Physische, psychische und sexualisierte Gewalt in vielen Kinder- und Erziehungsheimen in den 1950er und 1960er Jahren in der BRD wird erst seit knapp zwanzig Jahren aufgearbeitet. Und immer noch ist dieses Kapitel der Heimerziehung zu wenig im öffentlichen Bewusstsein, meint unsere Autorin Marie Raßmann.

[Triggerwarnung: Benennung von verschiedenen Formen von Gewalt]

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Eindrückliche Einblicke in diese Zeit und Thematik liefert eine 2011 veröffentlichte Studie des Stuttgarter Instituts für angewandte Sozialwissenschaften in Zusammenarbeit mit der Diözese Rottenburg-Stuttgart.1 Grundlage bilden Interviews mit ehemaligen Heimkindern und Erzieher*innen der 1950er und 1960er Jahre. Zur Sprache kommen u. a. strenge Ordnungs- und Moralvorstellungen, restaurative Erziehungskonzepte, religiöser Zwang sowie schwere körperliche Arbeit für die ‚Zöglinge‘. Nicht allen Interviewten war dabei klar, warum sie von ihren Familien getrennt wurden – oft erweckte bereits der Status als uneheliches Kind Misstrauen. Andere kamen als Waisen oder Flüchtlingskinder ins Heim.

Gewalt und Religion im Kontext der Heimerziehung

Zuwendung, Wertschätzung und persönliche Förderung waren in den Heimen Mangelware. Stattdessen standen für viele Gewalt und Rechtsverletzungen an der Tagesordnung. Berichtet wird von brutalster physischer, psychischer und tlw. sexualisierter Gewalt. Als Framing standen neben zeitgenössischen Vorstellungen von Erziehung auch toxische Formen von Spiritualität zur Verfügung.

Also ich musste [die] Kleider abgeben, wenn sie mich verprügeln wollten, weil die Kleider mir ja nicht gehörten, ja weil ich, ich muss die Kleider wieder zurück geben, mir gehört ja nichts. Ich soll erst mal dankbar werden und des war ich halt nie, ja, man kann nicht dankbar werden, wenn man gar nicht weiß, für was.2

Religion spielte eine ambivalente Rolle für die Heimkinder. Gerade in kirchlichen Heimen war die religiöse Praxis Pflicht und gehörte fest in die Tagesstruktur. Doch nur wenige berichten von positiven Glaubenserfahrungen oder einem religiösen Zufluchtsort. Zu sehr waren das Bild des strengen und strafenden Gottes und die Erbsündenlehre mit der Lebenswelt im Heim verwoben worden.

In der Kirche war Frieden, aber nicht, weil Religion eine Rolle spielte, sondern, da konnten sie uns nicht prügeln.3

Die autoritären und gewaltvollen Verhältnisse bestimmten auch die Beziehungen der Jugendlichen untereinander.

Es durften keine Freundschaften entstehen. Wenn sich zwei umarmt haben, um zu lachen, weil sie sich irgendwas erzählt haben, dann war das schon strafwürdig. Das war dann nachher schon verdächtig, die zwei haben irgendwelche sexuelle Gedanken, was überhaupt nicht der Fall war.4

Strukturelle Probleme der Pädagogik in den 1950er und 1960er Jahren

Die Beispiele machen deutlich, wie sehr das Leben im ‚System Heim‘ von strukturellen Defiziten geprägt war. Vorherrschenden Wert- und Erziehungsvorstellungen (u. a. Zucht und Ordnung, Gehorsam, Sittlichkeit5) stammten häufig noch aus dem Kaiserreich oder der NS-Zeit. Das System der Erziehungshilfe selbst erwuchs aus der Zwangserziehung des preußischen Strafrechts – was die Richtung andeutet.6

Dazu kam: In den Heimen trafen ein knapper Personalschlüssel, kaum ausgebildete Erzieher*innen und fehlende pädagogische Leitlinien auf materielle Mängel, große Gruppen mit teilweise vorbelasteten Kindern sowie lange Arbeitszeiten der Erzieher*innen, oft ohne Möglichkeit zum Rückzug. Die Erziehungspraxis bezog sich auf Erfahrungswerte und war kaum dazu bereit, die Voraussetzungen des eigenen Handelns zu reflektieren. Wissenschaftliche Erziehungstheorien wären allerdings kein Garant für eine Verbesserung der Situation gewesen, standen diese doch vor allem im Zeichen der Psychopathologie, der Rechtswissenschaft und der Theologie. Zudem ließen der Wiederaufbau nach dem Krieg und die Rückgewinnung sozialer und wirtschaftlicher Normalität kaum Raum für Reflexionen über das Randthema ‚Heim‘. Viele kirchliche Träger*innen befürchteten von Reformbemühungen einen Autonomieverlust.

Die Erzieher*innen lebten mit den Kindern zusammen im Haus und hatten selbst kaum Freizeit. Gerade bei dualistischen Spiritualitäten wurde Erziehungsarbeit für die Ordenskräfte ambivalent: Die Spannung aus dem strengen, asketischen Lebensstil sowie der caritativen Arbeit im Heim führte bei nicht wenigen zu inneren Konflikten – v. a. was die geforderte emotionale Distanz zu den potenziell lasterhaften ‚Zöglingen‘ anging. Studien zum Einfluss der verschiedenen Ordensspiritualitäten fehlen allerdings. Viel hing davon ab, inwiefern es den Einzelnen gelang, zwischen dem eigenen Frömmigkeitsideal und den Erwartungen an die Kinder zu differenzieren.7

Die Verantwortung der kirchlichen Träger*innen

In der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre liegen neben hochengagierten Einzelpersonen Fälle eklatanter struktureller und individueller Schuld vor. Viele ehemalige Heimkinder berichten von lebenslangen Traumata. Neben den Heimmitarbeitenden liegt die Verantwortung bei den kirchlichen Träger*innen, den Heimleitungen sowie den Aufsichtsorganen, Gerichten und Jugendbehörden. Qua Subsidiaritätsprinzip waren Kirchen und Staat gemeinsam für das Wohl der Jugendlichen verantwortlich – eine Aufgabe, der diese oft nicht nachkamen. Erst die ‚Heimkampagne‘ Ende der 60er Jahre konnte eine neue Ära der stationären Erziehungshilfe einleiten. In dieser Zeit wurde die Grundlage gelegt für einen kritischen Blick auf die destruktiven Konsequenzen repressiver Erziehungs-‚Systeme‘ – und damit für die heutige Sozialpädagogik.

Und heute?

Heute prägen ein anderes Menschenbild und Selbstverständnis die Pädagogik. Erziehung gilt als dialogisches Geschehen. Dennoch bleibt gerade der Umgang mit verhaltensauffälligen Jugendlichen herausfordernd; das hat nicht zuletzt der Film „Systemsprenger“ eindrücklich gezeigt. Es bleibt wichtig, sich der ständigen Gefahr von Grenzverletzungen bewusst zu werden. Es braucht Strukturen der Kontrolle sowie Stellen, die Fragen und Kritik der Betroffenen ernst nehmen. Auch theologische Konzepte sind nicht unschuldig und müssen nach ihren sozialen Implikationen und Bündnissen befragt werden. Die Geschehnisse in den Heimen der 50er und 60er Jahre bleiben dafür ein Mahnmal.

Weiterlesen: Frings, Bernhard – Kaminsky, Uwe: Gehorsam, Ordnung, Religion. Konfessionelle Heimerziehung 1945-1975, Münster 2012.

Hashtag der Woche: #endchildabuse


(Bildbeitrag @shotz )

1 Schäfer-Walkmann, Susanne – Störk-Biber, Constanze – Tries, Hildegard: Die Zeit heilt keine Wunden: Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, hg. von der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Freiburg 2011.

2 Ebd., S. 163, Interview H 13-50.

3 Ebd., S. 135, Interview H 1-50.

4 Ebd., S. 143, Interview H 13-50.

5 Für Genaueres siehe Gebhardt, Miriam: Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen. Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert, München 2009.

6 Vgl. Kuhlmann, Carola: „So erzieht man keinen Menschen!“ Lebens- und Berufserinnerungen aus der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre, Wiesbaden 2008, S. 11.

7 Für Genaueres am Beispiel der Arme Zusters van het Goddelijk Kind in Amsterdam vgl. Heijst, Annelies van: Models of Charitable Care. Catholic Nuns and Children in Their Care in Amsterdam. 1852-2002 (Brill’s Series in Church History Bd. 33, Religious History and Culture Series Bd. 1), Leiden 2008.

marie raßmann

marie raßmann

studiert Katholische Theologie und Geschichtswissenschaft in Tübingen bzw. aktuell in Straßburg. Sie ist wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte in Tübingen und interessiert sich ansonsten für Wissenschaftstheorie, Ideologiekritik und guten französischen Käse.

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