Wie könnte eine Ökotheologie aussehen, die transformativ und über eine theologische Nabelschau hinaus kritische Impulse zu ökologischen Problemfeldern beisteuert? Die diesjährige Tagung des Nachwuchsnetzwerks Dogmatik und Fundamentaltheologie „Zwischen Ökotheologie und Ökofaschismus. Bruchlinien einer lernenden Schöpfungstheologie“ hat sich genau dieser Frage gestellt. Eine Rückschau von Cornelia Dockter, Felix Fleckenstein, Hannah Judith, Thomas Sojer und Stephan Tautz.

In unserem Beitrag vom 21. Februar haben wir uns zu einer ökotheologischen Gratwanderung aufgemacht. Das war der Auftakt zu einer vertieften Diskussion, die wir im Rahmen der diesjährigen Tagung des Nachwuchsnetzwerks Dogmatik und Fundamentaltheologie weitergeführt haben. Wir sind nun ein Stück auf diesen Pfaden unterwegs gewesen und möchten euch von den Abgründen und den herrlichen Aussichten berichten.

Von Transformationen und Sinnkonstruktionen

Ganz im Sinne einer lernenden Schöpfungstheologie bot die Tagung Raum, von anderen Wissenschaften zu lernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Marie Graef und Florian Markscheffel vom interdisziplinären Graduiertenkolleg zu Transformationsprozessen in deutschen Mittelstädten der Universitäten Potsdam, Aachen und Stuttgart gaben Einblick in ihre Forschung und stellten den Mehrwert von Transformationsforschung heraus: Das bedeutet, sie realisieren ihre Forschung in direkter Kooperation mit und in der Praxis – d. h. in ihrem Fall mit den Verwaltungen von Mittelstädten. Wissenschaft und Forschung darf und soll verändern. Das ist die Grundhaltung transformativer Forschung. Dieses Grundverständnis von transformativer Forschung hat das Graduiertenkolleg in Form von 10 Thesen ausformuliert. Graef und Markscheffel verstehen dieses transformative Anliegen als ‚dritte Aufgabe‘ der Wissenschaft neben klassischer Forschungsarbeit und universitärer Lehre. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden so direkt in die Praxis eingebracht und dort zugleich auf Herz und Nieren geprüft. Ob die wissenschaftlichen Ressourcen dann den intendierten Impact leisten können, den sich die Forscher*innen erhoffen, zeigt sich erst innerhalb des Prozesses. Der transformative Ansatz funktioniert also nicht mit wissenschaftlich unumstößlichen Rezeptvorschlägen, sondern ist ein selbstreflexiver Diskurs, in dem sich die wissenschaftliche Forschung der Praxisrealität nicht entziehen kann. Graef und Markscheffel verweisen hierfür auf zwei entscheidende Aspekte: die Hebelpunktheorie und die Frage der Sinnkonstruktion. Mit Blick auf die Hebelpunktheorie lässt sich sagen, dass Veränderung, die leicht erzielt werden kann, nur wenig effizient ist, um ein System zu wandeln. Will man die maximale Hebelwirkung erzielen, sind Werte und Überzeugungen die Schlüssel zum Erfolg. Nur wenn geteilte Werte und Überzeugungen transparent gemacht werden, kann echte Transformation geschehen. Es sind also häufig Sinnkonstruktionen, die ein System prägen und es in seiner Tiefendimension verändern können.

Ökotheologie in der Sakralisierungsfalle?

Dass solche Sinnkonstruktionen gerade wegen ihres gewaltigen Transformationspotentials auch mit großer Vorsicht behandelt werden müssen, wurde im weiteren Verlauf der Tagung immer deutlicher. Das zeigte auch der Beitrag von Fabian Völker. Gewaltvolle Sakralisierungen und ökofaschistische Vereinnahmungen theologischer Konzepte fallen nicht vom Himmel. Sie sind eingebettet in gesellschaftspolitische Strukturen und Rezeptionsbewegungen. Zugleich decken sie den religiösen Traditionsbildungen bereits inhärente Gewaltpotenziale auf, die die Theologie nicht vernachlässigen darf. Das verdeutlicht etwa der Blick auf die Bruchlinien buddhistischer Schöpfungs- und Herrschaftsideale. So finden sich in der buddhistischen Rezeptionsgeschichte kosmogener Mythen und ihrer Aufnahme in der Zwei‑Räder-Lehre zahlreiche autoritäre Tendenzen: Da erscheint der japanische Tennō im Pazifikkrieg als spirituell legitimierter, heilsbringender Weltenherrscher und die NS-Propaganda bedient sich derweil der totalitären Motivik des militanten Zen-Buddhismus.1

Ihr fragt euch nun sicher, was das mit ökofaschistischen Problematiken zu tun hat. Als einer der ökologischen Vorreiter in der jungen BRD und Mitbegründer der Grünen stieß Rudolf Bahro auf die Vorstellung eines diktatorischen Dharma-Chakravartin, dessen autoritäre Herrschaft dem höheren Gut der ökologisch-spirituellen Bildung der Gesellschaft dienen soll.2 Angelehnt an dieses Konzept fordert Bahro für die ökologisch krisengeschüttelte BRD eine „geistig begründete Instanz, die sozusagen ‚Rettungsregierung‘ wäre […].“3 Seine ökospirituelle Gesellschaftsutopie begibt sich unter dem Eindruck spiritueller Diktatur-Konzepte mehr und mehr auf den schmalen Grat zwischen ökopolitischer Reformvision und faschistischer Autoritätsfantasie. Seine Utopie erscheint gedeckt zu sein von seinem  Alarmismus angesichts der Sorge um das (Seelen-)Heil einer führungsbedürftigen, vor dem ökologischen Abgrund stehenden Menschheit – und verhüllt damit ihre eigene Gewaltförmigkeit.

Von Kosmosvergessenheit und Exotheologien

Das Gefahrenpotential dieser ideologisch legitimierten Gewaltförmigkeit betrifft auch die christliche Schöpfungstheologie. Dies deutet bereits die ‚Reichweite‘ des Schöpfungsgedankens an, denn oft setzt auch die Theologie Schöpfung mit Welt gleich – eine unterbewusste, aber daher umso verräterischere Tendenz. So warnte Andreas Reitinger in seinem Beitrag vor einer Kosmosvergessenheit. Denn die Redeweise von einer irdischen Welt stellt immer schon eine anthropozentrische Verengung des Schöpfungsparadigmas dar. Wir brauchen also ebenso nicht-menschliche Identitätskriterien für den Kosmos. Das erfordert auch eine Horizonterweiterung unserer theologischen Schöpfungsmetaphern. Was bedeutet es dann etwa, von einem „neuen Himmel und einer neuen Erde“ zu sprechen? Es gilt also, die anthropozentristische Engführung aufzusprengen. Gleichzeitig aber können wir auch nicht aus „unsrer Haut“, wir haben eine anthropozentrische Standortgebundenheit. Was bleibt uns also? Der stetige und mühsame Prozess der Hinterfragung unserer eigenen Sonderstellung, zumindest bislang. Denn wer weiß, vielleicht treffen wir irgendwann doch auf eine andere Lebensform da draußen, mit der wir kommunizieren, also „über Gott und die Welt“ sprechen können.

Das zumindest ist die Grundannahme, von der die sog. Exotheologie ausgeht, der sich Hannes Bräutigam widmet. Exotheologie denkt von der Möglichkeit her, dass der Mensch (neben Engeln und Gott) nicht das einzige intelligente Lebewesen im Universum ist. Ein Theologisieren über Außerirdische mag zunächst als amüsante Gedankenübung erscheinen, deren unmittelbare Relevanz für aktuelle Krisen jedoch ausbleibt. Bräutigam hat mit seinem Vortrag allerdings das Gegenteil bewiesen. Exotheologien erschüttern theologische Fundamente unabhängig davon, ob es Außerirdische gibt oder nicht. Wer sich auf diese Überlegungen einlässt, muss sich eingestehen, dass die Abhängigkeitsketten in den dominanten, anthropozentrischen Spielarten der dogmatischen Traktate auf dünnem Eis stehen. Reicht es dann überhaupt, begriffliche Grenzziehungen und ethische Verantwortungsbereiche einfach zu erweitern? Oder bedarf es einer grundlegenden Neuaufstellung theologischer Denkfiguren? Wer dorthin mitgeht, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist, macht jedenfalls eine nachhaltige Kontingenzerfahrung.

Theologietreiben offenbart sich hier gemäß des Tagungsthemas als prekär, gleichzeitig aber auch als irritationssensibel. Letzteres zeigt, dass Theologie nicht resignieren oder bunkern muss – wenn sie ihre Lernfähigkeit unter Beweis stellt, dann kann sie auch als transformative Wissenschaft im Ökodiskurs mitwirken.

Hashtag der Woche:  #ökotheologie


Beitragsbild: Karin Henseler

1 Vgl. dazu die Beispiele in Baier, Karl, NS-Mystik und militanter Zen. Die Geschichte einer Konvergenz am Beispiel Graf Dürckheims, in: Zeitschrift für Religionswissenschaft 25/1 (2017), 90–131.

2 Einen Überblick über diese in Teilen nationalistische Prägung des Buddhismus und den ambivalenten Einfluss des thailändischen Mönches Buddhadasa Bikkhu bietet Zöllner, Hans-Bernd, Radical Conservative Socialism. Buddhasa Bikkhu’s Vision of a Perfect World Society and its Implication for Thailand’s Political Culture, in: Politics, Religion and Ideology 15/2 (2014), 244–263.

3 Woldt, Martin, Die Wahl zwischen Notstandsregierung und spirituellem Gottesstaat. Interview mit Rudolf Bahro (Junge Welt, 24.7.1993), in: Guntolf Herzberg (Hg.), Rudolf Bahro. Denker – Reformator – Homo politicus, Nachlaßwerk, Berlin 2007, 497.

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Nachwuchsnetzwerk Dogmatik und Fundamentaltheologie

Das Nachwuchsnetzwerk Dogmatik und Fundamentaltheologie bildet als fachwissenschaftliches und berufsbezogenes Netzwerk angehender Fundamentaltheolog*innen und Dogmatiker*innen und verwandter Disziplinen ein interdisziplinäres Dialogforum besonders für Nachwuchswissenschaftler*innen, die sich mit einer Qualifikationsarbeit befassen. Die jährlich stattfindenden Treffen dienen dabei v.a. dem Austausch von Ideen, der Vorstellung eigener Projekten und dem wissenschaftlichen sowie hochschulpolitischen Diskurs.

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