Transgender ist in der medialen Öffentlichkeit und erst recht in Social Media ein Reizwort. Paul Draganoff hat Diskussionspunkte der diesjährigen Tagung der Association of Bioethicists in Central Europe (BCE) an der Universität Wien für uns zusammengefasst.

Nur wenige Diskurse rufen in der medialen Öffentlichkeit und erst recht in Social Media so viele Emotionen hervor wie der Begriff Transgender. Beim Thema Geschlechtsangleichungen gehen die Meinungen ebenso auseinander. All diese verschiedenen Sichtweisen und die Art und Weise, wie darüber diskutiert wird, waren Thema bei der diesjährigen Tagung der Association of Bioethicists in Central Europe (BCE), die in Kooperation mit dem Institut für Ethik und Recht (IERM) der Universität Wien stattfand. Unter dem Titel „Der Körper, in dem ich lebe“ befassten sich Vortragende aus verschiedenen Disziplinen mit Geschlechtsangleichungen im interdisziplinären Transgender-Diskurs.

Zunächst ist festzustellen, dass das, was man heute als Transgender bezeichnet, auch in der europäischen, christlich dominierten Kulturgeschichte kein neues Phänomen ist. So hat der evangelische Theologe Gerhard Schreiber etwa auf Abbildungen der „Heiligen Kümmernis“ oder auf Geschlechtsänderungen in historischen Taufbüchern hingewiesen. Aber auch die Unterscheidung von biologischem, sozialem und psychischem Geschlecht weisen nach heutigem Erkenntnisstand in sich nicht diese eindeutige Binarität auf, die im gesellschaftlichen Diskurs dominiert. Da in der EKD und in der Katholischen Kirche nur wenige Texte zu diesem Thema vorhanden sind, ist es nun umso mehr an der Zeit, sich damit auseinanderzusetzen.

Transgender aus medizinischer Sicht

Dabei ist auch auf die Begrifflichkeiten zu achten. Nachdem „Transsexualität“ bis zum (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ICD 11 vom 1. Januer 2022 als Krankheit klassifiziert wurde, wird heute v. a. von Transidentität, Transgender oder Geschlechtsinkongruenz und -dysphorie gesprochen. Aus medizinischer Perspektive hat der Spezialist für Transmedizin Florian Breitenecker zudem betont, dass Transgender die Einordnung des eigenen Geschlechts betrifft, und dies daher von der sexuellen Orientierung streng zu unterscheiden ist. Die vielfältigen Erklärungsansätze für Transgender deuten auf multifaktorielle Ursachen hin. Monokausale Deutungen sind daher zurückzuweisen. Die Transition erfolgt schrittweise durch soziale, hormonelle und chirurgische Eingriffe und wird vielfältig begleitet. Auch die übereinstimmenden ärztlichen und psychotherapeutischen Stellungnahmen, die vor einer Operation erforderlich sind und die für Betroffene oft eine Hürde darstellen, sind aus ärztlicher und auch rechtlicher Sicht erforderlich. Denn, wie der Jurist Karl Stöger vom IERM betont, können nur Heilbehandlungen solche teilweise schweren Eingriffe in den Körper rechtfertigen, da man ansonsten eine schwere Körperverletzung begehen würde. Da Transidentität aber keine Krankheit ist und es hierzu keine gesetzlichen Regelungen gibt, ist eine Einordnung als Heilbehandlung nur im Einzelfall möglich und musste durch Gerichtsurteile des OGH erst erstritten werden. Hierfür braucht es eben diese Stellungnahmen, die zudem auch die Sicherstellung der besten medizinischen Behandlungsqualität garantieren sollen.

Psychotherapeutische Sichtweisen: Ethik der Kongruenz

Um den Leidensdruck von betroffenen Personen zu beschreiben, ohne jedoch Transgender als Krankheit zu klassifizieren, vertiefte der Psychotherapeut und Leiter der Beratungsstelle COURAGE Johannes Wahala den Begriff der Geschlechterinkongruenz. Dieses Leiden an der Inkongruenz ist auch jene medizinische Indikation, die den Spagat schafft zwischen der überwundenen Klassifizierung als Krankheit und der weiteren Finanzierung durch die Krankenkassen. Des Weiteren ist jedoch das breite Spektrum, das zwischen der Geschlechterinkongruenz und der Diskrepanz des Selbst und den sozialen Geschlechterrollen zu beachten. Dies begründet für die Psychotherapeutin Cornelia Kunert1 die Notwendigkeit individueller Begleitung und erklärt auch, weshalb nur ein Bruchteil der Trans*-Personen den Weg der Geschlechtsangleichung beschreitet. Aus der langen Erfahrung in empfohlener psychotherapeutischen Begleitung von transidenten Menschen weist sie auch auf das Phänomen hin, dass sich durch die Einbettung des Körperbildes in das Selbstmodell eine Kongruenzdynamik entwickeln kann, sodass selbst Störungen wie Stottern, die schwer zu behandeln sind, verschwinden. Das führt sie zu einer Ethik der Kongruenz, die das für gut befindet, was eine Entfaltung des Daseins unterstützt und fördert und Sinnerfahrung ermöglicht, während das schlecht ist, was die Dynamik der Kongruenz behindert.

Sozialethische Überlegungen zum Thema Gender als polarisierendem Diskursfeld

Doch warum wird dieses Thema so emotional diskutiert? Liegt es daran, dass Gender als soziales Konstrukt unversöhnlich einem biologischen Essentialismus gegenübersteht? Doch warum emotionalisieren andere soziale Konstrukte wie Adoption, Staatsgrenzen oder Geld nicht ebenso sehr? Aus sozialethischer Perspektive geht der Philosoph Lukas Kaelin2 von der These aus, dass aufgrund des digitalen Strukturwandels der Öffentlichkeit ein sinnvoller Diskurs immer schwieriger wird. Durch Social Media ist die Filtermacht, die sonst bei den Redaktionen lag, nun auf die Nutzer*innen und die durch Algorithmen gestützte Personalisierung übergegangen. So sind Diskurse durch persönliche Betroffenheit und Emotionalität geprägt, die der Gradmesser für die Algorithmen sind. Hinzu kommt, dass Transgender tiefsitzende Überzeugungen geschlechtlicher Binarität hinterfragt, was wiederum emotionale Reaktionen auslöst, die auf Social Media verstärkt werden.

Zum Schluss: Und die Theologie?

Abschließen möchte ich mit einer interessanten Anfrage des katholischen Theologen Stephan Ernst, der die lehramtliche Argumentation zu diesem Thema analysierte. Man geht von einer natürlichen Ordnung der Welt aus. Diese beinhaltet aber auch die menschliche Natur als Einheit von Körper und Seele, in deren Körperlichkeit auch das männliche oder weibliche Geschlecht gehört. Eingriffe in die Natur sind nur rechtfertigbar, wenn es um die Opferung eines Teiles zum Wohle des ganzen Leibes geht. Demnach wäre eine Geschlechtsangleichung eine unerlaubte Veränderung der körperlichen Natur des Menschen. Doch könnte man nicht darin vielmehr die Opferung eines Teiles zum Wohle der ganzen Person sehen? Geht es nicht um eine Wiederherstellung der personalen Identität, also der Einheit von Leib und Seele?

Mit diesen Fragen zeigt sich, dass auch mit einer lehramtlichen Argumentation, dieses Thema nicht endgültig geklärt ist. Ich schließe aus dieser Tagung daher, dass zum einen ein respekt- und verständnisvoller Umgang mit dem Thema nicht unmöglich ist. Zum anderen muss man sich gleichzeitig den starken Emotionalitäten stellen, die solche Fragen positiv wie negativ hervorbringen, und dies im Diskurs beachten. Schließlich hat mir diese Tagung die Wichtigkeit gezeigt, Transgender Personen zu solchen Veranstaltungen einzuladen. Denn nicht nur für die Diskussion, sondern auf für das persönliche Verständnis hat es einen großen Unterschied gemacht, nicht über, sondern auch mit Trans*-Personen darüber zu sprechen.

 

Literatur:

1 Kunert, Cornelia, Sag mir nicht, wer ich bin! Über die Erste-Person-Perspektive und die Unbestimmbarkeit des Geschlechts, in: Maier-Höfer, Claudia / Schreiber Gerhard (Hgg.), Praktiken von Transdiskursen. Ein multidisziplinärer Zugang, Wiesbaden 2022, S. 45-66.

2 Kaelin, Lukas / Telser, Andreas / Hoppe, Ilaria (Hgg.), Bubbles & Bodies. Neue Öffentlichkeiten zwischen sozialen Medien und Straßenprotesten, Bielefeld 2021.

Weiterführende Literatur:

Schreiber, Gerhard (Hg.), Das Geschlecht in mir. Neurowissenschaftliche, lebensweltliche und theologische Beiträge zur Transsexualität, Berlin – Boston 2019.

Committee on Doctrine. United States Conference of Catholic Bischofs, Doctrinal Note on the Moral Limits to Technological Manipulation of the Human Body (20.3.2023), URL: https://www.usccb.org/resources/Doctrinal%20Note%202023-03-20.pdf [20.11.2023].

Hashtag der Woche: #transgender


Beitragsbild: @lenochka210292

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paul draganoff

ist Studienassistent am Fachbereich Theologische Ethik der Universität Wien und studiert dort Katholische Theologie.

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