Flatten the curve: Die Menschen müssen Abstand zueinander halten. Doch Einsamkeit will gelernt sein. In unserer Serie Coronaeremit*innen suchen wir Texte, die dabei helfen können.

Schon letzte Woche haben wir unfreiwillige Coronaeremit*innen mit ein paar Texten versorgt, die vielleicht durch die Einsamkeit tragen oder sogar anregen, in dieser Einsamkeit nach G*tt zu fragen. Diese Serie setzen wir heute fort — u.a. mit Madeleine Delbrêl, Ronja Räubertochter und Gregor von Nyssa. (Falls Euch selbst noch schöne Texte einfallen, hinterlasst gerne einen Kommentar oder schreibt uns.)

Aus Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ (1981)

„Ich sauge den Sommer in mich ein wie die Wildbienen den Honig“, sagte sie. „Ich sammle mir einen großen Sommerklumpen ein und von dem werde ich leben, wenn … wenn es nicht mehr Sommer ist. Und weißt du, woraus der besteht? Es ist ein einziger großer Kuchen aus Sonnenaufgängen und Blaubeerreisig mit reifen Beeren und Sommersprossen, die du auf den Armen hast, und abendlichem Mondschein über dem Fluss und Sternenhimmel und Wald in der Mittagshitze. Voll von Sonnenlicht auf den Fichten und kleinen Regenschauern und all so was. Und voller Eichhörnchen und Füchse und Hasen und Elche und dazu alle Wildpferde, die wir kennen. Und auch noch unser Schwimmen und Reiten im Wald, ja, da hörst du, dass mein großer Kuchen aus allem besteht, was Sommer ist.“


Aus „Das Reich Gottes“ von Emmanuel Carrère (2016)

Kurz, mit der heiligen Theresia von Lisieux und dem heiligen Johannes unter dem Arm begebe ich mich zur Kasse. Doch um diese zu erreichen, muss man eine nichtreligiöse Abteilung durchqueren und einem Tisch voller Neuerscheinungen trotzen. Darauf war ich nicht gefasst. Ich würde gern sehr schnell daran vorübergehen wie ein vom Fleisch versuchter Priesteranwärter an einem Pornofilmplakat, aber ich komme nicht dagegen an: Ich verlangsame meine Schritte und werfe einen Blick hinüber, strecke die Hand aus und schon blättere ich herum, lese die Umschlagtexte auf der Rückseite und stürze im Handumdrehen in diese Hölle ab, die umso höllischer ist, als sie lächerlich erscheint: meine persönliche Hölle. (…) Die Vorstellung von Christus, von einem Leben in Christus wird unwirklich. Und wenn die Wirklichkeit eben doch das hier ist, diese vergebliche Geschäftigkeit, diese enttäuschten Ambitionen? Wenn das große Du in den Bekenntnissen und die Inbrunst des Gebets Illusionen sind? (…) Wenn Christus eine Illusion ist?


Aus „When I Was a Child I Read Books“ von Marilynne Robinson (2012)

I learned to assume that loneliness should be in part pleasure, sensitizing and clarifying, and that it is even a truer bond among people than any kind of proximity. It may be merely historical condition, but when I see a man or a woman alone, he or she looks mysterious to me, which is only to say that for a moment I see another human being clearly.


Aus den Homilien zum Hohelied des Gregor von Nyssa (gest. 394)

Die Seele macht sich auf das Wort ihres Geliebten hin auf den Weg, um den zu suchen, der sich uns immer wieder entzieht, und nach dem zu rufen, den man nicht in Worte fassen kann. Ihr wird bewusst, dass sie nach dem Unerreichbaren verlangt und zum Unfassbaren hin unterwegs ist. Bei dieser Erkenntnis kann sie Verzweiflung überfallen, denn sie hat den Eindruck, ihre Sehnsucht käme nie ans Ziel und wäre auf ewig unerfüllbar. Der Schleier der Verzweiflung verschwindet aber, sobald die Seele versteht, dass sie nur in dieser fortschreitenden Suche die Erfüllung findet, die sich nie erschöpft. Denn unsere Sehnsucht verlangt nach immer mehr.

Wenn unsere Seele also die unbeschreibliche und unbegrenzte Schönheit ihres Geliebten gesehen hat und begreift, dass die von ihm ausgehende Faszination auch im Unendlichen kein Ende hat, dann legt sie den Schleier der Verzweiflung ab und strebt mit immer größerer Leidenschaft ihrem Geliebten entgegen, um ihm ihr Herz zu öffnen.


Madeleine Delbrêl (1904-1964): Fahrradspiritualität

„Immer weiter!“, sagst du zu uns
in allen Kurven des Evangeliums.
Um die Richtung auf dich zu behalten,
müssen wir immer weitergehen,
selbst wenn unsere Trägheit verweilen möchte.

Du hast dir für uns
ein seltsames Gleichgewicht ausgedacht,
ein Gleichgewicht,
in das man nicht hineinkommt
und das man nicht halten kann,
es sei denn in der Bewegung,
im schwungvollen Voran.

Es ist wie mit einem Fahrrad,
das sich nur aufrecht hält, wenn es fährt;
ein Fahrrad, das schief an der Wand lehnt,
bis man sich darauf schwingt
und schnell auf der Straße davonbraust.

Die Zeit, in der wir leben,
ist gekennzeichnet von einem allgemeinen,
schwindelerregenden Ungleichgewicht.
Sobald wir uns hinsetzen, unser Leben zu betrachten,
kippt es und entgleitet es uns.

Wir können uns nur aufrecht halten,
wenn wir weitergehen,
wenn wir uns hineingeben
in den Schwung der Liebe.

(…)

Aber für uns
spielt das Abenteuer deiner Gnade
in einer Zeit, die fast aus der Bahn gerät
in ihrem Drang nach Freiheit.
Uns willst du keine Landkarte geben.

Unser Weg führt durch die Nacht.
Wohin wir zu gehen haben,
erhellt sich Stück für Stück
wie durch die Lampe eines Signals.
Oft ist das einzige, was sich sicher einstellt,
eine regelmäßige Müdigkeit aufgrund
derselben Arbeit, die jeden Tag zu tun ist,
desselben Haushalts, der wieder zu bewältigen ist,
derselben Fehler, die wir bekämpfen,
derselben Dummheiten, die wir unterlassen wollen.

Aber außerhalb dieser Gewissheit
ist alles Übrige deiner Phantasie überlassen, o Gott,
die es sich bei uns gemütlich macht.

Hashtag: #Coronaeremit


(Beitragsbild: @andrewdesla)

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