Im vergangenen Jahr erschien die Netflix-Serie „Messiah“ und brachte damit das Thema der Religionen prominent auf die Bildschirme. Benedikt Collinet hat die darin verarbeiteten religiösen Motive und Konzepte genauer unter die Lupe genommen.

Wer die Eigenproduktionen des jüngsten Filmgiganten Netflix verfolgt, stößt schnell auf eine liberale Agenda, die sperrig zu den klassischen Hollywood-Produktionen steht. Ausdifferenzierte Frauenfiguren, Homosexualität und nicht-klassische Beziehungsformate sind in den Filmen und Serien Alltag. Gewalt im Film wird außerordentlich blutig und direkt dargestellt, auch andere Tabus werden gebrochen. Mit der Serie Sex Education  werden ebenso neue Maßstäbe gesetzt wie mit der antikapitalistischen Haltung in Haus des Geldes oder mit dem breit in den Medien diskutierten 13 Reasons Why, das 2017 einen Werther-Effekt hervorrief. Ein weiterer Schritt war der breite Zugang zu muttersprachlichen (nicht-englischen) Filmen, die Multikulturalität global sichtbar machen. Die Agenda scheint aufzugehen, denn auch andere Hollywood-Filmriesen stehen diesem Paradigmenwechsel nicht nach. Emanzipierte Frauen in den real-remakes der Disneyfilme und eine diverse Star Wars Trilogie, die den Bechdel-Test spielend besteht, sowie der diesjährige Oscar für den besten Film beweisen das.

Nur dem Thema der Religion hat man sich bisher sehr vorsichtig genähert. Mit der Ankündigung der Serie Messiah (2019) und der im Trailer suggerierten Frage „Wenn Jesus heute wiederkäme“ waren die Erwartungen entsprechend hoch.

Das Spiel mit religiöser Motivik

Die Serie verbindet eine dystopische Parusieerwartung mit amerikanischer Popkultur und einem pluralistischen Religionsverständnis und wirft die Frage auf: Ist der Protagonist Payram Golshiri der wiedergekehrte Messias?
Dafür spricht sein Auftauchen im gelben Gewand in Damaskus, seine Rede am Felsendom (Ort der Waage zum Wiegen der Seelen am Ende der Zeit) und seine Kenntnis des Koran. So deuten seine muslimischen Nachfolger*innen ihn als den Propheten Isa (=Jesus) und als Masih/Mehdi (sunnit./schiit. Messias), der zurückgekehrt sei. Das würde aber auch – und soweit denkt noch niemand in der Serie – das Endgericht bedeuten.

Von christlicher Seite gestaltet die Serie sich wesentlich diffiziler, da der federführende Drehbuchautor deutlich mehr Erfahrung mit Inszenierungen ebendieser Religion hat.
Als Grundlage vieler Dialoge, Symbole und Ideen stehen sicherlich das Johannesevangelium und gnostische Apokryphe wie das Thomasevangelium und Maria Magdalena. Einsprengsel von C. S. Lewis und dem kleinen Prinzen runden das Bild ab.

Die inszenierte Bildwelt jedoch entstammt dem Exodus. So gibt es einen Gang durch die und das Verharren in der Wüste, ein eigenes abgesondertes Zelt für den Messias und Gott, der in Windhauch und Sturm erscheint. Nicht umsonst hat die Staffel wohl auch genau 10 Folgen (Dekalog), deren Namen sich auf Bibel- und Koranverse beziehen.
Die Person des „Messias“ spaltet alle Menschen durch die Serie hindurch. Besonders die Schriftgelehrten (Imame; Kommission des Vatikans u. a.) und staatlichen Behörden (CIA, Shin Bet; FBI) sind sehr misstrauisch.

Die Serie bietet sehr wohl rationale Erklärungen, einen biographischen Hintergrund, im Studium erworbenes Wissen und Zaubertricks an, um Wunder und Charisma des Messiah zu erklären. Halten wir ihn für glaubwürdig, für einen Psychopathen mit Messias-Syndrom oder gar für einen genialen Terroristen?

Expert*innen religiöser Symbolik werden außerdem feststellen, dass die Initialen JC immer wiederkehren, dass Kreuze als Logos, auf dem Kopf stehend oder auch beim Einsturz der Kirche sehr präsent in Szene gesetzt werden. Besonders explizit sind drei Bilder im Haus des TV-Predigers und Millionärs Ed, die die Tempelreinigung mit Peitsche (Joh 2), Maria Magdalena am Grab (Joh 20) und den Kopf des Täufers auf dem Silbertablett (Mk 6) zeigen, sowie der Schriftzug „Falscher Gott“ an der Kirche in Dilley.

Die Konstruktion eines Evangeliums

Doch noch eine weitere Dimension spielt eine wichtige Rolle. Alle Figuren haben sprechende Namen, d.h. die Bedeutung ihres Namens entspricht ihrer Funktion bzw. Rolle in der Geschichte, und erzeugen auf diese Weise eine innere Kohärenz in der Erzählung, die zugleich deutlich macht, dass es in dieser Serie weniger um die Entwicklung einzelner Personen – mit Ausnahme des Bekenntnisses zu Gott – als um den Ablauf der Handlung an sich geht. Dies entspricht der klassisch antiken Gattung des Aristoteles, wie sie auch in den Evangelien und der Apostelgeschichte anzutreffen ist.

Die Serie könnte also, so meine These, durchaus eine Art Evangelium konstruieren. Dieser Eindruck wird noch verstärkt, sobald der Name des „Messias“ offengelegt wird und „Payram“ (pers. für „Frohe Botschaft“) lautet. Er selbst stammt aus einem multireligiösen Flüchtlingshaushalt, der alle drei abrahamitischen Religionen miteinander verbindet und spricht von sich selbst als Wort oder Botschaft des Vaters. Er beruft außerdem junge Frauen und Männer in seine Nachfolge, besonders den Muslim Jibril, der eine Kombination aus Künderengel und Mohammed (Analphabet) ist und die Christin Rebecca, die eine Kombination aus Maria Magdalena und Prophetin (Epilepsie) darstellt. Auf diese Weise verbindet er die Religionen ebenso miteinander, wie er sie hinter sich lässt. Er setzt die Menschen in Bewegung, sie folgen ihm nach, weg von den Kirchengebäuden, und dann geht Payram alleine weg, szenisch immer das Sakralgebäude und die Gruppe im Hintergrund verblassend.

Typisch für die Gattung „Evangelium“ sind zudem das plötzliche Auftreten des Messias, das Wirken von Wundern und seine Bewegung von den Rändern hin zum Capitol Hill/Felsendom sowie die Bedeutung der Wassermetaphorik. Das Motiv des Wassers (auch in Form vom Füllstand in Plastikflaschen) durchzieht die ganze Serie: Vom Ausschütten des Wassers bis Alkoholismus, von trockenen Flusstälern bis zur Sturmflut und schließlich vom Wasser in den Visionen der Figuren bis zum Gang über den Reflecting Pool (nach einer Rede über das Zerstören von Projektionen der Menschen) ist alles dabei. Begleitet wird die Serie auch vom zunehmenden Mond, der am Ende voll und damit Voraussetzung des christlichen Osterfestes ist und zeigt, dass eine Art Passion abläuft.
Sowohl die Wunder, als auch und vor allem die wunderbar konzipierten Dialoge, die Payram mit den Menschen führt und die oft zu Umkehr und Heilung führen (wohlgemerkt: niemals einer physischen Heilung), können hier nicht entfaltet werden.

Religionspluralismus als Friedenskonzept?

Stattdessen führen wir nochmal einige Beobachtungen zu „Messiah“  zusammen: Die Hysterie im Nahen Osten führt ebenso wie der neue kalte Krieg, der sich zwischen Russland und den USA andeutet, zu Gewalt und Gefährdung der Lage auf lokaler Ebene. Unter religiöse Vorzeichen gestellt, die in der Serie durch das fiktive Buch The cultural terrorist bewusst als Überspitzung von Huntingtons These präsentiert werden, entsteht ein Gefühl von Weltuntergang, das den Menschen aber gar nicht bewusst ist. Auch die Naturgewalten in Form von Stürmen und Flut bringen die Menschen nicht zum Umdenken, die politischen Agitatoren werden allerdings außer Gefecht gesetzt. Payram selbst spricht vom Kommen der Flut und davon, dass die Vergangenheit vorbei sei und nur das Jetzt zähle. Eine Zukunft kommt in seiner (atomistischen) Botschaft nie vor. Wenn er also der Messias ist, dann jener der Parusie und des Endgerichts. Aus diesem Grund heilt er auch nicht mehr, sondern gibt Leben denen, die das Gericht überstehen.

Payram ordnet sich keiner Religion zu und zwischen Christentum, Judentum und Islam kennt er keine Grenzen. Wenn das Ende kommt, zählt allein die individuelle Einstellung zu ihm bzw. Gott, die typisch milleniaristisch bzw. evangelikal wirkt. Messiah entwickelt sich als Serie, die den Religionspluralismus als Friedenskonzept über die amerikanische Popkultur zu vermitteln sucht. Die reservierte Einstellung moderner westlicher Gesellschaft gegen (sakrale) Institutionen und Traditionen wird an dieser Stelle bedient und eine „einfache Lösung“ für religiöse Konflikte angeboten, wie sie für viele Menschen heute auf dem Tisch zu liegen scheint. Wer nicht mitgehen kann, muss zurückbleiben, ist traditionalistisch und nach Aussage Payrams „lost“. Die gezielte Provokation in diesem Konzept kann erst mit Blick auf zukünftige Netflixproduktionen oder weitere Staffeln der Serie genauer eingeordnet werden.

Neben die Gleichberechtigung der Geschlechter, Kulturen und Lebensformen tritt nun auch – so viel lässt sich bereits sagen – ein pluralistisches Religionskonzept der Egalität, das en détail konstruiert und für die spätmoderne Gesellschaft aufbereitet ist. Theologisch setzt die Serie eine Reihe von Impulsen, die ihren Ort im interreligiösen Diskurs noch finden muss und ist zugleich eine Herausforderung für alle, die holistische Filmkonzepte lieben.

Hashtag der Woche: #messiah


(Beitragsbild @Gizmo Blaze

dr. benedikt collinet

dr. benedikt collinet

studierte katholische Theologie mit Schwerpunkt HB/AT von 2008-2018 und vertieft sich bis heute außerdem in Didaktik, Religionswissenschaft, Komparatistik und Philosophie. Schon während des Studiums in Trier und Wien war er Assistent und in der Hochschulpolitik engagiert. Derzeit bereitet er seine Habilitation zu poststrukturalistischer Exoduslektüre vor und arbeitet seit September 2019 an einem Projekt zu "Karl Rahner and the Bible" in Innsbruck.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und bin mit dem Speichern der angegebenen Daten einverstanden: