Wie wird es sein, das Leben als Mensch in einer technisierten Zukunft? Diese Frage hat sich Martina Besler angesichts des diesjährigen Viennese Workshop on Theological Ethics gestellt und ihre Reflexionen in einem Beitrag zusammengefasst.

Seit es den Menschen gibt, ist dieser im Wandel – ständigen Veränderungen ausgesetzt. Es ist damit gar nicht so einfach, ein Bild des Menschen der Zukunft zu beschreiben, ohne die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass dieser sich auch ganz anders entwickeln könnte. Der diesjährige Viennese Workshop on Theological Ethics (WOTE) mit dem Titel „The Future Human Being“, welcher vom 26.09. – 27.09.2022 am Fachbereich Theologische Ethik an der Universität Wien stattgefunden hat, beschäftigte sich in einer Runde von internationalen Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen (Theologie, Philosophie, Recht, Wirtschaft, Arbeitsforschung, Informatik, Architektur, Medizin, etc.) mit dieser Thematik. Der Workshop wagte den Versuch, ein Bild des Menschen der Zukunft zu zeichnen. In diesem Beitrag werden nun wichtige Erkenntnisse daraus zusammengetragen.

Das digitale Menschenbild

Ich möchte gleich mit einem kritischen Blick beginnen, welcher sich besonders auf die Bestrebungen in der IT bezieht, die Sarah Spiekermann-Hoff (Wirtschaftsinformatik) in ihrem Workshop darstellte. In der IT wird nicht von Menschen, von Individuen gesprochen, sondern von Nutzer*innen (sic!) (engl. User), was zunächst einmal ein neutrales und geschlechtsloses Menschenbild aufzeigt. Der Mensch, welcher in seinem je eigenen kulturellen und sozialen Rahmen lebt, ist dabei nicht relevant. Über das Nutzer*innen-Sein hinaus werden Stellvertreterpersönlichkeiten (Personas) erschaffen, die nun unterschiedliche, marktbezogene Bedürfnisse und Ziele haben.

Das zugrundeliegende Menschenbild ist dabei äußerst negativ. So spricht Spiekermann-Hoff1 davon, dass der Mensch als passiver Empfänger digitalen Heils verstanden und gleichsam zum Kind degradiert wird. Es zeichnet sich ein verachtendes Bild des Menschen ab, der als Mängelwesen gilt. Aus einem solchen Menschenbild folgt, dass der Mensch verbessert werden muss (z. B. Cyborg) und die Prozesse rund um den Menschen automatisiert werden müssen (z. B. selbstfahrende Autos). Forschungen zum Einfrieren des Gehirns mit der Hoffnung, dieses, wenn die Technik weit genug ist, wieder aufzutauen und den Menschen damit unsterblich zu machen, sind nicht mehr bloßes Science-Fiction. Doch werden bei solchen Vorstellungen oft Annahmen getroffen, die fragwürdig und teilweise sogar bereits widerlegt sind: So wird davon ausgegangen, dass Körper und Geist voneinander trennbar sind und die Identität des Menschen aus statisch abrufbaren Erinnerungsdaten besteht, wie eine Festplatte mit gespeicherten Daten. Der Mensch wird dadurch insgesamt zum bloßen Informationsobjekt. Aus den von Spiekermann-Hoff aufgezeigten Problemen ergibt sich nun, dass Ingenieur*innen mit einem solch unrealistischem Menschenbild auch keine für den Menschen geeignete Technik entwerfen können. Statt die Einzigartigkeit des Menschen und dessen Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen, wird dieser in die technische Welt eingeordnet, wo er keine Kontrolle mehr hat.

Die Arbeitswelt von morgen

Etwas ausgeglichener und offener stellt sich die Situation bzgl. der zukünftigen Arbeitswelt dar. Mit Barbara Gerstenberger von Eurofound (Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen) wurde diskutiert, in welche Richtung das Leben der technisierten Zukunft gehen könnte und auch hier spielt die Digitalisierung, im weiteren Sinne verstanden, eine große Rolle. Sie wies darauf hin, dass der positive oder negative Nutzen von Digitalisierung mit deren Einsatz am Arbeitsplatz zusammenhängt. So kann die Digitalisierung dazu beitragen, den Menschen zu motivieren, aber auch abzuschrecken, zum Lernen anregen, aber auch passiv werden lassen, die Autonomie am Arbeitsplatz erhöhen, oder die individuellen Entscheidungsfindungen einschränken, der Arbeit mehr Sinn geben, aber auch Arbeitgeber*innen erschöpfen, die Sicherheit am Arbeitsplatz oder die Undurchsichtigkeit der Arbeitsprozesse erhöhen.

Virtuelle Medizin als Ergänzung zum persönlichen Ärzt*innen-Patient*innen-Kontakt

Spannende Entwicklungen zeigen sich auch im medizinischen Kontext. Bereits heute wird Telemedizin verwendet, um unabhängig davon, wo und wann sich ein*e Patient*in aufhält, medizinische Hilfe anzubieten. Auch Künstliche Intelligenz wird bereits eingesetzt (z. B. bei der Untersuchung von Muttermalen). Julia Welzel ging bei der Diskussion davon aus, dass sich diese digitale und virtuelle Komponente noch verstärken wird und Avatare von Menschen denkbar wären, die die Merkmale und Körperfunktionen des dazugehörigen echten Menschen darstellen sollen. Positiv hervorzuheben sind bei einer solchen Entwicklung die besseren Diagnosemöglichkeiten; auch Ressourcen, sowohl menschliche als auch dingliche, werden geschont. Nicht zu vergessen sind jedoch auch die negativen Aspekte: Hierbei spielt besonders das Ärzt*innen-Patient*innen-Verhältnis eine große Rolle. Der persönliche Kontakt nimmt durch die zunehmende Virtualisierung ab, was Ängste, Sorgen und Zweifel hervorrufen kann. Eine erfolgreiche Behandlung wird dadurch schwer möglich.2

KI – mehr als nur gezielte Werbeschaltung

Auch technologische Entwicklungen im Bereich der KI werden das Leben von uns Menschen künftig stark beeinflussen, wie der Informatiker Schahram Dustdar überzeugt ist. Dies zeigt sich beispielsweise bei der Nutzung von Google oder YouTube, bei welcher die Software und Werbeschaltung verknüpft werden und die damit weit mehr als nur die Auflistung von gewünschten Daten ist. Positive sowie negative Kritik zu dieser aktuellen Nutzung von KI im Bereich der Informatik gibt es bereits zur Genüge. Aber welche Rolle wird dies in Zukunft spielen? In dieser Diskussion erscheint es wichtig zu erwähnen, dass der Mensch aktiv daran beteiligt ist, was die KI vom Menschen lernt. Mobbing, Hasskommentare und der Fokus auf monetäre Systeme führen damit zu einer Förderung der KI in diese Richtung. Die Aufgabe besteht also darin, dass sich der Mensch darüber bewusst wird, welches Menschenbild er darstellen und verfolgen möchte, und danach muss er handeln.

Diese Konsequenz stellt zugleich die Quintessenz dieses Überblicks dar und kann als ein Ergebnis aus der Diskussionen des Workshops zum Thema „The Future Human Being“ gesehen werden: Der Menschen muss sich dessen bewusst werden bzw. sein, welche Abhängigkeiten zwischen ihm und seiner Umwelt, gerade auch mit Bezug auf technische Möglichkeiten, bestehen. Er muss sich klar werden, dass die Technik und die mit ihr verbundenen Interessen im besten Fall Hilfe darstellen, niemals aber die Autonomie des Menschen über sein Leben geschweige denn zwischenmenschliches Handeln ersetzen können.

Hashtag der Woche: #futurehumanbeing


(Beitragsbild: @agk42)

1 Für mehr Details zum Thema Mensch und Digitalisierung s. Spiekermann-Hoff, Sarah: Wer ist der Mensch im Zeitalter der Digitalisierung?, in: Die Furche (27/4. Juli 2019), S. 13-14.
2 Näheres dazu vgl. Welzel, Julia: Werden ärztliche Entscheidungen in Zukunft von der künstlichen Intelligenz übernommen?, in: Die Dermatologie 73/2022, S. 656-658.

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martina möstl

hat in Eichstätt und Wien Katholische Theologie studiert und arbeitete von 2019 bis 2022 als Universitätstassistentin (praedoc) am Institut für Systematische Theologie und Ethik an der KTF der Universität Wien. In Ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit der Frage nach dem Gewissen bei dem spanischen Jesuiten Juan Azor (Bild: @Der Knopfdrücker/josephkrpelan)

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