30 Jahre Wiedervereinigung! Dieses Jahr birgt viel Diskussionsstoff über Gewinne und unabgegoltenes Potential der deutschen Einheit – auch in der Theologie. Dominique-Marcel Kosack nimmt es zum Anlass, um sich den Westen genauer anzuschauen. Was bedeutet es, wenn areligiöses Leben zur Normalität wird?

Ist der Osten anders? Eigentlich führt schon die Frage in die Irre. Zumindest steht sie meiner Intuition entgegen. Vor zwölf Jahren bin ich von Niedersachsen zuerst nach Sachsen und später nach Thüringen gezogen. Und nein, auch 30 Jahre nach der Wende sind die Unterschiede zwischen Ost und West nicht einfach verschwunden (das wäre eine völlig abwegige und in vielerlei Hinsicht auch unschöne Vorstellung). Doch wirkt auf mich vor allem der Westen anders – anders als vieles, was ich als vertraut und normal empfinde. Das gilt nicht zuletzt für Christentum und Katholizismus.

Der Blick in den Westen

Aber was ist so speziell am kirchlichen Leben im Westen? Vordergründig dürfte es vor allem der finanzielle Reichtum vieler Diözesen sein, von denen manche jeden Tag Millionenbeträge für Pastoral, Caritas und Verwaltung verwenden. Aber es sind auch die Größenordnungen des Verbandssystems, der kirchlichen Bildungsarbeit und vieles mehr. Nun kann solche Größe Vor- und Nachteile haben, viel wichtiger ist jedoch eine andere, tiefer liegende Besonderheit westdeutschen Christentums: Es musste sich der wachsenden Normalität areligiösen Lebens bisher nur zeitversetzt stellen.

Normalität areligiösen Lebens

Mit einer ‚Normalität areligiösen Lebens‘ ist nicht gemeint, dass Menschen dem Gottesdienst fernbleiben, mit Glaubensinhalten fremdeln oder aus der Kirche austreten. Es meint auch nicht die selbstverständliche Tatsache, dass Religionskritik und Atheismus in der öffentlichen Wahrnehmung dazugehören. Es geht vielmehr um jenes – zuerst in Ostdeutschland, Böhmen und Estland zu beobachtende – Phänomen religiöser Indifferenz, für das Eberhard Tiefensee den Begriff „homo areligiosus“ geprägt hat. Dieser Begriff bricht gezielt mit der Vorstellung, dass Religion immer schon als Deutungskategorie menschlichen Lebens vorhanden ist, sei es affirmierend oder ablehnend. Er beschreibt stattdessen eine Situation, in der sich Menschen nie gegen religiöse Deutungen entschieden haben, weil diese Kategorie für sie ohnehin bedeutungslos ist.

Eine solche Areligiösität, die nicht bloß eine Distanzierung gegenüber den eigenen, mehr oder weniger vertrauten religiösen Wurzeln impliziert, ist voraussetzungsreich. Der Abbruch von individuellen wie gemeinschaftlichen Praktiken und Interpretationen, der ihr zu Grunde liegt, reicht weit über die einzelne Generation hinaus. Wer in seiner Kindheit Glaubensvorstellungen aufnimmt, mag sich irgendwann von ihnen lösen. Wer jedoch nie mit ihnen in Kontakt kommt, hat später meist Schwierigkeiten, sie nachträglich in sein Geflecht aus Selbst- und Weltdeutungen zu integrieren. So gibt es Menschen, die gerne an Gott, eine ‚höhere‘ Wirklichkeit oder ähnliches glauben wollen, es aber nach eigener Aussage nicht können, weil sie es nie gelernt haben. Und bei den allermeisten stellt sich die Frage gar nicht erst.

Warum eine derartige Konstellation zuerst im Osten Deutschlands eingetreten ist, lässt sich nicht so leicht beantworten. Natürlich hängt es mit dem repressiven politischen System und einem ideologisierten Wissenschaftsbegriff in der DDR zusammen. Aber der Blick in andere Länder des ehemaligen Warschauer Pakts (etwa Polen) zeigt, dass noch weitere Faktoren ausschlaggebend gewesen sein müssen. Zudem stellt sich die beschriebene areligiöse Normalität zunehmend auch in Staaten wie Schweden oder den Niederlanden ein. Und auch im Westen Deutschlands zeichnen sich Abbrüche in der Tradierung religiöser Deutungen und Praktiken ab, die bald tiefer reichen dürften als eine bloße Abkehr von der Institution Kirche und ihren Vorstellungen.

Notwendige Neuorientierung

Während diese Situation im Osten sowohl für kirchliche Akteur*innen als auch für die Theologie schon seit Jahrzehnten selbstverständlich ist, wurde im Westen erst nach und nach deutlich, dass die Tragweite solcher Entwicklung weiter reicht als Prognosen zur Kirchensteuer und Pfarreireformen. Die aktuelle Ausgangslage, um auf den Umbruch zu reagieren, ist außerordentlich schwierig – stehen doch zu viele, teils lange hinausgeschobene Herausforderungen gleichzeitig an. So kann der Synodale Weg der katholischen Kirche in Deutschland kaum danach fragen, wie das eigene Selbstverständnis angesichts einer areligiösen Normalität aussehen kann. Vielmehr gilt es hier erstmal, um jene zu kämpfen, die religiös tief verwurzelt sind und sich zugleich bewusst von der Kirche abwenden. Der dazu notwendige Reformprozess ist auch für eine Kirche wichtig, die sich darauf einstellt, dass Religion nicht mehr selbstverständlich ist. Die Neuorientierung in einer grundsätzlich veränderten religiös-areligiösen Landschaft ist aber noch ein ganz eigener Schritt – und sicher kein kleinerer.

Dabei kann diese Neuorientierung zu heilsamen Einsichten führen. So zeigen die Erfahrungen eines demokratischen Ostdeutschlands seit der Wende, dass Areligiösität nicht unbedingt eine Ablehnung von Religion mit sich bringt. Oft ist es eher eine indifferente Haltung, manchmal ein Befremden, teils aber auch eine gewisse Faszination für das Besondere von Glaubenspraktiken und -vorstellungen. Auch gesellschaftspolitisch zeichnen sich dort, wo das Christentum eine kleine Minderheit ist, keine besonderen Kulturkämpfe ab. Etwa stellt in Thüringen seit 2014 (mit einer kurzen, skurrilen Unterbrechung) die wenig religionsaffine Linkspartei den Ministerpräsidenten. An der wohlwollenden Grundhaltung der Landesregierungen gegenüber Kirchen und anderen religiösen Gemeinschaften änderte das aber nichts. Kirchen können auch dort gefragte Gesprächspartnerinnen und Akteurinnen in Bildung, Sozialwesen und Politik sein, wo ihre Glaubensgrundlage geradezu exotisch erscheint. Und ein Kontext, in dem der selbstgenügsame Habitus des klassischen Kirchenfürsten völlig deplatziert und lächerlich wirken würde, ist sogar förderlich, um immer wieder neu den eigenen Ort im gesellschaftlichen Diskurs zu bestimmen.

Theologische Konsequenzen aus einer areligiösen Normalität

Auch theologisch hat das Phänomen einer areligiösen Normalität weitreichende Konsequenzen: Wie von einem Gott reden, der nicht mehr als Schlussstein des einen oder anderen Weltbildes gebraucht wird? Wie von christlicher Erlösung ohne einen entsprechenden religiösen Anknüpfungspunkt? Julia Knop hat darauf hingewiesen, dass nicht mehr nur die Antwort ‚Gott‘ problematisch geworden ist, sondern bereits die dazugehörige Frage nicht mehr vorausgesetzt werden kann – weshalb die seit dem 20. Jahrhundert üblichen anthropologischen Plausibilisierungsstrategien der Theologie an ihre Grenzen kommen. Gott jenseits einer vermeintlich religiösen menschlichen Natur zu denken, bringt eine tiefgreifende Transformation nicht nur der theologischen Theoriebildung, sondern auch im Selbstverständnis der Christ*innen mit sich. Aber darin liegt gerade die große Chance, Gott nicht auf ein notwendiges Postulat schlüssiger Weltdeutungen oder des sozialen Zusammenhalts zu reduzieren.

Wenn die Interpretationen menschlichen Lebens, die kirchliche Selbstverortung in der Gesellschaft und die theologischen Vorzeichen für die Gottesfrage sich so grundlegend verändern, bedeutet das eine äußerste Herausforderung für das Christentum in jenen Regionen, in denen sein Glaube bisher selbstverständlich verankert schien. Die entscheidende Ressource in diesem Prozess ist nicht finanzielle Stärke, sondern die Fähigkeit, im Kontext areligiöser Normalität zu agieren, Lebenserfahrungen jenseits des vermeintlichen „homo religiosus“ zu deuten und entsprechende Glaubenspraktiken zu entwickeln. Es ist ein großes Glück, dass der westdeutsche Katholizismus mit dieser Aufgabe 30 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht auf sich allein gestellt ist.

Hashtag der Woche: #30JahreEins


(Bildvorschlag @freegraphictoday)

dominique-marcel kosack

dominique-marcel kosack

studierte Theologie in Leipzig, Erfurt und Jerusalem. Er ist zur Zeit Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Dogmatik der Uni Erfurt.

One Reply to “Areligiöse Normalität – oder: die besondere Herausforderung des Westens”

  1. Lieber Herr Kasack,

    das ist wirklich eine sehr genaue Analyse der derzeitigen Situation und es ist gut, wie Sie hier mal den Westen als Lehrling in Sachen „areligiöser Normalität“ herausarbeiten. Alles wird wohl davon abhängen, ob es die verbleibenden Christen schaffen werden, in einem neuen Gemeindeverständnis entsprechende neue Glaubenspraktiken zu entwickeln. Hier müsste m.E. unser Engagement schwerpunktmäßig ansetzen und „y-nachten“ könnte /sollte hier auch als Multiplikator für neue Ideen und Experimente wirken.
    Und zunehmend erscheint es mir doch als große Ressourcenverschwendung, dass wir glauben, uns diesen existentiellen Herausforderungen weiterhin getrennt auf katholischem und evangelischem Wege stellen zu müssen. Ich verstehe zwar die Argumente der katholischen Kirchenreformer, dass der Druck auf die träge Amtskirche durch ökumenische Zusammenarbeit nicht nachlassen darf, aber mir scheint, die Not zwingt uns zu gemeinsamen Handeln, wenn es schon nicht die Besinnung auf die gemeinsame Mitte unseres Glaubens ist.

    Herzlichen Gruß aus Tübingen
    vonMathilde Dandl

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