Im Marienmonat Mai setzen wir einen feministischen und queeren Schwerpunkt in unseren Beiträgen. Unlängst geriet das Thema Periodenshaming in das Social-Media-Kreuzfeuer. Rein oder Unrein – ist das hier echt die Frage? Tabea Ott veranlasst das, über Reinheitsvorstellungen, ihre Ursprünge und den kirchlichen Umgang damit nachzudenken.

„Pinky Gloves“ heißt die Geschäftsidee zweier Gründer, die durch den TV-Auftritt in der Unterhaltungsshow „Die Höhle der Löwen“ Aufsehen erregte. Dabei handelt es sich um einen pinken Plastikhandschuh, der dazu dienen soll, Tampons bei der Entnahme nicht mehr berühren zu müssen, sondern mit den „Pinky Gloves“ zu entfernen und dabei in kleinen, blickdichten, pinken Päckchen zu entsorgen. Was zunächst irgendwie harmlos und süß klingt, ist auf mehreren Ebenen problematisch und hat zurecht einen Social Media Shitstorm ausgelöst.

Periodenshaming

Abgesehen von berechtigten Zweifeln an der Nachhaltigkeit, dem Preis-Leistungs-Verhältnis und der Vermarktung des Produktes ist der gewichtigste Kritikpunkt der: Mit dem pinken Handschuh wird eine spezifische Perspektive auf Frauen(wünsche) und Menstruation eingenommen, die den weiblichen Zyklus und Menstruieren als etwas darstellt, das möglichst diskret, unsichtbar und geruchlos abzulaufen hat. Damit werden „Reinheitsvorstellungen“ aufgegriffen und reproduziert, die auch in den christlichen Kirchen lange Zeit eine zentrale Rolle spielten und immer noch spielen. Die normativen Implikationen, die das Reinheitsnarrativ mit sich bringt, begünstigen bis heute die ungleiche Behandlung von Frauen und Menstruierenden.

Rein oder Unrein?

Von jeher ist der Reinheitsdiskurs eng mit der Religion verschränkt: Fragen im Spannungsfeld von Reinheit und Unreinheit und damit verbunden mit Heil und Unheil, Ordnung und Unordnung sind – nicht nur, aber auch – für die christliche Religion wesentlich.1 Die Welt wird in die Bereiche „Rein“ und „Unrein“ unterteilt, wobei Übergänge durch Rituale (z. B. die Taufe) möglich sind. Reinheit gilt dabei als der Idealzustand, den es zu erreichen gilt, der aber angesichts der eigenen Körperlichkeit nicht auf Dauer gestellt werden kann. Der Körper, in dem wir uns immer schon vorfinden, der sich jedoch der absoluten Kontrolle entzieht, gerät in Verdacht auf dem Weg hin zur Heiligkeit. Seine Abwertung und die Behauptung seiner Unreinheit und Nähe zur Sünde entwickeln sich unter Bezug auf den griechischen Leib-Seele-Dualismus, der dann in der christlichen Theologie  zu einer Unterordnung des Körpers führt. Bei Augustinus etwa zeigt sich die deutliche Überordnung der geistigen Sphäre über die körperliche, wenn er von der Beschwerung der Seele durch den sterblichen Leib und das stufenweise Aufsteigen über den Körper hin zum Verstand spricht, wobei die reine Vernunft schließlich die Gotteserkenntnis ermöglicht.2 Sein Denken ist bis auf Ausnahmen programmatisch für die Alte Kirche und philosophische Strömungen der Zeit.

Frauenkörper

Doch damit nicht genug. Zur Abwertung der Körperlichkeit tritt deren Assoziation mit Weiblichkeit: In der binär vorgestellten Geschlechterwelt der Antike wird die Frau als das der Natur und Sinnlichkeit nähere Wesen bestimmt, während dem Mann oppositionell Geist und Vernunft attribuiert werden.3 Mit dieser Zuordnung wird Frauen und Frauenkörpern inklusive den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften wie Menstruations- und Gebärfähigkeit eine manifeste Unreinheit unterstellt.4 Derartige Verknüpfungen in der antiken Geistesgeschichte prägen nicht nur die Ausführungen zum binären Differenzsystem im 19. Jahrhundert, in dem die verschiedenen Bereiche des Lebens den vermeintlich „natürlichen“ Charakteren von Mann und Frau zugeordnet werden, sondern sie beeinflussen unsere Vorstellungswelt bis heute. Die Untersuchung des male gaze in den Gender Studies  zeigt, dass Frauen und ihre Körper in Kunst und Kultur als Objekte der Versuchung und Sünde, einladend und bedrohlich zugleich gezeichnet werden. Ebenso schreiben sich in die Rezeption der biblischen Figuren Eva oder Maria derartige Narrative ein. Während durch Eva, so die Interpretation, aufgrund ihrer Empfänglichkeit für das Böse, die Sünde und die Geburtsschmerzen in die Welt kommen, wird Maria als völlig frei von weiblich-sündhaften Körpermerkmalen gezeichnet.

Menstruationsfreie Räume?

Was bedeuten nun derartige Frauenkörpervorstellungen für die kirchliche Praxis? Der Dualismus, mit dem die Abwertung von Frauen und ihre Assoziation mit Sündhaftem einhergeht, ist kirchenpolitisch und gesellschaftlich nicht ohne Folgen geblieben. So wurde Frauen der Zugang zu sakralen Räumen und zu Sakramenten aufgrund ihrer vermeintlichen körperlichen Unreinheit verwehrt.5 Indem die Kirche nach Reinheit strebte, schuf sie also menstruationsfreie und damit frauenfreie Räume. Räume, in denen Körperlichkeit verdrängt und dem geistig-seelischen Geschehen untergeordnet wurde. Damit verbindet sich der Reinheitskurs mit Fragen der Zugänglichkeit zu Ämtern und Räumen, kirchlich wie gesellschaftlich, ebenso wie mit Fragen der Macht und Deutungshoheit.

Body turn

Mit dem body turn bzw. corporeal turn setzt in den 1990er Jahren eine zunehmende Hinwendung zur Untersuchung des Körpers bzw. eine Untersuchung leiblicher Erfahrung ein. Es entstehen zahlreiche Arbeiten, die gegenüber dem Menschen als animal rationale die leibliche Interdependenz und die Bedeutung leiblicher Erfahrung für die Selbstwerdung und Moralentwicklung hervorheben. Der Leib-Seele-Dualismus wird von einer „chiasmatischen Überkreuzung beider Sphären“6 abgelöst. Dieser plot twist bahnt sich bereits bei Hildegard von Bingen an, wenn sie darauf aufmerksam macht, dass Seele und Fleisch sich gegenseitig unterstützen.7 Und auch Elisabeth Moltmann-Wendel ruft die in Vergessenheit geratene Neubewertung der Körperlichkeit in der Jesusbewegung in Erinnerung, die von einem hebräischen, ganzheitlichen Denken geprägt und keineswegs körperfeindlich ist.8 Jesu Botschaft und Leben hat zutiefst leibliche Implikationen. Mit dem leibgewordenen Gott kehren sich die Dimensionen Rein und Unrein um. Gottferne und Gottnähe werden nicht mehr materiell bestimmt. Der Körper und die damit verbundenen Funktionen wie die Menstruation oder die Geburt eines Kindes können die Gottesbegegnung nicht hindern. Die zuvor so eindeutige Trennung zwischen Rein und Unrein verschwimmt. Nicht zuletzt sind es die Frauen, die es wagen, mutig Grenzen zu überschreiten, wie die blutflüssige Frau in Markus 5,25-34. Als Stigmatisierte und gesellschaftlich sowie kultisch Ausgeschlossene, wagt sie es dennoch, sich Jesus zu nähern. Menschliche Machtstrukturen und Räume des Ausschlusses können sie nicht daran hindern, Gott zu berühren und den Raum neu zu erobern.

Aus Fehlern lernen

Was ist nun aus dem Periodenhandschuh geworden? Nach dem andauernden Protest und der vehementen Kritik in den sozialen Netzwerken, haben sich Investor und Gründer der „Pinky Gloves“ darauf geeinigt, das Produkt einzustellen. Mit dieser medienwirksamen Entscheidung zeigt sich: Machtverhältnisse verschieben sich und mit ihnen kommt es zu einer Entstigmatisierung von Frauenkörpern. Darin liegt großes Potential auf dem Weg hin zu einer Gesellschaft und Kirche der für alle offenen Räume.

Hashtag: #pinkygloves

(Beitragsbild: @taylorsmith)


1 Vgl. Bahr 2005.

2 Vgl. Augustinus 2014, 156-197.

3 Vgl. Harding 2009, 425-453.

4 Die Gleichsetzung von Frauen und Menstruierenden, die hier implizit getroffen ist, muss als problematisch markiert werden. Nicht alle Frauen menstruieren und nicht alle Menstruierenden sind Frauen. Die Kategorien gehen jeweils nicht ineinander auf.

5 Vgl. Moltmann-Wendel 1994, 58.

6 Vgl. Waldenfels 2015, 247.

7 Vgl. Moltmann-Wendel 1994, 65.

8 Vgl. Moltmann-Wendel 1994, 62.

tabea ott

tabea ott

studierte Evangelische Theologie, Germanistik und Erziehungswissenschaften in Erlangen, Cluj-Napoca und Aberdeen. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Systematische Theologie II (Ethik) in Erlangen.

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