Universitäten spielten in Bezug auf die Entwicklung und wissenschaftliche Fundierung rassistischer Unterscheidungen in der Vergangenheit eine zentrale Rolle. Auch in der Theologie ist längst nicht alles davon aufgearbeitet. Marie Raßmann begibt sich auf die Suche nach einer rassismuskritischen Religionspädagogik.

Rassismus in unterschiedlichen Gewändern

Rassismus betrifft uns alle. Es handelt sich um ein machtvolles Netz aus Diskursen und Praktiken, das verschiedene Bereiche der Gesellschaft beeinflusst – inklusive unserer eigenen Wahrnehmung. Gerade Weiße Angehörige der Mehrheitsgesellschaft sind sich dessen häufig nicht bewusst und reagieren auf die Thematisierung von Rassismus abwehrend. Zu sehr wird er mit böswilligen Einzelaktionen in Verbindung gebracht. Das macht die Aufarbeitung schwierig.1

Postkoloniale Theoretiker*innen haben auf die Problematik des Kulturbegriffs hingewiesen, der das alte ‚Rasse‘-Konzept überwiegend abgelöst hat und essentialistisch verstanden Rassismus in ein neues Gewand hüllt. Auch Religion kann zum Unterscheidungsmarker werden. Dabei werden die Differenzkategorien häufig nicht klar unterschieden, sondern bilden ein vages Gesamtkonstrukt, das der Migrationspädagoge Paul Mecheril als „natio-ethno-kulturelle“ Codierung bezeichnet. Insgesamt dient Rassismus (ob intendiert oder nicht) der Etablierung einer sozialen Ordnung, der Schaffung und Bekräftigung von Selbst-, Welt- und Fremdbildern. Auch Integrationsforderungen und einseitige Zielgruppenangebote für Immigrant*innen o. ä. sind nicht harmlos, sondern können Othering (d. h. eine machtvolle Grenzziehung, die ein „Wir“ von den nichtzugehörigen „Anderen“ unterscheidet) begünstigen und müssen sensibel auf ihre Wirkweise hin untersucht werden.2

Rassismuskritische Theologie? Schwierig, aber notwendig!

Rassismuskritik ist anspruchsvoll und lässt sich nicht in gutem Willen auflösen. Durch Mangel an Kritik reproduzieren sich Dominanzstrukturen und verteilen so unter der Oberfläche weiter politische, soziale und wirtschaftliche Teilhabe.3

Will sich die Theologie von ihren Verstrickungen in hegemoniale Identitätsdiskurse lösen, muss sie sich dauerhaft kritisch reflektieren, sich konsequent antirassistisch verstehen und an den Rand gedrängte Stimmen aktiv miteinbeziehen.

Es gilt, sich von naiven Vorstellungen von Neutralität zu lösen und stattdessen die Bedeutung der Machtförmigkeit von Wissen anzuerkennen. Ansätze aus den Postkolonialen Theorien, der Kritischen Weißseinsforschung oder auch den Kontextuellen bzw. Interkulturellen Theologien können hier zentrale Schneisen aufzeigen.

Eine migrationssensible und rassismuskritische Religionspädagogik

Das gilt auch für die Religionspädagogik. Fehlt eine Reflexion der Bildungspraxis, so kann sie rassistische Strukturen reproduzieren, was dem Anspruch von Gleichheit und Emanzipation zuwiderläuft. Eine sich rassismuskritisch verstehende Religionspädagogik muss sich den ambivalenten Strukturen einer „Migrationsgesellschaft“ (Mecheril) stellen. Als Referenzdisziplin möchte ich daher die bisher in der Theologie kaum rezipierte Migrationspädagogik vorschlagen, die gesellschaftliche Zugehörigkeitsordnungen und Identitätspraktiken und deren Bedeutung für Bildungsprozesse untersucht. Über den religionspädagogischen Vierschritt nach Reinhold Boschki (Orientieren – Sehen – Urteilen – Handeln) gelingt die Verbindung zur Religionspädagogik. Der ergänzte Schritt ‚Orientieren‘ meint eine kritische Selbstreflexion zu Beginn. Das Bewusstsein um das eigene Einbezogen-Sein in Dominanzstrukturen wird Teil professioneller Kompetenz.

Gerade die Interkulturelle Religionspädagogik bedarf eines Turns in Richtung einer migrationssensiblen Religionspädagogik, um sich von Kulturalisierungstendenzen zu lösen und Migration als entscheidenden sozialen Faktor stärker zu thematisieren.

Auch Konzepte, die Vielfalt positiv hervorheben und in interkulturellen Begegnungen voneinander lernen wollen, bleiben in natio-ethno-kulturelle Othering-Mechanismen verstrickt.

Ein Beispiel: Im Standardwerk „Einführung in die Religionspädagogik“ schreibt Boschki über die Gegenwart: „Kulturen, Ethnien und Religionen treffen zusammen, was eine große Bereicherung, aber auch erhebliches Konfliktpotenzial bedeuten kann“4. Jedoch geht es weniger um das Zusammentreffen von abgeschlossenen Kulturen etc., als um menschliche Migrationsprozessen, die Zugehörigkeitsordnungen hinterfragen, transformieren und komplexe Identitäten hervorbringen. Es gilt, einen Schritt zurückzutreten. Und dieses ‚Platzanweisen‘ selbst zum Gegenstand von Bildungsprozessen machen. Prinzipien wie Mündigkeit oder Subjektwerdung sind für eine rassismuskritische Religionspädagogik gut geeignet, wenn ihr Verständnis dabei der unhintergehbaren Verstrickung des Menschen in rassistische Strukturen Rechenschaft trägt.5

Fünf Punkte für eine rassismuskritische Religionspädagogik

Zuerst müssen die eigenen Sehvoraussetzungen und ihre impliziten Kategorisierungen reflektiert werden. Insbesondere gilt das für das eigene Weißsein (bei Weißen) und die Positionierung in der Migrationsgesellschaft. Das schließt, zweitens, auch immer wieder zu vollziehende Brüche mit den eigenen Mustern und Traditionen ein. Drittens gilt es Vielfalt und Hybridität auszuhalten und sie aktiv zu suchen, ohne sie kulturalistisch zu stereotypisieren. Das betrifft auch die Notwendigkeit von Diversität in allen Bildungs- und Wissenschaftssettings (in Personal-, Themen- und Literaturauswahl, etc.) und nicht nur, wenn es um z. B. Entwicklungszusammenarbeit geht. Viertens sollte der Umgang mit Dekonstruktion, Ambivalenz und dem eigenen Nicht-Können wertgeschätzt und aktiv in den Kompetenzkatalog integriert werden. Und fünftens sind gerade Identitätskonstruktionen zu hinterfragen und hegemonialkritisch zu gestalten.6

In Bezug auf Rassismus trägt Theologie historische Verantwortung. Der gilt es sich zu stellen!

Neugierig geworden? Zum Einstieg ins Thema Rassismus vgl. z. B. Tupoka Ogette: Exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen (kostenlos als Hörbuch auf Spotify); zur Bildungsarbeit vgl. Astrid Messerschmidt: Weltbilder und Selbstbilder. Bildungsprozesse im Umgang mit Globalisierung, Migration und Zeitgeschichte, Frankfurt/M. 2009.

Hashtag der Woche: #endracism


(Beitragsbild: @claybanks)

 

1 Mecheril, Paul – Melter, Claus: Rassismustheorie und -forschung in Deutschland. Kontur eines wissenschaftlichen Feldes, in: Dies. (Hgg.): Rassismuskritik. Bd. 1: Rassismustheorie- und forschung (Reihe Politik und Bildung, Bd. 47), Schwalbach/Ts. 22011, S. 15f.

2 Vgl. Scharathow, Wiebke u. a.: Rassismuskritik, in: Melter, Claus – Mecheril, Paul: Rassismuskritik. Bd. 1: Rassismustheorie und -forschung (Reihe Politik und Bildung, Bd. 47), Schwalbach/Ts. 22011, S. 11; Rommelspacher, Birgit: Was ist eigentlich Rassismus? In: Melter, Claus – Mecheril, Paul: Rassismuskritik. Bd. 1: Rassismustheorie und -forschung (Reihe Politik und Bildung, Bd. 47), Schwalbach/Ts. 22011, S. 29f.

3 Vgl. Messerschmidt, Astrid: Weltbilder und Selbstbilder. Bildungsprozesse im Umgang mit Globalisierung, Migration und Zeitgeschichte, Frankfurt/M. 2009, S. 96; Nehring, Andreas – Wiesgickl, Simon: Postkoloniale Theorien und die Theologie. Themen, Debatten und Forschungsstand zur Einführung, in: Dies. (Hgg.): Postkoloniale Theologien II. Perspektiven aus dem deutschsprachigen Raum, Stuttgart 2018, S. 7.

4 Boschki, Reinhold: Einführung in die Religionspädagogik (Theologie kompakt), Darmstadt 32017, S. 57.

5 Vgl. Messerschmidt: Weltbilder, S. 8.; Boschki: Einführung, S. 84f.

6 Inspiriert durch Nehring – Wiesgickl: Postkoloniale Theorien, S. 11f.

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marie raßmann

studiert Katholische Theologie und Geschichtswissenschaft in Tübingen bzw. aktuell in Straßburg. Sie ist wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte in Tübingen und interessiert sich ansonsten für Wissenschaftstheorie, Ideologiekritik und guten französischen Käse.

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