Wenn wir nicht mehr weiter wissen, fragen wir Karl Rahner SJ. Immer wieder steht er uns in Interviews Rede und Antwort. Heute spricht Rahner Karltext über die Karwoche.

y-nachten.de: Guten Tag, Herr Rahner. Wegen des gebotenen „Social Distancing“ haben wir dieses Interview leider nicht persönlich führen können … 

Karl Rahner SJ: Man benutzt selbstverständlich eine Schreibmaschine, ein Telefon; manche werden schon (und vielleicht sogar mit Recht) einen Fernsehapparat und nicht nur einen Rundfunkempfänger zu ihrem notwendigen oder nützlichen Arbeitsgerät erklären.

y-nachten.de: Obwohl unser Thema eigentlich die Karwoche ist, können wir es uns nicht verkneifen, eine Frage zum Coronavirus zu stellen. Haben Sie eine theologische Deutung für diese und andere Krankheiten?

Karl Rahner SJ: In der Krankheit ist sich der Mensch besonders nahe, er hat sich, auf sich selbst vereinsamt. Und er weiß doch nicht genau, was das ist, was er so hat: ob er sich als Verfügenden oder als Verfügten hat. Aber er merkt: das über ihn Verfügte soll in seiner Ergebung das von ihm selbst Verfügte werden, und was er als seine eigene verfügende Tat weiß, von dem erfährt er in seiner Krankheit, daß es nochmals von einer andern, ihm selbst entzogenen, schweigend waltenden Verfügung umfaßt ist.

y-nachten.de: Viele Menschen machen sich zur Zeit Sorgen um ihre Mitmenschen und sind gleichzeitig einer Ohnmacht und Einsamkeit ausgeliefert. Was ist Ihr guter Rat in dieser Zeit?

Karl Rahner SJ: Das mag uns am Anfang ungewohnt vorkommen, dieses Sich-selbst-nicht-mehr-Haben mag uns erschrecken und uns die Versuchung überkommen, wie erschreckt in die Nähe, in die Dankbarkeit, in das spürbare Geliebtwerden zurückzuflüchten. Ja, wir werden dies sogar oft tun dürfen und müssen. Aber wir sollten doch allmählich lernen, in diesem Sterben das Leben, in dieser Einsamkeit die Nähe, in dieser Verlassenheit Gott zu finden.

y-nachten.de: Das menschliche Leiden bildet nun ja auch in dieser Zeit im Kirchenjahr das zentrale Thema: Wir sind in der Karwoche. Was bedeutet es, zu sagen, Gott selbst habe gelitten?

Karl Rahner SJ: Um – einmal primitiv gesagt – aus meinem Dreck und Schlamassel und meiner Verzweiflung herauszukommen, nützt es mir doch nichts, wenn es Gott – um es einmal grob zu sagen – genauso dreckig geht. Ich weiß natürlich, daß es durchaus von der klassischen Inkarnationslehre bzw. Theologie der hypostatischen Union her eine sinnvolle und ernste Aussage darüber gibt und geben muß, die ich auch nicht leugnen oder vernebeln will, daß Gott gestorben ist (ohne deswegen in einen Patripassianismus zu verfallen). Aber auf der anderen Seite gehört es doch zu meinem Trost, daß Gott, wenn und insofern er in diese Geschichte selber als in seine eigene eingestiegen ist, jedenfalls auf andere Weise eingestiegen ist als ich.

y-nachten.de: Die Vorstellung eines Opfers, das nötig ist, um die Sünde zu tilgen, erscheint brutal. Gibt es eine Art, den Kreuzestod Jesu zu verstehen, die vielleicht zugänglicher ist?

Karl Rahner SJ: Überall dort, wo zunächst einmal ein zürnender Gott konzipiert wird, der gleichsam von Jesus her mühsam umgestimmt werden muß, liegt eine letztlich unchristliche, vulgäre Vorstellung der Erlösung vor, die nicht stimmt. So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingab. Nicht dadurch, daß der Sohn sich dahingab, hat ein zürnender Gott mühsam seine Meinung über die Welt geändert.

Ich sage so: das Kreuz ist das signum efficax der erlösenden, Gott selbst mitteilenden Liebe, insofern das Kreuz die Liebe Gottes in der Welt endgültig und geschichtlich irreversibel setzt. Statt signum efficax kann ebenso gut und manchem vielleicht verständlicher der Begriff Realsymbol benutzt werden das Symbol, durch dessen Setzung das Symbolisierte sich selber setzt und selber im Symbol anwest.

y-nachten.de: Der eher „vergessene“ Tag der Karwoche ist meist der Karsamstag. Mit dem Höllenabstieg Christi begegnet uns hier wieder so ein schwer verständliches Traditionsstück. Können Sie helfen?

Karl Rahner SJ: Abgestiegen zur Hölle, oder genauer und deutlicher übersetzt: abgestiegen in das Totenreich, besagt also zunächst einmal: Jesus ist wahrhaft gestorben.

Unser Karsamstag von sich allein her wäre nur das lebendige Totsein. Seit er ihn erlitten und ihn erlöst hat, ist er der Tag, der in seinem harrenden Schweigen das ewige Leben birgt. Denn seit er niedergefahren ist in das Unterste, gibt es keinen Abgrund des Daseins mehr, in den hineingestürzt man nicht das ewige Leben auf seinem Grund finden könnte.

y-nachten.de: Mit der Feier der Auferstehung verbinden wir unsere eigene Hoffnung darauf, dass der Tod nicht das letzte Wort über unser Leben hat. Wie würden Sie diese Hoffnung formulieren?

Karl Rahner SJ: Haben wir uns von der Auferstehung Jesu entfernt, wenn wir an unsere Vollendung denken? Nein, wir haben uns vorbereitet, sie zu verstehen. Wenn wir auf Ihn blicken, läßt sich glauben, daß ein Leben beim Tod im letzten nicht in den leeren Abgrund der Absurdität fällt, sondern in den Abgrund Gottes. Er ist der erste der durch den Tod zur Endgültigkeit Geborenen, weil dieser wahrhaftige Mensch das Wort ist, in dem Gott sich selbst sagt und sich uns zusagt. Und so wir auch dieses glaubend an unser Herz nehmen, wird der Satz: Er ist auferstanden, der Inbegriff unseres Glaubens und Hoffens überhaupt.

y-nachten.de: Zum Abschluss: Viele Menschen sehnen sich in dieser Zeit nach einer kleinen Aufmunterung. Können Sie uns erheitern?

Karl Rahner SJ: Denen, die noch pilgern und das auch auf den Wegen des Glaubens, denen, die den Tod und die Vergeblichkeit im Dasein deutlicher schmecken als die Herrlichkeit unzerstörbar ewigen Lebens, ist auch leisere, bescheidenere Osterfreude erlaubt. Sie ist in eigener Art auch denen möglich, die der Alltag müde und die Enttäuschung schwermütig gemacht hat.

Hashtag: #Karltext


Alle Antworten stammen aus den Schriften Karl Rahners und wurden für das Interview von @karlrahner_sj kreativ neu angeordnet und dazu z.T. redaktionell bearbeitet.

(Beitragsbild: @jontyson)

prof. dr. karl rahner

prof. dr. karl rahner

war Professor für systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Dogmatik und Dogmengeschichte in Innsbruck, München und Münster. Er nahm am Zweiten Vatikanum und an der Würzburger Synode teil. Im Jahr 2018 erschien der letzte Band seiner Gesammelten Werke.

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