Trotz politischer Einschränkungen lässt das zivile Engagement in der Seenotrettung nicht nach. Auf der Flucht übers Mittelmeer sind seit 2014 offiziell registriert fast 33.000 Menschen ums Leben gekommen. Die Dunkelziffer geht Schätzungen zufolge allerdings weit darüber hinaus. Vinzent hat für y-nachten.de mit Florian von der Sea-Eye e.V. Lokalgruppe Freiburg gesprochen, der zuletzt auch auf einem Schiff im Mittelmeer unterwegs war.
[Content Note: In diesem Interview werden Situationen beschrieben, in denen Tod und extremes Leid thematisiert werden.]
Vinzent: Florian, warum engagierst Du Dich in der zivilen Seenotrettung?
Florian: Grundsätzlich habe ich gemerkt, dass es für mich sehr wichtig ist, mich in irgendeiner Art und Weise zu engagieren, weil ich unzufrieden damit bin, wie ganz viele Dinge auf der Welt funktionieren und passieren. Dass es die zivile Seenotrettung ist, ist eher Zufall, da bin ich über Freund*innen reingerutscht.
Was mich antreibt, ist, es nicht hinzunehmen, dass wir in Europa von Krisen an anderen Orten in der Welt profitieren. Krisen, die unter anderem auch dadurch hervorgerufen und am Leben gehalten werden, dass wichtige Ressourcen, die wir in Europa haben wollen und brauchen dort nach wie vor ausgebeutet werden. Im Kampf um die Ressourcen entstehen Konflikte. Durch diese Krisen und Kriege sind natürlich viele Menschen auf der Flucht, die sich trotz des extremen Risikos auf den Weg nach Europa machen. Wir brauchen sichere Fluchtwege, eine andere politische Einstellung und müssen alles daransetzen, die Fluchtursachen sinnvoll und effektiv zu bekämpfen. Für mich ist Seenotrettung auf jeden Fall keine Lösung, aber leider momentan immer noch eine absolute Notwendigkeit.
Vinzent: Du warst zum zweiten Mal auf einem Seenotrettungsschiff. Was war das für ein Schiff und was waren Deine Aufgaben?
Florian: Genau, ich war mit SOS Humanity unterwegs, auf dem Schiff Humanity 1. Das ist ein relativ großes Schiff. Letztes Jahr war ich Mitte November bis Mitte Dezember bei einem Einsatz dabei und dieses Jahr von Mitte September bis Ende Oktober. Ich hatte eine Freiwilligenposition auf dem Schiff, die sich RHIB-Support nennt. RHIBs sind kleine Rettungsschiffe, die vom Mutterschiff abgelassen werden und mit denen die Menschen, die in Seenot sind, aufgenommen werden und damit dann zum größeren Mutterschiff gebracht werden. Meine Aufgabe an Bord war es (neben den ganz alltäglichen anderen Aufgaben auf einem Schiff), mitzuhelfen, dass die Rettungseinsätze gut vorbereitet sind, dass zum Beispiel genügend Rettungswesten da sind. Und während den Einsätzen bin ich als helfende Hand dabei und versuche tatkräftig zu unterstützen.
Vinzent: Gab es ein Erlebnis bei deinem letzten Einsatz, das dir immer wieder in den Kopf kommt, das hängengeblieben ist?
Florian: Bei unserer zweiten Rettung diese Jahr – wir hatten insgesamt drei Rettungseinsätze – hatten wir sehr hohen Seegang; teilweise circa drei bis vier Meter hohe Wellen, starken Wind. Eigentlich ist es unter diesen Wetterbedingungen superschwierig, überhaupt Boote zu finden. Wir hatten dann das „große Glück“, dass ein Boot auf uns gestoßen ist, also plötzlich sehr nah bei uns aufgetaucht ist. Wegen der hohen Wellen war es zu riskant, die RHIBs zu starten und mit dem Kran ins Wasser zu lassen.
Wir fuhren also direkt mit dem Mutterschiff an das Boot heran und wollten die gut 40 Menschen über eine Leiter direkt an Bord holen. Doch die 5 Tage, in denen die Menschen bereits auf See waren, zeigten sich nun sehr deutlich an ihrem schlechten körperlichen Zustand. Die ersten Leute kamen mit unserer Unterstützung an Bord, was aber sehr heikel war, da alle sehr schwach waren und es mit dem Wellengang kaum möglich war, das Boot in Position zu halten. Es konnten quasi nur die Kräftigsten überhaupt die Leiter richtig packen, um zu uns hochzuklettern. Die Situation war so furchtbar, weil „die Rettung“ so greifbar nah war und gleichzeitig für viele so unerreichbar.
In diesen extrem schwierigen Verhältnissen fiel ein Mensch bei dem Versuch an Deck zu kommen ins Wasser und mit ihr ein Matrose, der alles versuchte, sie zu retten. Sie wurde direkt unters Schiff gesogen und war nicht mehr auffindbar. Wir haben versucht, sie noch zu finden und Rettungsmittel ins Wasser geworfen, aber sie war verschwunden. Sie war vor unser aller Augen ertrunken.
In Anbetracht dieses Erlebnisses mussten wir unsere Strategie ändern, um die Menschen überhaupt an Bord zu bekommen und natürlich auch, um unser Crew-Mitglied zu retten. Es war alles so hektisch und so schwierig – es war ein schwerer Kampfweil die Leute einfach nicht in der Lage waren, an Bord zu kommen.
Als einzige Option blieb uns nur noch das Boot dann wieder „zu entlassen“, um Abstand zum Mutterschiff zu bekommen, und ein RHIB zu starten. Um das Risiko für die Crew möglichst gering zu halten, wurde das RHIB mit verringerter Crew, d.h. mit der Search and Rescue Koordinator*in, dem RHIB-Fahrer und mir ins Wasser gelassen. Als erstes haben wir unseren Matrosen geborgen und sind dann zum Boot gefahren. Der Einsatz war sehr schwierig. Das Schlauchboot war bereits sehr instabil, teilweise mit Wasser vollgelaufen und die Schläuche nicht mehr prall gefüllt. Die Menschen waren völlig dehydriert, unterernährt, stark ausgekühlt und daher so schwach, dass sie sich kaum gegenseitig helfen konnten. Der Moment, indem ich das volle Ausmaß der Hilflosigkeit der Menschen für mich realisiert habe, war, als ich einen regungslosen Menschen hinten im Boot gesehen habe, dessen Kopf im Wasser lag. In meiner innerlichen Verzweiflung habe ich versucht den anderen klar zu machen, dass sie den Kopf aus dem Wasser heben sollten, aber auch dafür waren sie zu schwach. Sie signalisierten mir, die Person sei tot. Eine Zweite Person lag fast bewusstlos direkt daneben.
Nach und nach schafften wir es dennoch, alle Menschen zu bergen unter ihnen auch eine Mutter mit ihrem sehr jungen Kind. Auch die beiden Menschen, die nicht mehr ansprechbar waren. Doch nachdem sie bei uns an Bord waren, war es extrem schwer sie gut zu positionieren. Die meisten blieben so liegen, wie sie an Bord gezogen worden waren und konnten sich selbst nicht mehr von allein bewegen. Gegen Ende musste ich über die so sehr geschwächten Menschen, die wie ein Haufen vollkommen gedrängt auf dem kleinen Deck lagen, steigen. Es war eine der absurdesten Situationen in meinem Leben.
Im Nachhinein habe ich mit dem RHIB-Driver drüber gesprochen. Er meinte, Menschen zu sehen die verrenkt und wie leblos auf einem Haufen liegen sei wahrscheinlich das Merkwürdigste, oder das am schwierigsten zu Ertragende vielleicht auch. Ich habe mich dann daran erinnert, dass wir in der Schule mal eine Klassenfahrt nach Ungarn gemacht haben und in einem Museum über die NS-Zeit waren. Dort wurde ein Video gezeigt, in dem Bulldozer Berge von Menschenkörpern zur Seite geschoben haben. Das Bild schockiert mich bis heute immer noch krass und das Gefühl völliger Ablehnung und des inneren Widerstands ist mir tief im Gedächtnis geblieben.
Die Menschen aufs Mutterschiff zu bringen war durch den hohen Wellengang auch wieder sehr heikel. Dank einer Rettungsschlinge schafften wir es aber alle Menschen zu bergen – auch die vermeintlich tote Person. Als die SAR-Koordinator*in ihn übergab, nahm sie seinen Kopf in die Hände und sagte „Rest in peace my friend“. Irgendwie blöd und komisch das zu sagen: Aber in dieser extremen Situation war es ein kurzer, sehr friedlicher Abschiedsmoment. In diesem Moment habe ich mir gewünscht, „hoffentlich ist die Person jetzt an einem Ort, wo sie vielleicht einfach mehr Friede findet als in ihrem bisherigen Leben.“
An Deck wurde die Person direkt reanimiert – selbst, wenn die Person schon länger einen Herzstillstand hat und nicht mehr atmet, sind die Reanimationschancen bei extremer Unterkühlung deutlich höher und man beendet eine Reanimation dann eigentlich erst, wenn die Körpertemperatur wieder auf ein normales Niveau gestiegen ist. Doch auch nach ca. fünf Stunden Reanimation – ich habe jegliches Gefühl für Zeit verloren – konnten wir den Menschen nicht zurückholen.
Um die Menschen in Lebensgefahr zu retten, mussten sie schnellstmöglich evakuiert werden. Aber durch das schlechte Wetter gelang es erst im dritten Anlauf acht Menschen an das Schiff der Küstenwache zu übergeben. Der zweite Versuch mit dem Helikopter scheiterte, weil während dem Bergungsversuch sich das Drahtseil im Mast verfangen hat und notgekappt werden musste. Das bedeutete, dass wir noch zwei Menschen mehr an Bord hatten, nämlich die Rettungsmannschaft aus dem Heli. Uns blieb nichts anderes übrig als alle Menschen weiter mit den Mitteln zu behandeln, die uns auf dem Schiff zur Verfügung standen. Tragischerweise mussten wir noch eine weiter Person reanimieren und obwohl wir sehr schnell waren und direkt handeln konnten, blieb unser Versuch erfolglos. An diesem Tag haben wir den Tod von drei Menschen erleben müssen und gerade deswegen ist es für mich umso wichtiger zu sehen, dass wir 39 anderen Menschen helfen konnten.
Obwohl wir als Crew die Menschen meist nur sehr kurz kennenlernen, ist es ein aufwühlendes Ereignis, die Menschen dann im Hafen von Bord gehen zu lassen. Die kurzen, aber so intensiven Momente, die wir miteinander teilen, machen es schwer sich einfach zu verabschieden und die Menschen an Land „ihrem Schicksal“ zu überlassen. Es ist besonders schwer, weil es sich anfühlt, als würden bei der Registrierung die Menschen zu Nummern gemacht, die ihnen zugewiesen werden. Aber um die ganze Rettungsaktion für sich so ein bisschen abzuschließen: All diese Menschen haben eine eigene Geschichte, wie jede*r von uns. Sie begeben sich auf diese extrem gefährliche Flucht, weil in ihrer Heimat Krieg und Gewalt in unvorstellbarem Ausmaß herrscht, weil sie teilweise schon den Großteil ihrer Familien verloren haben, kurz: weil es keine Alternative gibt. Es kommen viele Minderjährige und auch Mütter mit Kindern. Wir hatten während der Rotation viele Menschen aus dem Sudan, auch aus der Stadt El Fasher. Dass Menschen aus dieser Region fliehen müssen, hat sich leider nur zu deutlich wenige Tage nach der Rettung gezeigt. Die Stadt wurde durch die RSF-Miliz eingenommen und darauffolgend brutale Massaker an der Zivilbevölkerung verübt. Obwohl das Land an sich eine gute Lebensgrundlage bietet, herrscht dort eine der größten humanitären Krisen weltweit. Fast 25 Millionen Menschen leiden unter akutem Hunger. Ca. 14 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht. Die Emergency Response Rooms, als inländisches Hilfsnetzwerk brauchen daher umso mehr Unterstützung von außen. Weil wir in Deutschland mit unserer Geschichte in diese Konflikte verstrickt sind, ist es schlichtweg auch in unserer Verantwortung, zu helfen.
Vinzent: Du warst unterwegs und hast dazu beigetragen, dass in einer der Aktionen 39 Menschenleben gerettet werden konnten. Gleichzeitig hast du das Leid hautnah gesehen und gemerkt, dass täglich Menschen in diesem Gebiet sterben. Welches Gefühl überweigt bei dir nach der Rotation im Mittelmeer?
Florian: So dramatisch verschiedene Situationen während des Einsatzes waren, bin ich mit einem irgendwie erfüllten Gefühl von der Rotation zurückgekommen.
Die Erfahrung zusammen in einer Crew zu sein, aus super inspirierenden Menschen aus aller Welt, das gibt mir ein gutes Gefühl. Und obwohl die Crewmitglieder aus unterschiedlichsten Lebensrichtungen und mit ganz unterschiedlichen Lebensvorstellungen zusammenkommen, teilen alle das gleiche Ziel: dass Sie einfach nicht hinnehmen wollen, dass Menschen ertrinken müssen.
Ich fühle mich zwar ganz oft gelähmt von der Vielzahl an Katastrophen und Kriegen und Krisen. Auf dem Schiff merke ich: ich kann super viel schaffen, indem ich aktiv bin und es einfach versuche. Ich muss den Zweck meiner Arbeit nicht hinterfragen, sondern ich tue einfach meine Arbeit, so gut ich es eben kann. Für mich ist das ein gutes Gefühl, was mir Kraft gibt.
Florian Wickert, 30 Jahre alt, engagiert sich seit 2023 ehrenamtlich in der Sea-Eye Lokalgruppe in Freiburg und bei SOS Humanity auf dem Mittelmeer.. Weitere Informationen zur Seenotrettung und wie Du Dich auch engagieren kannst, findest Du auf https://sea-eye.org/ und/ oder https://sos-humanity.org.
Hashtag der Woche: #Seenotrettung
(Beitragsbild: Copyright SOS Humanity / Elisabeth Sellmeier)