Rechtspopulistische Denkstrukturen spielen nicht nur in öffentlichen Debatten eine Rolle, sondern ebenso in der katholischen Kirche. David Bayer ermöglicht y-nachten.de einen Einblick in seine Bachelorarbeit und zeigt, inwiefern der Offenbarungsbegriff in Dei Verbum rechtspopulistische Narrative aufweist.

Es ist offensichtlich, dass sich rechtspopulistische Akteur:innen nicht nur in Deutschland, sondern in vielen liberalen Demokratien mit ihrer Weltsicht in sämtliche Diskurse einbringen. Mit einem um sich greifenden Antimodernismus stellt man sich gegen Feminismen, versucht das ‚Gender-Gaga‘ zu bekämpfen und möchte – so scheint es – wieder in einen vormodernen Zustand zurückkehren. Doch der Rechtspopulismus ist längst kein rein politisches Thema mehr. Ursula Nothelle-Wildfeuer und Magnus Striet haben gezeigt, dass auch in der Kirche rechtspopulistische Denkstrukturen vorhanden sind.1 Vor diesem Hintergrund habe ich meine Bachelorarbeit angefertigt und gefragt, ob nicht auch im Offenbarungsbegriff der Kirche wie er in Dei verbum formuliert wurde rechtspopulistische Narrative vorhanden sind.

Rechtspopulismus – was ist das eigentlich?

Dass der Rechtspopulismus ein sehr komplexes Phänomen ist und man eigentlich nicht von dem Rechtspopulismus sprechen kann, ist von der politikwissenschaftlichen Forschung herausgearbeitet worden.

Da der Rechtspopulismus eine „dünne Ideologie“2 ist, steht er immer in Verbindung mit anderen Ideologien und reagiert auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Darüber hinaus zeichnet sich der Rechtspopulismus durch eine Fixierung auf ein homogen gedachtes, einheitliches Volk aus.

Dieses ‚wahre‘ Volk besitzt einen moralisch reinen und ‚wahren‘ Volkswillen, den nur die Populist:innen repräsentieren können. An dieser Stelle wird gleichzeitig Kritik an Intellektuellen geäußert, da diese nicht in der ‚Wahrheit‘ stehen und den Volkswillen somit korrumpieren. Dabei ist wichtig, dass Populist:innen nicht darauf abzielen, einen Diskurs über die Wahrheit zu führen, sondern ihre Meinung auf ein einheitlich konstruiertes Volk übertragen. Der Wahrheitsbegriff wird dadurch zu einem Exklusionskriterium, wer zum Volk gehört und wer nicht. Diese vier Narrative (Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen, die eine Wahrheit, das eine Volk und die Rechtspopulist:innen als die einzigen Repräsentant:innen des Volkes) bilden die Grundlage für einen Blick auf den Text Dei verbum.

Rechtspopulismus und Offenbarung: Problemanzeigen in vierfacher Hinsicht

1. Die katholische Tradition: Der Rechtspopulismus wurzelt immer in einer „rückwärtsgewandte[n] Utopie einer romantisierten, unhistorischen, idealen Welt“3, mit der man sich gegen aktuelle Entwicklungen stellt. An dieser Stelle greift theologisch ein unhistorisch konstruierter Traditionsbegriff. In Dei verbum (= DV) zeigt sich, dass der Offenbarungsbegriff des II. Vatikanums zwar vorgibt, formal an das I. Vatikanum anzuschließen (Vgl. DV 1). Dies spiegelt sich inhaltlich aber nicht wider. Über den Traditionsbegriff, der antimodernistische Züge aufweist, wird versucht, einen Bruch in der Lehre zu kaschieren. Dass Offenbarung im I. Vatikanum noch hauptsächlich als Offenbarung von Lehrsätzen gedacht wurde und im II. Vatikanum nun als personale Selbstoffenbarung Gottes, wird nahezu überspielt. Ein unhistorisch konstruierter – schärfer formuliert: inhaltlich erfundener – Bezug zum I. Vatikanum lässt einen antimodernistischen Idealzustand zum Vorschein kommen. Die Konstruktion dieser unhistorischen Tradition dient nur dazu, die Kontinuität der katholischen Lehre und die Identität der katholischen Kirche zu sichern. Daraus ergeben sich die anderen populistischen Narrative. Historisch zeigt sich aber deutlich: es ist nicht die eine katholische Tradition.

2. Die göttliche Wahrheit: Aus dem antimodernistischen Denken heraus wird in Dei verbum analog zum Rechtspopulismus ein indiskutabler, objektiv gültiger und göttlich legitimierter Wahrheitsbegriff konstruiert.

Die „bindende und verpflichtende objektive sittliche Wahrheit“4 wird christologisch abgesichert, da die Wahrheit nun an Christus gebunden ist (vgl. DV 2). Durch die Faktizität und Irrtumslosigkeit der göttlichen Wahrheit bedarf es keiner Geltungsgründe für theologische Argumentationen mehr, sondern allein des Rekurses auf die Wahrheit, was dazu führt, dass das In-der-Wahrheit-Sein eine Frage der Moral ist. Daraus wird dann abgeleitet, dass der Wahrheitsbegriff auf Autorität beruht und strikten Gehorsam verlangt (vgl. DV 5). Dadurch wird der Wahrheitsbegriff wie im Populismus zum Exklusionskriterium, der zu einem „Modus von Identitätsbildung durch Ab- und Ausgrenzung“5 beiträgt. Philosophisch zeigt sich aber: jedes Subjekt bringt einen Wahrheitsbegriff aus sich selbst hervor.

3. Das einheitliche Gottesvolk: Rechtspopulist:innen beziehen sich auf ein im Singular existierendes, einheitliches und homogen konstruiertes Volk, das einen moralisch reinen Volkswillen, den common sense, besitzt. Über den Begriff des Gottesvolkes wird eine „ecclesiale Identitätspolitik6 betrieben. Diese Identitätskonstruktion wird allerdings, anders als im Rechtspopulismus, nicht auf der Grundlage von ethnischen Kriterien betrieben. Das Gottesvolk wird durch die Vereinheitlichung homogenisiert und dadurch antipluralistisch konstruiert. Darüber hinaus wird ihm über den sensus fidei, den Glaubenssinn, ein einheitlicher Wille bzw. ein einheitlicher „‚Instinkt‘ für die Wahrheit“7 unterstellt. Die geoffenbarte Wahrheit ist – ebenso wie in der rechtspopulistischen Logik – der moralische Maßstab für die Zugehörigkeit zum Gottesvolk. Soziologisch zeigt sich aber: es gibt kein homogenes Volk mit einheitlichem populistischen ‚Gespür für die Wahrheit‘.

4. Das katholische Lehramt: Typisch für den Rechtspopulismus ist der „moralische Alleinvertretungsanspruch.8 Rechtspopulist:innen sehen sich als die einzig wahren Repräsentant:innen des Volkes. Aus der Konstruktion, dass nur das Lehramt „das sichere Charisma der Wahrheit“ (DV 8) empfangen hat, wird argumentiert, dass die Auslegungskompetenz bezüglich der Offenbarung allein der Autorität des Lehramts vorbehalten ist. Was der Inhalt der geoffenbarten Wahrheit ist, bestimmt das Lehramt (vgl. DV 10). Und weil sich das Lehramt selbst bestimmt hat, dazu bestimmt zu sein, dies tun zu können, zu sollen, und zu dürfen, stellt sich das Lehramt an die Spitze des Gottesvolkes. Deshalb könnten akademische Theolog:innen auch nicht das Gottesvolk repräsentieren und die Offenbarung verbindlich auslegen.

Was wahr ist, ist dem Lehramt vorbehalten, Theolog:innen dürfen nur unterstützend mitwirken. Daraus zeigt sich eine kritische Distanz gegenüber den Intellektuellen, die typisch populistisch ist. Zugespitzt möchte das Lehramt damit vielleicht sagen: „Wir – und nur wir – repräsentieren das wahre Volk“.9

Theologisch muss man daraus schlussfolgern: das Lehramt darf niemals den mit Auslegungskompetenz verbundenen Alleinvertretungsanspruch haben.

Rechtspopulismus und Offenbarung: Perspektiven

Angesichts der Bedrohung, die der Rechtspopulismus darstellt, ist jetzt nicht die Zeit, den Kopf in den Sand zu stecken. Man muss sich dem Rechtspopulismus entschieden entgegenstellen. Da sich im Offenbarungsbegriff der Kirche ebenfalls rechtspopulistische Narrative verbergen, muss über einen neuen Offenbarungsbegriff nachgedacht werden. Dazu zum Abschluss fünf Thesen:

1. Die Offenbarung kann in ihrem historischen Geworden-Sein rekonstruiert werden und somit nicht Garant für eine unhistorische ‚Tradition‘ sein.

2. Die Offenbarung ist nur eine Interpretation des Lebens Jesu als Selbstoffenbarung Gottes, die auch falsch sein kann.

3. Die Offenbarung kann nie die eine Wahrheit beinhalten, weil der Wahrheitsbegriff subjektiv entfaltet wird.

4. Die Offenbarung setzt bei einer Pluralität von Menschen und ihren Interpretationen an und nicht bei der verbindlichen Auslegung des kirchlichen Lehramts.

5. Die Offenbarung, die von der Vernunft unreflektierten Gehorsam verlangt, muss abgelehnt werden.


#RechtspopulismusOffenbarung

Beitragsbild: Nikola Ancevski

1 Vgl. Nothelle-Wildfeuer, Ursula; Striet, Magnus (Hgg.), Katholischer Rechtspopulismus. Die Kirche zwischen Antiliberalismus und Verteidigung der Demokratie (Katholizismus im Umbruch Bd. 15). Freiburg 2022. Ebenfalls erwähnenswert ist Lob-Hüdepohl, Andreas, Katholische Kirche und Rechtspopulismus. In: Sehmer, Julian; Simon, Stephanie; et al. (Hgg.), Recht extrem? Dynamiken in zivilgesellschaftlichen Räumen. Wiesbaden 2021, 87-105.

2 Priester, Karin, Wesensmerkmale des Populismus (Aus Politik und Zeitgeschichte 62/5-6, 2012), 3-9, 4.

3 Priester, Karin, Wesensmerkmale des Populismus (Aus Politik und Zeitgeschichte 62/5-6, 2012), 3-9, 5.

4 Herms, Eilert, Freiheit und Wahrheit nach Veritatis Splendor und Fides et Ratio. In: Ders.; Žak, Lubomir (Hgg.), Grund und Gegenstand des Glaubens nach römisch-katholischer und evangelisch-lutherischer Lehre. Theologische Studien. Tübingen 2008, S. 235-250, 244.

5 Wendel, Saskia, …nichts als die (unumstößliche) Wahrheit? Warum Glaubensüberzeugungen nicht „ewig wahr“ und doch nicht relativistisch sind. In: Werner, Gunda; Dies.; Scheiper, Jessica (Hgg.), Ewig wahr? Zur Genese und zum Anspruch von Glaubensüberzeugungen (QD 331). Freiburg 2023, S. 98-109, 103.

6 Striet, Magnus, Sensus fidei und Populismus. In: Nothelle-Wildfeuer, Ursula; Ders. (Hgg.), Katholischer Rechtspopulismus. Die Kirche zwischen Antiliberalismus und Verteidigung der Demokratie (Katholizismus im Umbruch Bd. 15). Freiburg 2022, 48-70, 49.

7 Internationale Theologische Kommission (2014), 7.

8 Müller, Jan-Werner, Was ist Populismus? Ein Essay. Berlin 2016, 19.

9 Müller, Jan-Werner, Was ist Populismus? Ein Essay. Berlin 2016, 26.

David Bayer

David Bayer studiert katholische Theologie und Latein an der Universität Freiburg und arbeitet als studentischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und Philosophische Anthropologie.

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