Partizipation und Repräsentation (nicht nur) in der Coronakrise – Katharina Leniger und Judith König denken über politische Entscheidungsprozesse nach und plädieren für die Schaffung von Begegnungsräumen.

„(Not) about them without them“ ist zum geflügelten Wort geworden im Diskurs darum, wer in der gesellschaftlichen Debatte gehört und gesehen wird – und wer nicht. „Not about them without them!“ ist ein Plädoyer dafür, bei wegweisenden Entscheidungen die von der Entscheidung betroffenen Personen nicht nur zu bedenken, sondern auch zu beteiligen. „About them without them“ dagegen scheint allzu häufig der Modus zu sein, in dem gesellschaftliche Aushandlungsprozesse stattfinden und politische Entscheidungen  tatsächlich getroffen werden. Wie aber sieht es gegenwärtig in Corona-Tagen aus? Wer ist (medial) sichtbar und zu hören – und wer ist es nicht?

Eine Frage der Repräsentation?

Es ist schon in Nicht-Krisen-Zeiten für Nicht-Politprofis ein Dickicht, das sich um Entscheidungsträger*innen in der Politik rankt: Akteur*innen vertreten für sie relevante Interessen und versuchen, den Diskurs entsprechend ihrer Gruppe zu lenken. Sie versuchen Aufmerksamkeit zu generieren, legen schwere Argumente in die Waagschale, leisten Überzeugungsarbeit – nicht selten, so kritisiert beispielsweise der Verein LobbyControl e.V., spielt Geld eine entscheidende Rolle. Dabei sollte idealtypisch in einer Demokratie möglichst ein ausgewogenes Machtgleichgewicht gegeben sein. Wie sieht das aktuell aus? War die frühe Phase der Pandemie notwendigerweise geprägt von schnellen und weitreichenden Entscheidungen der Exekutive, werden nun (zu recht im Blick auf die nun zu treffenden Entscheidungen) die notwendigen parlamentarischen Gremien wieder verstärkt einbezogen.

Die Frage, wer wo wann wie in politischen Entscheidungsprozessen mitreden kann und darf, ist in freiheitlichen, demokratischen Gesellschaften keine Marginalie. Mögliche Antworten finden sich jedoch häufig nur in einer medialen Randnotiz. In NRW wurde beispielsweise ein so genannter Expert*innenrat berufen, um verschiedene Sichtweisen auf die aktuelle Lage zu nutzen. Dass ein solches Gremium in seiner Zusammensetzung nie die ganze Breite der Gesellschaft abdecken kann, um arbeitsfähig zu bleiben, ist relativ leicht ersichtlich. Repräsentant*innen müssen her! Aber wer repräsentiert wen? Die Tatsache, dass in Armin Laschets Rat z.B. gleich mehrere Vertreter*innen der Wirtschaft und Arbeitgeberseite vertreten sind, lässt zumindest aufhorchen. Eklatante Leerstellen fallen gerade im Kontext einer Pandemie auf: So fehlen Mitarbeitende aus dem Bereich der Pflege völlig, die Geschäftsführerin des Sozialdienstes Katholischer Frauen e.V. Köln vertritt alleine die „frauen-, familien- und sozialrechtlichen“ Themen, die Bereiche Bildung und Erziehung, um Beispiele zu nennen, sind nicht dezidiert vertreten.

Eine Frage für Theologie und Kirche?

Warum nun aber noch einen Blog-Beitrag zu diesem Thema, noch einmal ein kritisches Hinterfragen der Zusammensetzung von Laschets Expert*innenrat – noch dazu aus theologischer Perspektive? Wir sind der Meinung, dass sich die theologische und auch kirchliche Aufmerksamkeit gerade in diesen Tagen stärker auf einen der Zielpunkte von Kirche und Theologie konzentrieren sollte. „Propter nos homines“ – auf die Menschen, und zwar nicht nur auf die Hochleistungskatholik*innen und deren Bedürfnisse, sondern auf alle Menschen und auf ihr Wohlergehen sind theologische Forschung und kirchliches Handeln auszurichten. Oder, um es mit den Worten eines der größten kirchlichen Dokumente des letzten Jahrhunderts zu sagen:

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. (Gaudium et Spes 1)

Wer das ernstnimmt, der*die muss auch ernsthaft bereit sein, nach dieser Freude und Hoffnung, Trauer und Angst zu fragen.

Für wen sprechen „wir“?

Diese christliche Grundhaltung fordert also einen kritischen Impetus, ein Hinterfragen dessen, was auf gesellschaftlicher Ebene passiert und inwiefern aus kirchlicher und theologischer Sicht darauf zu antworten ist. Darüber hinaus handelt es sich dabei aber auch um ein nicht ungefährliches Unterfangen. Gefährlich ist es deshalb, weil diese Rede für jemanden, das Einstehen und zur-Sprache-Bringen genau diejenigen untergraben kann, für die eigentlich eingetreten werden soll: Subjekte werden dann objektiviert.
Zusätzlich zur Frage, wer wen repräsentiert und wessen Perspektive nicht zur Sprache kommt, sollten wir also auch fragen: Was passiert eigentlich, wenn eine Person für eine andere spricht? Wer spricht, muss sich selbst hinterfragen: Trete ich für mich und eine Gruppe Gleichgesinnter ein, bin ich con-solidarisch? Oder nutze ich meine Position für jemanden, dessen*deren Lebensumstände ich nicht teile und verhalte mich pro-solidarisch? Ist das eigene Handeln angemessen in der jeweiligen Situation?

Eine weitere Gefahr besteht in der scheinbaren Gewissheit, bereits erkannt zu haben, wer diejenigen sind, die leiden oder Unterstützung brauchen. Sicher ist eine Option, diejenigen zu unterstützen, die zwar kämpfen und rufen, jedoch nicht ausreichend gehört werden. Wie aber sollte man diejenigen identifizieren, die gänzlich unsichtbar sind oder vielmehr gemacht wurden, denen überhaupt kein Zugang zur politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit eingeräumt wird? Und wie ist ihrem Leid adäquat zu begegnen, ohne paternalistisch, einseitig und unkritisch zu agieren?

Anerkennung, Partizipation und offene Fragen

Es gibt für die Beantwortung dieser Fragen kein Patent-Rezept und ganz neu sind sie auch nicht. Große Denker*innen haben sie bereits gestellt und stellen sie noch, um einige Namen zu nennen bspw. Hannah Arendt, Gayatri Chakravorty Spivak oder Judith Butler. Dennoch scheint es unverzichtbar, diese Probleme zunächst einmal als solche anzuerkennen und sie konsequent mitzudenken in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen – auch und gerade in Corona-Tagen.

Trotz der aktuellen Begrenzungen des unmittelbaren Dialogs zwischen Menschen müssen Begegnungsräume geschaffen werden; Räume, in denen Menschen die Möglichkeit erfahren, mit ihrem Leben in Erscheinung zu treten, sich auszudrücken, den Diskurs mitzuprägen. Es geht einerseits um Anerkennung, es geht aber vor allem um Ermöglichung von Partizipation. Ohne hier auf die direkten Mechanismen der Legitimation und Partizipation einzugehen, wäre ein Anfang, Positionen von Betroffenen zunächst einmal anzuhören und ihre Expertise beispielsweise in einem Expert*innenrat auch zur Geltung kommen zu lassen. Denn auch wenn diese Ziele ein Ideal beschreiben und vermutlich nie gänzlich einzuholen sind, beschreiben sie dennoch eine Dynamik, die dazu verhilft, immer wieder neu kritisch zu reflektieren, ob gesellschaftliche und politische Praxis ausschließt oder (sich) öffnet. Eine den Menschen zugewandte Theologie darf sich nicht hinter Seelsorge und Caritas verstecken: Sie muss ihrem kritischen und politischen Auftrag gerecht werden und diese Dynamik mit in Gang bringen und halten.

Dieser Text ist entstanden im Rahmen des Projektes „Corona-Perspektiven“ der Jungen AGENDA, einem Zusammenschluss junger katholischer Theologinnen. Die jeweiligen Autor*innen beleuchten ihre Perspektiven auf die aktuelle Situation im Hinblick auf verschiedene, (weniger sichtbare) gesellschaftliche Gruppen.

Literatur:
Riedl, A. M., Anstiftung zur Kritik. Überlegungen zu einer politisch-theologischen Ethik, in: Ethik und Gesellschaft 2 (2017), 13, (08.05.2020).

Lange, Timo: Expertenräte in der Coronakrise. Unausgewogene Politikberatung wird der Krise nicht gerecht. Erschienen am 23.04.2020 auf lobbycontrol.de (17.05.2020).

Hashtag: #whocares


(Beitragsbild @99.films)

Co-Autorin: Judith König studierte in Regensburg Katholische Theologie (Mag. Theol.). Seit 2017 arbeitet sie an der Universität Regensburg am Lehrstuhl für Exegese und Hermeneutik des Neuen Testaments als wissenschaftliche Mitarbeiterin; seit 2019 in der selben Funktion zusätzlich an der Professur für Pastoraltheologie und Homiletik.

katharina leniger

katharina leniger

studierte in Würzburg Katholische Theologie (Magistra Theologiae) und Musikwissenschaft (BA). Seit 2018 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Professur für Christliche Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der JMU Würzburg.

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