Im April erschien die Arte-Dokumentation „Frauen im Priesteramt – Verbotene Berufung“ mit der Theologin Jacqueline Straub, die sich selbst zur Priesterin berufen fühlt. Unser Redaktionsmitglied Lia hat ihr ein paar Fragen zu den aktuellen Kontroversen um das Priestertum der Frau* in der röm.-katholischen Kirche gestellt.

y-nachten.de: Liebe Jacqueline, die Frage nach dem Priestertum der Frau wird in der katholischen Kirche nach wie vor kontrovers diskutiert. Welche Argumente begegnen dir am häufigsten? Was antwortest Du darauf?

Jacqueline Straub: Die klassischen Argumente sind, dass Jesus ein Mann war und er nur Männer in seine Nachfolge berufen hat. Zudem, dass die Tradition keine Priesterinnen kennt. Diese Argumente gegen das Frauenpriestertum hat Papst Paul VI. in „Inter Insigniores“ verlautbaren lassen und wurden im Jahr 1994 von Johannes Paul II. in „Ordinatio Sacerdotalis“ wiederholt. Jesus war ein Mann, ja. Aber an Weihnachten feiern wir die Menschwerdung Gottes und nicht die Mannwerdung. Das Christentum sagt ganz klar, dass alle Menschen erlöst sind – nicht nur der Mann. In den Evangelien lesen wir die Berufung der Zwölf. Diese Bibelstellen verwendet das katholische Lehramt als Argument gegen das Frauenpriestertum. Doch: Jesus hat 12 jüdische Männer in seine Nachfolge berufen. Es sind drei Kriterien, die nur zusammen funktionierten, denn Jesus wusste, dass wenn er die Menschen, zu denen er sich gesandt gefühlt hat, erreichen will, muss er Symbole verwenden, die alle verstehen. Hätte er sechs Frauen und sechs Männer zu seinen Jünger*innen berufen, hätten die Menschen es nicht verstanden, ebenso wenig, wenn er Heiden zur Gruppe hinzugefügt hätte. Die Zwölf stehen symbolisch für das Volk Israel. Doch heute sind in der katholischen Kirche die Priester weder jüdisch bevor sie zur katholischen Kirche konvertieren (Ausnahmen gibt es sicherlich), noch sind es nur 12. Und zum Traditionsargument: Die frühe Kirche war sehr fluid. Es gab Gemeinden, in denen Frauen gleichberechtigt wurden und am Altar standen – auch über die ersten zwei Jahrhunderte hinaus. So empörte sich Papst Gelasius I. im Jahr 494 in einem Schreiben darüber, dass Frauen an den „heiligen Altären“ stehen und zelebrieren dürfen. Er sprach ein Verbot aus, was ein Hinweis auf eine bestehende Gegebenheit ist.

y-nachten.de: Du schreibst seit 15 Jahren Briefe an den Papst. Was war deine Motivation, direkt an das Kirchenoberhaupt zu schreiben? Was erhoffst Du dir von diesem Dialog, auch im Rückblick?

Jacqueline Straub: Ich finde, dass der Vatikan wissen muss, dass es Frauen gibt, die eine Berufung zur Priesterin spüren. Mir ist natürlich bewusst, dass diese Briefe nicht auf dem Schreibtisch vom Papst landen. Aber vielleicht kann ich dadurch ja bei denen bewirken, die meine Briefe lesen und antworten. Das wäre zumindest schön. Ich hoffe natürlich, dass ich nicht die einzige bin, die immer mal wieder Briefe schreibt. Denn wenn viele berufene Frauen aus allen Ländern der Welt beginnen würden regelmäßig Post an den Vatikan zu schicken, könnten sie ihre Augen nicht mehr davor verschließen und sagen, dass es sich um ein paar „Spinnerinnen“ handelt.

y-nachten.de: Du hast mit Vertretern des Vatikans über das Frauenpriestertum gesprochen – Was waren die prägendsten Momente in diesen Gesprächen? Gab es Aussagen, die dich besonders nachdenklich gemacht haben?

Jacqueline Straub: Im Gespräch mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller sagte er, dass es ein „Irrtum“ sei, wenn Frauen sich zu Priesterinnen berufen fühlten. Er meinte, dass Christus keine Frauen zum priesterlichen Dienst berufen könne. Es liege in der sakramentalen Natur der Kirche. Als ich ihm von meiner Berufung erzählte und ihn fragte, ob ich denn geistig verwirrt sei, hat er nicht darauf geantwortet. Das könne er nicht beurteilen, er sei kein Psychologe. Überrascht hat mich diese Aussage nicht. Was mich erstaunt hat, war, dass es mich kaum getroffen hat. Das lag vermutlich daran, dass ich in der Vergangenheit schon etliche solche Aussagen hören musste und inzwischen gar „immun“ bin. Solche Ausführungen sagen viel über das Menschenbild des Gegenübers aus.

Was mich aber hoffnungsvoll gestimmt hat, war ein Gespräch mit Kardinal Jean-Claude Hollerich. Er hat mir signalisiert, dass er auch andere berufene Frauen kennt und er sich Frauen, die sakramental wirken, gut vorstellen könnte. Ich habe gehofft, dass er Papst werden würde. Auch, wenn mir klar war, dass er nicht als ersten Amtsakt Priesterinnen erlauben würde.

y-nachten.de: Du hast den Wunsch, römisch-katholische Priesterin zu werden – eine Berufung, die nach dem Kirchenrecht nicht möglich ist. Was bedeutet diese Berufung für dich?

Jacqueline Straub: Ich habe diese Berufung schon seit meiner Jugend und bin durch Höhen und Tiefen damit gegangen. Sie gehört zu meinem Leben – ich könnte es mir nicht vorstellen, sie nicht mehr zu haben. Obwohl es auch bei einer Berufung normal ist, dass es mal Wüstenzeiten gibt. Meine Berufung gibt mir die Kraft, mich für Menschenrechte in der Kirche einzusetzen. Und die Hoffnung treibt mich an, weiterhin laut zu bleiben.

y-nachten.de: Mit Blick auf den neuen Papst: Welche Hoffnung hast Du, dass sich zukünftig ein Weg für das Priestertum der Frau ebnet?

Jacqueline Straub: Papst Leo XIV. hat noch als Kardinal bei der Weltsynode von einer „Klerikalisierung der Frauen“ gesprochen und sich gegen Frauen in kirchlichen Ämtern ausgesprochen. Ich erwarte von ihm keine Änderung diesbezüglich. Aber ich hoffe, dass er die Synodalität vorantreibt, denn sie ist der Grundstein für weitere Reformschritte in der katholischen Kirche.

y-nachten.de: Wenn Du an die vielen Menschen denkst, die sich innerkirchlich für eine gerechtere, offenere, inklusivere Kirche einsetzen – welche Gedanken oder Ermutigungen möchtest Du Ihnen mit auf den Weg geben?

Jacqueline Straub: Ich hoffe sehr, dass all diese Menschen sich weiterhin für eine gerechtere, liebevollere und menschlichere Kirche einsetzen und sich nicht entmutigen lassen von verletzenden Aussagen des Vatikans oder von kirchlichen Vertretern. Dennoch: Es ist wichtig auch Pausen einzulegen. Denn sich für Menschenrechte innerhalb der Kirche einzusetzen, braucht einen langen Atem.

y-nachten.de: Was wünschst Du dir für die Zukunft der katholischen Kirche? Was müsste geschehen, damit sich wirklich etwas verändert?

Jacqueline Straub: Zum einen wünsche ich mir, dass weiterhin viele Menschen sich beherzt für die Kirche einsetzen. Zum anderen hoffe ich mir, dass die Amtsträger sich nicht vor Veränderungen verschließen, sondern immer wieder auf die Heilige Geistkraft hören und merken, dass berufene Frauen eine Bereicherung im priesterlichen Dienst wären. Es kann sich in der Kirche nur dann etwas verändern, wenn der Druck von den Menschen weiterhin vorhanden ist und die Basis immer wieder Reformen einfordert. Es braucht aber auch mutige Bischöfe, die dafür eintreten und schon jetzt Entscheidungen treffen, die zukünftige Reformen erleichtern.

Hashtag der Woche: #FrauenimPriesteramt


(Beitragsbild: Jacqueline Straub privat)

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