Die Passion von RTL sollte ein TV-Event der besonderen Art werden. Doch eine kritische Betrachtung des Live-Musicals zeigt, dass die Passion das Label ‚zeitgemäße Neuinterpretation‘ nicht verdient, meint Felix Fleckenstein.

Die Ausstrahlung der Passion liegt nun etwas zurück und die Wogen um das TV-Event haben sich allmählich geglättet. Daher scheint genau jetzt der richtige Zeitpunkt zu sein, es noch einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen. In 111 Minuten Sendezeit bot die Inszenierung nämlich einige Diskussionspunkte, die in der Fülle des musikalischen Wohlgefühls untergangen sind. Gemeint sind nicht die polemischen Seitenhiebe Thomas Gottschalks, die offenbarten, dass kirchlich-sozialisierte Christ*innen wohl eher weniger zur Zielgruppe gehörten, sondern die inhaltlichen Aspekte, die der Passion Jesu zuwiderlaufen. Nimmt man diese in den Blick, dann zeigt sich, dass oberflächliche Reaktionen nach dem Motto ‚es war zwar nicht alles perfekt, aber es war doch gut gemacht mit all den schönen Liedern‘ nicht nur unterkomplex sind, sondern auch sämtliche Problematiken, die die Produktion mit sich brachte, ausblenden.

Jesus als Influencer?

Positiv ist hervorzuheben, dass Alexander Klaws seine Rolle überzeugend verkörperte. Doch die zugrundeliegende Konzeption der Figur Jesu ließ nicht nur jede Schärfe seiner Botschaft vermissen, sondern war auch in sich widersprüchlich: Jesus wird von Gottschalk zu Beginn als Flüchtling charakterisiert, der mit Politik nichts am Hut hatte. Wenig später erzählt derselbe, dass Jesus sich in Todesgefahr befindet, weil er ein neues politisches Reich ankündigt. Was nun? Das zentrale Motiv der jesuanischen Botschaft, die Verkündigung des Reich Gottes, ist es hingegen nicht einmal wert, erwähnt zu werden. Der RTL-Jesus zeichnet sich weder durch einen persönlichen Gottesbezug aus noch handelt er aus der Überzeugung eines leidenschaftlichen Glaubens heraus. Sein Glaube wird stattdessen auf das Lied ‚Ist da Jemand‘ eingedampft. RTL zeichnet damit keinen Jesus, der bis zum Äußersten geht, sondern sich im Garten Getsemani wünscht, am liebsten einfach tot zu sein. Wie passt das zu dem Jesus, der in selbstloser Liebe gelebt hat? Auch dass Jesus sich maßgeblich den Marginalisierten, Armen und Hilflosen zugewendet hat, taucht höchstens in Nebensätzen auf. Die Figur des Jesus bleibt insgesamt auf eine ästhetische Oberfläche reduziert.

Damit löst das Live-Event immerhin ein, was es eingangs versprochen hatte: Jesus im Gewand des Influencers zu präsentieren. Modisch gekleidet und gut frisiert kauft dieser bei Sternekoch Nelson Müller fünf Fladenbrote und bekommt noch zwei Currywürste aufs Haus dazu. Ohne Currywürste, aber mit Fladenbrot feiert der besitzlose Wanderprediger dann das letzte Abendmahl im schicken Szene-Lokal. Dort präsentiert uns RTL den Inbegriff einer minimalistischen, aber gehobenen Essensdekoration: Oliven und Seranoschinken. Man kann nur dankbar sein, dass RTL auf Produktplatzierungen verzichtet hat – hätte dies doch zum Influencer-Image gepasst. Die Einordnung, dass Jesus heute ein erfolgreicher Influencer wäre, zeigt, wie wenig sich die Macher*innen mit der Geschichte Jesu auseinandergesetzt haben. Ein*e Influencer*in muss ständig content produzieren, um durch eine möglichst große Reichweite Profit zu erwirtschaften. Jesus hatte nur einen content: Gottes Liebe für uns Menschen und diesen hat er nicht beworben, sondern durch sein solidarisches Leben bezeugt. Davon findet sich beim RTL-Jesus keine Spur. Sein karitatives Engagement beschränkt sich auf eine zärtliche Nackenmassage und das Verteilen des symbolischen Fladenbrots.

Auch die Jünger*innen passen perfekt zur oberflächlichen Inszenierung: beachtenswert bunt zusammengestellt, doch alle allein aufgrund dieser formalen Diversität Teil des neuinterpretierten ‚Zwölferkreises‘. Als Figuren bleiben sie blass und wirken nur wegen ihres Bekanntheitsgrads nahbar. Selbst Petrus, der ‚Sprecher der Gruppe‘, und Judas, der ‚Tourmanager‘, erscheinen abseits ihrer Gesangseinlagen blutleer. RTL zeichnet eine Gruppe von ‚Follower*innen‘, die euphorisch ihr Zusammensein feiert, aber gleichzeitig nur um sich selbst kreist. Die wichtigste ‚Followerin‘ fehlt zudem: Maria Magdalena. Sie war nicht nur eine der engsten Begleiterinnen Jesu, sondern auch eine der Wenigen, die Jesus auf seinem Leidensweg bis zum Tod begleiteten. Gerade diese wichtige Rolle aus der Inszenierung zu streichen, ist unangebracht.

Passion ohne Passion 

Warum Jesus verurteilt wird und von wem, ist das große Rätsel der Passion. Es ist zwar richtig, dass nicht vollkommen klar ist, wer die eigentliche Verantwortung für den Tod Jesu trägt und warum dieser letztlich sterben musste. Doch die RTL-Inszenierung schafft es nicht einmal, eine konsistente Version der Verurteilung Jesu zu erzählen. So wechselt die Verantwortung für Verhaftung und Verurteilung zwischen den ‚religiösen Führern‘ und den römischen Machthabern hin und her. Auch wird nicht erwähnt, dass es sich bei den römischen Machthabern um eine imperialistische Besatzungsmacht handelt. Stattdessen wird der RTL‑Jesus von der ‚heimischen‘ und korrupten Bundespolizei verhaftet und in einem unverständlichen Schauprozess zum Tode verurteilt. Dieses Bild einer willkürlich handelnden Staatsmacht ist gerade im Kontext des aktuellen Zeitgeschehens auf vielen Ebenen mehr als nur unglücklich.

Als es nun zum eigentlichen Leidensweg Jesu kommt, versagt die Passion schließlich völlig. Anstatt zu erzählen, was sie mit ihrem Titel eigentlich angekündigt hat, erklärt Henning Baum: „die Geschichte ist nun erzählt!“ und referiert daraufhin, was wir uns unter einer Kreuzigung eigentlich vorstellen müssen. Leiden und Kreuzigung des RTL-Jesus werden einfach übersprungen – nicht einmal das durch die Stadt getragene Lichtkreuz wird aufgerichtet, sondern liegt vergessen vor der Bühne.

Baum quotiert dies mit dem Satz: „Wer will schon einen unschuldigen Mann unter Folter hier auf dem Burgplatz sterben sehen?“ Recht hat er. Sehen will das niemand – besonders nicht in Zeiten, in denen tagtäglich viele unschuldige Menschen sterben. „Eine solche Gewalt kennen wir heute nur noch vom Bildschirm“ fährt Baum fort. Und da soll sie doch bitte bleiben – schön weit weg. Sie soll das wohlige Gefühl nicht zerstören – all die positiven Emotionen der Freundschaft, Solidarität und Hoffnung, die wir im Verlauf dieses Abends gesammelt haben. Ein Mensch, der unter Qualen stirbt, passt nicht ins Bild. Blitzlichtgewitter, ein gehauchtes „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“ und die Botschaft „wir sind geboren, um zu leben“ sind eben stimmiger, um das emotionale Wohlgefühl nicht abbrechen zu lassen. Auch hier fällt die Tiefe der Botschaft der ästhetischen Oberfläche zum Opfer.

Das Fazit ist ernüchternd: Statt in dieser erschreckenden Zeit zu hören, was es heißt, in Verantwortung und Liebe für seinen Nächsten zu leben, haben wir dank RTL knapp zwei Stunden mehr oder weniger passender Popmusik gefrönt und dabei auch umstrittenen Persönlichkeiten wie Gil Ofarim, Xavier Naidoo und Andreas Gabalier eine Bühne geboten. Dass Solidarität aber nicht nur eine Chiffre ist, sondern auch Schmerz, Leid und Tod umfasst, interessierte hier nicht. Die Passion ist damit weder eine akzeptable Neuerzählung der Passion noch ein nachhaltiges Statement für Solidarität und Menschlichkeit. Die Inszenierung missbraucht vielmehr die jesuanische Botschaft für einen Medienhype, der über den Effekt eines ‚ach war das schön‘, performativ nicht hinausgeht. Hier wurde die Chance für eine kreative Neuinterpretation der Passion verspielt.

Das ist mehr als bedauerlich. Denn natürlich ist bei aller inhaltlichen Kritik anzuerkennen, dass RTL mit der Passion etwas geschafft hat, was keiner der großen Kirchen derzeit gelingt: Die Ostergeschichte war in aller Munde und die nachgehende Diskussion ist bis heute nicht abgerissen. Für diesen Resonanzraum kann man aus theologischer Sicht nur dankbar sein. Die inhaltliche Umsetzung war jedoch nicht nur theologisch mangelhaft, sondern auch in sich inkonsistent. Darüber kann nicht einfach hinweggesehen werden. Einen zweiten Versuch  für eine (angemessenere) Neuinszenierung könnte es laut RTL aber schon 2023 geben. Dabei erneut auf den medialen Hype im Sinne des ‚Was kommt da auf uns zu?‘ zu setzen, wird dann allerdings nicht mehr funktionieren. Daher gilt zu hoffen, dass eine neue Inszenierung etwas mehr an inhaltlicher Tiefe entfaltet und sich/uns auch zumutet, das zu inszenieren, was sie verspricht: die Passion.

Hashtag der Woche: #DiePassion


(Beitragsbild: @mvds)

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felix fleckenstein

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Dogmatik an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg. Zurzeit arbeitet er an einer Promotion zur hermeneutischen Frage der Interpretation biblischer Texte zwischen Exegese und Dogmatik.

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