Das Grundgesetz stellt Familien unter besonderen Schutz. Die Coronakrise bedeutet jedoch für viele Familien einen besonderen Stresstest. Edith Wittenbrink fragt, wie sie in- und außerhalb dieser ungewöhnlichen Situation geschützt werden müssen.

 „Hallo!? Wir sehen euch nicht – könnt ihr uns hören??“ So und ähnlich beginnen aktuell wohl nicht wenige Familientreffen. Geburtstage werden per Videokonferenz gefeiert. Statt ihren Enkel von der Schule abzuholen, kann die Oma ihn nur anrufen. Der Opa im Pflegeheim bekommt einen Podcast aufgenommen. Soziale Beziehungen, und ganz besonders Familienbeziehungen, sind vielerorts starken Belastungsproben ausgesetzt.

„Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“, so heißt es in Artikel 6, Absatz 1 des Grundgesetzes. Grundrechtseinschränkungen zur Pandemiebekämpfung sind zahlreich, und zurecht wird betont, dass deren Verhältnismäßigkeit ständig überprüft werden muss.1 Artikel 6 sollte dabei nicht vergessen werden. Aber: Wer gehört überhaupt zu einer „Familie“ und ist damit schutzberechtigt? Und welchen Schutz brauchen Familien jetzt vom Staat?

Beziehungsstatus: Kompliziert

Familiensoziolog*innen untersuchen Familie aus unterschiedlichen Perspektiven.2 Ihre Arbeiten machen deutlich: Dass Familie vor allem aus „Mama, Papa, Kinder“ besteht, war und ist eine romantische Illusion, der Blick auf den individuellen Haushalt greift zu kurz – gehört die im Nachbarort lebende erwachsene Tochter etwa nicht zur Familie? Die Betrachtung von Familie als Netzwerk3 zeigt zum Beispiel, dass Familien als hochkomplexe und störanfällige Beziehungsgefüge verstanden werden können. Jedes Netzwerk ist individuell; auf Fürsorge basierende Beziehungen und Care-Arbeit sind es, die familiale4 Bindungen charakterisieren. Und besonders häufig sind diese Netze heute „multilokale Mehrgenerationenfamilien“, in denen die Großeltern nicht im gleichen Haushalt wohnen, aber starke wechselseitige Unterstützung stattfindet. In Familiennetzwerke eingebunden sind außerdem verschiedenste externe Akteur*innen, die deren Funktionieren sicherstellen – Kitas, Schulen, Arbeitsplätze und Pflegeeinrichtungen.

Corona erscheint für viele Familiennetzwerke als extremer Stresstest: Körperliche Nähe ist plötzlich Risikofaktor Nummer eins. Enkel und Großeltern sollen sich möglichst nicht mehr begegnen. Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung sollen trotzdem zeitgleich funktionieren. Manche Alleinerziehende haben einen 24-Stunden-Betreuungsjob. Manche „Alleinerziehende mit Partner*in“ ebenfalls. Schon vor der Krise war das Ausbalancieren der verschiedenen Ansprüche und Bedürfnisse in solchen Netzwerken oft schwierig bis unmöglich, manche Bindungen sehr fragil. Nun werden viele Spannungen zu Zerreißproben. Und wer nicht mit anderen in einem Haushalt lebt und zu einer Risikogruppe gehört, kann in seinem Familiennetzwerk unter Umständen kaum aktiv werden.

Eine weitere familiensoziologische Theorie nimmt in diesem Kontext das „doing family“5 in den Blick: Es sind nicht biologische Abstammungsverhältnisse, die dafür sorgen, dass Familien als solche empfunden und wahrgenommen werden, sondern die sich stets wandelnden Beziehungen unter den Familienmitgliedern. Diese werden von dem alltäglichen Tun, das familiale Bindungen ausmacht, oft beiläufig und unbewusst aufrechterhalten – das reicht von der Rund-um-die-Uhr-Versorgung eines Säuglings oder der Vollzeitpflege eines Angehörigen bis zum obligatorischen Besuch an Weihnachten. Familie wird immer aktiv gestaltet von ihren Mitgliedern. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen ermöglichen diese Gestaltung, lenken oder beschränken sie aber auch. Die Gesellschaft ist umgekehrt immer, auch in „normalen“ Zeiten, darauf angewiesen, was in Familien an Care-Arbeit, an Erziehung und an emotionalem Rückhalt geleistet wird – unbezahlt und oft unsichtbar.

Durch die Beschränkungen in der Corona-Krise ist nun manches Tun schlichtweg unmöglich: Bei aller Kreativität und digitalen Kommunikation können das Liebkosen eines Kleinkindes und das Halten der Hand eines demenzkranken Menschen nicht ersetzt werden. In beengten Wohnverhältnissen oder bei wegfallenden Einkommen sind viele Spielräume stark eingeschränkt, auch im wörtlichen Sinne. Dafür sollte in der Familie nun am besten all das geleistet werden, was bisher Bildungs- und Freizeiteinrichtungen übernommen haben, obwohl der Trend der letzten Jahrzehnte dahin ging, immer mehr Aufgaben aus der Familie auszulagern – Kitas und Ganztagsschulen wurden ausgebaut, beide Eltern sollten berufstätig sein. Aber die plötzliche Verlagerung von Betreuung und Bildung ins Private (und zusätzlich weitgehend in den privaten Wohnraum) zeigt: Die zusätzliche Arbeit wird hauptsächlich von den weiblichen Familienmitgliedern und vor allem den Müttern geleistet, die Doppelbelastung führt oft zur Vernachlässigung ihrer Erwerbsarbeit. Selbstsorge ist für die meisten Eltern aktuell ein Fremdwort. Das „doing family“ in Coronazeiten: häufig also ein „doing traditional family“ am Limit der Kräfte.

Das reicht nicht

Wird im Hinblick auf die coronabedingten Einschränkungen genügend diskutiert, wie viel Familien zugemutet wird? Können die langfristigen negativen Folgen für Kinder in Kauf genommen werden, für die monatelang Gruppenaktivitäten mit Gleichaltrigen, Therapien oder Fördermaßnahmen wegfallen? Gibt es sinnvolle Möglichkeiten, die Mehrfachbelastung von Eltern und vor allem von Frauen zu kompensieren? Und wie stark können die Beziehungen von Menschen strapaziert werden, für die Familienangehörige den einzigen emotionalen Rückhalt darstellen? Muss nicht das Selbstbestimmungsrecht alleinwohnender oder pflegebedürftiger Menschen auch im Hinblick auf ihren Wunsch nach Kontakt zu ihren Angehörigen respektiert werden?

Einfache Antworten gibt es hier nicht, unbedachte Lockerungen der Beschränkungen können eine Gefahr darstellen. Aber da es wohl noch monate- bis jahrelang Kontaktbeschränkungen geben muss, muss neben dem Schutz von Arbeitsplätzen und Unternehmen dringend auch über den Schutz von Familien nachgedacht werden: Immerhin steht dieser im Grundgesetz. Wichtig wäre, flexible Lösungen anbieten zu können, um möglichst viel Selbstbestimmung von Einzelnen und Familien zu ermöglichen, denn die Belastungen sind gerade so unterschiedlich wie die familialen Beziehungsnetze.

Und nach Corona?

Die Krise verschärft existierende Belastungen von Familien und macht vieles sichtbar, was schon zuvor schief lief – auch in den Fällen, in denen Familienmitglieder aktuell dankbar dafür sind, endlich einmal gemeinsam Zeit verbringen zu können. Welche Idealvorstellungen von Familie herrschen eigentlich vor in medialen Diskursen, im Arbeitsleben, im Bildungssystem, im politischen Handeln? Passen diese zusammen? Wessen Bedürfnisse werden immer wieder vernachlässigt?

Familien unter besonderen Schutz stellen, das könnte heute heißen: Die Pluralität von Familiennetzwerken anerkennen, Autonomie und Angewiesenheit von Familienmitgliedern ernst nehmen – und daher bedeutsame familiale Bindungen zu berücksichtigen und zu schützen, ob es die Beziehungen zu pflegenden erwachsenen Kindern oder Stiefgroßeltern sind. Es könnte heißen, Care-Arbeit in Familien stärker wertzuschätzen. Und es könnte heißen, Familien Gestaltungsspielräume zu eröffnen, zum Beispiel durch Bildungsangebote und Arbeitsbedingungen, die Grenzziehungen zwischen Arbeits- und Privatleben ermöglichen, ohne die Menschen zu bevormunden. Auch Familienpolitik ist verwoben in komplexe Interessensnetzwerke. Und auch sie kann aktiv gestaltet werden – wenn die Stimmen von Kindern, Eltern und Großeltern nicht nur bei den Verwandten beim Skype-Telefonat, sondern auch bei den Verantwortungsträger*innen ankommen.

Dieser Text ist entstanden im Rahmen des Projektes „Corona-Perspektiven“ der Jungen AGENDA, einem Zusammenschluss junger katholischer Theologinnen. Die jeweiligen Autor*innen beleuchten ihre Perspektiven auf die aktuelle Situation im Hinblick auf verschiedene, (weniger sichtbare) gesellschaftliche Gruppen.

Weitere Literatur:

Fischer, Luisa (2017): Familiale Lebensformen: Thesen des Wandels und aktuelle familiensoziologische Perspektiven als Herausforderungen der Ethik. In: ethikundgesellschaft 2017/1. Abrufbar über: http://www.ethik-und-gesellschaft.de/ojs/index.php/eug/article/view/1-2017-art-5/488.

Hashtag der Woche: #whocares


(Beitragsbild: @clintadair)

1 z. B. Geuther, Gundula: Die Grundrechte in der Coronakrise. Die Verhältnismäßigkeit muss gewahrt bleiben. Kommentar am 23.03.2020, Deutschlandfunk. https://www.deutschlandfunk.de/grundrechte-in-der-coronakrise-die-verhaeltnismaessigkeit.720.de.html?dram:article_id=473132.

2 Steinbach, Anja/Hennig, Marina/Arránz Becker, Oliver (Hg.) (2014): Familie im Fokus der Wissenschaft, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

3 Hennig, Marina (2014): Familienbeziehungen über Haushaltsgrenzen hinweg – Familie als Netzwerk. In: Steinbach /Hennig Arránz Becker (2014), 141-172.

4 Es handelt sich um eine soziologische Bezeichnung bezogen auf Familien als Gruppen.

5 Karin Jurczyk (2014): Doing Family – der Practical Turn der Familienwissenschaften. In: Steinbach /Hennig Arránz Becker (2014), 117-138.

edith wittenbrink

edith wittenbrink

hat aktuell keine familialen Care-Verpflichtungen; sie studierte katholische Theologie, Spanisch und Italienisch auf Lehramt und ist seit 2018 Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Christliche Anthropologie und Sozialethik an der Uni Mainz.

2 Replies to “Familiennetzwerke und Corona – eine Zerreißprobe

  1. Liebe Edith,
    ich finde deinen Artikel sehr interessant und gut analysierenden. Aber zwei Fragen habe ich noch: 1) Warum erstarkt in diesem Kontext die tradionelle Familie? War alle Beteuerung der neuen Lastenverteilung in modernen Familien nur Gerede, das dem ersten Stresstest nicht standhält? Liegt das an der Tatsache des pay gap alleine? Oder liegt es an langfristigen Traditionen, die so „schnell“ nicht uberwunden sind? (Jahrhundertelange Vorstellungen (“ bürgerliche Familie seit dem 18 . Jh. ) lassen sich nicht in zwei Jahrzehnten überwinden). Kannst du das beantworten? Und 2) wie kann eine bessere Absicherung von Familien im Stresstest erfolgen? Bisher versuchte man Frauenförderung durch Wegdelegieren vieler Dinge aus der traditionellen Familie an externe Institutionen und umging damit den Kampf der Partner um Freiheit, die einfach beiden zugestanden wurde. Wie Jann das konkret gehen, wenn die externen Institutionen wegfallen? Bin gespannt auf eine Diskussion! LG Christoph

    1. Lieber Christoph,
      vielen Dank für Deine Rückmeldung und die wichtigen Fragen bzw. weiterführenden Gedanken! Der Text will auch vor allem Anregungen zum Weiterdenken geben, Patentlösungen für die von Dir angesprochenen Probleme habe ich – leider – auch nicht…
      Zu 1): In meiner Wahrnehmung gehen die Ursachen weit über den pay gap hinaus und liegen eher in dem von Dir angeführten noch immer starken Einfluss von traditionellen Leitbildern. Dass diese auch politische Steuerungsinstrumente (Rente, Elternzeitregelung, Ehegattensplitting etc.) bis vor kurzem geprägt haben oder immer noch prägen, stellt aktuell auch Jutta Allmendinger fest: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-05/familie-corona-krise-frauen-rollenverteilung-rueckentwicklung. Das muss vermutlich ernster genommen werden, wenn die „neue Lastenverteilung“ nicht nur beteuert, sondern auch nachhaltig umgesetzt werden soll. Vielleicht fehlt es aber auch noch an neuen, wirklich attraktiven und umsetzbaren Leitbildern für alle Beteiligten?
      Und damit zu 2): Grundsätzlich kann das „Wegdelegieren“ an externe Institutionen kein Allheilmittel sein und fördert nicht automatisch die Gleichstellung. Hier wäre meiner Meinung nach an mehreren Stellschrauben zu drehen, um wirkliche Freiheit und Selbstbestimmung zu ermöglichen. Z.B. müssten die finanziellen Leistungen für Kinder unabhängig von der Lebensform der Eltern existenzsichernd sein, es bräuchte auf dem Arbeitsmarkt mehr Anerkennung und Akzeptanz von „diskontinuierlichen Karrieren“, sodass eine Erziehungspause auch von mehreren Jahren für beide Elternteile denkbar ist, und eben die unterstützenden Netzwerke über die einzelnen Haushalte hinaus müssten in der Familienpolitik mehr Beachtung finden – die familialen Netzwerke, aber auch Netzwerke in der Nachbarschaft z.B. (Einige Ideen in diese Richtung habe ich hierher: Bertram, Hans /Deuflhard, Carolin (2014): Familienpolitik: gerecht, neoliberal oder nachhaltig? In: Steinbach /Hennig /Arránz Becker (2014), 327-352.) Manches davon hätte vielleicht auch die Probleme in der aktuellen Krise entschärft. In dieser Ausnahmesituation ist es natürlich ein Drahtseilakt, die Auswirkungen der Maßnahmen und Hilfsprogramme im Blick zu behalten. Aber wenn Kitas und Schulen geschlossen werden, ohne dass Entlastungen für Eltern auf den Weg gebracht werden (ob Corona-Elterngeld oder Möglichkeiten zur Reduktion von Arbeitszeit), scheint mir zumindest ein Bild von „moderner Familie“ noch nicht überall angekommen zu sein.
      Ich freue mich auf weitere Diskussionen und Ideen dazu!

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