In unserem y-nachtlichen Advent-Special fragen wir, welche Probleme der römisch-katholischen Kirche der Weihnachtwerdung im Weg stehen. Ruben Schneider lenkt in seinem Beitrag den Blick auf nicht-heterosexuelle Menschen: Weihnachten kann erst werden, wenn auch sie in der Kirche Schutz, Begleitung und Akzeptanz finden. 

Die Weihnachtsbotschaft erzählt von einem Kind, das nicht in die herrschende Ordnung dieser Welt passt. Bei seiner Geburt schon wird ihm mit Ausgrenzung begegnet: es bekommt zu seinem Eintritt in die Welt keinen Platz in der Herberge, kein Obdach, keinen Schutzraum. Die Herbergsleute halten sich die schwangere Mutter vom Hals und schauen weg. Und die Protagonisten der herrschenden Ordnung wollen das Kind gleich ganz los werden: Herodes will die Heilige Familie durch die Sterndeuter bespitzeln lassen, um das Kind zu finden und zu töten. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten kollaborieren und liefern dem Machthaber die nötigen Informationen, um danach ihre Hände in Unschuld zu waschen. Sie wollen sich auf keinen Fall ihren heiligen Status und den Status ihrer Lehre durch dieses Kind gefährden lassen. Das Kind, das nicht in die herrschende Ordnung der Welt passt, offenbart die ganze Ängstlichkeit dieser Ordnung, die mit allen Mitteln versucht, sich vor dem Außerordentlichen, dem Ungeordneten zu schützen.1

Auf dem Synodalen Weg diskutiert die römisch-katholische Kirche in Deutschland über ihre Ausgrenzung von nicht-heterosexuellen Menschen. Sie kamen mit einer psychosexuellen Orientierung in diese Welt, die nicht in die herrschende Ordnung der Kirche passt. Ihr innerstes Selbst gilt als ‚objektiv ungeordnet‘: es beinhalte eine propensio obiective inordinata, eine objektiv ungeordnete Hinordnung auf ein intrinsisches Übel (d.h. es gibt keine möglichen Umstände, in denen homosexuelle Handlungen moralisch gerechtfertigt wären).2 Nicht-heterosexuelle Menschen bekommen in der Kirche keinen echten Schutzraum. Viele lernen von Kindheit und Jugend an, dass ihre Orientierung abartig und verabscheuungswürdig ist. Sie werden in die Selbstverleugnung des closet getrieben, in welchem sie bespitzelt und erpresst werden können. Im Versteck des closet erfahren sie keine authentische Liebe, da alle Liebe nie ihr verleugnetes Selbst erreicht. Sie lernen, dass ihr inneres Selbst mit seiner Orientierung abgetötet werden muss, um die ‚christliche Vollkommenheit‘ zu erlangen (KKK 2359). Sie internalisieren diese Verdammung, die so ein unbewusster und toxischer Teil ihres Selbstverständnisses wird (internalized LGBT*-phobia). Die Folgen sind Selbsthass, Schuldgefühle, Traumatisierung, Angststörungen, Depressionen und Suizidalität. Diese psychischen und körperlichen Folgen erledigen für die herrschende Ordnung das Werk der psychischen und in manchen Fällen sogar der physischen (Selbst-)Tötung.3 Und die gelehrten Verfechter der lehramtlichen Ordnung kollaborieren mit diesen Selbstzerstörungskräften und waschen ihre Hände in Unschuld.

Nach Johann Adam Möhler (1796–1838) ist die Geburtsstunde der Kirche nicht das Pfingstereignis, sondern die Inkarnation.4 In Betlehem fanden Josef und Maria mit dem Kind in einem Stall einen Schutzraum. Die Hirten auf dem Feld verließen ihre festen Strukturen und die Sterndeuter weigerten sich, mit den zerstörerischen hegemonialen Mächten und ihrer falschen Sicherheit zu kollaborieren, und sie fanden die Geborgenheit des Stalls, die Ur-Stunde der Kirche. Zu dieser Geborgenheit des Stalls gehören auch heute alle, die nicht in die herrschenden Ordnungen passen. Weihnachten ist erst, wenn die Kirche ihre Ängstlichkeit und Selbstschutzreflexe überwindet und wieder zum Schutzraum wird. Wenn die vielen homosexuellen Menschen, die in der Kirche arbeiten und ihre Identität verstecken müssen, in diesem Schutzraum sie selbst sein können, wenn die nicht-heterosexuellen Jugendlichen ohne Stigmatisierung und ihre toxischen psychischen Folgen aufwachsen dürfen, und wenn die Kirche in all jenen Ländern auf der Welt einen Rückzugsort für LGBT*-Menschen bietet, in denen diese Menschen (leider oft mit dem Segen der Kirche) immer noch brutal verfolgt werden.

Hashtag: #ynachtsspecial


(Beitragsbild: @fineas_anton)

 

1  Vgl. Hildegund Keul (2017): Weihnachten. Das Wagnis der Verwundbarkeit, 3. Aufl., Ostfildern: Patmos, S. 13-27.

2  Homosexualitatis problema (1986), Nr. 3.

3  Vgl. Ruben Schneider (2020): Seelischer Missbrauch an Homosexuellen – die psychischen Folgen der kirchlichen Lehre, https://www.feinschwarz.net/seelischer-missbrauch-an-homosexuellen-die-psychischen-folgen-der-kirchlichen-lehre/.

4  Johann A. Möhler (1871), Symbolik, oder Darstellung der dogmatischen Gegensätze der Katholiken und Protestanten, nach ihren öffentlichen Bekenntnißschriften, 5. Aufl., Frankfurf a.M., S. 332.

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dr. ruben schneider

dr. ruben schneider

ist Forschungsstipendiat am Lehrstuhl für Religionsphilosophie und Wissenschaftstheorie der Ruhr-Universität Bochum. Seine Schwerpunkte sind Analytische Philosophie, Philosophiegeschichte der Neuzeit und psychologische Anthropologie.

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