International und diversitätssensibel? So soll theologische Ausbildung sein, findet die Leipziger evangelische Studierendeninitiative #theoversity – und tut was dafür.

Und dann war erstmal Schluss. Ende März 2020, zu Beginn der Corona-Pandemie, kannten sich viele von uns heutigen Mitgliedern von Theoversity noch gar nicht. Wir standen jede:r für sich am Ende eines Leipziger Präsenzsemesters mit monotonen Lektüreplänen und frustrierenden Debatten über Frauenordination oder Homosexualität & Glaube. Am Ende von Seminaren, in denen nicht der Name einer einzigen weiblichen Wissenschaftlerin gefallen ist. Von internationalen Perspektiven ganz zu schweigen. Das ließ sich schwer mit unseren Erfahrungen in Auslandssemestern, an anderen Universitäten und in christlichen Gemeinden verbinden. Gesellschaft und Theologie sind international, bunt und lebendig – warum trifft das nicht auf die Ausbildung evangelischer Theolog:innen und Religionspädagog:innen zu?

Anfang April, im ersten Jahr der Pandemie, war klar: So wie bisher es nicht weitergehen. Der Lehrbetrieb wurde provisorisch innerhalb weniger Wochen auf Onlineunterricht umgestellt. Und in einigen Studierenden wuchs die Überzeugung: Auch inhaltlich soll sich etwas ändern. Wir möchten im Theologiestudium nicht nur lernen, was männliche, protestantische, deutsche Professoren vor 100 Jahren geschrieben haben. Wir halten die Perspektiven von Frauen, Feminist:innen, postkolonialen Theorien und People of Colour nicht nur für ein Sonderthema, sondern für eine essentielle Position in jedem theologischen Fragekomplex.

Die Tötung von George Floyd in den USA und die globale Black-Lives-Matter-Bewegung brachten für uns in Leipzig den letzten Stein ins Rollen. Im Frühsommer 2020, die ersten Lockerungen ermöglichten wieder Kontakte, fanden wir uns über Zoom-Chats, Mundpropaganda und vorpandemische Kontakte zusammen, um #theoversity zu gründen. Das Kunstwort ist eine Verbindung aus Theology, University und Diversity. Es beschreibt unsere Gründungssituation, aber auch unseren Anspruch. Theoversity (mal mit Hashtag, mal ohne) versteht sich als studentische Initiative mit wissenschaftlichem Anspruch. Wir wollen unser Anliegen nicht in erster Linie als politischen Aktivismus begreifen, sondern als Mahnung an die wissenschaftliche Sorgfalt. Für uns bedeutet das, den eigenen Horizont immer wieder überschreiten zu müssen, sich mit unbequemen Forderungen auseinanderzusetzen und Theologie in ihrer globalen Breite wahrzunehmen. Theologie muss auch der eigenen Studierendenschaft in ihrer kulturellen und persönlichen Identität Repräsentanz verschaffen.

Bei der Gründung stand im Vordergrund, eine Stellungnahme zu verfassen, die diese Ziele in den Fakultätsrat einbringt. Von dort aus wollten wir in die Lehre hineinwirken. Fast 50 Kommiliton:innen haben sich unserem Aufruf zu mehr Diversität in der Lehre angeschlossen und die Stellungnahme unterzeichnet.

Uns als Verfasser:innen war aber schnell klar: Nur Forderungen an unsere Dozent:innen zu stellen ist nicht genug. Wir verstehen uns selbst als Lernende und nicht als Expert:innen für unser Anliegen. Die damals neuen Möglichkeiten von Online-Vorträgen und digitalen Bildungsangeboten boten uns die Gelegenheit, ohne finanzielle oder räumliche Ressourcen Vorträge mit internationalen Theolog:innen im Internet zu organisieren. Den Auftakt machte im Dezember 2020 eine Einführungsvorlesung in die Postkoloniale Theologie von Prof.‘in Heike Walz aus Neuendettelsau. Der große Zulauf weit über Leipzig hinaus und die spontan zugesagte finanzielle Unterstützung durch das Evangelisch-Lutherische Missionswerk Leipzig ermutigten uns, die Reihe mit dem Titel „Global Perspectives on Theology“ weiterzuführen. Bis Februar 2022 konnten wir neun Veranstaltungen unterschiedlicher Formate durchführen, zum Beispiel einen Workshop zu Methoden der Bibelarbeit, wie sie in Lateinamerika stattfindet, oder feministischer Homiletik. Mitschnitte fast aller Veranstaltungen laden wir im Anschluss auf unseren Youtube-Kanal hoch. Ein weiteres Standbein der Arbeit von #theoversity ist unser Instagram-Kanal. Zu wechselnden Themenschwerpunkten diversitätssensibler Theologie veröffentlichen wir Basisinformationen. Das war in der Vergangenheit zum Beispiel ein Fokus auf Frauen in der Kirchengeschichte oder ein Porträt der Theologin Marcella Althaus-Reid, die für eine queere Theologie steht. Die Inhalte für den Instagram-Kanal stammen von unseren Mitgliedern oder mit uns verbundenen Studierenden aus anderen Studienorten. Der Account bietet die Möglichkeit, Ergebnisse von Hausarbeits-Recherchen oder anderen Studienaufgaben einem breiten Publikum zugänglich zu machen – das stellt gleichzeitig sicher, dass unsere Inhalte wissenschaftlich gesichert sind. Wer lieber im direkten Kontakt mit Kommiliton:innen ist, kann sich dem feministisch-postkolonialen Lesekreis anschließen, der auf Zoom durchgeführt wird.

Alle Informationen laufen auf unserer Website zusammen und werden dort durch ausführliche Literaturlisten zu Theologie außerhalb des von uns als Mainstream wahrgenommenen Spektrums ergänzt.

Wir verstehen unsere Arbeit als Einladung in einen Lernkreislauf: Wir möchten Kommiliton:innen motivieren, über den oftmals kleinen Horizont des universitären Lehrcurriculums hinauszuschauen, bieten dazu erste Informationen und sind gleichzeitig Medium zur Weitergabe von Ergebnissen eigener Recherchen.

Das ist nur möglich mit einem engagierten Team und Unterstützer:innen aus anderen universitären und kirchlichen Bereichen. Gleichgesinnte zu finden, innerhalb unserer eigenen Fakultät und darüber hinaus, ist eines der schönsten Geschenke, die uns die Arbeit bei #theoversity macht. Wir merken, dass es an vielen Fakultäten Menschen mit einer Sehnsucht nach einer diversen Lehre gibt. Deswegen haben wir uns in letzter Zeit Gedanken gemacht, wie wir unsere Gedanken in den Präsenz-Modus der Uni überführen können: Zum Beispiel mit großen Info-Plakaten, die in theologischen Fakultäten aufgehängt werden können. Der kleine Schluss durch den coronabedingten Umschwung der Lehre ist für uns zum großen Start geworden.

Welche Erfahrungen haben Sie als Lesende von y-nachten mit Diversität in der (theologischen) Ausbildung gemacht? Welche (gern subjektiven) nicht-mainstream Theolog:innen und Theologien haben Ihre Perspektive erweitert? Weil wir von Theoversity glauben, dass wir miteinander am meisten lernen können, möchten wir Sie einladen, Ihre Erfahrungen in den Kommentaren zu teilen.

(Für #theoversity: Anna Berting)

Hashtag der Woche: #theoversity


Theoversity findet man online zum Beispiel hier, hier und auch hier.

(Beitragsbild: Grafik von Bongkarn Thanyakij, Logo von Theoversity, Montage von Christoph)

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