Ares, Patron der Angst. Was die Griechen in einer Gottheit personifizierten, prägt auch heute unser Lebensgefühl – zwischen Doomscrolling, Dauerkrise und Sehnsucht nach Halt. Aaron Dörstel fragt, wie Hochschulpastoral im Zeitalter der Panik Beziehungsarbeit leisten kann.

Manchmal genügt ein Blick in die medialen Spiegel, um das Lebensgefühl der Gegenwart zu erfassen. 2024 kam Inside Out 2 in die Kinos – mit einem neuen Hauptcharakter: Anxiety. Auf TikTok geht Doechiis gleichnamiger Song viral. Empfehlungsalgorithmen spulen Diagnosen in Endlosschleife, Instagram kokettiert mit der Ästhetik des Zusammenbruchs, und die Streamingdienste inszenieren Apokalypsen in Serien: In The Last of Us ringt die Menschheit im Angesicht des Untergangs um ihre Würde, in The White Lotus wird der Luxusurlaub zur Bühne tiefsitzender Neurosen. Und die Werbung? Sie verspricht nicht mehr Coolness, sondern „Resilienz“, „Selfcare“ und „Mindful Productivity“.

Achtsam geht die Welt zu Grunde. Wir konsumieren uns zu Ende. „Doomscrolling“ ist kein selbstironisches Netzphänomen mehr, sondern Alltag.

Bisher alles nur müde Kulturkritik? Wohl kaum. Das ist erst die Spitze des Eisbergs.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Seit 2008 ist die Zahl diagnostizierter Angststörungen in Deutschland um 77 Prozent gestiegen.1 Währenddessen zeigt jede:r fünfte Schüler:in psychische Auffälligkeiten.2 Und übrigens: Jugendliche warten heute im Schnitt fünf Monate auf einen Therapieplatz.3Laut COPSY-Studie berichten bis zu 72 Prozent der Befragten von Angst vor Krieg, Klima oder Armut.4 Und die Shell-Jugendstudie 2024 vermerkt: 87 Prozent wünschen sich vor allem eins – Sicherheit.5

Das Gespenst namens Angst

Es spukt also wieder in Europa, nein, es geistert in der Welt.

Das Gespenst, das heißt nicht Caspar, es trägt den Namen: Angst. Die Angst ist eine der ältesten Erfahrungen der Menschheit, ein Gefühl im langen Atem der Geschichte.

Schon in Homers Ilias treten Phobos und Deimos auf, die furchterregenden Begleiter des Ares. Angst erscheint dort nicht als bloße Emotion, sondern als Macht, die überwältigt und entwaffnet. In der Antike wusste man: Angst hat Gewicht. Auch biologisch ist sie mehr als Einbildung: Puls, Muskeln, Nervensystem schalten in Alarm. Doch in unserer digitalisierten Welt fehlt die Entladung, es bleibt Dauerstress, Gereiztheit, Erschöpfung.

Psychologisch ist Angst zugleich existenzielles Grundgefühl: Sie signalisiert, dass uns etwas wichtig ist. Die amerikanische Psychologin Lisa Feldman Barrett betont, dass Emotionen wie Angst nicht einfach „passieren“, sondern konstruiert werden, biografisch, sozial, kulturell. Angst ist also nie nur physiologisch, sondern auch erzählte Biografie, gesellschaftliches Echo.6

Angst als Schule der Freiheit?

Die Bibel kennt die Angst gut: rund 500-mal taucht sie auf. Doch meint beispielsweise die „Gottesfurcht“ keine Panik, sondern Ehrfurcht und Staunen vor dem Größeren.7 Im Mittelalter kippt die Perspektive jedoch: Die spirituelle Tiefe weicht politischer Steuerung und die Angst wird zum Motor einer theologischen Drohkulisse, die bis heute nachhallt.8 Kierkegaard hingegen nennt die Angst den „Schwindel der Freiheit“: Sie zeigt, dass wir wählen können.9 Heidegger versteht sie als Weckruf, der den Menschen herausfordert, eigenverantwortlich zu leben.10 Viktor Frankl schließlich sieht in ihr ein Signal, das nach Sinn ruft – und wer Sinn findet, vermag selbst große Angst zu bändigen.11 Hans Urs von Balthasar bleibt nüchtern: Auch die tiefste Frömmigkeit bewahrt nicht vor dem Zittern. Aber er verweist auf ein „kontrafaktisches Aufbegehren“, also den Trotz, der der Angst Hoffnung entgegensetzt.12

So zeigt sich: Angst ist ambivalent. Sie lähmt oder mobilisiert, vergiftet oder klärt. Sie raubt Energie, aber zeigt auch, wo das Leben pulsiert. Sie ist Symptom einer erschöpften Welt und zugleich Weckruf, sie zu verwandeln.

Doch die entscheidende Frage lautet: Wohin gehen wir, wenn wir diese Tür durchschreiten?

Heute gehen wir – vor allem – allein hindurch. Einsamkeit steigt, besonders unter Jugendlichen.13 Sie ist nicht nur Empfindung, sondern Risikofaktor: Sie verstärkt Unsicherheit, triggert negative Selbstbilder, macht soziale Kontakte angstbesetzt.14 Angst wiederum führt zum Rückzug, die Isolation wächst: ein Teufelskreis. Vielleicht führt der Weg aus der Angst also nicht nur über die innere Arbeit, sondern ebenso über die Wiederherstellung sozialer Verbundenheit. Genau hier liegt die Stärke von Hochschulpastoral: Sie ist im Kern Beziehungsarbeit.

Horizonterweiterung und Hoffnung

Ein Beispiel: Das Format „Schlagzeile“ der KHG Koblenz. Studierende diskutieren über aktuelle Nachrichten, doch der eigentliche Wert liegt tiefer: Im Austausch erkennen sie, dass ihre Sorgen geteilt werden. Angst verschwindet nicht, aber sie verliert an Macht. Auch meine eigene Erfahrung bestätigt: Angst wird kleiner, wenn der Horizont größer wird. Während meines Erasmus-Aufenthaltes in Schweden habe ich erlebt, wie stärkend internationale Gemeinschaft sein kann. Ob im Minibus durch Lappland bei Minusgraden oder im Repair-Café der Uni Göteborg – Biografien unterscheiden sich, doch Ängste und Sehnsüchte ähneln sich. Im Austausch wird die Angst kleiner, die Welt größer.

Hochschulpastoral sollte deshalb nicht nur in Hörsälen präsent sein, sondern auch beim Aufbruch ins Unbekannte begleiten. Austauschprogramme wie Erasmus sind keine Urlaube, sie sind biografische Weichenstellungen. Doch verstecken sich diese hinter Formularen, Fristen und auch finanziellen Hürden. Wer aus nicht-akademischem Elternhaus stammt, trägt zusätzliche Unsicherheiten.15 Hier kann Hochschulpastoral konkret helfen, durch Beratung, Beihilfen und Ermutigung. Wer reist, gewinnt nicht nur ECTS-Punkte, sondern Mut und Resilienz.

Horizonte erweitern sich nicht nur durch Reisen, sondern auch durch Kunst. Denn auch sie vermag es, Türen zu öffnen. Lady Gaga erinnert: „Life is art all the time.“16 Allerdings geraten die musischen Disziplinen an vielen Schulen zunehmend ins Abseits. Oft stehen sie am Ende des Stundenplans, wenn überhaupt.17 Und auch im gesellschaftlichen Diskurs verliert ästhetische Bildung spürbar an Gewicht. Dabei schrieb Victor Hugo: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann, aber worüber unmöglich geschwiegen werden kann.“18 Gerade in Zeiten kollektiver Verunsicherung ist Kunst ein Zeichen dafür, was rational schwer greifbar ist: Hoffnung.

Was bedeutet das für die Kirche?

Hochschulpastoral braucht keine neuen Dogmen, sondern offene Türen, groß genug, dass man mindestens zu zweit hindurchpasst.

Räume, in denen gefragt, gezweifelt, gehofft und gelacht werden darf. Angst lässt sich nicht wegpredigen, aber verwandeln: in Ausdruck, in Kunst, in Gemeinschaft.

Ich verbleibe mit einer Mahnung: Wenn wir junge Menschen in ihrer Angst und Einsamkeit sich selbst überlassen, verspielen wir die Zukunft. Machen wir es zu einer Tugend unserer Generation, der Angst nicht allein, sondern solidarisch zu begegnen.

Hashtag der Woche: #panikmache

(Beitragsbild via Unsplash: @jeff-james)


1 KKH Kaufmännische Krankenkasse. „Wenn Sorgen und Furcht den Alltag bestimmen.“ KKH.de, 8 Apr. 2024, www.kkh.de/presse/pressemeldungen/angststoerungen.

2 Koch, Martina. „Jeder fünfte Schüler hat psychische Probleme.“ WDR, 20 Nov. 2024, www1.wdr.de/nachrichten/schulbarometer-schueler-kinder-jugendliche-psychische-probleme-100.html.

3 Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). Wartezeiten 2018: Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. BPtK, 2018.

4 „COPSY-Studie: So steht es um die Psyche junger Menschen.“ Tagesschau, 5. Dez. 2024, https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/copsy-psyche-jugend-100.html.

5 Albert, Mathias, Klaus Hurrelmann und Gudrun Quenzel. Jugend 2024: 19. Shell Jugendstudie – Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt. Beltz Verlag, 2024.

6  Vgl. Barrett, Lisa Feldman. How Emotions Are Made: The Secret Life of the Brain. Houghton Mifflin Harcourt, 2017. S. 76

7  Vgl. Norbert Mette, „Erziehen zur ‚Ehrfurcht vor Gott‘ (Art. 7 I LVerfNW). Eine religionspädagogische Interpretation“, International Journal of Practical Theology, vol. 9, no. 1, 2005, S. 48.

8 Vgl. Helga Schnabel-Schüle, „Kirchenzucht als Verbrechensprävention“, Zeitschrift für Theologie und Kirche, vol. 106, no. 2, 2009, S. 160

9  Kierkegaard, Søren. Der Begriff Angst. Übersetzt von Gisela Perlet, Reclam, 2023. S.42.

10  Heidegger, Martin. Sein und Zeit. 19. Auflage, Max Niemeyer Verlag, 2006. S.189

11 Viktor E. Frankl. …trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Übersetzt von Hannelore Kersten, 24. Auflage, Beltz, 2022, S. 131.

12 Balthasar, Hans Urs von. Der Christ und die Angst. 6. Auflage, Johannes Verlag, 1989. S. 36

13 Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Einsamkeitsbarometer 2024: Einsamkeit in Deutschland – Zahlen und Fakten. 2024

14 Vgl. Lim, Michelle H., et al. “Loneliness in the Context of Mental Health: A Narrative Review.” Frontiers in Psychiatry, vol. 15, 2024, S. 1095

15 Middendorff, Elke, et al. Auslandsmobilität im Masterstudium: Hat die Bildungsherkunft einen Einfluss auf die Dauer und die Art der Auslandsmobilität und falls ja, warum? Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), 2023.

16 Moss, Rosie. “Gaga: ‘Life Is Art All the Time.’” BBC Culture, 17 Jan. 2014, www.bbc.com/culture/article/20140117-gaga-life-is-art-all-the-time.

17 Klemm, Klaus. Lehrkräftemangel in den Fächern Kunst und Musik: Zur Bedarfs- und Angebotsentwicklung in den allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufen I und II am Beispiel Nordrhein-Westfalens. Deutsche Telekom Stiftung, März 2024.

18 Bernd Zimmermann, “Worüber Schweigen unmöglich ist … Ein Portrait über Natalie Kies”, nrwjazz.net, 22 June 2014, https://nrwjazz.net/reports/worueber-schweigen-unmoeglich-ist-ein-portrait-ueber-natalie-kies. Accessed 4 Sept. 2025.

aaron dörstel

studiert Katholische Theologie und Anglistik im Master auf Lehramt an der Universität Koblenz. 2023/24 verbrachte er ein ERASMUS+-Auslandsjahr in Göteborg. Seit Januar 2025 arbeitet er als Referent für Hochschulpastoral im Bistum Aachen.

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