Angesichts sexueller Gewalt in der katholischen Kirche bedarf es laut Johannes Brunner einer präventiven Haltung, welche das Theologisieren und Handeln grundsätzlich durchdringt. Was das für die Praxis bedeuten kann, formuliert er am Beispiel der Sprachfähigkeit.

Verzweiflung ist stumm, gleich einem Meer aus tausenden nicht geweinten Tränen. Ein Mensch, der schreit, hofft zumindest noch auf ein Gegenüber. Wahre Verzweiflung aber, so schon der spanische Philosoph Miguel de Unamuno, ist still.1 Sie kommuniziert nicht mehr, vermag nicht mehr sich mitzuteilen, da in dieser dunklen Nacht selbst der Glaube daran, irgendwo Gehör zu finden oder irgendetwas bewirken zu können, bereits erloschen ist. Wie viel stille Verzweiflung es in dieser Nacht wohl gibt? Und wie kommt es erst dazu? Auf wie viele taube Ohren und blinde Augen muss ein Mensch stoßen? Auf wie viele Menschen treffen, die angesichts des Unrechts verstummen oder schlimmer noch, sich in billige Erklärungen und scheinbar fromme Deutungen flüchten, um letztlich nur der eigenen Ohnmacht – vielleicht auch Schuld – zu entkommen?

Ein Blick auf den Umgang von Verantwortungstragenden mit zahlreichen Fällen sexueller Gewalt innerhalb der katholischen Kirche und derer Institutionen zeugen davon. Jahrzehnte lang wurde geleugnet, vertuscht, Täter2 wurden geschützt oder einfach versetzt.3 Betroffene sexueller Gewalt hingegen sollten jahrelang kein Gehör finden, ja gar zum Schweigen gebracht4 werden. Kaum ein Schrei drang durch die dicken Kirchenmauern, kaum eines ihrer Worte fand ein Gegenüber, in der Hoffnung, dass diese endlich zum ‚Wohle der Kirche´ verstummten.5 Um die Kirche zu schützen, nahm man die Verzweiflung der Opfer6 in Kauf – kam diese wohl sogar gelegen, stumm wie doch ihr Wesen ist – und übersah zugleich, dass jene Kirche, welche man so zu schützen hoffte, im selben Augenblick bereits aufhörte zu sein.

Der Blick nach innen

Mühevoll ist es, die Scherben wieder aufzusammeln, schlicht unmöglich scheint es, Zerbrochenes wieder zusammenzufügen. Wie konnte es nur so weit kommen? Fahrlässig wäre es, die Schuld auf das personifizierte Böse7 und daher nach außen zu projizieren oder angesichts der inneren strukturellen Risikofaktoren zu behaupten, es gelte nur mehr zu beten. Immerhin zeigen sich doch, neben systemischen und strukturellen Faktoren, selbst Elemente der eigenen Theologie (z.B. Amts- und Opfertheologie oder Sexuallehre8) auf unheilvolle Weise mit sexuelle Gewalt fördernden Faktoren verstrickt.9

Es wäre daher auch fahrlässig, jene problematischen theologischen Inhalte unreflektiert zu wiederholen, auf Reformen zu warten und bis dahin Prävention auf Schulungen, äußere Strukturen oder punktuelle Sensibilisierungen zu beschränken. Denn ohne die große Relevanz von solchen strukturellen Veränderungen und externen Präventionsschulungen in Abrede zu stellen, lässt sich die Bedeutung von Prävention als eine Haltung betonen, welche im Rahmen theologischen Arbeitens und religiöser Bildung schon jetzt von jeder*jedem Einzelnen umgesetzt werden könnte.

Schweigen durchbrechen

Ein erster Schritt – von wohlgemerkt vielen möglichen – könnte es sein, die Sprachfähigkeit des Umfelds und der Betroffenen zu fördern, um dadurch deren Handlungsspielraum zu erweitern und gleichzeitig den Machtvorsprung der Täter einzuschränken. Im Sinne einer Förderung der Sprachfähigkeit müsste aber so einiges beachtet werden;  bspw. die negative Bewertung von Homosexualität,10 welche einen schuld- und schambesetzten Umgang des Umfelds mit dieser schafft und es daher Betroffenen eines gleichgeschlechtlichen Übergriffs zusätzlich erschwert, offen darüber zu sprechen, aus Angst nachher als lesbisch bzw. schwul oder sündig zu gelten.11 Ähnlich sprachhemmend verhält es sich mit einer ideologisch aufgeladenen Opfer- und Leidenstheologie, in welcher das Leiden an sich verherrlicht wird und, statt Gerechtigkeit zu fordern, bloß vom geduldigen Ertragen gesprochen wird. Oft begleitet von verfrühten Forderungen nach Vergebung werden Opfer dadurch in die Passivität gedrängt.

Als ein weiteres Beispiel, wie Sprachfähigkeit beeinträchtigt wird, soll auf den Begriff des Gehorsams hingewiesen werden, welcher missverstanden eine autoritäre Fremdbestimmung begünstigt und dadurch den Machtvorsprung der Täter vergrößert. Ja selbst die Rede von Gott dem Vater und Jesus seinem Sohn kann dazu beitragen, generations- und geschlechterübergreifende Machtstrukturen zu festigen und dadurch die Grenze des Sagbaren zu zementieren.12 Immerhin ist doch im Letzten kein theologisches Sprechen jenseits eines interpretierenden Subjektes oder eines konkreten Kontextes möglich. Und es ist bekanntlich der Kontext, der die Botschaft macht. Daher soll an dieser Stelle bloß angedeutet werden, was die Worte „Vater unser (…) dein Wille geschehe“ für manche noch bedeuten können…

Zum Sprechen befähigen

Mühelos ließe sich noch mit mehreren Punkten auf diese Weise fortfahren, allerdings sollte nicht übersehen werden, dass dies auch mit umgekehrten Vorzeichen möglich ist. Immerhin vermag bereits eine kleine Geste, etwa ein Hinweis wie „Entschuldigung, ich habe an deinem Zurückweichen gemerkt, das war dir zu nah“, vor allem Kinder und Jugendlichen ihre Selbstwirksamkeit erfahrbarer zu machen. Zudem kann damit bereits zum Ausdruck gebracht werden, dass es legitim ist, individuell Grenzen zu setzen, ja diese auch anzusprechen.

Weiter könnte Sprachfähigkeit gefördert werden, indem Gewalt und Unrecht (bspw. in Bibelgeschichten) in angemessener Form benannt und mitfühlend bearbeitet werden.13 Ein völliges Ausklammern gewaltvoller Elemente – meist aus guter Absicht – kann nämlich auch dazu führen, dass letztlich die Worte fehlen.

Eine weitere Möglichkeit zur Förderung der Sprachfähigkeit wäre es, eine Vielfalt an Geschlechterrollenbilder erfahrbar zu machen und Rollenbilder kritisch zu hinterfragen, welche die Aufopferungsbereitschaft, Hingabe und Prosozialität der Frau oder die ‚Ritterlichkeit‘14, Macht und Dominanz des Mannes einseitig betonen. Werden derart normative Erwartungen an Heranwachsende herangetragen, werden dadurch nicht nur eine passive Opferrolle von Frauen und eine dominante Täterrolle von Männern gefördert, sondern auch ein angemessenes Sprechen über (sexuelle) Gewalt und Grenzverletzungen erschwert.15 Die Folge davon ist ein gesellschaftliches Umfeld, in welchem eine Frau Grenzverletzungen „richtig einordnen“ und „sich fügen“ solle und ein „echter Kerl“ vieles, nur kein Opfer ist. ‚Indianer´ kennen ja bekanntlich keinen Schmerz.

Mit der Geschlechtlichkeit geht das Thema Sexualität einher. Diese sollte aus der Perspektive einer positiven Prävention auch positiv zur Sprache kommen, ohne aber die prinzipielle Verletzbarkeit, die mit Nähe einhergeht, zu verschleiern. An dieser Stelle ist der Wert einer umfangreichen sexuellen Bildung festzuhalten, wodurch die Sprachfähigkeit von Betroffenen und des Umfelds gefördert und ein Wissensvorsprung des Täters verringert wird. Dabei sollte Sexualität weder überbetont noch tabuisiert werden, wie es in so vielen katholischen Institutionen geschah, in denen sexuelle Gewalt stattfand.16

Zuletzt sei noch die Notwendigkeit eines offenen Umgangs mit Fehlern erwähnt. Denn oft werden Grenzen zunächst ‚nur´ ein wenig, dafür aber stetig mehr, überschritten und Widerstände langsam abgebaut, bis schließlich Schritt für Schritt ein Weg in ein Milieu bereitet wird, in welchem Grenzverletzungen zur ‚Norm-alität´ gehören. Insofern bedarf es einer Kultur des Hinsehens, in der individuelle Grenzen geachtet werden und grundsätzlich eingeschritten wird, sobald diese Grenzen – bewusst oder aus Versehen – tangiert werden.

Doch gewiss, dazu bräuchte es eine Kirche, in der Dialog statt Monolog und verwaltender Macht vorherrscht; eine Kirche, in welcher der ‚sensus fidelium´ mehr ist, als ein bloßes Echo lehramtlichen Denkens und klerikalen Handelns.17  Also eine laute, sprachfähige Kirche, denn ruhig darf es noch nicht werden. Stille mag besinnlich sein, doch birgt sie in diesem Falle auch etwas Trügerisches in sich, da sie nichtssagend dennoch von stummer Verzweiflung zeugt. Daher muss die ‚stille Nacht´ durch einen lauten Schrei durchbrochen werden, wider die Verzweiflung, wider die Gewalt, wider das Vergessen und die Sprachlosigkeit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“18

Hashtag der Woche: #endchildabuse


(Beitragsbild: @jarretto18)

1 Vgl. M. Nozick (Hrsg.) (1973), Selected Works of Miguel de Unamuno, Vol. 4, Miguel de Unamuno, The Tragic Sense of Life in Men and Nations, 287.

2 Ohne verschleiern zu wollen, dass es auch Täter*innen gibt, ist in diesem Rahmen durchgängig die Rede von Tätern, da der Großteil der Täter*innen männlich ist.

3 Vgl. bspw. den Fall R. Zula in: 40th Statewide Investigating Grand Jury. Report 1 (2018), online unter: https://www.courthousenews.com/wp-content/uploads/2018/08/pa-abuse-report.pdf [Zugriff 03.03.2021], 239 – 250.

4 Vgl. bspw. D. Reisinger & C. Röhl (2021), Nur die Wahrheit rettet. Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger, 254 – 276.

5 Vgl. a.a.O. 268 – 269.

6 Wird der Begriff „Opfer“ verwendet, so um die gewaltvolle Dimension hervorzuheben. Um Personen, welche sexuelle Gewalt erlebt haben, einerseits nicht auf den Begriff „Opfer“ zu reduzieren und andererseits deren Individualität gerechter zu werden, wird sonst der Begriff „Betroffene“ verwendet.

7 Vgl. Kinderschutz-Konferenz: Rede von Papst Franziskus im Wortlaut, online unter: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-02/kinderschutzkonferenz-rede-papstfranziskus-missbrauch-vatiab.html  [Zugriff: 03.03.2021].

8 Vgl. dazu J. Brunner (2020), Sexuelle Gewalt: Eine religionspädagogische Perspektive. Implikationen infolge einer Analyse der katholischen Sexuallehre (=Masterarbeit Universität Wien).

9 Vgl. G. Ladner (2018), „Gott, befreie meine Kehle“ (Ps 6,5). (Sexualisierte) Gewalt in der Familie in theologischer Perspektive, in: S. Arzt, C. Brunnauer & B. Schartner, Sexualität, Macht und Gewalt. Anstöße für die sexualpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, 121 – 125.

10 Homosexualität an sich ist kein Risikofaktor.

11 Vgl. D. Bange & T. Schlingmann (2016), Sexuelle Erregung als Faktor der Verunsicherung sexuell missbrauchter Jungen, in: Kindesmisshandlung und –vernachlässigung 19/1, 29.

12 Vgl. Anm. 9.

13 Vgl. dazu ausführlich E. Naurath (2007), Mit Gefühl gegen Gewalt. Mitgefühl als Schlüssel ethischer Bildung in der Religionspädagogik.

14 Vgl. Apostolisches Schreiben von Papst Johannes Paul II (1981), Familiaris Consortio, Nr. 25.

15 Vgl. J. Brunner (2020), Sexuelle Gewalt: Eine religionspädagogische Perspektive, in: OERF 28/2, 231.

16 Vgl. P. Mosser, G. Hackenschmied & H. Keupp (2016), Strukturelle und institutionelle Einfallstore in katholischen Einrichtungen. Eine reflexive Betrachtung von Aufarbeitung sexueller Gewalt in katholischen Klosterinternaten, in: Zeitschrift für Pädagogik, 62/5, 665f.

17 Vgl. K. Koch (1993), Selbstverständnis und Praxis des kirchlichen Lehramts, in: Stimmen der Zeit 211/6, 395 – 402.

18 Mk. 15,34.

Johannes Brunner

Johannes Brunner

studierte katholische Religionspädagogik in Triest, Brixen und Wien. Neben einer laufenden psychotherapeutischen Ausbildung arbeitet er als Universitätsassistent (prae doc) am Institut für Praktische Theologie der Universität Innsbruck und schreibt seine Dissertation im Fachbereich Religionspädagogik.

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