Die Stimmen zum Synodalen Weg sind keineswegs nur hoffnungsvoll und fröhlich-erwartend. Benjamin Bartsch, der selbst nicht daran teilnimmt, ihn jedoch als Theologe verfolgt, formuliert seine Skepsis im Hinblick auf tatsächliche Veränderungen.

Warum bin ich so skeptisch?

Beziehungen sind tief in der Krise, wenn man jede Hoffnung aufgegeben hat, dass sich irgendetwas bessern könnte. So tief, dass sie vielleicht eigentlich nur noch schwer zu retten sind. Deshalb macht es mir größte Sorge, dass bei mir im Blick auf den Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland so gar keine Hoffnung aufkommen will und meine Skepsis in Wirklichkeit keine abwartende Zurückhaltung, sondern eher resigniertes Kopfschütteln ist. Warum ist das so? Und: „Woher kommt mir Hilfe?“ (Ps 121,1)

Anstelle einer wirklichen Antwort mögen vielleicht einige rhapsodische Impressionen für meine Gemütslage stehen:

1. Zehn Jahre danach: Bitte ein bisschen Geduld!

2010 war ein echter Einschnitt in meinem Verhältnis zur Kirche: Durch den Mut von Opfern und auch von Pater Klaus Mertes1 brach am Canisiuskolleg – in meiner Heimatstadt Berlin – der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Deutschland mit voller Wucht los. Nicht nur der tausendfache sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen war erschütternd, sondern auch der bis heute anhaltende Umgang der Verantwortlichen mit ihm: die Salamitaktik (immer nur so viel zugeben, wie ohnehin schon längst bewiesen war), die systematische Vertuschung, die Ablenkungsversuche. Es war und ist ekelerregend und abstoßend.
Seitdem ist ohne Zweifel manches geschehen, doch immer nur so viel, wie absolut unvermeidlich war. Zehn Jahre später ziehen unsere Bischöfe dieser Tage also Bilanz. Und was lese ich in ihrer Erklärung:

„Diese komplexen Themen benötigen viel Zeit für ihre Bearbeitung. Diese Zeit brauchen wir und wir hoffen dafür auf Verständnis“ 2?

Was für ein Schlag ins Gesicht in der Woche, bevor der Synodale Weg beginnen soll. Nach zehn Jahren Schneckentempo, Verweigerung der Debatte über strukturelle Ursachen des Missbrauchs und ständigen Versuchen einiger kirchlicher Kreise, Schwule zu Sündenböcken im Missbrauchsskandal zu machen, nun also die Bitte um etwas Geduld. Die lange Bank – des Teufels liebstes Werkzeug. Das ist nicht gut genug. Und sicher kein gutes Vorzeichen für einen Synodalen Weg.

2. Eine lose-lose-Situation

So viel also zu den Rahmenbedingungen. Aber auch inhaltlich sehe ich überall auf dem Synodalen Weg nur Fallstricke, die mich abschrecken, diesen Weg überhaupt zu gehen. Vier Themenbereiche hat man sich vorgenommen.3 Alle wichtig und doch kommt bei mir nicht die geringste positive Erwartung auf. Warum, das sei am Beispiel des vierten Themenbereichs „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ erläutert. Hier steht man vor einem echten Dilemma: Natürlich ist es schlechterdings nicht mehr möglich, dieses Thema einfach weiter zu beschweigen, nicht auf die Tagesordnung zu nehmen und so zu tun, als existiere es nicht. Also hat man sich für den Weg entschieden, es zum Thema zu machen. Aber – so fragt mein innerer Skeptiker – ist nicht alles, was da rauskommen könnte, immer schon zu spät und zu wenig? Wird nicht jedes nur denkbare Ergebnis vorhersehbar hinter einem modernen Verständnis von Gleichberechtigung zurückbleiben? Die öffentlich erzeugte Erwartung und das realistisch Erreichbare – sind sie nicht völlig inkommensurabel? Und so beschleicht mich der Verdacht, dass dieser Synodale Weg wieder einmal eine riesengroße Enttäuschungsproduktionsmaschine ist.

3. Und die Neuevangelisierung?

Und dann sind da noch jene, die laut rufen, man solle über diese ganzen Reizthemen besser gar nicht erst sprechen, sondern die Neuevangelisierung zum Thema des Ganzen machen. Inhalte also? Wer könnte da dagegen sein? Als systematischer Theologe sollte mein Herz hüpfen. Wenn mich da nicht der Eindruck beschliche, den ich bekomme, wenn Politiker*innen in Koalitionsverhandlungen laut verkünden: „Uns kommt es auf die Inhalte an“, während am Hinterausgang schon die Dienstwagen vorfahren. Die Forderung nach einer Debatte über Inhalte, wenn man von der notwendigen Diskussion um Macht ablenken will also. Hat das Evangelium nicht etwas Besseres verdient, als einfach als Ablenkungsmanöver vorgeschoben zu werden? Ja, ich glaube, die Kirche redet viel zu wenig über das, worauf es ankommt. Über den christlichen Gott, der sich den Menschen gleichgemacht hat. Über die Botschaft Jesu Christi, die ein Leben nach meiner festen Überzeugung auch heute noch frei und glücklich machen kann. Das Problem ist nur: Vielleicht muss die Kirche, müssen wir uns erst einmal wieder in die Lage versetzen, davon so zu sprechen, dass uns irgendjemand hören will. Wer glaubt, dass Neuevangelisierung eigentlich nur eine andere Vermarktungsstrategie für ein Produkt bedeutet, das sich in weiten Teilen unserer Gesellschaft jeden Tag so gründlich diskreditiert, der macht sich was vor.

Am Ende also nur Verzweiflung. Ich traue dem Braten überhaupt nicht. Und woher kommt mir nun Hilfe? Vielleicht so: Als ich geboren wurde, hat kaum einer geglaubt, dass die Mauer je fallen würde. Zwei Jahre später war sie weg. Oder christlich gesprochen: spes contra spem (Röm 4,18).

Hashtag: #SynodalerWeg


(Beitragsbild @calo)

1 Vgl.  https://www.deutschlandfunk.de/entschaedigung-fuer-missbrauch-in-der-kirche-geld-bringt.868.de.html?dram:article_id=467980 (31.01.2020)

2 https://www.dbk.de/nc/presse/aktuelles/meldung/aufklaerung-und-aufarbeitung-sexuellen-missbrauchs-an-minderjaehrigen-im-kirchlichen-bereich/detail/ (30.01.2020)

3 Vgl. https://www.synodalerweg.de/struktur-und-organisation/synodalforen/ (30.01.2020)

benjamin bartsch

benjamin bartsch

hat Philosophie und Theologie in Erfurt, Jerusalem, München, Rom und Frankfurt a.M. studiert und ist Diplomassistent am Lehrstuhl für Dogmatik an der Universität Freiburg/Schweiz.

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