In unserer neuen Reihe #Requiem machen wir uns auf die Suche, wie sich die Corona-Pandemie auf unseren Umgang mit Tod und Trauer auswirkt. Den Auftakt macht Florian Mayrhofer: Er hat mit Hannes Benedetto Pircher über seine Erfahrungen als Trauerredner zum Umgang mit dem Tod (nicht nur) in Zeiten der Pandemie gesprochen.

Lieber Herr Pircher, wir befinden uns in einer Zeit der Pandemie. Welche Veränderungen haben sich für Sie als Trauerredner in Wien ergeben?

Im ersten Lockdown des Frühjahrs 2020 gab es hier in Österreich rund acht Wochen, während derer aufgrund der entsprechenden Notmaßnahmenverordnung nur fünf Personen an einer Trauerfeier teilnehmen durften. Das hat die Trauerfeier als solche und das, was sie in psychosozialer Hinsicht zu leisten hätte, de facto vereitelt. Plötzlich standen Angehörige vor dem Problem, ausverhandeln zu müssen, wer denn nun von den sieben Kindern der Verstorbenen am Grabgang teilnimmt. Das hat naturgemäß zu großen Irritationen geführt.

Von einer Feier konnte in keiner Hinsicht mehr die Rede sein: Ohne Feiergemeinschaft keine Feier.

Infolge dieser Bestimmungen kam es zu vielen Einäscherungen – nolens volens –, in der Hoffnung, zu einem späteren Zeitpunkt eine Feier ansetzen zu können. Im Sommer fanden dann dementsprechend viele Feiern statt. Aus bekannten Gründen wurde die gesetzliche Verordnung geändert. Zunächst waren es 30, dann 50 Personen, die an einer Trauerfeier teilnehmen durften. Die 50-Personen-Regel gilt nach wie vor. Seit Sommer 2020 ist also die Begräbnisfeier der einzige Veranstaltungstyp in Österreich, der de facto nicht mehr von den Maßnahmenverordnungen zur Eindämmung der Pandemie betroffen ist. Zwar finden Trauerfeiern seitdem häufiger in einem etwas kleineren Rahmen statt. Aber immerhin!

Wie erleben Sie die Menschen, die in dieser speziellen Situation mit der Erfahrung des plötzlichen Todes eines geliebten Menschen konfrontiert sind?

Weit schlimmer, seelisch weit belastender war für die Menschen, dass das Abschiednehmen von ihren Lieben am Sterbebett gar nicht oder nur unter menschlich schwer annehmbaren Bedingungen möglich war, als die rund acht Wochen, während derer Trauerfeiern nicht wirklich stattfinden konnten. Seelisch belastend war das sowohl für die, die gehen, die Sterbenden, als auch die, die ihre Lieben gehen lassen müssen. In den vielen, tagtäglichen Gesprächen, die ich ja mit Angehörigen in Vorbereitung der Trauerfeier und Trauerrede führe, war das ein großes Thema. Vor allem im Frühjahr 2020. Man hat zwar viele Dinge möglich gemacht, Kontakt über das berühmte Handy und so weiter. Aber wenn ich mit meiner Frau 65 Jahre geteilt habe, dann will ich zu ihr, ich will sie umarmen, ihr nahe sein. Berührung! Das war und ist hier das große Thema.

Wie wirkt sich das auf die Art und Weise aus, eine Grabrede zu halten? Wie gehen Sie mit diesen Erfahrungen um?

Für meine eigentliche Aufgabe, nämlich Dienst am Menschen zu tun, ergibt sich hier kein nennenswerter pandemiespezifischer Aspekt. Denn ich habe ja in jeder Abschiedssituation, die in ihrer existentiellen Beschaffenheit so einzigartig und unterschiedlich ist wie wir Menschen, alle die Gefühle, die Menschen so haben können, wahrzunehmen, um meine Aufgabe erfüllen zu können. Auch dann, wenn ich eine junge Frau begrabe, die ermordet wurde, oder ein Kind, das ums Leben kam beim Bergsteigen mit dem Papa. Natürlich kann ich so etwas wie eine pandemiespezifische Wut oder Aggression in den Gesprächen mit den Angehörigen immer wieder ausmachen.

Es kann auch sein, dass plötzlich die Frage der Verantwortung und der Schuld innerhalb einer Familie zum großen Thema wird. Zum Beispiel auf die Weise, dass ein Familienmitglied auf den Enkelsohn des Verstorbenen losgeht: „Der Patrick hat dem Opa das Virus gebracht! Und jetzt ist er tot, der Opa!“

Und plötzlich kommt dann die Frage auf den Familientisch, ob Freiheit Recht auf Ignoranz und Rücksichtlosigkeit sein kann. Und so weiter. Aber für meine eigentliche Aufgabe, nämlich mich zu fragen, wie ich durch meinen Dienst dem Leben in den Seelen ein bisserl aufhelfen kann, spielt es keine primäre Rolle, ob ich Gefühle als pandemiespezifisch oder nicht-pandemiespezifisch klassifiziere. Und natürlich gibt es auch so etwas: Wenn mir die Tochter des Verstorbenen, die aus Frankreich nicht ausreisen konnte, um dem vielgeliebten sterbenden Vater nahe sein zu können, sagt, dass sie es schön fände, wenn wir in der Feier aller Toten dieser Welt gedenken, die pandemiebedingt allein in einem Winkel gestorben sind und – wie etwa in Brasilien – anonym in massenhaft ausgehobenen Erdlöchern verscharrt wurden, dann spielt die Pandemie in die Gestalt der Trauerfeier natürlich auch mit hinein.

Wie dürfen wir uns diese Vorbereitung auf das Begräbnis vorstellen? Was ist Ihnen als Trauerredner hier wichtig?

Zuhören. Zuhören. Zuhören. Ebenso unaufdringlich wie genau. Und dann frage ich mich: Wie kann ich dazu beitragen, dass die Feier im Allgemeinen und die Trauerrede im Besonderen von den Menschen, die Abschied nehmen müssen, als lebensfördernd erfahren werden kann?

Warum braucht es überhaupt eine Grabrede? Warum ist sie so wichtig?

Die Trauerrede ist nur insofern von Bedeutung, als sie Teil eines komplexeren Rituals ist, das als solches für uns Menschlein im Umgang mit dem Tod und in Situationen des Übergangs bis auf weiteres unverzichtbar ist. Hier geht es um eine anthropologische Konstante. Der Mensch als Existenz an der Schwelle: Ich muss einen Menschen, der mir nahe war, gehen lassen und zugleich annehmen lernen, ohne den Toten weiterzugehen. Kann die Gestaltwerdung der Trennung vom Toten so gelingen, dass die Vergemeinschaftung mit den Lebenden und der Mut zum Weitergehen gefördert wird?

Die Trauerrede ist dabei nur eine vor allem in west-atlantischen Gesellschaften ausgeprägte Form von Ritualisierung, wo der Macht des Wortes und damit der Redekunst eine besondere Rolle zukommt. Das hat unter anderem auch mit Inszenierungen bürgerlicher Repräsentation zu tun, aus der ja auch die Geschichte des Nekrologs in der griechischen Antike geboren wurde.

Das ist aber nicht in allen Gesellschaften so ausgeprägt wie etwa bei uns. Aus meiner eigenen, sozialanthropologischen Sicht ist das Ritual vor allem als ein gesellschaftlich geschaffenes Gefäß zu betrachten, das in inhaltlicher Hinsicht mit allem befüllt werden kann. Darin liegt ja die „Stärke“ von ritualisierten Feierformen, gerade auch beim Grabgang. Rituale geben Halt, auch Verhaltenssicherheit in einer haltlosen Situation. Gerade in seiner Formelhaftigkeit, Stereotypie und Stilisierung entlastet uns der Ritus vom Druck, Worte finden zu müssen für etwas, was sprachlos macht. Der Ritus entlastet uns sogar vom Druck, wissen zu sollen, wie es uns geht.

Also dass etwas passiert ist wichtiger, als was passiert?

Ja genau. Der Ritus sagt: „Tut! Dann segne ich euch!“ Für mich, der ich als Begräbnisleiter und Redner naturgemäß mitverantwortlich bin für Feiergestalt und Inszenierung, geht es dann natürlich schon auch darum, was passiert. Aber gerade unter einem inszenatorischen Gesichtspunkt wird das, was passiert, wesentlich bestimmt durch das, wie es passiert. Was von Menschen als „gut“, weil lebensfördernd wahrgenommen und ratifiziert wird, hängt allesentscheidend vom Wie ab. Aber gerade dieses Wie braucht immer das Gefäß, das Ritual, das stattzufinden hat.

‚Der Gottesdienst ist zu halten!‘, lautet ein künstlerisches Prinzip von Ingmar Bergman, das er von seinem Vater, der Pastor war, in einer gottesdienstlichen Feiersituation gelernt hat.

Da pflanzt sich eine schlampige, lieblose Pfarrersfigur mit rotgeränderten Augen vor der Gottesdienstgemeinde auf und kündigt an, dass der Gottesdienst heute abgekürzt werde, weil er erkältet sei. Daraufhin ist der Vater mit kaum verhohlener Empörung nach vorne zur Altarinsel gegangen und hat der Witzfigur die Leviten gelesen: ‚Hier und heute wird gar nichts abgekürzt, das Abendmahl entfällt nicht und sie werden auch eine ordentliche Predigt halten! Der Gottesdienst ist zu halten!‘ Wer den Ritus hält, wird von ihm gehalten. Et voilà

Hashtag: #requiem


Beitragsbild:  Hans Braxmeier (Pixabay)

hannes benedetto pircher

hannes benedetto pircher

studierte Philosophie in Bologna und München und Schauspiel in Innsbruck und St. Petersburg. Von 1994 bis 2001 war er Mitglied des Jesuitenordens. Heute lebt er in Wien und arbeitet u. a. als Essayist, Sprecher und Lehrer in Sachen Rhetorik und Pastoralästhetik. Dazu verfasste er "Das Theater des Ritus" (2010, Edition Splitter). Als Schauspieler trat er u. a. am Tiroler Landestheater und an der Wiener Volksoper auf. Seit 2003 ist er auch Trauer- und Festredner und hat in mehr als 5000 Todesfällen Menschen bei der Gestaltung einer Trauerfeier unterstützt. Seine Erfahrungen fasste er in "Sorella Morte" (2.Aufl. 2017, Edition Splitter) zusammen.

One Reply to “#Requiem: Das Ritual hat stattzufinden”

  1. Licht durch Worte in das Hinübergehen vom Leben in den Tod zu bringen, das schafft Hannes Benedetto Pircher mit einer Einfühlsamkeit, die vorbildlich ist. Und er nimmt die Trauernden auf seine Worttrostreise mit.

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