unsere eigene Position mitdenken. Niemand spricht aus dem Nirgendwo. Wer spricht, bringt Herkunft, Macht, Begriffe mit. Schon gut gemeinte Fürsprache kann mehr Raum einnehmen als die Stimmen, um die es geht. Sie klingt altruistisch – und verwaltet am Ende nur eleganter das Schweigen der „Anderen“.
Sprache als Türöffnerin oder Barriere
In zwei Interviews2 – mit einer Mitarbeiterin einer Beratungsstelle und einer Person aus einem Verein – taucht die gleiche Spannung immer wieder auf: Sprache macht sichtbar, aber auch unsichtbar. Begriffe öffnen Türen oder schlagen sie zu. Andere zu „den Anderen“ zu machen – Othering3 – ist häufig ein leiser Prozess. Medien fokussieren fast ausschließlich auf weiblich gelesene Personen; männliche und trans Sexarbeiter*innen verschwinden. Auch anwaltschaftliche Repräsentation ist nicht automatisch die Lösung. Wenn Stellvertreter*innen im Namen des Schutzes festlegen, was gesagt werden darf, entsteht semantische Exklusion: Selbstbezeichnungen werden korrigiert, Erfahrungen in fertige Schablonen gepresst, Differenzen geglättet. Das Ergebnis ist nicht mehr Teilhabe, sondern ein eleganteres Schweigen.
Schweigen als ambivalente Strategie
In einem Interview mit einer Mitarbeiterin einer Beratungsstelle wurde deutlich: Viele Sexarbeiter*innen verschweigen in der Herkunftsfamilie, was sie tun – aus Schutz, aus Scham, aus Liebe. Schweigen ist hier keine Schwäche, sondern Strategie. Aber es kostet: Wer nichts sagen kann, bleibt erpressbar; wer nicht gefragt wird, verliert die Deutungshoheit über das eigene Leben. Selbstbeschränkung schützt und verletzt zugleich.
Reflexive Repräsentation
Die theologische Frage lautet: Wie sprechen wir gerecht? Nicht über, sondern mit. Nicht anstelle, sondern gemeinsam. Eine Praxis reflexiver Repräsentation schlägt genau das vor: die eigene Stimme zurücknehmen, um Raum zu schaffen; Betroffene nicht nur zitieren, sondern an Entscheidungen beteiligen; Kategorien offenhalten, damit Wirklichkeit atmen kann. Das klingt groß – ist aber möglich.4
Konkret heißt das politisch: Gremien und Gesetzgebungsprozesse so besetzen, dass Sexarbeiter*innen nicht Fallbeispiele sind, sondern Mitautor*innen von Regeln. Konkret heißt das medial: Beiträge so gestalten, dass nicht nur Risiken vorkommen, sondern auch Arbeitsalltag, Schutzstrategien, Wünsche. Konkret heißt das kirchlich: Nicht nur über Rettung reden, sondern über Anerkennung, Würde, Teilhabe.Ja, auch Fürsprache hat ihren Platz. Doch Fürsprache5 ohne Rückbindung an die Betroffenen wiederholt, was sie eigentlich überwinden will: Entmündigung.
Raum geben – nicht, weil „wir“ nichts zu sagen hätten, sondern weil Gerechtigkeit ein gemeinsames Sprechen verlangt – mit geteilten Risiken und geteilter Verantwortung.
Geteilte Autor*innenschaft verändert Machtverhältnisse
Ich glaube, Diskurse ändern sich, wenn wir unsere Redeweisen ändern. Nicht, weil Wörter magische Kräfte hätten, sondern weil sie Beziehungen stiften. Wer eine Person als Expert*in der eigenen Lebensrealität anerkennt, verändert damit bereits Strukturen. Wer zuhört, bevor jemand spricht, verändert Machtverhältnisse. Und wer konsequent fragt, wer fehlt, wenn gesprochen wird, öffnet die Tür für Stimmen, die lange draußen standen. Zwischen Schweigen und Stimme liegen Angst, Erfahrung, Verletzlichkeit – und Hoffnung. Hoffnung darauf, dass Räume wachsen, in denen Sprechen nicht gefährlich ist; in denen Schweigen nicht erzwungen, sondern gewählt sein kann; in denen Repräsentation nicht Stellvertretung bedeutet, sondern geteilte Autor*innenschaft. Vielleicht beginnt Gerechtigkeit genau da.
Hashtag der Woche: #StimmeStattStigma
(Beitragsbild @RobertBoston)
1 Vgl. #66 Prostitution – Ein Geschäft, das Opfer schafft (1/2) – Aktenzeichen XY… Unvergessene Verbrechen – Podcast sowie Folge #67 Prostitution – Ein Geschäft, das Opfer schafft (2/2), https://podcasts.apple.com/at/podcast/aktenzeichen-xy-unvergessene-verbrechen/id1644661277?i=1000684143055 (Zugriff 08.03.2025). Sowie Stranzl, Sabrina, Und bist du nicht willig, so bezahl ich dich halt: Kulturanthropologische Perspektiven auf diskursive und visuelle Konstruktionen und Figurierungen von Sexarbeit, Diplomarbeit, Graz 2022, 139-141, https://digital.obvsg.at/obvugrhs/download/pdf/7819961 (Zugriff 28.03.2025).
2 Die Interviews wurden von der Autorin im Rahmen ihres Dissertationsprojekts im August 2025 anhand eines teilstandardisierten Interviewleitfadens durchgeführt. Befragt wurden eine Mitarbeiterin einer Beratungsstelle für Sexarbeiter*innen sowie eine im Vereinsbereich tätige Person. Die Gespräche wurden auditiv aufgezeichnet und anschließend mithilfe des Programms MAXQDA transkribiert und ausgewertet.
3 Winkler, Katja, Rückzug aus der Stellvertretung? Ein Plädoyer für reflexive Repräsentation, in: Amosinternational 18 Jg. (2024) Heft 2, 3-9, 4–5, https://www.amosinternational.de/magazine/issue-2024-2 (Zugriff 08.03.2025).
4 Vgl. Winkler, Katja/Möhring-Hesse, Matthias, Reflexive Repräsentation der „Gerechtigkeit von unten“. Wie kann die Urteilskraft Subalterner in der theologisch-sozialethischen Theoriebildung aufgegriffen werden?, in: Emunds, Bernhard (Hg), Christliche Sozialethik – Orientierung welcher Praxis? Friedhelm Hengsbach SJ zu Ehren, Baden-Baden 2018, 169-176.
5 Vgl. Alcoff, Linda Martín, Das Problem, für andere zu sprechen, 9–10, Stuttgart 2023.