In unserem y-nachtlichen Advent-Special fragen wir, welche Probleme der römisch-katholischen Kirche der Weihnachtwerdung im Weg stehen. Johanna Beck fordert, die Botschaft von Weihnachten nicht durch missbrauchsbegünstigende Strukturen zu verdunkeln. Missbrauchsbetroffene können die Sterndeuter von heute sein.  

Weihnachten 2020 wird nicht nur von coronabedingten Einschränkungen und Sorgen, sondern auch von innerkirchlichen Skandalen überschattet. Man denke besonders an die verheerenden Vorgänge im Erzbistum Köln, wo eine Missbrauchsstudie mit unliebsamen Details nicht veröffentlicht wurde und Betroffene für diese Vorgänge instrumentalisiert und somit erneut missbraucht und retraumatisiert wurden.1 Oder an das digitale Mundtotmachen eines kritischen Schreibens der Kölner KHG.2 Oder an die vielen neuen Fälle von sexuellem oder geistlichem (Macht-)Missbrauch, die Woche für Woche ans Licht gebracht werden.3 Oder…

Kann bzw. darf so überhaupt Weihnachten werden?

Ja, es kann, es darf, es MUSS Weihnachten werden!

Warum? Weil der Kern des Weihnachtsfestes, die Feier der Geburt Jesu, genau diese aktuellen und brennenden Fragen aufwirft – und sie beantwortet. Denn die Weihnachtsgeschichte ist (wie das gesamte Evangelium) vor allem eines: eine Erzählung von guten und von schlechten Mächten und vom Sieg der Macht der Verletzlichkeit über die Macht der Gewalt.

Auf der einen Seite ist da Gott*, der*die für seine Menschwerdung die verletzlichste aller menschlichen Existenzformen wählt und sich am äußersten Rand der Gesellschaft in einem hilflosen, vulnerablen Neugeborenen inkarniert. Aber dieses kleine, göttliche Kind besitzt eine Vollmacht, die von der ersten Sekunde an große Wellen schlägt, die in den folgenden Jahrzehnten noch an Kraft gewinnt und die bis heute verändernd und verwandelnd in die Welt ausstrahlt. Es ist die revolutionäre Macht der Liebe, der Hoffnung, der Zuwendung zu den Armen und Ausgegrenzten, der Friedfertigkeit, der Empathie, der Augenhöhe, der Verletzlichkeit.

Auf der anderen Seite ist da ein weltlicher Herrscher, König Herodes, dem von den Sterndeutern zugetragen wird, es sei der neue König der Juden geboren worden. „Als Herodes das hörte, erschrak er“ (Mt 2,3). Aus Angst vor dem Verlust seiner Macht, seiner Privilegien, seiner Herrschaftsinsignien, seines Thrones sendet er seine Soldaten aus, um alle Knaben unter zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung umbringen zu lassen und so eine potenzielle Bedrohung seiner Macht (mund-)tot zu machen.4 Es ist die zerstörerische Macht des Hasses, der Angst, der Empathielosigkeit, der Erniedrigung, des Absolutismus, der Asymmetrie, der Gewalt.

Aber das Evangelium stellt diese beiden Machtformen nicht nur gegenüber, nein, denn es ist ja eine frohe Botschaft, die Botschaft, dass am Ende die Macht der Liebe und der Verletzlichkeit stärker ist als die Macht der Gewalt – von Weihnachten und der rettenden Flucht vor dem Tötungsbefehl des Herodes bis hin zu Ostern und der Auferstehung Jesu von den Toten. Aber was bedeutet dies nun für die Kirche, die sich gerade wieder bereit macht, Weihnachten zu feiern?

Weihnachten kann erst werden, wenn auch – bzw. gerade – die Institution, die sich auf Jesus und das Evangelium beruft, von guten und nicht von schlechten Mächten geleitet ist. Wenn die Kirche ihre hierarchischen, klerikalistischen und missbrauchsfördernden Strukturen reformiert5 und mehr Augenhöhe, Partizipation und Demokratisierung wagt. Wenn die Kirche aufhört, Frauen zu diskriminieren und bestimme Personengruppen auszugrenzen. Wenn kritische Stimmen nicht mehr aus Angst um die eigene Macht mundtot gemacht werden. Wenn Institutionsschutz nicht mehr über Opferschutz gestellt wird. Wenn die Kirche Betroffene nicht mehr als Bedrohung, sondern als Fachleute, ja ‚Sterndeuter‘ betrachtet, deren Expertise für die Aufarbeitung und für Prozesse wie den Synodalen Weg unerlässlich ist. Wenn sich die Kirche verletzlich und nicht verletzend zeigt. Wenn auch der letzte Bischof von seinem Thron herabsteigt, zum Stall zieht und an der Krippe niederkniet.

Dann kann Weihnachten werden.

Hashtag: #ynachtsspecial


(Beitragsbild @Vincentiu Solomon)

1 https://www.dw.com/de/missbrauch-in-der-kirche-der-skandal-im-skandal/a-55700106 und https://www.zeit.de/2020/49/missbrauch-katholische-kirche-kardinal-maria-woelki

2 https://www.presseportal.de/pm/66749/4767367?utm_source=twitter&utm_medium=social

3 Z.B. https://www.sueddeutsche.de/politik/bistum-muenster-schrecken-im-geheimarchiv-1.5135285

4 Unter Bezugnahme auf Mt 2,16ff. bezeichnet Hildegund Keul das Bestreben, andere zu verwunden, um selbst nicht verwundet zu werden als „‚Herodes-Strategie‘“ (vgl. Hildegund Keul, Vulnerabilität und Vulneranz in Unsicherheit und Terrorangst – eine theologische Perspektive, in: Hildegund Keul, Thomas Müller (Hg.), Verwundbar. Theologische und humanwissenschaftliche Perspektiven zur menschlichen Vulnerabilität, Würzburg 2020, 61.).

5 Siehe auch: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2018/MHG-Studie-Endbericht-Zusammenfassung.pdf und https://www.katholisch.de/artikel/19895-wilmer-machtmissbrauch-steckt-in-dna-der-kirche

 

 

 

johanna beck

johanna beck

hat Neuere deutsche Literaturgeschichte, Deutsche Philologie und Geschichte in Würzburg, Aachen und Davis studiert, holt aktuell die Theologie per Fernkurs nach, schreibt, twittert und referiert über Missbrauch in der katholischen Kirche und ist Mitglied des Betroffenenbeirats der Deutschen Bischofskonferenz.

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