Spätestens seit der MHG-Studie ist bekannt: In der katholischen Kirche gibt es Faktoren, welche die sexualisierte Gewalt an Schutzbefohlenen begünstigen. Allein diese aufzuarbeiten genügt jedoch nicht, schreibt Julian Tappen. Der Blick muss darauf geweitet werden, wie Männlichkeit(en) konstruiert sind.

Inzwischen sollte klargeworden sein, dass sexualisierte Gewalt zwar kein allein kirchliches Phänomen ist, dass es aber spezifisch katholische Konstellationen gibt, die Missbrauch begünstigen. Es gibt systemische Gründe dafür, dass gerade im Raum der Kirche Minderjährige und andere Schutzbefohlene nicht genügend geschützt waren und sind vor Missbrauch und Gewalt, und dass es dem System Kirche inhärente Gründe gibt, den Schutz der Institution vor den Schutz der Betroffenen, die Aufklärung der Taten und die Bestrafung der Täter zu stellen.

Zu diesen nicht einfach hinreichenden aber mittelbar begünstigenden Faktoren gehören sicherlich der Pflichtzölibat, eine in ihrer Wirkung rigide Sexualmoral und eine klerikalistische Überhöhung der Stellung geweihter Personen. Darüber hinaus gehört eine Haltung großer Vulnerabilität beinahe zum Begriff der Seelsorge selbst:

Gerade im Raum der Kirche machen sich Menschen verletzbar, insofern in religiösen Dingen das Erste und Letzte menschlichen Daseins in Frage steht, ja sich diese religiöse Existenz mit einem Unbedingten konfrontiert. Hier koinzidieren existenzielle Verletzbarkeit und die spezifische Stellung des katholischen Priesters in Form einer „Sakralmacht“1, die als Dispositiv missbrauchsermöglichend sein kann.

Präventionsarbeit kann nicht an diesen begünstigenden Faktoren vorbei getan werden und muss auf die eine oder andere Weise flankiert oder reformiert werden; das sollte mit dem zweifachen Blick auf die Betroffenen sexualisierter Gewalt einerseits und auf das Evangelium andererseits, das zu verkündigen diese Kirche beauftragt ist, inzwischen klargeworden sein.

Missbrauchsbefördernder Faktor: Männlichkeit

Neben diesen spezifisch religiösen bzw. katholischen Faktoren, die sexualisierte Gewalt begünstigen, gibt es aber auch solche, die auch in nichtkirchlichen Kontexten potentiell missbrauchsfördernd sind. Ohne dabei in relativierender Absicht das kirchliche Versagen zu verschleiern, sind auch diese in den innerkirchlichen Diskurs einzuspielen und zu benennen, gerade weil Kirche auch und immer noch eine gesellschaftliche Akteurin ist und allgemein-begünstigende Faktoren auch in ihr wirken können. Ja, es gibt Stimmen von Expert:innen, die die Konzentration auf die spezifisch katholischen missbrauchsermöglichenden Konstellationen deshalb kritisieren, weil sie insinuierten, sexualisierte Gewalt sei ein spezifisch katholisches Problem. Dadurch aber werde „von dem großen Ausmaß der sexuellen Ausbeutung von Kindern in Schulen, Einrichtungen der Jugendhilfe, Sportvereinen […] ab[gelenkt]“.2

Zu diesen Faktoren, die im Allgemeinen statistisch mit sexualisierter Gewalt korrelieren, gehört zuvorderst auch dies: männlich zu sein. Zwar wird man das Bild des aktiv-gewalttätigen Mannes und der passiv-erleidenden Frau aus mehreren Gründen differenzieren müssen,3 je enger jedoch der Gewaltbegriff in Richtung schwerer physischer und sexualisierter Gewalt gefasst wird, desto stärker verschiebt sich die Zuordnung der Täter:innen hin zum männlichen Geschlecht.4

Geht man nun mit der MHG-Studie davon aus, dass etwa 28%5 der im zweiten Teilprojekt interviewten Beschuldigten dem „fixierten Typus“ zuzurechnen sind, „bei dem Hinweise auf eine mögliche Präferenzstörung […] vorliegen“6, und dort eigentlich nicht von sexualisierter, sondern von sexueller Gewalt gesprochen werden müsste, dann wird man umgekehrt bei etwa 72% der Beschuldigten annehmen müssen, dass nicht in erster Linie sexuelle Neigungen, sondern im weitesten Sinne Störungen der Identitätskonstruktion mitverantwortlich für das Gewalthandeln sind.

Neben dem Blick auf die Konstruktion etwa eines kultischen Priesterideals sollte deshalb auch die Konstruktion von Männlichkeit in der innerkirchlichen Debatte stärker hervorgehoben werden, gerade wenn schwere Formen von Gewalt statistisch deutlich signifikant gegendert sind.

Die kritische Männlichkeitenforschung kann hier fundierte Hilfe leisten: Zentral ist noch immer das Konzept der australischen Soziologin Raewyn Connell, das als „hegemoniale Männlichkeit“ breit rezipiert worden ist.7 Kern des Konzepts ist die Beobachtung, dass sich Männlichkeiten über ein doppeltes Dominanzverhältnis gegenüber verschiedentlich subordinierten, anderen Männlichkeiten sowie gegenüber Frauen im Allgemeinen konstruieren. Darin lässt sich ein hegemonial gewordenes Männlichkeitsideal identifizieren, das durch bestimmte soziale Mechanismen Anerkennung und Einverständnis fordern kann. Der Dortmunder Soziologe Michael Meuser hat Connells Konzept mit Bourdieus Habitus-Begriff verbunden, der als generative Struktur gleichsam den Möglichkeitsraum sozialen (und auch geschlechtlichen) Handelns absteckt. Männlichkeit aber, so Meuser mit Bourdieu, erprobt und festigt sich in den „ernsten Spielen“8 homosozialer Räume um Macht, Dominanz und Überlegenheit. Dabei greifen auch die Verlierer dieser Spiele die „patriarchale Dividende“ ab und partizipieren am System struktureller Besserstellung von Männern gegenüber Frauen – eine Dividende, die aber auf Gewaltstrukturen beruht.

Präventionsarbeit beginnt bei der Geschlechterperformanz

Gewalt gehört nicht zur vermeintlichen Natur eines vermeintlich stabil beschreibbaren Großsubjekts „Mann“. Aber: Faktisch konstruiert sich Männlichkeit über unterschiedlich gewaltvolle Dominanz- und Unterordnungsverhältnisse, die auch im Raum der Kirche wirken. All das ist bekannt, inzwischen empirisch gut erforscht und nachvollziehbar beschrieben.9 Kirchliche Präventionsarbeit darf – auch von den Nicht-Kleriker:innen – nicht ins Priesterseminar outgesourcet werden, sondern beginnt in der eigenen Geschlechterperformanz. Es reicht nicht, nur allzu bequem auf das Versagen kirchlicher Strukturen hinzuweisen – so notwendig diese Aufarbeitung auch ist. Solange aber Kirche keine (im engeren Sinne) esoterische Gruppe ist, sondern deren Akteur:innen an den geschlechtlichen Konstruktionsprinzipien der Gesellschaft insgesamt partizipieren, kann genau genommen hinterher niemand mehr sagen, sie:er hätte von alldem „nichts geahnt“.

Hashtag: #kritischemännlichkeit


(Beitragsbild: @enginakyurt)

1 Hoff, Gregor Maria: Die Sakralisierungsfalle. Zur Ästhetik der Macht in der katholischen Kirche, in: ders./Knop, Julia/Kranemann, Benedikt (Hg.): Amt – Macht – Liturgie. Theologische Zwischenrufe für eine Kirche auf dem Synodalen Weg, Freiburg i. Br. 2020, 1267–284; Ders.: Sakralisierung der Macht. Theologische Reflexionen zum katholischen Missbrauch-Komplex, in: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2019/2019-038c-FVV-Lingen-Studientag-Vortrag-Prof.-Hoff.pdf; zuletzt abgerufen am 08.05.2021.

2 Enders, Ursula: Mythos Zölibat, in: http://www.zartbitter.de/gegen_sexuellen_missbrauch/Fachinformationen/6510_mythos_zoelibat.php; zuletzt abgerufen am 08.05.2021.

3 Vgl. Döge, Peter: Männer – Die ewigen Gewalttäter? Gewalt von und gegen Männer in Deutschland, 2., korrigierte Auflage, Wiesbaden 2013, 155: „Männer sind nicht nur Täter, Männer sind auch – und in einem nicht unerheblichen Maße – Opfer von Gewalt. Auf der anderen Seite wird deutlich: Frauen sind nicht nur Opfer, sie sind zu einem fast gleichen Anteil wie Männer Täterinnen.“

4 Vgl. ebd., 30f.

5 Dreßing, Harald u. a.: Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz (MHG-Studie), in: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2018/MHG-Studie-gesamt.pdf; zuletzt abgerufen 08.05.2021, 106.

6 Ebd., 12.

7 Zuletzt 2005 grundlegend bedacht in: Connell, Raewyn/Messerschmidt, James W.: Hegemonic Masculinity. Rethinking the Concept, in: Gender and Society 19 (2005), 829–859.

8 Meuser, Michael: It’s a Men’s World. Ernste Spiele männlicher Vergemeinschaftung, in: Klein, Gabriele/Meuser, Michael (Hg.): Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs (Materialitäten 6), Bielefeld 2008, 113–134.

9 Ich verweise der Kürze halber hier nur auf Gottzén, Lucas/Mellström, Ulf/Shefer, Tamara (Hg.): Routledge International Handbook of Masculinity Studies, London/New York 2020.

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dr. julian tappen

hat katholische Theologie und Philosophie in Köln und Münster studiert. Nach seiner Promotion in Bonn arbeitet er derzeit als Akademischer Rat am Lehrstuhl für Systematische Theologie der Universität zu Köln.

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