In der Rubrik Spoiler Alert liefern wir kurze und knackige Texte über (pop)kulturelle Niceigkeiten, neue Platten, Video-Spiele, Essaysammlungen und Romane, Theaterstücke — nichts ist vor uns sicher. Heute schreibt Benjamin Bartsch über die Netflix-Serie „Pretend It’s a city“.

Inzwischen habe ich mich an Videokonferenzen gewöhnt. Sie sind nicht nur Teil meines Alltags geworden, sondern ich weiß mittlerweile so manches an ihnen zu schätzen – nicht nur, dass man sich zwischendurch schnell einen neuen Kaffee besorgen kann. Aber etwas fehlt mir dann doch: Die kleinen Ränder von Sitzungen, die kurzen Gespräche in der Pause, die menschlichen Kontakte, die nicht strikt mit dem Thema des Meetings zu haben. Man kommt, arbeitet das Business ab und dann trennt man sich auch wieder.

Und damit zum Spoiler: Ich frage mich seit ein paar Tagen, warum ich ganz gepackt bin von der Netflix-Serie „Pretend It’s a City“. Das Format könnte einfacher nicht gestrickt sein. Fran Lebowitz, eine bekannte New Yorker Essayistin, sitzt in einer Bar und unterhält sich mit dem Regisseur Martin Scorsese. Zwischendurch läuft sie in der Stadt umher oder steht auf einem Stadtmodell. Dabei erzählt sie ununterbrochen. Das Ganze wird abgerundet durch ein paar Schnipsel aus alten Fernsehinterviews und öffentlichen Auftritten von Lebowitz — und fertig ist die Netflix-Show. Was ist daran so besonders, dass ich gar nicht mehr aufhören kann, es mir anzuschauen?

Fran Lebowitz ist das Fenster nach draußen

Auf eigenartige Weise passt „Pretend it’s a City“ genau in meine gegenwärtige Situation, in der der Lockdown mich wieder einmal im Wesentlichen auf meine eigenen vier Wände reduziert hat. Eigentlich habe ich nichts zu beklagen und ich bin privilegiert genug, um von dieser Situation kaum Nachteile zu haben. Aber doch kommt mir Fran Lebowitz  wie ein Fenster nach draußen vor. Es ist eine Wohltat, einem Menschen stundenlang beim Erzählen zuzuhören. Und erzählen kann sie! In jeder Folge nehmen sich Lebowitz und Scorsese ein anderes Thema vor – da geht es um den New Yorker Verkehr, Kultur und (manchmal ziemlich bissige) Beobachtungen zu ihren Mitmenschen oder persönliche Themen wie Gesundheit und Umgang mit Geld.

Fran Lebowitz weiß immer als lebendige Erzählerin durch gut gesetzten trockenen Humor zu fesseln. Nicht jede Meinung, die sie dabei äußert, teile ich und manchmal, wenn sie durch die Stadt läuft, erinnert sie mich an missmutige Stadtbewohner*innen, die ich aus Berlin kenne. Aber genau das macht ja gutes Erzählen aus: Man bekommt eine andere Perspektive. In diesem Falle ist das nicht nur die Perspektive einer anderen Stadt in einem anderen Land, sondern für mich auch die Perspektive einer anderen Generation. Fran Lebowitz ist in den 70er Jahren nach New York gekommen, weil ihr das Leben überall sonst in den USA zu eng vorkam, weil New York nicht alle anderen Orte war.
Während ich ihr zuhöre, spüre ich ihre enorme Beobachtungsgabe, mit der sie die Veränderungen im Stadtleben, in der Gesellschaft, aber auch im Denken und der öffentlichen Diskussion beobachtet. Natürlich könnte ich das alles auch irgendwo nachlesen, aber es ist einfach so viel schöner, wenn es mir jemand erzählt.

Die Serie ist der Rand, den ich vermisse

Nachdem ich sieben Folgen lang an Fran Lebowitz‘ Lippen gehangen und mich von Martin Scorseses Lachen habe anstecken lassen, glaube ich zu verstehen, was mich an dieser Serie so begeistert. Es ist einfach die Schlichtheit des Formats. Es ist das, was in den letzten Monaten zu kurz gekommen ist. Die Freude, sich von einer anderen Person etwas erzählen und sich von dieser Erzählung bezaubern zu lassen. Vielleicht sollte ich mehr Mühe darauf verwenden, dass es neben dem Geschäftlichen in Videokonferenzen wieder etwas mehr „Ränder“ gibt. Es ist ja keine Verpflichtung, sich sofort nach Erledigung der Tagesordnung auszuloggen.

Am Schluss noch ein echter Spoiler: Fran Lebowitz ist eine begeisterte Leserin. Die öffentlichen New Yorker Bibliotheken werben mit einem Rat, den sie in den 70er Jahren einmal in einer Kolumne gegeben hat:

Think before you speak. Read before you think.

Man merkt, dass Lebowitz sich an ihre eigene Weisheit gehalten hat. Das macht es zu einem Vergnügen, ihr zuzuhören.

Hashtag der Woche: #PretendItsACity


(Beitragsbild ©Netflix)

benjamin bartsch

benjamin bartsch

hat Philosophie und Theologie in Erfurt, Jerusalem, München, Rom und Frankfurt a.M. studiert und ist Diplomassistent am Lehrstuhl für Dogmatik an der Universität Freiburg/Schweiz.

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