Wie Angst die kirchliche Sprache beeinflusst und was das für die Rede von Gott bedeutet, fragt Theologiestudentin Mirjam Henkes in einer sprachlichen Analyse verschiedener Statements deutscher Bischöfe und Generalvikare als Reaktion auf die Initiative #OutInChurch.

Die kirchliche Sprache ist in Verruf geraten und das nicht erst seitdem Erik Flügge der Ansicht ist, dass die Kirche an ihrer eigenen Sprache verreckt.1 Doppelbödigkeit prägt die kirchliche Sprache, die von Vorsicht und der Tendenz geprägt ist, nicht das auszusprechen, was eigentlich gemeint ist. Ein Reden in Doppelbotschaften ist dabei nur der Output eines tiefer liegenden Problems: eine vorzufindende und vielgestaltige „Kultur der Angst“.2

Ein Blick auf das Coming-out von 125 queeren Menschen in der katholischen Kirche, die sich seitdem unter der Initiative #OutInChurch für eine Kirche ohne Angst einsetzen, macht dies deutlich. Das Ereignis hat zu großer Resonanz bei verschiedenen Gruppierungen, Verbänden, sowie Bischöfen und Generalvikaren geführt. Doch hat das mutige Durchbrechen der Angstspirale irgendetwas an der Sprache kirchlicher Amts- und Würdenträger verändert?

Das Symptom Angst

Mitarbeitende der katholischen Kirche erleben eine „Kultur der Angst“3, sowohl an der Basis, als auch in den Leitungsämtern. Denn überall dort, wo die eigenen Aussagen oder Handlungen der Lehre der katholischen Kirche entgegenstehen, sind (arbeitsrechtliche) Konsequenzen, wie der Entzug der Lehrerlaubnis bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes, zu fürchten. #OutInChurch hat die Auswirkungen dieses Symptoms mehr als deutlich gemacht: Angst bringt Menschen zum Beispiel dazu, sich aufgrund einer bestimmten sexuellen Orientierung und/oder geschlechtlicher Identität in der katholischen Kirche verstecken zu müssen.

Auch die Bistumsleitungen haben verstanden, dass diese Menschen in der Kirche gelitten haben und noch immer leiden. Sie sprechen in ihren Reaktionen von „bitteren“ oder „schmerzhaften Erfahrungen“ aus dem Herzen der Kirche.4 Den Mainzer Bischof Peter Kohlgraf plagen zudem Gewissensbisse, weil Menschen durch die Kirche „Kränkung“, „Verachtung“ und „Verurteilung“ erfahren.5 Ausgelöst, so die Begründung, durch „verletzende Äußerungen der Kirche“.6 So entschuldigt sich auch Bischof Helmut Dieser im Namen der Kirche bei den Menschen, die in ihren seelsorglichen Begegnungen mit der Kirche verletzt, unverstanden und gezwungen wurden, auf eine bestimmte Position hin zu denken, die sie selber nicht annehmen können.7 Dass die Lebenszeugnisse teilweise erschreckende Schicksale offenbaren, weil Menschen oft über Jahrzehnte hinweg kein freies und selbstbestimmtes Leben führen können, monieren auch die elf Generalvikare in ihrem Brief an den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing.8

Doch für die Teilnehmenden der Initiative ist es mehr als das. Sie benennen diese Erfahrungen bewusst als „Diskriminierung und Ausgrenzung“9. Wie kann es also zu so einer unterschiedlichen Bewertung und damit Formulierung kommen?

Grüße aus Rom

Das katholische Lehramt formuliert eine theologische Geschlechteranthropologie, die den Anspruch stellt, Gott zu gehorchen, der den Menschen nach seinem Bild als Mann und Frau geschaffen hat und behauptet, dass dieser Plan am Anfang unauslöschlich in das Sein des Menschen eingeschrieben wurde.10 Wer sich als katholischer Bischof zu dieser lehramtlichen Theologie verpflichtet, wird sich schwer damit tun, Menschen, deren sexuelle Identität von eben jener Heteronormativität abweicht, zu akzeptieren. Da jene, mit den Worten der Glaubenskongregation gesprochen, aufgrund dieser Neigung „nicht als objektiv auf die geoffenbarten Pläne Gottes hingeordnet anerkannt werden [können]“11. Wer sich auch auf die jüngsten Aussagen der römischen Glaubenskongregation aus dem Jahre 2021 verpflichten muss, die Ungleichbehandlung von Heterosexuellen und Homosexuellen sei begründet und es läge daher keine ungerechte Diskriminierung vor12, wird sich öffentlich davor scheuen, diese Ungleichbehandlung als Diskriminierung zu benennen.

Gelebte Wertschätzung für alle Kinder Gottes?

#OutInChurch hat ein Beben ausgelöst, das zu Erschütterungen geführt hat – zweifelsohne auch in der Leitungsebene deutscher Bistümer. Statt klarer Aussagen begibt man sich jedoch in „verschwurbelte Unverständlichkeiten“, vielleichtweil man das, woran man glaubt, nicht sagen darf“13 – auch theologisch. Auffallend wabern in den bischöflichen Statements theologische Phrasen und Floskeln durch die Republik: „Jede Person – völlig unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität – ist unbedingt von Gott geliebt“14, heißt es aus Hildesheim. In Freiburg wünscht man sich eine Kirche, die „mit Freude alle [begrüßt], die sich zur Botschaft Jesu bekennen“15 und in Mainz ist man sich sicher: „nicht die gelebte Wertschätzung der Menschen als Kinder Gottes, so wie sie geschaffen sind“16 macht die Kirche unglaubwürdig.

Klingt zunächst einmal gut, aber was bedeuten diese Sätze in letzter Konsequenz? Nicht nur für die Betroffenen von #OutInChurch sind solche Phrasen eine herbe Enttäuschung. Sie führen laut den Autoren von „Phrase Unser“ schließlich auch zu einer floskelhaften Rede Gottes, die laut ihrer Diagnose das wohl gegenwärtig größte Problem der Kirche darstellt.17 Eine Gottesrede, die unscharf ist, entzieht sich ihrer Strittigkeit in der Gegenwart.

So ist sicher: nicht die gelebte Wertschätzung Gottes für all seine Kinder ist unglaubwürdig, sondern eine Kirche, die diesen Worten keine Taten folgen lässt.

Wenn die Glaubensaussagen deutscher Bischöfe den Anspruch erheben sollen, wahr zu sein, dann müssen sie in Einlösbarkeit münden und gelebt werden. Andernfalls werden sie leer bleiben, Resignation und Enttäuschung hervorrufen und bis hin zu der Frage führen: Ist es denn am Ende wahr, was die Kirche von Gott sagt?18

Weiterentwicklung oder Kurskorrektur?

#OutInChurch will zweifelsohne die Debatte um die kirchliche Sexualmoral und eine angstfreie Kirche wachhalten und Reformen bewirken. So fordert die Initiative in ihrem Manifest die „Korrektur menschenfeindlicher lehramtlicher Aussagen“, da diese „im Licht theologisch-wissenschaftlicher und humanwissenschaftlicher Erkenntnisse weder länger hinnehmbar noch diskutabel [sind].“19

Die Konsequenzen, die die Bistumsleitungen sehen, sind dagegen weniger tiefgreifend: Erzbischof Heße zieht eine Beteiligung an den Diskussionen des Synodalen Weges in Deutschland in Betracht, welche zu einer „Weiterentwicklung der kirchlichen Sexualmoral und auch des kirchlichen Arbeitsrechts führen“ sollten.20 Bischof Dieser betont, man habe dazu gelernt und sehe einen Bedarf der Weiterentwicklung in der Bewertung der verschiedenen Lebensformen21. Mit dem angekündigten „Weiterdenken“ und „Weiterdiskutieren“ bleibt man also streng katholisch dem Wert der Kontinuität treu. Allenfalls eine harmonisch, organische „Weiterentwicklung“ ist vorstellbar, wie Dogmatikerin Julia Knop herausstellt, explizite Selbstkorrekturen des kirchlichen Lehramtes haben Seltenheitswert, denn dies könnte, so die Sorge, die Wahrheitsfähigkeit des Lehramtes in Frage stellen.22

Man flüchtet stattdessen in ein phrasenartiges und floskelhaftes Reden „dogmatischer Richtigkeiten“, gerade weil – so der Schein – eine Angst vor klaren Aussagen besteht, die womöglich Konflikte hervorrufen könnte.23

Hope is stronger than fear?

So bleibt mit Nüchternheit festzustellen, dass die Sprache deutscher Bischöfe und Generalvikare als Reaktion auf #OutInChurch vielschichtige Probleme bereithält. Nicht zuletzt, weil eine „unehrliche Sprechweise“ oder eine Rede mit „Doppelbotschaften“ in der Kommunikationswissenschaft als Störung verstanden wird, da diese Form des Kommunizierens krank macht und langfristig Vertrauen zerstört.24

Angesichts der Angst, den Erfahrungen von Verurteilung, Verachtung und Diskriminierung queerer Menschen in der katholischen Kirche bleibt am Ende die Frage: Wie soll eine (Geschlechter-)Ordnung, welche dieses Leid hervorbringt 1. mit dem moralischen Anspruch einer gleichen Würde aller Menschen (Selbstbestimmungsrecht) und 2. mit einer ethisch verantworteten Rede von Gott vereinbar sein?

Hashtag der Woche: #hopeisstrongerthanfear


Beitragsbild: Mirjam Henkes

 

1 Vgl. Flügge, Erik: Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt. München: Kösel-Verlag, 2016.

2 Vgl. Feddersen, Jan; Gessler, Philipp: Phrase Unser. Die Blutleere Sprache der Kirche. München: Claudius Verlag, 2020.

3 Vgl. Offener Brief von Generalvikaren zu #Outinchurch und Handlungstext des Synodalen Weges „Grundordnung des kirchlichen Dienstes“ v. 12.02.2022. Online im Internet: https://www.bistum-trier.de/fileadmin/user_upload/2022-02-12_Generalvikare_und_kirchliche_Grundordnung.pdf (Abrufdatum: 30.05.22).

4 Vgl. Erzbistum Freiburg. Online im Internet: https://www.ebfr.de/detail/nachricht/id/155517-stuermische-zeiten/?cb-id=12103291 und Bistum Hildesheim. Online im Internet: https://www.bistum-hildesheim.de/bistum/nachrichten/artikel/news-title/unsere-kirche-bietet-jedem-menschen-heimat-29400/ (Abrufdatum: 03.05.22).

5 Vgl. Bistum Mainz. Online im Internet: https://bistummainz.de/organisation/bischof-kohlgraf/aktuell/nachrichten/nachricht/OutInChurch-Statement/ (Abrufdatum: 03.05.22).

6 Vgl. Bistum Münster. Online im Internet: https://www.bistum-muenster.de/startseite_aktuelles/newsuebersicht/news_detail/bekenntnis_zu_homosexualitaet_hat_keine_arbeitsrechtlichen_konsequenzen(Abrufdatum: 03.05.22).

7 Vgl. Bistum Aachen: Bischof Dr. Helmut Dieser im Gespräch mit Hajo Seppelt in der ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ am 24. Januar 2022. Online im Internet: https://www.bistum-aachen.de/aktuell/nachrichten/nachricht/Bischof-Dr.-Helmut-Dieser-im-Gespraech-mit-Hajo-Seppelt-in-der-ARD-Dokumentation-Wie-Gott-uns-schuf-am-24.-Januar-2022/? (Abrufdatum: 03.05.22).

8 Vgl. Offener Brief von Generalvikaren zu #Outinchurch und Handlungstext des Synodalen Weges „Grundordnung des kirchlichen Dienstes“ v. 12.02.2022. Online im Internet: https://www.bistum-trier.de/fileadmin/user_upload/2022-02-12_Generalvikare_und_kirchliche_Grundordnung.pdf (Abrufdatum: 03.05.22).

9 Vgl. Manifest #OutInChurch. Online im Internet: https://outinchurch.de/manifest/ (Abrufdatum: 03.05.22).

10> Vgl. Papst Johannes Paul II.: Nachsynodales Apostolisches Schreiben CHRISTIFIDELES LAICI über die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt v. 30.12.1998. (=Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 87), hg. vom Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1991, Nr.50.

11 Responsum ad dubium der Kongregation für die Glaubenslehre über die Segnung von Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts v. 22.02.2021. Online im Internet: https://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20210222_responsum-dubium-unioni_ge.html(Abrufdatum: 03.05.22).

12 Vgl. ebd.

13 Flügge, Erik: Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt. München: Kösel-Verlag, 2016, S.48.

14 Bistum Hildesheim. Online im Internet: https://www.bistum-hildesheim.de/bistum/nachrichten/artikel/news-title/unsere-kirche-bietet-jedem-menschen-heimat-29400/ (Abrufdatum: 03.05.22).

15 Erzbistum Freiburg. Online im Internet: https://www.ebfr.de/detail/nachricht/id/155517-stuermische-zeiten/?cb-id=12103291(Abrufdatum: 03.05.22).

16 Vgl. Bistum Mainz. Online im Internet: https://bistummainz.de/organisation/bischof-kohlgraf/aktuell/nachrichten/nachricht/OutInChurch-Statement/ (Abrufdatum: 03.05.22).

17 Vgl. Feddersen, Jan; Gessler, Philipp: Phrase Unser. Die Blutleere Sprache der Kirche. München: Claudius Verlag, 2020, S.102.

18 Ebd., S.101.

19 Manifest #OutInChurch. Online im Internet: https://outinchurch.de/manifest/ (Abrufdatum: 03.05.22).

20 Vgl. Erzbistum Hamburg. Online im Internet: https://www.erzbistum-hamburg.de/OutInChurch_Erzbischof-Hesse-aeussert-sich-zur-Initiative (Abrufdatum: 03.05.22).

21 Vgl. Bistum Aachen: Bischof Dr. Helmut Dieser im Gespräch mit Hajo Seppelt in der ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ am 24. Januar 2022. Online im Internet: https://www.bistum-aachen.de/aktuell/nachrichten/nachricht/Bischof-Dr.-Helmut-Dieser-im-Gespraech-mit-Hajo-Seppelt-in-der-ARD-Dokumentation-Wie-Gott-uns-schuf-am-24.-Januar-2022/? (Abrufdatum: 03.05.22).

22 Vgl. Gräve, Mirjam; Johannemann, Hendrik; Klein, Mara: Katholisch & Queer. Eine Einladung zum Hinsehen, Verstehen und Handeln. Paderborn: Bonifatius GmbH Verlag, 2021, S.259.

23 Vgl. Feddersen, Jan; Gessler, Philipp: Phrase Unser. Die Blutleere Sprache der Kirche. München: Claudius Verlag, 2020, S.20f.

24 Vgl. Feddersen, Jan; Gessler, Philipp: Phrase Unser. Die Blutleere Sprache der Kirche. München: Claudius Verlag, 2020, S.62 und Reichertz, Jo: Kommunikationsmacht. Was ist Kommunikation und was vermag sie? Und weshalb vermag sie das? Wiesbaden: VS-Verl. für Sozialwissenschaften, 2009, S.178.

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mirjam henkes

studiert seit 2017 Katholische Theologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Sie arbeitet als studentische Mitarbeiterin in der City-pastoral im c-punkt | Münsterforum und ist Sprecherin der Studierenden-Initiative GibMir5, die sich für eine kooperative studienbegleitete Ausbildung aller Berufe der Kirche einsetzt.

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