Antike Vorstellungen von Frauen in der Öffentlichkeit prägen bis heute unsere Gesellschaft. Claudia Danzer hat auf Basis eines Seminars bei Christiane Florin an der Uni Freiburg über Mary Beards „Frauen und Macht“ nachgedacht und schlägt eine Brücke zu aktuellen kirchlichen Debatten im Katholizismus.

In Großbritannien war es gleich ein Bestseller: Mary Beards Manifest „Frauen und Macht“1, das auch schnell seinen Weg in den deutschen Buchhandel fand. Die Althistorikerin aus Cambridge untersucht darin, wie antike Bilder und Vorstellungen von Frauen in der Öffentlichkeit bis heute noch den gesellschaftlichen Blick auf Frauen und Macht bestimmen. Veröffentlicht sind in ihrem Manifest zwei Vorträge. In ihrem ersten geht sie der Frage nach, warum die Frauen in der politischen Öffentlichkeit schlicht oft nicht gehört werden, und aufgrund welcher kulturell tief verankerten Vorurteile gegenüber der weiblichen Stimme das geschieht. In ihrem zweiten Vortrag untersucht sie, wie über Frauen an der Macht gesprochen wird. Um die wirkenden Mechanismen aufzudecken, so Mary Beard, lohnt sich ein Blick in die griechische Geschichte und somit in den kulturellen Hintergrund, der europäische Gesellschaften bis heute prägt.

Am Anfang war der Webstuhl

Schon zu Beginn der Schriftlichkeit im antiken Griechenland, als die Griech*innen zum ersten Mal in Schriftform über die Irrfahrten des Odysseus lasen, erfuhren sie auch, wo die Frau als Frau hingehört. Telemachos, der Sohn des Odysseus, sagt in Homers Epos „Odyssee“ zu seiner Mutter Penelope:

Du aber, gehe ins Haus und besorge die eigenen Geschäfte, Spindel und Webstuhl … Die Rede ist die Sache der Männer; Aller, vor allem die meine! Denn mein ist die Macht hier im Hause.2

Die Frauen gehörten an den Webstuhl, der Sohn verbat der eigenen Mutter das Wort – und sie gehorchte. Im öffentlichen Raum hatten Frauen – wie die Textstelle zeigt – nichts zu suchen.3 Doch Frauen wurden nicht nur an den Webstuhl verbannt, auch an anderer Stelle wurden sie ihrer Stimme beraubt. In Ovids Metamorphosen verwandelt Zeus seine Geliebte Io in eine Kuh, um sie vor seiner Gattin Hera zu verstecken. Io kann daraufhin nur noch muhen. Philomela wurde nach einer Vergewaltigung die Zunge herausgeschnitten, damit sie ihren Vergewaltiger nicht verrät. In einem anderen antiken Werk wird dann tatsächlich doch über die politische Beteiligung von Frauen in einer Volksversammlung geschrieben. Allerdings ist dieses Werk Aristophanes‘ Komödie „Ekklesiazusen“, denn die Vorstellung von politischer Beteiligung von Frauen ist in der antiken Denkwelt vor allem eines: lustig.

Die politische Dimension der Stimme

Für Mary Beard spiegelt die Stummheit der Frauen die allgemeine Entmündigung der Frauen in der antiken Welt wider.4 In der Öffentlichkeit die Stimme zu erheben, war Teil der sozialen Konstruktion von Männlichkeit. Dementsprechend

war in den meisten Fällen eine Frau, die in der Öffentlichkeit sprach, daher qua Definition keine Frau.5

Die männliche Stimme wurde mit Autorität und Mut assoziiert, während „eine hohe Tonlage auf weibliche Feigheit hindeutete“6. Wie wirkmächtig diese Bilder bis heute sind, zeigt sie mit ihrem Verweis auf Margaret Thatcher, die sich für eine tiefere Stimme einem speziellen Training unterzogen hat.7

Für die Antike macht Mary Beard nur zwei Ausnahmen aus, in welchen Frauen eine Stimme in der Öffentlichkeit zukam. Wenn sie als Opfer einer Gewalttat sprachen oder wenn sie die Interessen ihrer Kinder, ihres Ehemanns und anderer Frauen vertraten. So fand Philomela beispielsweise einen Ausweg aus ihrer Sprachlosigkeit, indem sie die Szene ihrer Vergewaltigung in ein Gewand webte und dadurch die Tat ans Licht kam.

Wie oft werden Frauen in der Öffentlichkeit nur dann wahrgenommen, wenn sie als Betroffene von Gewalt (#metoo) oder für Frauen sprechen? In der Politik sind Frauen immer noch oft Familienministerinnen, aber nur selten Ministerinnen für Finanzen.8

Frauen an der Macht

Welche antiken Vorstellungen mit Frauen assoziiert werden, die tatsächlich an der Macht sind, ist Inhalt des zweiten Artikels von Mary Beard. Nicht nur im Amazonen-Mythos wurden mächtige Frauen sofort mit einer großen Gefahr assoziiert. Medusa, die alle fürchteten, weil ihr Blick jede*n zu Stein verwandeln konnte, wurde schließlich von Perseus entmachtet, als er sie enthauptete. Im US-Wahlkampf kursierten Bilder im Netz, die Trump als Perseus zeigten, der den Kopf von Clinton als enthauptete Medusa triumphierend in den Händen hielt – ein Beispiel für die erschreckende Aktualität von solcher Misogynie.

Neben der Assoziation von Frauen an der Macht mit einer drohenden Gefahr stellt Mary Beard fest, dass die gesellschaftliche Vorstellung von einer mächtigen Person immer noch männlich codiert ist. Mit dem Verweis auf die auch bei mächtigen Frauen beliebten Hosenanzüge kommt sie zum Schluss:

Wir haben kein Modell für das Erscheinungsbild einer mächtigen Frau, außer dass sie ziemlich männlich aussieht.9

Mary Beard macht ihre These in ihrem Buch an einigen Beispielen fest, trotzdem bleibt wenig Spielraum für queere Lesarten.

„Frauen und Macht“ – das wird nach der Lektüre sehr deutlich – passen in den von Mary Beard vorgestellten wirkmächtigen Bildern der Antike nicht zusammen. Entweder ist die Frau an der Macht keine Frau, oder die Macht ist keine reale Macht, sondern eine „spezifische“.

Wie sehr diese Beobachtung dabei hilft, auch die aktuelle Lage im Katholizismus zu analysieren, offenbaren die letzten päpstlichen Äußerungen zu Frauen in der Kirche.

Die „spezifische Macht“ der katholischen Frau

Denn Querida Amazonia zeigt, dass dieses Denkmuster sich auch im Jahr 2020 in einem päpstlichen Dokument niederschlägt. Wenn Franziskus in der Weitergabe der „Zärtlichkeit der Mutter Maria“ die „spezifische Macht“ der Frauen sieht (QA 101), wird deutlich, dass auch für ihn Frauen und Macht einfach nicht zusammenpassen. Frauen sollen in erster Linie Mütter sein und „zärtlich“. Es fehlt nur noch der Webstuhl. Vor der Weihe von Frauen wird sogar explizit gewarnt, denn Frauen an der Macht, das kennen wir bereits, sind ein Drohszenario. Zum Schutz vor einer möglichen Klerikalisierung (QA 100) sollen Frauen also gar nicht erst geweiht werden. Konsequent wäre es nach dieser Aussage doch, frage ich mich, auch aufzuhören, Männer zum Schutz vor ihrer Klerikalisierung zu weihen?

Christiane Florin fasst in ihrem Blog zusammen, was dieses Schreiben über Franziskus‘ Frauenbild, zumindest das in QA präsentierte, aussagt:

Frauen sind von seinem allumfassenden Gerechtigkeitsbegriff ausgeschlossen, lebende jedenfalls.

Doch die Zeiten des biblischen Schweigegebotes sind u. a. dank Maria 2.0 nun jedoch endgültig vorbei. Maria ist längst nicht mehr nur im Kölner Karneval10 von der Mondsichel gestiegen, hat die Stimme erhoben und ist dabei, das Handtuch zu werfen.

Kein Frauenthema

Bis das Wortpaar „Frauen und Macht“ im Katholizismus und gesellschaftlich selbstverständlich geworden ist, oder gar zudem noch mit einem Gendersternchen versehen wird – denn das Aufbrechen binärer Geschlechterkonstruktionen ist die eigentlich anstehende Diskussion –, braucht es noch einige der klugen, kulturellen Analysen, wie Mary Beard sie vorgelegt hat. Und es benötigt ihre gesellschaftliche Rezeption. Vor allem aber muss erkannt werden, dass die politische Beteiligung von Frauen kein „Frauenthema“ ist, sondern schlicht eine Forderung nach Gerechtigkeit. Man muss keine Frau sein, um sich dieses Anliegen anzueignen.

Lektürehinweis: Mary Beard: Frauen und Macht. Ein Manifest, Frankfurt 2018.

Ein herzliches Dankeschön für die Anregungen gilt Christiane Florin und allen Seminarteilnehmer*innen der Universität Freiburg.

Hashtag der Woche: #mariafeminista


(Beitragbild @mkrisanova)

1 Mary Beard: Frauen und Macht. Ein Manifest, Frankfurt 2018.

2 Zitiert nach ebd. 14.

3 Eine alternative Deutung zu Mary Beard bietet Josine Blok an: Bei der Frage, ob Frauen in Athen Bürgerinnen waren, hebt sie die Bedeutung der Frauen bei den Kulten hervor, was Mary Beard hier vernachlässigt. Darin, dass Frauen im antiken Athen keine politische Beteiligung hatten sind sich beide jedoch einig. Vgl. Blok, Josine: Recht und Ritus der Polis. Zu Bürgerstatus und Geschlechterverhältnissen im klassischen Athen. In: Historische Zeitschrift 278/1 (2004), 1–26.

4 Mary Beard, Frauen und Macht, 24.

5 Ebd. 26.

6 Ebd. 26.

7 Ebd. 45.

8 Ebd. 37.

9 Ebd. 57.

10 https://www1.wdr.de/mediathek/video/themen/karneval/video-die-lange-stunksitzung–108.html, ab Min. 33.

claudia danzer

claudia danzer

studierte in Freiburg, Jerusalem und Wien Katholische Theologie (Magister) und Geschichte (Staatsexamen). Seit 2019 ist sie Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und Philosophische Anthropologie an der Uni Freiburg. Sie ist Teil der Redaktion von y-nachten.de.

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