Gleichzeitig Teil der LGBTIQ-Community und der röm.-kath. Kirche zu sein, ist eine Herausforderung. Wie verhalten sich diese beiden Identitätsdimensionen zueinander? Tanja Grabovac zeigt in ihrem Artikel auf, wie sich die Situation für Menschen in Bosnien-Herzegowina darstellt.

Wie ist es, gleichzeitig Mitglied der LGBTIQ-Community und der Kirche zu sein? Wie lassen sich diese beiden Dimensionen der Identität, die vielen unvereinbar erscheinen, verbinden? Die Intersektionalität von religiös-kirchlicher Identitäten und LGBTIQ-Identitäten kann in der Tat ein komplexes Feld auf zwei Ebenen darstellen: auf der inneren (in Bezug auf sich selbst) und auf der äußeren (in Bezug auf andere). Innerhalb der inneren Ebene kann es Angst, Infragestellung, Verleugnung oder persönliche Versöhnung und Akzeptanz geben. Innerhalb der äußeren Ebene in Bezug auf andere, auf die Umwelt, Familie, Freunde, gibt es auch Nicht-Akzeptanz, Ablehnung, Diskriminierung und im schlimmsten Fall jede Form von Gewalt.

Beide Ebenen hängen stark vom sozialen Kontext ab, der uns umgibt. Zum Beispiel davon, ob man in einer liberalen, konservativen, oder gar fundamentalistischen Gesellschaft lebt. Die Befragten der Studie, die ich für meine Dissertation durchführe, kommen aus einer Gesellschaft, die sie als konservativ, traditionell, geschlossen, patriarchalisch beschreiben. In dieser Studie geht es um die bosnische Gesellschaft, aber die Ähnlichkeiten mit anderen postjugoslawischen Ländern in der Region sind groß.

Identitäten in Bosnien und Herzegowina zeichnen sich durch zwei Dimensionen aus: Die religiöse Dimension und die Dimension der ethno-nationalen Zugehörigkeit, wobei die erste eng mit der zweiten verbunden ist. Zu diesem religiösen Ethno-Nationalismus gehört auch die Figur der Familie, d.h. die Institution der Ehe zwischen einer Frau und einem Mann. Innerhalb dieses normativen Kontextes stellen LGBTIQ-Identitäten, eine Rebellion, eine Abweichung dar.

In der bosnischen Gesellschaft wird LGBTIQ oft als „neues Phänomen“, „unbekannt für unser Volk“ oder „fremd für unsere Kultur“ beschrieben. Nach diesem Verständnis kommt LGBTIQ von außen, gehört nicht in die Kultur und Tradition von Bosnien und Herzegowina, und gilt als importiert aus der EU und anderen westlichen Ländern.

LGBTIQ-Menschen und ihre Identitäten werden verleugnet, sie sind nicht Teil der Gesellschaft. Innerhalb der Gesellschaft werden LGBTIQ-Menschen oft entmenschlicht und dämonisiert.

Sie werden der Pädophilie beschuldigt. Man wirft ihnen vor, sie seien Träger von Infektionskrankheiten, geistig gestört, oder würden zu Drogenkonsum und dergleichen neigen. LGBTIQ-Identitäten werden nicht nur je nach sozialem Kontext konstruiert, sondern auch mit den streng definierten und standardisierten Identitäten konfrontiert, die in diesen Kontexten vorzufinden sind.

Wer- und Wo-Identität

Die katholische Kirche in Bosnien und Herzegowina hat natürlich ihre eigene Identität. Genauso wie die Gesellschaft als Ganzes und auch die LGBTIQ-Community. Hier geht es also nicht nur um eine „Wer-Identität“ oder um eine mit der Existenz einer Person verbundenen Identität. In all den verschiedenen Kontexten gibt es auch eine „Wo-Identität“, die also mit einem Ort verbunden ist. Es geht um die Existenz und Form der eigenen Identität innerhalb eines bestimmten Ortes oder einer Institution – wie eine LGBTIQ-Identität in einer Kirche oder eine religiöse Identität innerhalb einer LGBTIQ-Gemeinschaft.

Wie ist es angesichts eines konservativen Kontextes, sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch innerhalb der religiösen Gemeinschaften, möglich, eine religiöse und eine LGBTIQ-Identität gleichzeitig zu realisieren und zu leben? Wie kann man eine eigene Brücke zwischen allen Ablehnungen, Diskriminierungen und Gewalt schaffen, die diese beiden Dimensionen miteinander verbindet?

Drei Strategiemodelle des Zusammenwirkens der Identitätsdimensionen

Das erste Modell nenne ich das „Inklusionsmodell“. Darunter ist die Art und Weise zu verstehen, wie Menschen ihre religiöse und LGBTIQ-Identitäten zu verbinden und einzubeziehen. Das zweite Modell ist das „Konfliktmodell – Clash Modell“. Die Menschen drücken ihre inneren Konflikte zwischen ihrer Identität, zwischen sich und der katholischen Kirche, zwischen sich und der LGBTIQ-Community oder zwischen sich und der Gesellschaft, ihrer Familie und ihren Freunden aus. Es ist ein hohes Maß an Schmerz, Angst, Diskriminierung und Unbehagen und Nicht-Akzeptanz vorhanden. Ihre Identität stellt für sie jene unangenehmen Zustände dar, in denen eine der Identitäten oft skandalös ist. Drittens ist das „Trennungs-/Separationsmodell“ festzustellen. In diesem Modell der Trennung drücken die Menschen bereits ihre Trennung von einer ihrer Identitäten aus. Wegen der meisten der oben genannten Unannehmlichkeiten trennen sich die Menschen von einer der Identitäten.

Was sehr wichtig erscheint, ist, dass die genannten Modelle nicht den endgültigen oder statischen Zustand von Personen darstellen. Im Gegenteil, durch viele persönliche Prozesse des Hinterfragens, Annehmens, Trennens oder Verbindens erleben und durchlaufen Individuen diese Muster oft gleichzeitig. Dies sagt viel über die Flexibilität und Fluidität des Besitzes verschiedener Identitäten aus. Es zeigt, wie wir im Laufe unseres Lebens mehrere verschiedene Identitäten gleichzeitig verwirklichen können.

In einem der ersten beiden Modelle kann eine Person in der Lage sein, religiöse und LGBTIQ-Identitäten auf einer persönlichen Ebene zu realisieren. Allerdings ist sie in vielen Fällen mit alltäglichen Schwierigkeiten wie Diskriminierung, Ablehnung, Schmerz oder Angst konfrontiert. In sich selbst bringt eine Person diese beiden Identitäten unter einen Hut, aber im Kontakt mit anderen entstehen Unstimmigkeiten. Darüber hinaus können Menschen von klein auf Unbehagen und Diskriminierung erfahren, was später dazu führt, dass sie sich von einer ihrer Identitäten trennen und diese ablehnen. Mit anderen Worten: Sie werden sich nicht mehr mit einer der Identitäten identifizieren.

In einigen westlichen Ländern haben sich in den letzten Jahrzehnten verschiedene Gruppen gebildet, die LGBTIQ-Menschen innerhalb von Religionsgemeinschaften zusammenbringen. Leider ist dies in vielen konservativen und patriarchalischen Gesellschaften, wie in Bosnien und Herzegowina, nicht der Fall. In Anbetracht des bisher Gesagten können wir fragen:

Gibt es einen offenen pastoralen Platz innerhalb der Kirche für LGBTIQ-Menschen? Die Befragten meiner Studie in Bosnien und Herzegowina erkennen und kennen einen solchen Ort leider nicht.

Andererseits gibt es aus der Perspektive von LGBTIQ-Menschen einen großen Bedarf und Wunsch nach einem solchen Ort, einem „kleinen sicheren Ort“. Sie äußern das Bedürfnis nach einem netten Wort während der Predigt, wollen nicht während der Messe und bei den Aktivitäten der Kirche erniedrigt und diskriminiert werden, wünschen sich aufgeklärte und sensible kirchliche Mitarbeiter zu LGBTIQ-Menschenrechten und einen Dialog auf Augenhöhe. So formuliert ein Befragter: „Niemand verlangt, dass sie mit der Regenbogenflagge winken“, aber zumindest Lust auf und Wunsch nach Dialog, Verständnis und Sensibilität wäre angemessen.

LGBTIQ in der Kirche – Clash-Punkt oder Öffnungspunkt?

Am Ende bleiben viele offene Fragen: Werden Gesellschaften wie Bosnien und Herzegowina und Religionsgemeinschaften innerhalb solcher Gesellschaften die Bedürfnisse ihrer LGBTIQ-Gläubigen erkennen und in welcher Form? Im Kontext westlicher Gesellschaften stellt sich diese Frage ebenfalls. Auch aus theologischer Sicht:

Ist das akademisch-theologische Feld offen für Menschenrechtsbildung, für LGBTIQ-Rechte? Wie und wann wird die Kirche die Tür für die Bedürfnisse ihrer eigenen LGBTIQ-Gläubigen öffnen?

Ist LGBTIQ innerhalb der Kirche ein Clash-Punkt, oder gibt es einen Punkt der Öffnung? Die wichtigste Perspektive, die bei dem Versuch, diese und viele andere Fragen zu beantworten, nicht vergessen werden darf, ist ja gerade die Perspektive der LGBTIQ-Gläubigen, ihrer Identität und ihrer Existenz. Anstelle von einem Clash-Punkt können und sollen LGBTIQ-Identitäten innerhalb der Kirche Öffnungspunkte darstellen.

Hashtag der Woche: #queerreligion


Beitragsbild: Markus Winkler

 

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tanja grabovac

ist Universitätsassistentin am Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Universität Graz. In ihrer Dissertation forscht sie über religiöse und LGBTIQ-Identität in der katholischen Kirche und in der Gesellschaft in Bosnien und Herzegowina.

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