Während in Europa ein immer größer werdender Rechtsruck durch alle Parlamente geht, stellen sich Christina Bartholomé, Clemens Kannegießer und Laura Schlösser die Frage, was Menschen in der Kirche angesichts dieser Entwicklung tun können.

Rechte Tendenzen gewinnen zunehmend an Stimmen. Nicht selten beziehen sich die sogenannten Neuen Rechten sowie gesichert rechtsextreme Gruppierungen und Parteien im Allgemeinen dabei auf das Christentum, christliche Werte oder das christliche Abendland und versuchen, diese Begriffe für sich zu nutzen und sich teilweise sogar als vermeintlich christlich handelnd darzustellen. Allein das ist Grund genug, theologisch nicht nur einen Blick auf aktuell zunehmende rechtsextreme Äußerungen in Politik und Gesellschaft zu werfen, sondern mehr noch, theologisch Stellung zu beziehen gegen das „Erstarken von Rechts“.

Unter diesem Thema fand daher im März ein Workshop- und Austauschabend des Netzwerks #KircheVonMorgen statt. Die Teilnehmenden tauschten sich darüber aus, wie rechte Positionen entstehen, wie theologisch dagegen argumentiert werden kann und wie wir in der Kirche selbst aktiv werden können.

Demonstrationen sind sinnvoll, aber reichen nicht aus

Nachdem das Magazin Correctiv über das rechtsextreme Geheimtreffen in Potsdam im vergangenen Jahr berichtet hatte1, an dem auch zahlreiche AfD-Politiker teilgenommen haben, sind in allen deutschen Städten tausende Menschen auf die Straßen gegangen. Zusammenfassend betont Referent Philipp Ackermann von der Katholischen Erwachsenen- und Familienbildung im Bistum Essen, diese Demonstrationen seien sinnvoll, reichen aber nicht aus. Er plädiert dafür, nach den Ursachen für die rechten Bewegungen zu fragen und längerfristige Maßnahmen vorzunehmen. Er weist darauf hin, dass rechte Bedrohungen schnell unterschätzt und die Auseinandersetzung mit rechten Politiker*innen häufig vermieden werden.

Philipp Ackermann macht deutlich: Rechtsextremismus ist kein neues und auch kein Randphänomen. Den rechten Bewegungen liegen Einstellungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zugrunde, die sich in allen gesellschaftlichen Gruppen finden. Sie kommen auch nicht erst durch bestimmte Parteien in die Welt, sondern sind bereits da. An dieser Stelle müssen wir im Kampf gegen Rechtsextremismus ansetzen.

Demokratische Strategien gegen Rechts

Zur Etablierung menschenfeindlicher Positionen können verschiedene ökonomische, soziale und politische Faktoren beitragen. An diesen Faktoren müssen demokratische Gegenstrategien anknüpfen. Mehr Teilhabe an demokratischen Prozessen und die Entwicklung von Zukunftsperspektiven kann Ängsten vor Kontrollverlust und dem Gefühl, politisch nicht repräsentiert zu sein, entgegenwirken. Die Angst vor sozialem Abstieg kann durch soziale Sicherheiten abgefedert werden.

Theologische Argumente gegen Rechts

Viel zu oft werden allein christliche Werte in Zusammenhang mit rechtsextremem Gedankengut unter anderem gar genutzt, um gegen Religionen abseits des Christentums und alle Menschen, die sich jenen Religionen zugehörig fühlen, zu hetzen. Das darf aus theologisch-christlicher Sicht nicht unkommentiert bleiben. So hält der Theologe Christhard Wagner richtig fest, dass ein christliches Menschenbild hier als ein menschenfreundliches verstanden werden darf und muss, und wir als Christ*innen damit gar nicht neutral sein können.2
Noch wichtiger als der Bezug auf inhaltliche Äußerungen, ist es also, nicht wegzuschauen, wenn Menschen und ihre Würde angegriffen werden. Denn, wollen wir dieses menschenfreundliche Bild stärken, kann es uns nicht egal sein, wenn ganze Personengruppen aufgrund von Kategorien wie Herkunft, Hautfarbe, Religion etc. diskriminiert, bloßgestellt, entwürdigt oder entmachtet werden. Wir dürfen es nicht verpassen, hierbei einzuschreiten und dagegenzuhalten – gegen den Hass, gegen Diskriminierung jeglicher Form, gegen alles, was einen Menschen im negativen Sinne treffen kann. Und dazu gehören auch rechtsextreme und -populistische Aussagen jeder Art.3

Soweit die Theorie, doch in der Praxis kann so eine Konfrontation eine ziemliche Herausforderung sein, besonders wenn sie erfolgreich sein soll. Weil es aber umso wichtiger ist, haben wir genau das mit in unseren Workshop rund um „Theologische Argumente gegen Rechts“ genommen. Dabei haben wir uns angeschaut, welche Haupt- und Einzelnarrative besonders häufig in rechtsextremen Aussagen auftauchen, wie man sie (theologisch) beantworten kann und wie wichtig die Beziehungsebene bei solchen Diskussionen ist. Bei den Narrativen geht es speziell darum, dass ein „Wir-Gefühl“ ausgedrückt wird, das jedoch nur einer ganz bestimmten Gruppe zukommen soll, die sich in der Regel als deutsche, weiße, europäische, (vermeintlich) christliche Gemeinschaft sieht und ganz bewusst Menschen ausschließt, die mit genau dieser Beschreibung nicht übereinstimmen. Schlimmer noch: „Die Anderen“ werden dann als Feindbild gesehen und angegriffen. Genau dem gilt es gesellschaftlich entschlossen mit Menschlichkeit und theologisch mit einem unmissverständlich menschenfreundlichen Menschenbild entgegenzutreten.

Aktiv werden

Für ein Beispiel proaktiven Handelns entgegen diskriminierender Strukturen innerhalb der römisch-katholischen Kirche steht die Gruppe offen.katholisch4 aus dem Bistum Dresden-Meißen, welche einen offenen Raum dafür bot, sich über verschiedenste Möglichkeiten, in der Kirche aktiv zu werden, auszutauschen. Die Aktionsgruppe, die mit offenen Briefen an Bischof Heinrich Timmerevers und später an Papst Franziskus bekannt geworden war5, hatte Sticker mit dem Slogan „Unser Kreuz hat keine Haken“ produziert und damit geworben, sich klar gegen Rechtsextremismus zu positionieren. Es wurden außerdem andere Aktionen und Initiativen zur Inspiration vorgestellt. Im Austausch wurde deutlich: Viele beschäftigt der Zwiespalt, inwiefern man sich von diskriminierenden Personen auch innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft klar abgrenzen muss und bis zu welchem Punkt und anhand welcher Faktoren man den Dialog miteinander tragen kann und sollte. Besonders mit Blick auf die Liebe Gottes, die wir als Christ*innen jedem Menschen entgegenbringen sollten, stellt sich die Frage, wie auch in kirchlichen Kontexten gleichzeitig ein Ausgrenzen und Angreifen von Menschen geschieht, obwohl das  christliche Menschenbild dies doch vehement ablehnt. Hierbei tat es gut, sich zu vernetzen und mit diesen schwierigen Fragen in einen Austausch zu kommen.

Vernetzt Bleiben

Als Netzwerk #KircheVonMorgen wollen wir verschiedene Reforminitiativen zusammenzubringen, um unsere Energie für Veränderungen in der Kirche zu bündeln. Wir möchten auf Diskriminierungen innerhalb kirchlicher Strukturen aufmerksam machen und mit anderen Menschen einen Safer Space bilden und erleben.

Wenn ihr Ideen einbringen möchtet oder an Treffen interessiert seid, dann meldet euch gerne unter kirchevonmorgen@mail.de. Der nächste digitale Austauschabend ist nach dem Katholikentag geplant. Das nächste Treffen in Präsenz zum Thema „jung.christlich.queer“ wird vom 20. bis 22. September 2024 in Neckarelz stattfinden.

Bericht über das Netzwerktreffen: https://y-nachten.de/2023/07/viele-kleine-eine-grosse-das-vernetzungswochenende-kirchevonmorgen/

Mehr Infos zum Vernetzungstreffen findet ihr hier: https://junge-erwachsene.org/detail/nachricht/id/186346-jung-christlich-queer/?cb-id=12141163

Hashtag der Woche: #UnserKreuzHatKeineHaken


Beitragsbild: Foto von Markus Spiske

1 Correctiv – Recherchen für die Gesellschaft, Neue Rechte, Geheimplan gegen Deutschland, https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/.

2 Mit Populisten diskutieren? – Erfahrungen im Umgang mit Diskussionsveranstaltungen. Eine Pro- und Kontra-Debatte, Frank Hiddemann, Christhard Wagner, https://oek-akademie-gera.de/wp-content/uploads/2019/01/Broschuere-NaechstenliebeverlangtKlarheit-2Aufl2019-HiddemannWagner.pdf.

3 „Impulse für den Umgang mit Rechtspopulismus im kirchlichen Raum“, Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche & Rechtsextremismus,  https://www.demokratie-leben.de/magazin/magazin-details/rassismus-schadet-der-seele-rechtspopulismus-in-der-kirchengemeinde-entgegentreten-177.

4 Mehr über die Initiative offen.katholisch unter: https://www.bistum-dresden-meissen.de/aktuelles/offen-katholisch oder https://www.instagram.com/offen.katholisch/.

5 https://www.junges-bistum-ddmei.de/dekanat-chemnitz/offener-brief/offener-brief.

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laura schlösser

studierte im Erststudium Angewandte Theologie in Freiburg i. Br. und schließt aktuell den Magisterstudiengang Katholische Theologie in Tübingen an. Sie möchte eine Theologie für Gegenwart und Zukunft stärken, die für und mit den Menschen denkt, lebt und arbeitet.

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