Entstehen im Schloss andere Theologien als im Versicherungsgebäude? Was wie eine gut konstruierte Einstiegsfrage in Unikontexten klingt, ist für Ellen Geiser gegenwärtig von praktischer Relevanz. Grund genug, der Frage mal ausführlich nachzugehen.

Das Hauptgebäude der Universität Bonn wird saniert. Alle müssen für ca. zehn Jahre raus. Die Katholisch-Theologische Fakultät ist daher aus einem alten Barockschloss in ein ehemaliges Versicherungsgebäude umgezogen. Vorher: Dicke Mauern, hohe Räume, gewendelte Treppen, verschnörkelte Geländer. Jetzt: Gläserne Fassaden, Palmen und Wasserbecken im überdachten Innenhof, lange, schmale Gänge und eine Dachterrasse. Statt die Kaffeepause auf der riesigen, von Bäumen gesäumten Wiese des Hofgartens zu verbringen, nun eine Dachterrasse mit Blick über die gesamte Innenstadt Bonns.

Aber was macht das eigentlich mit dem Denken, frage ich mich? Entstehen in einem Schloss andere Theologien als in einem Versicherungsgebäude?

Mein Arbeitsplatz ist ebenfalls umgezogen. Ein leerer Raum liegt vor mir. Standardmäßig werden solche Räume mit Schreibtischen, Bürostühlen, Regalen, Druckern und Rollcontainern bestückt. Dann noch Bücher, Papiere und ein bisschen individuelle Deko – fertig.

Ich denke darüber nach, was ich mit dem Raum machen will und was der Raum mit mir macht. Welche Dinge sollen hier Plätze bekommen? Welche nicht? Wie die Dinge platzieren? Wohin was ausrichten? Was soll der Raum eigentlich werden? Ein Büro? Ein Atelier? Ein Zimmer? Eine Werkstatt? Fertig?

Durch den Umzug ergeben sich Fragen

Wo und in welcher Umgebung werden Theologien gedacht? In Büros? Zu Hause am Schreibtisch? In der Bib? Auf dem Bett? Auf dem Flur? Auf der Couch? Beim Gehen? Unterwegs? In der Bahn? Im Café? Auf einer Dachterrasse? In Videokonferenzen? In der Küche?

In welchen Umgebungen werden Theologien gemacht? Denke ich anders, wenn neben mir eine Kanne Kräutertee steht? Was ändert sich, wenn die Aloe Vera auf meinem Schreibtisch im Frühsommer wieder zurück nach draußen kann? Will ich ein Foto von einer Person aufhängen? Von welcher? Habe ich genug Platz für meine Sachen?

Mit welchem Blick werden Theologien gemacht? Schaue ich auf eine weiße Wand? Aus dem Fenster? Was sehe ich, wenn ich vom Text aufschaue? Bin ich auf der Straße oder in der hintersten Ecke eines Cafés? Kann ich große Teile der Stadt überblicken oder hängt vor mir ein Poster meiner Lieblingsband?

Worauf werden Theologien produziert? Welche Gedanken formuliere ich mit Stift auf Papier? Welche auf dem Rechner? Welche kritzle ich auf die Rückseite von Einkaufszetteln? Welche Denkmöglichkeiten eröffnen sich durch eine große Pinnwand? Welche Gedanken schicke ich mir selbst per Sprachnachricht?

Der Ort macht einen Unterschied

Es macht einen Unterschied, ob ich am WG-Küchentisch schreibe, in der Bahn lese, am Büroschreibtisch nachdenke oder im Bett über Ideen grüble. Es macht einen Unterschied, ob ich einen guten Stuhl habe, auf dem ich sitzen kann, ob ich jeden Abend meine Arbeitssachen wegräumen muss, um Platz für das Abendessen zu machen, ob ich eine Stunde mit den Öffis zur Bib fahren muss, um Bücher auszuleihen, ob ich einen gut funktionierenden Rechner und stabiles Internet habe, ob mir warm genug ist; ob es eine für mich verfügbare Toilette in der Nähe gibt; aber vielleicht auch, ob die Aloe Vera neben mir steht oder nicht …

Viele dieser Umstände sind nur bedingt von Einzelpersonen beeinflussbar.

Welche Ressourcen mir (und meinem Denken) zur Verfügung stehen, hat jede Menge mit Privilegien und ökonomischen Umständen zu tun. Und deswegen formuliere ich hier auch keine sieben Tipps, um deinen Arbeitsplatz schöner zu gestalten oder versuche dir einzureden, dass du mal wieder aufräumen solltest.

Nein, der Büroumzug stößt mich wieder darauf, dass die Umstände, unter denen Theologien entstehen, politisch sind – im Kleinen und im Großen:

Wem stehen welche Räume zur Verfügung? Für wen sind welche Räume zugänglich? Wer hat genügend Geld? Wofür? Woher? Wer putzt, kocht und wäscht? Wer macht Care-Arbeit? Wer jobbt abends noch in der Kneipe? Wer wird für’s Theologie machen bezahlt? Wer hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag? Wer wird im universitären Kontext diskriminiert? Wer hat vertraute Ansprechpersonen mit akademischer Ausbildung? Wessen kulturelles Kapital ist in universitären Kontexten verwertbar? Wer hat überhaupt Zugang zu universitärer Bildung?

Oder nochmal anders gewendet: Welche Theologien entstehen an Universitäten? Welche woanders? Welche Theologien entstehen aus eurozentrischen Sichtweisen? Welche im Kapitalismus? Welche im Patriachat? Welche angesichts rassistischer Realitäten? …

Das Verhältnis von Wissen und Macht

(Theologische) Wissensproduktion ist von diversen Machtverhältnissen strukturiert. So muss mit Johann B. Metz gefragt werden:

„Wer treibt – wann und wo – für wen und in welcher Absicht Theologie?“1

Dem Verhältnis von (theologischem) Wissen und Macht geht auch Judith Gruber nach. Sie hält fest, „dass eine Tendenz zur Ausblendung von Machtverhältnissen in der theologischen Wissensproduktion ein machtvolles Moment im deutschsprachigen Diskurs darstellt“2. Mit der Folge, dass die „radikale (d.h. bis in ihre Wurzel reichende) Interpretativität des theologischen Diskurses und seiner normativen Parameter“3 unsichtbar gemacht wird. Gruber veranschaulicht das mit dem Hinweis darauf, dass sich Politiken der Wissensproduktion beispielsweise in Berufungsverfahren oder Bibliotheksbeständen zeigen. Oder, so würde ich ergänzen, eben auch darin, wem welche Räume (nicht) zur Verfügung gestellt werden. Donna J. Haraway spricht in diesem Zusammenhang auch von situiertem Wissen.4 Der Begriff verdeutlicht, dass verschiedene Situationen und Positionen von Forschenden Einfluss auf die Wissensproduktion haben und dass also „Wissen auf jeder Ebene seiner Artikulation eine situierte Auseinandersetzung ist.“5

Und so lande ich zum Ende doch wieder in meinem/r Büro/Atelier/Werkstatt und zwar am Bücherregal. Welche Bücher stehen dort? Welche nicht? Von wem wurden sie geschrieben? Wann? Wo? Warum? Welches situierte Wissen fließt in mein situiertes Nachdenken ein?6 Und sollte ich nicht doch nochmal aussortieren, umsortieren und neue Bücher mitbringen? Und diese Praktik des Ordnens als Prozess zelebrieren? Immer wieder neu? Und wäre es nicht gut, daneben ein Poster mit einem Text von Donna Haraway aufzuhängen?

„Es ist von Gewicht, welche Gedanken Gedanken denken. Es ist von Gewicht, welche Wissensformen Wissen wissen. Es ist von Gewicht, welche Beziehungen Beziehungen knüpfen. Es ist von Gewicht, welche Welten Welten verwirklichen. Es ist von Gewicht, welche Erzählungen Erzählungen erzählen.“7

Hashtag der Woche: #umzugsgedanken


Beitragsbild: @allysphotos/ Unsplash Licence

1 Metz, Johann B., Zum Begriff der neuen Politischen Theologie. 1967-1997, Mainz 1997, 165.

2 Gruber, Judith, Wider die Entinnerung. Zur postkolonialen Kritik hegemonialer Wissenspolitiken in der Theologie, in: Nehring, Andreas/Wiesgickl, Simon (Hg.), Postkoloniale Theologien II. Perspektiven aus dem deutschsprachigen Raum, Stuttgart 2018, 23-37, 24.

3 Gruber, Judith, Wider die Entinnerung. Zur postkolonialen Kritik hegemonialer Wissenspolitiken in der Theologie, in: Nehring, Andreas/Wiesgickl, Simon (Hg.), Postkoloniale Theologien II. Perspektiven aus dem deutschsprachigen Raum, Stuttgart 2018, 23-37, 36.

4 Vgl. Haraway, Donna J., Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive, in : Dies. (Hrsg.), Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt 1995, 83-97.

5 Haraway, Donna J., Objekte als Akteure. Der Apparat der körperlichen Produktion, in : Dies. (Hrsg.), Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt 1995, 91-97, 95.

6 Vgl. dazu Suchhardt-Kroll, Verena, Wen zitiere ich (nicht)? Macht in der theologischen Wissensproduktion, 13.11.2019. https://www.feinschwarz.net/wen-zitiere-ich-nicht/ (abgerufen am 19.1.2024)

7 Haraway, Donna J., Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, Frankfurt 2018, 53.

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dr.in ellen geiser

ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt Transara. Sakralraumtransformation (DFG FOR 2733) in Verbindung mit dem Seminar für Pastoraltheologie, Katholisch-Theologische Fakultät an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Dissertationsprojekt: Geiser, Ellen, Wer zählt? Praktisch-theologische Fährten zwischen der Neuen Politischen Theologie und Judith Butler, Bielefeld 2024. [im Erscheinen]

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