Das Netzwerk Dogmatik und Fundamentaltheologie widmete sich auf seiner Jahrestagung im März der Lehre der loci theologici. David Schilling gibt einen Einblick in die vielfältigen systematisch-theologischen Fragen und Diskussionspunkte der Tagung.
Um die 25 Promovierende und Habilitierende aus der Systematischen Theologie haben sich vom 19.-21.03.25 in Stuttgart-Hohenheim getroffen, um anlässlich der diesjährigen Jahrestagung des Nachwuchsnetzwerks Dogmatik und Fundamentaltheologie über Ort und Orte gegenwärtiger Theologie zu diskutieren.
Die erstmals durch den Dominkanertheologen Melchior Cano (1509-1560) formulierte Rede von den loci theologici, den „Orten der Theologie“, wird in katholisch-theologischen Debatten der Gegenwart gerne herangezogen, um das Verhältnis des „Eigenen“ von Kirche und Theologie zu dem ihnen „Fremden“ zu diskutieren und die konstitutive Bedeutung dieses „Fremden“ für theologisches Denken zu beschreiben. Welche Rolle und welches Gewicht kommt den loci alieni in Bezug auf die loci proprii (Schrift, Tradition und Lehramt) zu? Wie lässt sich in unserer heutigen pluralistischen und multiperspektivischen Welt die „Autonomie der irdischen Wirklichkeiten“ (Gaudium et Spes 36) konkret ausbuchstabieren und was hat die Theologie davon? Und vor allem: Wo finden wir heute solche Orte? Und was ist dabei unser eigener Ort? Wo sind wir, wenn wir Theologie treiben? Über diese und andere Fragen wurden in Vorträgen, Diskussion und an „anderen Orten“ aus den verschiedensten Perspektiven debattiert.
Orte und Verortungen
Zum Auftakt sprach Ursula Eisl im Anschluss an Sarah Coakley und Marcella Althaus-Reid über die bleibende biographische und körperliche Verortung allen theologischen Nachdenkens. Die zurückgelegten „Wegstrecken des Wissens“ ließen sich nicht in „Landkarten“ übersetzen, auf denen gewonnenes Wissen unter Ausschluss des eigenen Wegs und Standpunkts sich darstellen ließe.
Claudia Gialousis schloss an mit einer kulturwissenschaftlichen Perspektive auf das Erzählen: Welchen Erzählungen schenken wir eigentlich Glauben und wie können diese zu Orten der Theologie werden?
Sie stellte dabei heraus, welche Rolle Narrative für die Gesellschaft und das einzelne Individuum spielen und verdeutlichte, dass diese Durchdringung auch im religiösen Bereich relevant ist und der eingehenden Reflexion bedarf.
Neue Kontexte theologischer Rede
Leonhard Banowski und Markus Adolphs nahmen in ihren Vorträgen neue Orte und Kontexte religiöser Rede und Praxis in den Blick. Leonhard Banowski sprach über Verwendung und Legitimität apokalyptischer Sprachbilder im Kontext von Klimaprotesten und fragte kritisch, wie sich hier christliche Zukunftshoffnung zwischen Fatalismus und Panik aufrechterhalten lasse. Bei Markus Adolphs dagegen ging es mit dem amerikanischen Philosophen David Chalmers um die Frage, ob sich schon von (sakramentaler) Wirklichkeit sprechen lässt, wenn es sich bloß wirklich genug „anfühlt“ – zum Beispiel in der „virtuellen Realität“.
Wenn virtuelle Realität für Menschen zum Ort religiöser Praxis wird, kann auch die Theologie dem nicht ausweichen, betonte Adolphs, warnte aber auch davor, die Bindung an die „wirkliche“ Realität aufzugeben.
Dekoloniale und historische Perspektiven
Severin Parzinger wies in seinem Beitrag auf die Verstrickung Melchior Canos in den europäischen Kolonialismus hin und brachte eine dekoloniale Perspektive auf theologisches Wissen in die Debatte ein. Vor dem Hintergrund seiner Forschungen in Bolivien sprach er über religiöse und kulturelle Identitäten, Riten und Theologien christlicher indigener Gemeinschaften und die Möglichkeit einer „dekolonial-synodalen Erneuerung der Theologie“. Diese könne nur gelingen, wenn die Verstrickung von christlicher Mission und theologischer Wissensproduktion in koloniale Praktiken aufgearbeitet werde und Synodalität als wechselseitiges Gespräch zwischen verschiedenen Kulturen und religiösen Traditionen begriffen werde.
Der Frage, wer und von welchem Standpunkt aus Theologie treibt, widmete sich auch Patrick Lindermüller in seinen Überlegungen zu den Bauernaufständen von 1525.
Lindermüller zeigte, wie Ausgrenzungs- und Benachteiligungserfahrungen der Bäuer:innen in der Vorgeschichte des Bauernkrieges zu bestimmenden Faktoren theologischer Überlegungen zu Schöpfungstheologie und Gerechtigkeit durch die Bäuer:innen selbst wurden. Dieses neue theologische Selbstbewusstsein habe schließlich eine wichtige Rolle in der Mobilisierung der Bäuer:innen gegen die Landesherren gespielt.
Prekäre Orte der Gegenwart
Zum Abschluss berichtete Luisa Moosbauer von ihren Erfahrungen aus der Großstadtseelsorge und wie hier auch teilweise prekäre Orte zu Orten des Theologietreibens werden. Selten habe sie, so Moosbauer, so viele theologische Gespräche geführt wie an den „Rändern“ kirchlicher Räume und jenseits davon, mit Menschen, die mit dem christlichen Glauben und Religion überhaupt oft wenig bis gar nichts anfangen können.
Im Zentrum stand dabei besonders die Frage, wie pastoral und theologisch damit umgegangen werden kann, wenn nicht-religiöse Menschen beispielsweise im Kontext eines Todesfalls religionsproduktive Praktiken ausführen, etwa ein Gebet sprechen, das sie an den:die Verstorbene:n erinnert.
Verschiebungen im Verständnis der loci
Was bei den verschiedenen Vortragenden klar wurde: Das Interesse an der loci-Lehre verschiebt sich von der ursprünglich von Cano intendierten methodischen Ordnung und Synthese verschiedener autoritativer Quellen der Theologie hin zu der Frage, an welchen (bislang vernachlässigten) Orten wir uns von theologieproduktiven Potentialen überraschen lassen können und wo wir selbst stehen, wenn wir Theologie treiben.
Die Kategorie des „Eigenen“ wird dabei zunehmend prekär und die loci proprii markieren keineswegs mehr einen selbstverständlichen und unumstrittenen Kernbereich. Dabei zeigte sich auch, dass für eine große Mehrheit der Nachwuchstheolog:innen völlig klar ist, dass Orte der Theologie überall sein können und uns somit auch jeder Ort theologisch Bedeutsames zu sagen hat. Eine Leerstelle zeigte sich indes immer wieder in der Frage nach einem Kriterium. Wir scheinen zwar immer wieder ein ganz gutes Gefühl dafür zu haben, was theologisch bedeutsam sein kann und was nicht. Wie dies aber wiederum auf wissenschaftlich-theologische Weise erschlossen werden kann, steht auf einem anderen Blatt. Daneben bleibt auch die Frage nach unserer „eigenen“ Tradition: Wird auf diese manchmal nicht allzu selbstverständlich zugegriffen – zum Beispiel gerade bei Canos loci-Lehre? Dass diese bei Cano völlig anderen Zwecken diente als ihre gegenwärtigen Neuauflagen, kam kaum zur Sprache.
Muss man sich die Frage stellen, ob nicht auch „unsere“ Vergangenheit mittlerweile zum uns unbekannten Andersort geworden ist, von dem wir uns ganz neu überraschen lassen können?
Wie es sich in Zukunft mit der Rolle dieser Vergangenheit verhalten mag, wird vielleicht auch ein Thema der nächsten Jahrestagung sein, die sich dem Thema „Zur Zukunft systematischer Theologie“ widmen und vom 11.-13.03.26 wieder in Stuttgart stattfinden wird. Dazu schon jetzt an alle Interessierten eine herzliche Einladung!
Hashtag der Woche: #theologischeorte
(Beitragsbild: @ninaz)