In der Debatte um Homosexualität und Kirche scheinen die theologischen Argumente längst ausgetauscht. Doch gibt es Neues zu entdecken. Philipp Graf diskutiert Forschungsergebnisse der finnischen Exegetin Joanna Töyräänvuori, die minutiös den hebräischen Text in Lev 18,22 und 20,13 analysiert und darin nicht homosexuelles Verhalten verurteilt sieht, sondern Geschlechtsverkehr zweier Männer mit einer Frau – eine „ménage à trois“.

 „Kennt und verurteilt das Alte Testament Homosexualität?“1

Nein.2

Es ginge so einfach. Denn im Alten Testaments spielt Homosexualität, wie sie heute definiert wird, keine Rolle. Trotzdem wird sie immer wieder3 u. a. mithilfe zweier Stellen im Buch Levitikus verurteilt:

Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel. (Lev 18,22, Einheitsübersetzung)

 

Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. (Lev 20,13, Einheitsübersetzung)

Joanna Töyräänvuori zeigt: Diese Übersetzungen beruhen auf Missverständnissen, wenn nicht gar Vorurteilen.

Joanna Töyräänvuori: Homophob motivierte „Ausschmückungen“

Wichtige englische Bibeln stellen in Töyräänvuoris Augen „an elaboration of the text“4 von Lev 18,22; 20,13 dar. Auch deutsche Übersetzungen sind oft „ausgeschmückt“. Am Beispiel von Lev 20,13:

Luther: Wenn jemand bei einem Manne schläft wie bei einer Frau, so haben sie beide getan, was ein Gräuel ist, und sollen des Todes sterben; ihre Blutschuld komme über sie.

Basisbibel: Schläft ein Mann mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, sind beide des Todes schuldig. Sie haben eine abscheuliche Tat begangen. Wer ihr Blut vergießt, bleibt straffrei.

Gute Nachricht Bibel (GNB): Wenn ein Mann mit einem anderen Mann geschlechtlich verkehrt, haben sich beide auf abscheuliche Weise vergangen. Sie müssen getötet werden; ihr Blut findet keinen Rächer.

Das Problem: Welche Bedeutung und Satzfunktion hat die hebräische Verbindung miškebe išah in Lev 20,13 (und 18,22)? Töyräänvuori unterbreitet hierzu einen interessanten Vorschlag. Eine deutsche Übersetzung kann helfen, ihre Argumentation in den deutschen Sprachraum zu übertragen.

Buber-Rosenzweig: Das Bett als Ort des Geschehens

Martin Buber hat gemeinsam mit dem 1929 verstorbenen Franz Rosenzweig die Hebräische Bibel übersetzt.5 Die beiden jüdischen Philosophen erfanden, um Wortspielen und dem Aufbau des Hebräischen möglichst nahe zu kommen, manchmal altertümlich klingende „Verdeutschungen“ wie „Weibs Beilager“ für miškebe išah in Lev 20,13:

Ein Mann, der einem Männlichen beiliegt in [!] Weibs Beilager, Greuel haben beide getan, sterben müssen sie, sterben, — ihre Blutlast ist auf ihnen.

Das ist keine zufällige Wiedergabe, wie die Übersetzung von Lev 18,22 zeigt:

Einem Männlichen sollst du nicht beiliegen in [!] Weibs Beilager, Greuel ists.

„Weibs Beilager“ ist Ort des Geschehens – ein Umstand, den auch andere Exeget*innen unterstreichen.6

Ménage à trois

Buber zeigt, dass man miškebe išah nicht als Vergleich („wie mit einer Frau“) übersetzen muss, zumal die Vergleichspartikel ke („wie…“) fehlt.7 Töyräänvuori blickt noch genauer auf die Grammatik. Sie sieht nicht im anderen Mann, sondern in miškebe išah das Objekt des Verbs škb („mit XY schlafen“). Ähnliche Konstruktionen mit „Bett“ (miškab) machen das plausibel, z. B. Num 31,17 f. Statt der ungenauen Einheitsübersetzung erneut Buber:

17 Und nun, bringt alles Männliche unter dem Kleinvolk um, alljedes Eheweib, das einen Ehegatten in männlicher Beiwohnung erkannte, sollt ihr umbringen, 18 aber alles Kleinvolk unter den Weibern, die noch keine männliche Beiwohnung kennen, laßt am Leben für euch.

„Kennen“ (hebr. yda) meint im entsprechenden Kontext – genauso wie škb in Lev 18,22; 20,13 – „miteinander schlafen“.8 Objekt dazu ist in Num 31,17 „Ehegatte“, ergänzt um „zur männlichen Beiwohnung“ (lemiškab zakhar). In Num 31,18 findet sich lediglich „männliche Beiwohnung“ als Objekt zu yda. Es steht also stellvertretend für den Sexualpartner (vgl. auch Num 31,25; Ri 21,11 f.). Das heißt für miškebe išah in Lev 18,22; 20,13: Das Bett, auf dem der eine mit dem anderen Mann liegt, steht für eine Frau als Sexualpartnerin der zwei Männer. Sexuellen Verkehr zwischen den zwei Männern muss man dagegen nicht zwingend annehmen; man kann die Präposition et- als „in Verbindung mit“ auffassen.9 Töyräänvuoris Übersetzung lautet daher, ins Deutsche übertragen:

Und ein Mann, der mit einem Mann das Bett einer Frau beschläft, die beiden haben eine Abscheulichkeit gemacht. Sterbend werden sie hingerichtet werden. Ihr Blut ist auf ihnen.10

Verboten wird nur, dass zwei Männer mit einer Frau Sex haben – eine „ménage à trois“.11 Ob die Männer miteinander Sex haben, ist nicht klar, für das Verbot aber ohnehin irrelevant.

Das ist eine folgenreiche Neuinterpretation, die nicht ein Verbot von Homosexualität in den Text hineinliest, sondern aus dem Text heraus eine neue und stichhaltigere Deutung entwickelt. Warum aber das Verbot?

Gründe für das Verbot des flotten Dreiers

Genetische Vaterschaftstest gab es nicht. In Streitfällen garantierte allein die Mutter die Abstammung eines Kindes. Geerbt wurde aber auf der väterlichen Linie.12 Deshalb durfte ein Mann mit mehreren Frauen Kinder haben, die dann einen Anteil am Erbe bekamen. Eine Frau durfte aber nicht mit mehreren Männern Sex haben, da die Zusammensetzung des Erbes unklar bliebe. 13 Damit fügen sich Lev 18,22; 20,13 viel besser in ihren Kontext, als wenn es darin um das Verbot homosexueller Praktiken ginge: Die Verse sind jeweils von Verboten diverser Formen des Inzests (Lev 18,10–18; 20,11–12.14) umgeben.14 Inzest verdreht Abstammungs- und damit Erbschaftsverhältnisse. Hinzu kommen Bedenken, ob aus der Vermischung der Spermien (die Eizelle war noch nicht bekannt) ein Mischwesen entstehen würde. Für die biblischen Verfasser (sic!) kommt das offensichtlich tier-menschlichen Hybriden aus der Welt der Dämonen und heidnischer Mythen nahe. Diese Vorstellung erklärt, warum – der assoziativen Logik biblischer Gesetzessammlung entsprechend – Verbote sexueller Beziehungen zwischen Mensch und Tier (Lev 18,23; 20,15 f.) folgen.15

Töyräänvuoris Übersetzung von Lev 18,22; 20,13 passt besser zum Kontext der Verse. Sie eröffnet neue Perspektiven auf die Textstellen, deren (Miss-)Verständnis eine komplexe Geschichte hat, die bis zu den ersten Übersetzern (sic!) der Bibel ins Griechische und Lateinische zurückreicht. Was all das für die kirchliche Sexualmoral bedeutet, kann ich als Exeget nicht beantworten.

Hashtag der Woche: #ménageàtrois


(Beitragsbild: @sincerelymedia)


1 Gleichnamiger Artikel von Thomas Hieke in: Goertz, Stephan (Hg.): „Wer bin ich, ihn zu verurteilen?“ Homosexualität und katholische Kirche (Katholizismus im Umbruch 3), Freiburg im Breisgau 2015, 19–52.


2 Zur ausführlichen Begründung dieses „Neins“ vgl. Hieke, Kennt und verurteilt das Alte Testament Homosexualität?


3 Z. B. in Deutsche Bischofskonferenz, Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Freiburg im Breisgau 1985, 387. Wenn man Google befragt, stößt man schon in den ersten zehn Suchergebnissen auf Seiten, die Homosexualität u. a. mit dem Verweis auf Lev 18,22; 20,13 verurteilen.


4 Töyräänvuori, Joanna: Homosexuality, the Holiness Code, and Ritual Pollution: A Case of Mistaken Identity, in: Journal for the Study of the Old Testament 45 (2020) 236–267, 239.


5 Die Schrift. Aus dem Hebräischen verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. In 4 Bänden, 10., verbesserte Auflage der neubearbeiteten Ausgabe von 1954, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 1992.


6 Vgl. dazu Joosten, A New Interpretation, 5.


7 Joosten, Jan: A New Interpretation of Leviticus 18:22 (Par. 20:13) and its Ethical Implications, in: The Journal of Theological Studies 71 (2020) 1–10, 5.


8 Vgl. Töyräänvuori, Homosexuality, 243 f.


9 „[…] the sentence could easily be translated as ‘you will not lay the beds of a woman with a man’, meaning ‘you will not have sex with a woman or women in conjunction with any man’.“ (Töyräänvuori, Homosexuality, 244.


10 “And a man which lies down with a male the bed(ding)s of a woman, the two of them have made an abomination. Dying, they will be put to death. Their blood is upon them.” (Töyräänvuori 240) Für škb wähle ich das ungewöhnliche „beschlafen“, weil es ein Akkusativobjekt erlaubt.


11 Töyräänvuori, Homosexuality, 244.


12 Vgl. Töyräänvuori, Homosexuality, 249.


13 Dazu Töyräänvuori, Homosexuality, 259.


14 Vgl. tabellarische Übersicht bei Töyräänvuori, Homosexuality, 254 f.


15 Vgl. Töyräänvuori, Homosexuality, 257.

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philipp graf

philipp graf

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Altes Testament an der TU Dortmund. In seiner Dissertation betrachtet er das Buch Josua unter rollentheoretischer Perspektive.

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