Warum fällt es den Internationalen Beziehungen so schwer, den Heiligen Stuhl als relevanten Akteur ernst zu nehmen? Justus Raasch zeigt, wie säkularistische Grundannahmen zur Marginalisierung von Religion geführt haben – und warum ein postsäkulares Umdenken dringend nötig ist.
Im Frühsommer dieses Jahres befand sich der Vatikan mal wieder im Zentrum internationaler Diplomatie. Bei der Beerdigung des verstorbenen Papstes Franziskus kam es zur erneuten Annäherung zwischen den Präsidenten Trump und Selenskyj, nachdem es im Oval Office zum Eklat gekommen war. Kurze Zeit später brachte Trump den Vatikan als Ort möglicher Friedensverhandlungen ins Spiel. Obwohl die diplomatischen Aktivitäten des Papstes kein Geheimnis sind – als prominentes Beispiel kann die Vermittlung durch Johannes XXIII. während der Kubakrise 1962 genannt werden – tun sich insbesondere die Internationalen Beziehungen (IB) als Subdisziplin der Politikwissenschaft nach wie vor schwer damit, den Heiligen Stuhl als Akteur internationaler Politik angemessen zu beschreiben. So bezeichnet der in Innsbruck lehrende Politikwissenschaftler Jodok Troy den Forschungsgegenstand Heiliger Stuhl als „underestimated and unexplored.“1 Aber warum ist das so? Warum haben die IB weiterhin Schwierigkeiten, einen offensichtlich existenten Faktor der internationalen Politik in ihre eigenen Forschungsheuristiken einzubinden?
Marginalisierung des Faktors Religion in den Internationalen Beziehungen
Ursächlich hierfür ist eine Marginalisierung nicht nur dieses spezifischen Akteurs, sondern generell des Faktors Religion im Feld der IB. So forderten Jonathan Fox und Shmuel Sandler bereits 2004 im Titel ihres gemeinsamen Buches, Religion in das Forschungsfeld der IB einzubeziehen. Damit verhalfen sie einer zu diesem Zeitpunkt erst im Entstehen begriffenen Forschungsrichtung innerhalb der Disziplin zu größerer Aufmerksamkeit.
Nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation suchten viele nach neuen Erklärungsmustern für das internationale politische Geschehen – und wurden spätestens durch 9/11 eindrücklich an die Relevanz von Religion als Faktor internationaler Politik erinnert.2
Ein solches Umdenken wurde zudem durch die steigende Rezeption des postpositivistischen Turns begünstigt, der es ermöglichte, vormals schwer fassbare religiöse Phänomene sowohl epistemologisch als auch methodologisch differenzierter zu beschreiben.3
Die langen Schatten der Säkularisierungsthese
Um zu verstehen, wie es überhaupt zu einer solchen Marginalisierung des Faktors Religion innerhalb der IB kommen konnte, muss ein Blick auf die theoretischen Grundannahmen dieser Disziplin geworfen werden – genauer gesagt auf das für die IB zentrale westfälische Staatenmodell zur Beschreibung des internationalen Staatensystems. Im Rahmen dieses Modells werden Staaten nicht nur als souveräne Akteure in einem international anarchischen System konzipiert; zwischenstaatliche Beziehungen werden darüber hinaus als säkular beschrieben, während Religion in den privaten Bereich verwiesen wird.4 Dieses Narrativ gilt mittlerweile nicht nur historisch als stark umstritten,5 sondern spiegelt auch einen Eurozentrismus wider, der den Blick der Internationalen Beziehungen auf das Thema Religion bis heute prägt.6
Es lässt sich also erkennen, dass insbesondere säkularistische Grundannahmen innerhalb der Disziplin zu einer systematischen Unterbelichtung religiöser Faktoren – wie etwa des Heiligen Stuhls – geführt haben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines postsäkularen Umdenkens, um Religion als relevanten Faktor internationaler Politik angemessen zu integrieren.
Mavelli und Petito7 unterscheiden hierbei zwei unterschiedliche, sich jedoch überschneidende Dimensionen des Begriffs „Postsäkularismus“: Zum einen eine deskriptive, welche den „return or resilience of religious traditions in modern life“ (ebd.) beschreibt und versucht, diesen konzeptionell zu fassen. Zum anderen eine kritisch-normative Dimension, die die Inklusion religiöser Weltanschauungen in politische Modelle fordert.
Die Wiederentdeckung der Religion in den Internationalen Beziehungen
Erfreulicherweise lässt sich tatsächlich ein langsames Umdenken innerhalb der Disziplin beobachten. So konnten Jonathan Fox und Nukhet A. Sandal knapp zehn Jahre nach Fox’ Appell, Religion stärker in die Internationalen Beziehungen einzubeziehen, feststellen: „There is a growing realization among scholars of international relations that religion is an important factor in global politics.“8 Dies zeigt sich auch in einer wachsenden Anzahl von Publikationen zum Heiligen Stuhl aus IB-Perspektive. In Deutschland wäre hier beispielsweise Ralph Rotte zu nennen, der mit Die Außen- und Friedenspolitik des Heiligen Stuhls die erste politikwissenschaftliche Einführung zu diesem Thema verfasst hat. Ebenso Mariano Barbato, der mit dem von ihm herausgegebenen Sammelband The Pope, the Public, and International Relations wichtige Impulse gesetzt hat. Die bedeutendsten Beiträge zur Integration des Heiligen Stuhls in die Theorierahmen der IB kamen in den vergangenen Jahren insbesondere aus dem Umfeld der Englischen Schule. Diese Theorieschule betont – neben der im klassisch-realistischen Denken dominanten Staatenwelt – die Bedeutung einer zweiten Sphäre: einer solidarisch orientierten internationalen Gesellschaft. Diese Doppelstruktur wird von Vertreter:innen der Englischen Schule auch in der Analyse des Heiligen Stuhls herangezogen. So wird dieser als ein hybrider Akteur der internationalen Politik beschrieben, der sowohl in der klassischen Staatenwelt im Sinne diplomatischen Handelns als auch in der internationalen Gesellschaft als Normenbildner agiert.9 Die Transformation der Staatengesellschaft sowie die normative Überschneidung zwischen einer solidarisch orientierten internationalen Gesellschaft und der katholischen Kirche begünstigen laut dem Tübinger Politikwissenschaftler Thomas Diez10 den Heiligen Stuhl in seiner Rolle als Akteur der internationalen Beziehungen.
Der Heilige Stuhl als Akteur der Internationalen Beziehungen
Diese hybride Natur des Heiligen Stuhls kann auch als Erklärungsansatz für seine privilegierte Rolle als Friedensmittler dienen, wie bspw. im eingangs beschriebenen Kontext des Russland-Ukraine-Konflikts.
Als Akteur innerhalb der Staatengemeinschaft ist es dem Heiligen Stuhl möglich, sich im Feld zwischenstaatlicher Diplomatie zu engagieren. Gleichzeitig bewahrt er als Teil der internationalen Gesellschaft einen wertebasierten Charakter, der sich nicht in rein machtpolitischen Kategorien auflöst.
Besonders dieser zweite Aspekt ist eng mit einem in der Forschungsliteratur häufig hervorgehobenen Aspekt verknüpft: der Soft Power des Heiligen Stuhls – insbesondere in der Person des Papstes. Das von Joseph Nye geprägte Konzept der Soft Power beschreibt Formen von Einfluss in den internationalen Beziehungen, die jenseits klassischer Kategorien militärischer oder wirtschaftlicher Stärke liegen. Auf die Stalin zugeschriebene Frage „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ ließe sich – gestützt auf die Arbeit von Mathias Albert11 – antworten, dass der Papst in einer sozial ausdifferenzierten Welt eine integrative Funktion erfüllt, die sich auf die semantisch reichhaltige Tradition der Kirche stützt. Mit Hilfe von Timothy Byrnes12 könnte ergänzt werden, dass ein weiterer Kern dieser Soft Power in der besonderen Rolle des Papstes als Medienfigur und moralisches Vorbild liegt. Auch solche indirekteren Machtfaktoren tragen dazu bei, dass der Heilige Stuhl als prädestinierter stiller Vermittler der Friedensdiplomatie wahrgenommen wird.
Hashtag der Woche: #internationalrelations
(Beitragsbild: @Edoardo Maresca)
[1] Jodok Troy, „The Catholic Church and International Relation“, in Oxford Handbook Topics in Politics, online edn. (Oxford University Press, 2015), https://doi.org/10.1093/oxfordhb/9780199935307.013.2.
[2] Tanya B. Schwarz und Cecelia Lynch, „Religion in International Relations“, in Oxford Research Encyclopedia of Politics, von Tanya B. Schwarz und Cecelia Lynch (Oxford University Press, 2016), 3–4, https://doi.org/10.1093/acrefore/9780190228637.013.122.
[3] Luca Mavelli und Fabio Petito, „The Postsecular in International Relations: An Overview“, Review of International Studies 38, Nr. 5 (Dezember 2012): 934, https://doi.org/10.1017/S026021051200040X.
[4] Jeffrey Haynes, Hrsg., Handbook on religion and international relations, Elgar handbooks in political science (Cheltenham, UK ; Northampton, MA: Edward Elgar Publishing Limited, 2021), 8–9.
[5] Mavelli und Petito, „The Postsecular in International Relations“, 933–34; Schwarz und Lynch, „Religion in International Relations“, 6.
[6] Jonathan Fox und Shemuel Sandler, Bringing Religion into International Relations, Repr., Culture and Religion in International Relations (Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2004), 20.
[7] „The Postsecular in International Relations“, 931.
[8] Fox und Sandler, Bringing Religion into International Relations, 1.
[9] Katharina McLarren und Bernhard Stahl, „The Holy See as Hybrid Actor: Religion in International, Transnational, and World Society“, in The Pope, the Public, and International Relations, hg. von Mariano P. Barbato (Cham: Springer International Publishing, 2020), 197–98, https://doi.org/10.1007/978-3-030-46107-2_11.
[10] „Diplomacy, Papacy, and the Transformation of International Society“, The Review of Faith & International Affairs 15, Nr. 4 (2017): 31–38, https://doi.org/10.1080/15570274.2017.1392142.
[11] „Beyond Integration and Differentiation? The Holy See and the Pope in the System of World Politics“, The Review of Faith & International Affairs 15, Nr. 4 (2017): 14, https://doi.org/10.1080/15570274.2017.1392121.
[12] „Sovereignty, Supranationalism, and Soft Power: The Holy See in International Relations“, The Review of Faith & International Affairs 15, Nr. 4 (2017): 14, https://doi.org/10.1080/15570274.2017.1392140.