Junge Theologinnen von Teologanda und AGENDA konnten diesen Juni in Wien ihre Verbundenheit vertiefen: Letztes Jahr durften drei Mitglieder der Jungen AGENDA in Buenos Aires zu Gast sein (Mirijam Salfinger berichtete für y-nachten: caminando juntas — von Aufbrüchen und Widerständen). Nun sind dieses Jahr sechs Argentinierinnen zum Workshop Befreiende kontextuelle Theologien und weiteren Veranstaltungen nach Österreich gereist. Hier teilen sie, was sie bewegt und beeindruckt hat.

Es war eine einprägsame Erfahrung für uns, als wir im März 2024 die Kolleginnen der Jungen AGENDA in Buenos Aires empfangen und ihnen Einblicke in unsere Lebensrealität als Theologinnen in Argentinien geben konnten. Umso größer war die Freude über die einmalige Gelegenheit, dieses Jahr einen Gegenbesuch machen zu können: Auf Einladung des Instituts für Systematische Theologie und Ethik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien haben wir im Juni dieses Jahres an einer Reihe akademischer Aktivitäten teilgenommen. Wir, das sind Argentinierinnen der Gruppe Emergentes (junge Generation bei Teologanda). Wir sind fünf Theologinnen, María Belén Moya, Julieta Pulpeiro, María Celeste Palladino, Marcela Pérez, Natalí Luque, und eine Expertin für Psychopädagogik, Andrea Villasboa. Gemeinsam mit vier weiteren Stipendiatinnen aus Mexiko, El Salvador und Guatemala (Brenda García, Cinthia Méndez Motta, Sarai Bautista Mulia und Priscila Barredo-Pantí) haben wir drei fachlich wie persönlich intensive Wochen in Österreich .

Unsere Gedanken teilen – ein Privileg

Wir haben es als Privileg empfunden, als Referentinnen beim 9. Workshop Befreiende kontextuelle Theologien zum Thema „Körper(lichkeit): Locus theologicus – Lebensrealität – Territorium“ unsere Überlegungen teilen zu können. Bei der CEEPUS Summer School „The Role of Culture and Religion for Bioethics“ konnten wir multikulturelle Erfahrungen machen undProfessor*innen sowie Studierenden aus verschiedenen Ländern persönlich begegnen. Wir lernten alternative Wege der Entwicklung wissenschaftlicher Positionen in aktuellen Debatten über Theologie, Ethik und Kultur kennen und hatten die Möglichkeit, gemeinsam mit Martina Bär, der Vorsitzenden von AGENDA, und Antonina Wozna einen Studientag an der Universität Graz zu verbringen. Es war für uns besonders bereichernd zu erfahren, welche Fortschritte im Bereich Gender Studies dort durch den Fakultätsschwerpunkt zur Theologischen Frauen- und Geschlechterforschung seit über 30 Jahren gemacht werden. So wurden nicht nur unsere theologischen Perspektiven erweitert, sondern wir konnten uns mit Themen auseinandersetzen, die in Lateinamerika noch nicht vertieft erforscht .

Es war für uns besonders bereichernd zu erfahren, welche Fortschritte im Bereich Gender Studies dort durch den Fakultätsschwerpunkt zur Theologischen Frauen- und Geschlechterforschung seit über 30 Jahren gemacht werden. So wurden nicht nur unsere theologischen Perspektiven erweitert, sondern wir konnten uns mit Themen auseinandersetzen, die in Lateinamerika noch nicht vertieft erforscht .

Befreiende kontextuelle Theologien

Der Workshop Befreiende kontextuelle Theologien findet seit 2008 statt und möchte seitdem ein Forum bieten für den Dialog verschiedener theologischer Perspektiven mit sozialem und/oder politischem Fokus, insbesondere aus Lateinamerika und Europa. Das für die neunte Veranstaltung gewählte Thema waren Körper und Körperlichkeit. Dieses Themenfeld stellt für eine heutige Theologie, die weltweit in politische Debatten eingebunden ist, eine immer größere Herausforderung dar, da einerseits dogmatische und repressive Positionen zu Sexualität und Geschlechtsidentitäten innerhalb von Religionsgemeinschaften und christlichen Kirchen unverändert aufrechterhalten werden und andererseits der Einfluss rechtspopulistischer Bewegungen stark zunimmt, die ausgrenzende Sichtweisen fördern, die zu Rückschritten führen, wie die Organisator*innen im Programm des Workshops betonen. Aus Perspektive der feministischen Theologie fordert uns dieses Szenario zutiefst heraus: Wir sind gefragt, die Strukturen, die versuchen, das Schweigen über und die Unterordnung von verschiedenen Körpern in unseren Gemeinschaften aufrechtzuerhalten, zu benennen, ihnen zu widerstehen und sie zu verändern.

Wir sind gefragt, die Strukturen, die versuchen, das Schweigen über und die Unterordnung von verschiedenen Körpern in unseren Gemeinschaften aufrechtzuerhalten, zu benennen, ihnen zu widerstehen und sie zu verändern.

Ziel des Workshops war es, anhand der verschiedenen Präsentationen zu erörtern, welchen Beitrag die in unterschiedlichen Kontexten entwickelten Theologien leisten können: in Bezug auf den gemeinsamen Kampf gegen Anti-Genderismus und Anti-Feminismus sowie für die Selbstbestimmung über Körper und über Territorien. Aus theologischer Perspektive waren die Überwindung anthropologischer Dualismen, Idealisierungen von Körpern und die grundsätzliche Frage, welchen Körpern und Lebensformen ein Existenzrecht zugesprochen wird, Thema. Dabei waren wir von den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den Realitäten in Österreich und Argentinien gleichermaßen . Trotz der großen wirtschaftlichen und sozialen Differenzen konnten wir in Bezug auf Debatten über die symbolische Konstruktion des perfekten Körpers und darüber, welche Körperlichkeiten Anerkennung verdienen, einen Dialog auf Augenhöhe führen. Allerdings finden solche Themen in Argentinien insbesondere im katholisch-akademischen Kontext noch nicht in offiziellen Settings statt, wie wir es in Österreich erlebt haben, sondern werden nur außerhalb dieser Sphäre bearbeitet, beispielsweise aus feministischer Sicht in den Theologinnen-Gruppen bei Teologanda.

Die Reflexionen beim Workshop blieben nicht auf den theologischen Bereich beschränkt: Es ging auch um die unmittelbaren Auswirkungen darauf, wie gesellschaftliche Normen konstruiert, wie Systeme aufrechterhalten werden und wem Würde zu- oder abgesprochen wird. Auf diese Weise über Körper nachzudenken – gerade über solche, die seit jeher zum Schweigen gebracht oder marginalisiert wurden und werden – brachte uns dazu, gesellschaftliche Grundsätze zu überdenken. Die Auseinandersetzung mit anderen kulturellen Kontexten ermöglichte es uns zudem, unsere Perspektiven zu erweitern und neue Nuancen in die Konzepte zu integrieren, mit denen wir .

Gemeinsam unterwegs sein, gemeinsam denken: Theologische Begegnungen mit feministischen Stimmen

Während des Workshops konnten wir inspirierende Vorträge von Theologinnen hören, deren Bücher und Artikel wir kannten – nun hatten wir die einmalige Gelegenheit, sie persönlich zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Ihre Keynotes haben uns besonders berührt. Lisa Isherwood schlug mit ihrem Vortrag „Love your Body and Resist“ eine kritische Reflexion darüber vor, wie Körper historisch durch religiöse Diskurse diszipliniert wurden und wie körperliche Selbstliebe zu einer Form des Widerstands gegen Narrative werden kann, die Schuld und Kontrolle aufrechterhalten wollen. Ihre Perspektive lud uns dazu ein, den Körper aus einer inklusiven und befreienden Sichtweise heraus neu als einen Raum inkarnierter Spiritualität zu verstehen. Geraldina Ulloa Céspedes wiederum sprach in ihrem Vortrag „Body-Territory and Territory-Earth in Latin America: An Approach from an Ecofeminist Perspective“ über die Verbindungen zwischen Körpern, angestammten Territorien und Umweltzerstörung im lateinamerikanischen Kontext. Aus einer ökofeministischen Perspektive zeigte sie, wie die Kämpfe um territoriale Rechte und körperliche Autonomie eng miteinander verwoben sind und wie eine lateinamerikanische Spiritualität die ethische Verpflichtung gegenüber der Erde und den Völkern, die sie bewohnen, fördern kann. Unter dem Titel „Embodiment Choreopolitics: Learning Theology through Disruptive Dancing Bodies“ eröffnete Ángel Francisco Méndez Montoya neue Perspektiven auf die spirituelle und politische Widerstandskraft tanzender Körper.

Antonina Wozna und Martina Bär wiederum brachten ihre Perspektiven auf die Themen ökologischer Zugänge zu Transgender-Körpern, Identitäten und Natur beziehungsweise verletzliche Körper im Kontext von Prostitution und der Frage nach Selbstbestimmung ein. Damit sprachen sie Themen an, die neue Türen öffnen, zum einen das umweltethische Denken bereichern und zum anderen soziale Gerechtigkeit, Autonomie, Verletzlichkeit und Fürsorge miteinander verbinden.

Damit sprachen sie Themen an, die neue Türen öffnen, zum einen das umweltethische Denken bereichern und zum anderen soziale Gerechtigkeit, Autonomie, Verletzlichkeit und Fürsorge miteinander verbinden.

Stränge des Widerstands

Schließlich kamen auch Stränge des Widerstands zur Sprache: Edith Wittenbrink untersuchte unter dem Titel „Resistant Bodies – Communities of Solidarity“, wie kommunitäre Feminismen Werkzeuge bereitstellen, um eine rassismuskritische Theologie zu entwickeln. Und Mirijam Salfinger trug in ihrem Vortrag „Connected (within) Bodies: Interrelatedness as Human Condition and Condition of Life“ Erkenntnisse aus ihrer entstehenden Doktorarbeit vor und ging auf den Begriff der Verbundenheit als zentrales theologisches Prinzip ein.

Am Ende  möchten wir betonen, wie wertvoll dieser Raum für uns war: Wir haben Zugang zu theologischen Entwürfen erhalten, die in sehr unterschiedlichen Kontexten entwickelt wurden, und konnten so die Herausforderungen verstehen, denen andere Theolog*innen sich stellen. Für uns war es äußerst bereichernd, dadurch eine theologische Praxis mitzuerleben, in der durch das Einbeziehen verschiedener Methoden und Perspektiven ein interdisziplinärer Dialog vielfältiger kontextueller Theologien entsteht.

Ein Dank zum Schluss

Wir möchten besonders den Workshoporganisator:innen Mirijam Salfinger, Gunter Prüller-Jagenteufel, Linda Kreuzer und Magdalena Andrea Kraus für die Initiative sowie Sigrid Müller und Claudia Bernal Diaz vom Fachbereich für Theologische Ethik für die Unterstützung im Rahmen des 9. Workshop Befreiende kontextuelle Theologien zum Thema „Körper(lichkeit): Locus theologicus – Lebensrealität – Territorium“ und dem dreiwöchigen Rahmenprogramm danken. Martina Bär, der Vorsitzenden von AGENDA, und Antonina Wozna möchten wir für den gemeinsamen Studientag an der Universität Graz danken. Als Vertreterinnen der AGENDA sei beiden auch für die theologische Vertiefung der Dialoge mit der Teologanda gedankt.

#theologinnenvernetzt

Beitragsbild: Teologanda

teologanda emergentes

ist die Gruppe der jungen Generation bei Teologanda. Der Name bezieht sich auf etwas, das neu entsteht bzw. neu „auftaucht“ (emerger). Dieses Auftauchen verweist auf eine Bewegung, die aus einem gemeinsamen Ursprung hervorgeht: unser gelebtes und geteiltes Miteinander, das unser theologisches Nachdenken trägt und inspiriert. Die Stiftung Teologanda ist ein Zusammenschluss argentinischer katholischer Theologinnen, die studieren oder in unterschiedlichen theologischen Arbeitsfeldern tätig sind. Wir stehen im Austausch mit Theologinnen anderer Konfessionen und Expertinnen aus verschiedenen Disziplinen. In Studiengruppen, Publikationsprojekten und Bildungsveranstaltungen organisieren wir gemeinsame Forschungsprozesse. Zur Förderung von Studentinnen bietet Teologanda regelmäßig Seminare und Mentoring an und stellt eine Bibliothek sowie weiteres Arbeitsmaterial zur Verfügung.

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