Mit dem Verbot öffentlicher Veranstaltungen wechselten auch die Katholischen Akademien im Frühjahr 2020 und erneut im Herbst 2021 in den Corona-Krisenmodus. Was dies für die Akademiearbeit bedeutet und wie Corona die Gesellschaft langfristig prägen wird, bespricht Katharina Mairinger im Interview mit Dr. Thomas Arnold, Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen.

Lieber Herr Dr. Arnold, Sie haben demnächst eine Veranstaltung mit dem Titel „Ein Jahr danach. Wie Corona unseren Blick auf die Welt verändert hat“. Wie hat Corona in diesem Jahr Ihren Blick auf die Welt verändert?

Corona hat für zwei Generationen zum ersten Mal umfassend zu einer Veränderung des Blicks beigetragen: Die Zuversicht, dass es nach 1945 immer aufwärts geht, wurde durch die Pandemie sehr deutlich genommen – und zwar in allen Lebenssituationen weltweit. Das Gefühl von Unverletzlichkeit ist gebrochen, da wir als Gesellschaft gelernt haben, dass die großen Begriffe Gesundheit und Freiheit nicht selbstverständlich sind. Erst als beides eingeschränkt war, haben wir erkannt, was uns eigentlich fehlt.

Ich bin überzeugt davon, dass diese Einschränkung mit der Gesellschaft etwas kurzfristig macht. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass wir noch viel zu sehr meinen, dass alles so wird, wie es einmal war.

Wahrscheinlich wird es sogar so, wie es früher war, weil die Leute noch nicht verstanden haben, dass wir so, wie wir jetzt leben, nicht einfach weitermachen können. Die Frage von Tod und Vergänglichkeit, von Leid und einem angemessenen Umgang damit darf uns nicht kalt lassen. Diese Frage darf auch nicht an Politik, Krankenhäuser oder Altenheime delegiert werden, sondern wir müssen uns Zeit unseres Lebens damit beschäftigen und herausfinden, wie wir damit als Gesellschaft und Einzelperson angemessen umgehen. Dieser Blick wird künftig auch unsere Akademiearbeit prägen.

Die Katholische Akademie Dresden-Meißen hat sich im ersten Lockdown ja sehr gut aufgestellt. Es wurde z.B. der Podcast „Mit Herz und Haltung“ initiiert (der hiermit allen Lesenden ans Herz gelegt sei). Ist die Coronakrise ein Brandbeschleuniger für Innovation in der Bildungsarbeit? Oder bremst Sie doch eher aus?

Wir sind wirklich von 100 auf 0 gefallen – und zwar sowohl von den Aufgaben und den Veranstaltungen als auch in der Büroarbeit. Wir hatten Glück, wir haben uns in den letzten Jahren gut digital aufgestellt. Deshalb konnten wir schnell umstellen, haben unser Team vom Bürostandort abgelöst und alle Tätigkeiten ins Homeoffice verlagert. Durch den Sommer hindurch gab es eine Zeit, wo wir diese Beschränkungen reduzieren konnten, aber wir haben jetzt wieder die Situation, dass wir alle im Homeoffice arbeiten.

Bisher waren wir ja zudem gewohnt, an fünf Standorten (Dresden, Leipzig, Chemnitz, Freiberg und Zwickau) in Sachsen präsent zu sein. Auch das mussten wir komplett zurückfahren. Hier sind wir vollständig digital geworden und haben in den letzten Monaten unterschiedliche digitale Konferenzen organisiert (“Gefährliche Seelenführer?”, “Voll(e) Macht?” und “Was und wie, wenn ohne Gott?”). Mit dem Podcast „Mit Herz und Haltung“ haben wir ein dauerhaftes Format entwickelt, das alle zwei Wochen donnerstags erscheint. Dabei handelt es sich um ein digitales Angebot, intellektuelle Debatten und Themen, die am Zeitgeist dran sind, aus christlicher Perspektive zu betrachten. Es war uns wichtig, dass diese Debatten und Themen für Sachsen, aber auch die ganze Welt hörbar – und zwar nachhaltig hörbar – werden.

Insofern kann man auch sagen, dass die Pandemie eine Dynamik in die Bildungsarbeit hineingebracht hat. Wir haben viel Neues gelernt, etwa im Bereich crossmedialer Veranstaltungen.

Darüber hinaus ist unsere Arbeit schnelllebiger geworden, weil wir uns prompt an manchen Bereichen nach dem Trial-Error-Prinzip ausprobieren mussten. Mittlerweile konnten wir uns jedoch professionalisieren, haben bereits über 70 Folgen des Podcasts veröffentlicht und sind erfreut über die große Reichweite von mittlerweile 20.000 Hörer*innen.

Katholische Bildungsarbeit in Sachsen ist ja ein speziellerer Fall als beispielsweise in den Erzbistümern Köln oder Freiburg, in denen es vielleicht noch etwas selbstverständlicher ist, dass Menschen von sich aus kirchliche Angebote in Anspruch nehmen. Normalerweise fangen Sie das z.B. auf, indem Sie mit Ihrem „Café Hoffnung“ selbst die vier Wände der Akademie verlassen und den Weg zu den Menschen suchen. Jetzt müssen aber alle zuhause bleiben. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus? Gibt es digitale Möglichkeiten, zu den Leuten zu gehen?

In Sachsen hatte die erste Welle der Pandemie noch keine allzu gravierenden Folgen für die heimische Bevölkerung. Man hat die Bilder von Bergamo gesehen, die Berichte aus Spanien gehört, aber vor Ort waren kaum noch Personen davon betroffen. Das hat sich im Oktober und November deutlich geändert. Dann hatten wir plötzlich extrem hohe Inzidenzen. Ich würde behaupten, jeder kennt inzwischen Menschen, egal ob Freund*innen oder Verwandte, die erkrankt waren, bis hin dazu, dass bei manchen die Krankheit auch zum Tod geführt hat.

Insofern bin ich überzeugt, dass wir als Kirche statt einer Komm-her-Struktur eine Geh-Hin-Struktur entwickeln müssen.

Diözesen, die bisher darauf zählen konnten, dass die Gläubigen aktiv die Nähe zur Kirche suchen, waren sicherlich weitaus weniger auf diese Krise vorbereitet. Dort, wo man schon länger auf dieses Geh-Hin angewiesen war, nehme ich wahr, dass man sich viel mehr in intellektuell redliche Debatten mit areligiösen Menschen begeben muss. Man ist hier besonders gefordert, Grundbegriffe zu erklären, weil religiöses Denken nicht einfach vorausgesetzt werden kann. Andererseits wird die Selbstverständlichkeit des Glaubens durch eine naturwissenschaftliche und technische Sicherheit ersetzt, welche die Begriffe der Freiheit und Verantwortung – also das christliche Menschenbild – auf die Probe stellen. Da hilft nicht der Kinderglaube, sondern das vernunftgeleitete, argumentative Prüfen der eigenen Überzeugung. Dabei hat Kirche besonders in Sachsen beziehungsweise in Ostdeutschland die Aufgabe, dort Gott zu suchen, wo wir ihn nicht vermuten und dort hinzugehen. Die Krise hat hier vermutlich auch in anderen Diözesen zu einem Umdenken beigetragen.

Blicken wir in die ungewisse Zukunft. Irgendwann können wir hoffentlich wieder „normal“ leben und arbeiten. Wahrscheinlich wird es aber nicht einfach eine Rückkehr in alte Routinen geben können. Welche der Corona-Spezialitäten (Haltungen, Formate) möchten Sie auf jeden Fall beibehalten? Und was werden Sie gerne wieder los bzw. wohin kehren Sie gerne zurück?

 Also ich kann Ihnen direkt sagen: Wir kehren sehr gerne wieder zurück zu menschlicher Begegnung. So schön es ist, mit Ihnen per Video zu telefonieren, ich würde mich viel mehr freuen, mit Ihnen einen Cappuccino trinken zu können.

Wir werden zutiefst aufatmen, wenn wir einander wieder persönlich, „normal“ begegnen können. Was geht in einer Gesellschaft verloren, die über Jahrhunderte gelernt hat, als Zeichen ihrer Nähe und Beziehung Hände zu schütteln?

Es geht etwas an Zeichenhaftigkeit von Beziehung verloren, wenn das über Wochen, nun sogar schon Monate verboten ist. Wir brauchen das persönliche Miteinander und den persönlichen Austausch. Das gilt im Übrigen auch für die Akademiearbeit! Es ist einfach etwas Anderes, ob ich zwanzig Kacheln mit kleinen Gesichtern sehe, oder mich mit einer Person von Angesicht zu Angesicht unterhalte. Den Reiz einer Veranstaltung zeichnet doch gerade aus, dass man gemeinsam in einem Raum miteinander um Positionen, um Wahrheit ringt.

Was wir als Akademie aber dennoch behalten werden, ist die Crossmedialität. Schon vor der Pandemie war klar, dass wir uns sowohl digital als auch analog stärker miteinander vernetzen müssen. Internationaler Austausch über Zoom, aber auch der Podcast bieten solche Möglichkeiten und werden uns daher mit Sicherheit erhalten bleiben. Damit schlagen wir auch eine Brücke zwischen dem, was junge Menschen nutzen, und dem, woran ältere Menschen bisher gewohnt waren. Wir werden darauf achten, dass der Podcast auf Analoges hinweist und wir daraus einen Mehrwert haben. Einerseits liegt unser Gewicht also weiterhin auf analogen Veranstaltung wegen der eben schon angedeuteten Vorteile der persönlichen Begegnung, andererseits soll weiterhin denjenigen die Teilnahme am Akademieprogramm ermöglicht werden, die nicht nach Dresden kommen können. Dabei werden wir auf ein ausreichendes Informationsangebot achten.

Mit der letzten Frage würde ich gerne auf die Inhalte der Bildungsarbeit blicken. Was wird das wichtigste Thema sein, das wir als Gesellschaft nach dieser Krise zu verarbeiten haben? Sei es, weil wir nicht darum herumkommen, sei es, weil es bisher mehr oder minder unterbelichtet ist?

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Frage von Globalisierung, von Grenzüberschreitungen weltweit neu gestellt wird. Ich finde, gerade jetzt in der Zeit, wo der Impfstoff knapp und doch ein Heilsversprechen zur Beseitigung der Pandemie ist, wird deutlich, dass wir gerne national denken. Oft suchen wir den eigenen Vorteil, obwohl doch die Krise nur international zu überwinden ist. Auch international müssen wir lernen, nicht einfach Sündenböcke zu suchen und die Verantwortung für die Bewältigung der Krise an andere abzuwälzen.

Es geht doch am Ende nicht darum, ob in China zum ersten Mal das Virus aufgetaucht ist, oder die USA zu spät Maßnahmen ergriffen haben, sondern darum, dass wir gemeinsam an einer Lösung arbeiten. Es hilft uns nicht weiter, nach Schuldigen zu suchen.

Die Frage, wie diese Krise zu deuten ist, hat auch im kirchlichen Bereich Wellen geschlagen. Wie ist das viele Leid mit den Heilsversprechungen vereinbar? Die aufgekommenen Zweifel dürfen aber nicht dahinführen, dass die Kirche den Dialog mit den sie hinterfragenden Wissenschaften und gesellschaftlichen Systemen abbricht. Das Gefährlichste ist doch zu meinen, dass die Erfahrung bzw. das Kirchenbild, das im 19. Jahrhundert noch einmal eine starke Ausprägung erhalten hat, die nächsten Jahrhunderte ohne Gegenwartsreflexion tradiert werden kann. Die sogenannte Tradition, die sich etabliert hat, entwickelt sich doch im Lauf der Geschichte weiter. Wir müssen zur Reflexion darüber imstande sein, was auch jene Wissenschaften zu sagen haben, die zunächst einmal den Gottesbegriff in Frage stellen. Was sagen sie uns für unseren Glauben, unser Gottesbild und unser Menschenbild und wo sind Vereinbarkeiten mit unserem Glauben, unserer Tradition und der Heiligen Schrift? Das ist die große Aufgabe, wo wir als Religionsgemeinschaft noch einmal ganz neu lernen können. Selbst wenn wir zu diesem Zweck aufgesucht werden, müssen wir vorsichtig sein, nicht zu schnell ethische Urteile zu treffen. Wir müssen immer dafür offenbleiben, unser Glaubensleben zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu justieren. Kirche muss kritische Positionen aushalten und sie ins eigene Denken integrieren können. Und das ist nicht immer schmerzbefreit!

Hashtag der Woche: #lebendigakademisch


(Beitragsbild: akademie dresden-meißen)

 

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dr. thomas arnold

studierte Theologie in Bonn, Madrid und Vallendar. In Vallendar verfasste er seine Promotion zum Thema „Jugendweihe und das Verhalten der Kirche in der DDR und heute“. Seit 2016 leitet er die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen. Davor war der gebürtige Zwickauer bei "missio" in Aachen tätig.

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