In der Rubrik Spoiler Alert liefern wir kurze und knackige Texte über (pop)kulturelle Niceigkeiten. Neue Platten, Video-Spiele, Essaysammlungen und Romane, Theaterstücke — nichts ist vor uns sicher. Heute schreibt Hannah Ringel über die Netflix-Serie „Unorthodox“.

Stadtgeräusche, leise aber eindringliche Musik, das Ticken der Uhr. Eine junge Frau schaut aus dem Fenster einer Wohnung auf gegenüberliegende Hochhäuser, sie trinkt den letzten Schluck Tee aus, spült noch das Glas. Mit wenigen Handgriffen hat sie ihre Sachen in eine Tüte gepackt, nur mit Geld und einem neuen deutschen Pass flieht sie. Später in Berlin wird sich Esty gegen diese Formulierung wehren: Flucht. „Das klingt als wäre ich im Gefängnis gewesen.“

Die neue Netflix-Serie Unorthodox, unter anderem aus der Feder von Deutschland-83-Autorin Anna Winger, ist von dem gleichnamigen autobiographischen Buch von Deborah Feldmann inspiriert und zeigt die Geschichte der 19-jährigen Esther Shapiro, die in Williamsburg in Brooklyn als ultraorthodoxe Jüdin in einer chassidischen Gemeinde der Satmarer aufwächst und dort bis zu dem oben beschriebenen Moment lebt. Die dann nach Berlin – der Hauptstadt des Landes, das für immer mit dem Holocaust verknüpft sein wird – flieht, wie schon ihre Mutter vor ihr. Beide Frauen brechen damit mit allem, was sie bis dahin kannten.

Unorthodox zeigt nicht nur das Hineinfinden in die für sie neue Welt, sondern auch die Gemeinschaft, die Esty verlässt, ihr Umfeld, sowohl vor ihrem Verschwinden, als auch dessen Reaktionen darauf. Es zeigt eine Gemeinschaft, die nach komplett eigenen Regeln funktioniert, eine ultraorthodoxe Gruppierung, die einmal mehr die diversen Ausprägungen von Religionen verdeutlicht, eine Welt, deren Fremdheit zugleich fasziniert und erschreckt. Und das alles auf einer Online-Plattform, deren Konsum eben genau dieser Gemeinschaft sicherlich verboten ist.

Zentral ist dabei unter anderem Yanky, Estys Ehemann. Schaut man ihm eine Weile zu, dann möchte man ihm förmlich entgegenschreien, was er nicht zu sehen scheint und Außenstehenden doch so offensichtlich ist; dass er sich von seiner Mutter emanzipieren soll, dass er zu seiner jungen Frau halten soll, wenn diese Beziehung eine Chance haben soll. Er scheint in einem Käfig gefangen zu sein – mitten in einer US-amerikanischen Großstadt, die sich selbst als DIE Großstadt inszeniert, in einem Land, in welchem das Wort „Freiheit“ ein Versprechen markiert. Überhaupt gibt es viele solcher Szenen, in denen die westliche Realität und das Verhalten der Charaktere in Unorthodox so weit auseinanderklaffen, dass einzelne Handlungen absurd oder einfach falsch erscheinen; Szenen, die so intensiv sind, dass man eigentlich wegschauen will.

Diese Beschreibung liest sich vielleicht, als schriebe ich ein bisschen von einem schlechten Thriller, bei dem die Zuschauer*innen schon vorausahnen können, welches Unglück gleich über welche Figur hineinbricht. Wenn man aus der Perspektive der Zuschauer*innen mehr weiß als die Charaktere in der Geschichte und deshalb deren Handlungen als immens naiv empfindet.

Das ist Unorthodox aber nicht. Es ist keine Fiktion, zumindest in großen Teilen nicht.
Immer wieder werden diese Szenen gebrochen und es wird klar, dass Esty in Berlin auf ebenso viele Absurditäten trifft. Dass man als westlich geprägte Zuschauer*in mindestens genauso wenig weiß, über das Leben der chassidischen Gemeinde, darüber, wie Esty und Janky aufgewachsen sind, sozialisiert wurden. Es ist fast unvorstellbar, welcher Mut und welche Entschlossenheit eine junge Frau in diesem Kontext aufbringen muss, um sich alleine auf den Weg nach Berlin zu machen. Sie lässt alles, was sie kennt, hinter sich und zieht ausgerechnet nach Deutschland, in die Welt, die ihre Gemeinde so verteufelt. In den Worten Moishes, einem Cousin von Yanky, der sie bis nach Berlin verfolgt: „Diese Stadt ist voller jüdischer Seelen, Esty. Die Seelen von Millionen Toter. Willst du unter all den Toten dein Kind großziehen?“ und beschreibt damit eine weitere Konstante in Unorthodox:

Wo Esty hingeht, begegnet ihr der Holocaust. In ihren ersten Tagen in Berlin trifft Esty überall auf Hinweise auf die massenhafte Vernichtung von Juden*Jüdinnen im Dritten Reich. Am Wannsee – ausgerechnet dort – sieht sie einen tätowierten Nazi.1 Auch in der Gemeinde in Williamsburg, die von Holocaust-Überlebenden aus Ungarn gegründet wurde, bestimmte die Shoah ihr Leben, indem sie die Angst vor der Welt und deren Ablehnung prägte und damit das segregierte Verhalten begründete. „Wenn wir ihre Kleidung trugen und Sprache sprachen, hat Gott uns bestraft“, sagt ihr Großvater zu Pessach. „Nun akzeptieren wir, wer wir sind. Nur auf diese Wiese sind wir frei.“ Auch dagegen wendet sich Esty, wenn sie Moishe antwortet und damit die enorme Last und Ambiguität ihrer Herkunft nicht auflöst, sondern sich die Freiheit nimmt, mit ihr umzugehen: „Die Toten sind sowieso unter uns. Ganz egal wo wir leben.“

Hashtag der Woche: #unorthodox


(Beitragsbild: @Netflix)

1 Größere Teile der Szenen, die in Berlin spielen, weichen von der Buchvorlage ab, geben aber die Probleme, Fragen und Erfahrungswerte Feldmanns wieder, was etwa in dieser Szene erkennbar ist. Sie rekurriert auf eine Begegnung Feldmanns mit einem NPD-Politiker in einem Schwimmbad. Es folgte ein Gerichtsprozess, den Feldmann in der Jüdischen Allgemeinen kommentierte.

hannah ringel

hannah ringel

studierte in Freiburg katholische Theologie. Sie ist als Referentin für Digitales in der Erwachsenenbildung in Frankfurt tätig und Teil der Redaktion von y-nachten.de.

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