Oft genug wird in der Debatte über die Entscheidungskompetenz des Synodalen Weges angeführt, Grundsätzliches könne man nur weltkirchlich klären. Der Blick von Missio-Mitarbeiter Dr. Dr. Thomas Fornet-Ponse in die weltkirchliche Praxis hinein zeigt, wie plural Katholizität gelebt wird.

Mit der ersten Synodalversammlung hat der Synodale Weg der deutschen katholischen Kirche seine inhaltliche Arbeit (wieder) aufgenommen. Die Mitglieder beraten auf der Basis der bereits letztes Jahr erstellten Vorbereitungsdokumente über die vier Themenfelder. Ihre Diskussionen und Ergebnisse werden nicht nur in Deutschland aufmerksam und je nach Einstellung mit Skepsis, Befürchtungen oder Hoffnungen verfolgt. Wie schon im Vorfeld der Beratungen über den Synodalen Weg und seine Gestaltung von verschiedenen Seiten zu hören war, stößt diese Initiative der deutschen Kirche auf große Aufmerksamkeit in der Weltkirche. Die einen äußern ihre Sorge vor einem „deutschen Sonderweg“ à la niederländische Kirche nach dem Konzil. Andere hingegen setzen darauf, der deutschen Kirche möge es mit ihren spezifischen Stärken gelingen, bei den anstehenden Themen Vorschläge zu entwickeln, die auch für die Weltkirche wegweisend sein können.

Die Weltkirche ist immer präsent – und doch nicht

Umgekehrt spielte der Verweis auf die Weltkirche in den vorhergehenden Diskussionen eine große Rolle: Immer wieder wurde betont, bestimmte Themen wie insbesondere die Frage nach Diensten und Ämtern für Frauen in der Kirche oder eine Lockerung der Zölibatspflicht seien nur weltkirchlich zu klären und könnten nicht von der deutschen Kirche alleine entschieden werden. Ging dies mit einem Vorschlag einher, es sollten besser nur die Themen beraten werden, die auch entschieden werden könnten, erschien der Hinweis auf die Weltkirche als willkommenes Argument, um Beratungen über solche „heißen Eisen“ zu verhindern.

Wird auf diese Weise die Relevanz des Synodalen Wegs für die Weltkirche in negativer Perspektive befürchtet oder in positiver erhofft, sind die möglichen inhaltlichen Beiträge aus der Weltkirche zu den einzelnen Themenforen deutlich weniger präsent. Dabei könnte der Blick auf einschlägige Erfahrungen und Praktiken über Deutschland hinaus die Diskussionen hier wesentlich befruchten – auch wenn angesichts durchaus gewichtiger Unterschiede in Kontext, Kultur oder Mentalität eine einfache Übernahme kaum möglich sein wird.

Weltkirchliche Perspektiven I: Beiträge zu Macht in der Kirche

Besonders deutlich ist dies beim Thema Macht und Gewaltenteilung in der Kirche. Die im Vergleich zu Deutschland deutlich geringere relative Anzahl von Priestern hat viele Kirchen in Lateinamerika, Afrika oder Asien schon lange vor die Herausforderung gestellt, Modelle der gemeinsamen Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag zu entwickeln und zu praktizieren. Die Bandbreite hier beginnt mit dem von den asiatischen Bischofskonferenzen geförderten Asian Integral Pastoral Approach (AsIPA), der auf den Ideen des südafrikanischen Lumko Pastoral Institute aufbaut. Dieser stellt ein Instrumentarium dar, einen „neuen Weg, Kirche zu sein“, eine partizipatorische Kirche zu entwickeln. Dazu gehört die Bildung von „Kleinen Christlichen Gemeinschaften“, in denen die Gläubigen selbst Verantwortung dafür übernehmen, sich in ihrem Glauben weiterzubilden und ihr Leben in der Nachfolge Christi zu gestalten.

Ein anderes Beispiel, wie Macht faktisch geteilt wird, sind die besonders in Afrika und Asien vielerorts tätigen Katechist*innen. Sie sind gerade in Gegenden, wo die Priester nur gelegentlich ihre Gemeinden besuchen können, für die konkrete Seelsorge vor Ort zuständig und werden dazu entsprechend ausgebildet. Auch in Lateinamerika übernehmen vielerorts Lai*innen ehrenamtlich pastorale Verantwortung bis hin zur Gemeindeleitung. Daher hat die Amazoniensynode vorgeschlagen, ein Dienstamt für die „Leiterin einer Gemeinde“ einzurichten und institutionell anzuerkennen. Auch wenn es sich lohnt, solche Beispiele viel ausführlicher zu beschreiben, sei hier nur ein Aspekt herausgehoben: Sie zeigen ein Bild von Kirche, das Machtmissbrauch vorbeugen kann. Damit können sie die bereits angestellten und weiter anzustellenden theologischen Reflexionen mit konkreten Erfahrungen in der bereits gelebten Praxis bereichern.

Weltkirchliche Perspektiven II: Zölibat in den Ostkirchen und in afrikanischen Kulturen

Vielleicht weniger offensichtlich, aber ebenfalls gewinnbringend erscheint der Blick auf bestimmte Erfahrungen zum Verhältnis von priesterlicher Existenz und Zölibat. Hier sind die des Öfteren genannten katholischen Ostkirchen anzuführen, in denen es nach altem Recht verheiratete Priester gibt, die berichten können, wie sie Familie und priesterliches Leben miteinander verbinden.

Für manche deutsche Debatte sehr aufschlussreich dürfte überdies der Austausch über ein zölibatäres Leben in einem zölibatsfeindlichen bzw. –kritischen Kontext sein. Als ein Beispiel sei lediglich die hohe Bedeutung des Lebens und seiner Weitergabe in vielen afrikanischen Kulturen genannt, die zölibatär lebende Menschen vor große Herausforderungen hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Position bzw. Wahrnehmung stellt.

Weltkirchliche Perspektiven III: „Repraesentatio Christi“ durch Frauen in Nigeria

Nicht zuletzt können Erfahrungen aus der Weltkirche auch die Debatten über Frauen in Diensten und Ämtern befruchten – beginnend mit dem schon oben genannten Vorschlag eines Dienstes für die „Leiterin einer Gemeinde“ der Amazoniensynode über die unterschiedlichen Ausprägungen des Dienstes als Katechistin – ob gemeinsam mit einem Katechisten oder alleine – bis hin zur enormen Bedeutung des Wirkens von Ordensfrauen, ohne die viele der von uns unterstützten Projekte gar nicht denkbar wären. Wenn Frauen in dieser Weise Führungsaufgaben wahrnehmen, ist es nur konsequent, ihnen auch die formale dazu gehörige Autorität zu verleihen, indem ihre Tätigkeit öffentlich – amtlich – anerkannt wird.

Neben diesen konkreten Aspekten kann der Blick auf weltkirchliche Erfahrungen auch dazu dienen, bei allen theoretischen und strukturellen Überlegungen die Realität und die „normative Kraft des Faktischen“ nicht zu vernachlässigen. Dies ist sicherlich nicht nur der Weltkirche vorbehalten, aber oft hilft ein Wechsel des Kontextes dabei. Ein Beispiel dafür ist das einzige Ausbildungszentrum für Katechistinnen in Nigeria, das ich als Mitglied einer Delegation des katholischen Hilfswerks missio Aachen im Rahmen einer Reise nach Nigeria im Erzbistum Jos besucht haben. Die Frauen, die dort ausgebildet werden, sind anschließend in ihren Dörfern das Gesicht der Kirche – manchmal mit, manchmal ohne einen Katechisten an ihrer Seite –, da ein Priester oft höchstens einmal im Monat zum Sonntagsgottesdienst kommen kann. Faktisch findet die „repraesentatio Christi“ also mehr durch sie als durch einen sehr sporadisch anwesenden Priester statt.

Wenn man dies ernst nimmt – was in ähnlicher Weise auch für Lai*innen in Deutschland gelten dürfte, die vielfältig pastoral tätig sind –, wäre die Konsequenz eine sakramentale Beauftragung dieses amtlichen Handelns in der Kirche. Neu ist dies beileibe nicht: Niemand anderes als Karl Rahner hat in den 1970er Jahren zum Amt der Frau vorgeschlagen, die von ihnen ausgeübten Funktionen – auch die einer Äbtissin, die für ihre Gemeinschaft jurisdiktionell ähnliche Kompetenzen hat wie ein Bischof – präsent zu machen und allmählich ohne Schaden für die Einheit der Kirche zu einer entsprechenden Anerkennung zu kommen.

Reformpotential der weltkirchlichen Perspektiven nutzen

Die Weltkirche kann im Synodalen Weg somit nicht nur die Rolle eines „Bremsklotzes“ spielen, der eingebracht wird, um ungewünschte Diskussionen zu verhindern, sondern vielmehr die anstehenden inhaltlichen Fragen sehr befruchten – und zeigen, wie sich zentrale Reformanliegen der deutschen Ortskirche mit ähnlichen Bemühungen und Erfahrungen in anderen Ortskirchen verbinden lassen.

Hashtag der Woche: #SynodalerWeg


(Beitragsbild @chillysheep)

dr. dr. thomas fornet-ponse

dr. dr. thomas fornet-ponse

ist habilitierter Fundamentaltheologe, war 2013-2016 Studiendekan des Theologischen Studienjahres Jerusalem und leitet seit 2016 die Bildungsabteilung von missio Aachen.

One Reply to “Synodengänger*innen: Die Weltkirche – Bremsklotz oder Antrieb?”

  1. 1. Ich bin evangelisch und sehr froh darüber, dass wir die Themen Gleichberechtigung der Frau und Zölibat nicht mehr so diskutieren müssen.
    2. Ich hätte die kath. Weltkirche in dieser Hinsicht vor allem als Hemmschuh angesehen. Das daraus auch interessante Ansätze, die anderswo schon praktiziert werden, kommen können, fand ich interessant.
    3. Meine katholische Ehefrau befrage ich zu diesem Artikel lieber nicht. Sie hat u.a. wegen der obigen Themen schon lange die Geduld mit ihrer Kirche verloren, wäre auch schon längst ausgetreten und hat dies bisher nur wegen ihres familiären Umfelds unterlassen.

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