In der Rubrik Spoiler Alert liefern wir kurze und knackige Texte über (pop)kulturelle Niceigkeiten. Neue Platten, Video-Spiele, Essaysammlungen und Romane, Theaterstücke — nichts ist vor uns sicher. Der kürzlich erschienene Abschluss der Star Wars Saga The Rise of Skywalker wird heute von Max Tretter interpretiert als neuer hermeneutischer Schlüssel für die gesamte Saga.

Der Imperator lebt! Was sich mit (s)einem dämonischen Lachen und der mysteriösen Ankündigung „No one’s ever really gone“ im ersten Trailer zum neuen Star Wars Teil bereits angekündigt hatte (und große Spekulationen im Fandom ausgelöst hat1), wird in Episode IX nun real. Der Imperator lebt, zieht im Hintergrund die Strippen und droht, mit seiner neubegründeten Final Order die Galaxis (erneut) zu übernehmen.

Dabei ist die von ihm ausgehende Bedrohung größer denn je: abseits der bekannten Gebiete, auf dem Sith-Planeten Exegol, hat er in seinem halblebendigen Zustand, angeschlossen an eine Batterie lebenserhaltender Maschinen, eine gigantische Flotte von Sternzerstörern aufgestellt, die er nun im Begriff ist, in die Orbits aller bekannten Planeten auszusenden.

Mit dem drohenden Damoklesschwert seines baldigen Ablebens über ihm, muss er jedoch nicht nur diese galaxisweite Herrschaftsübernahme koordinieren, sondern auch seine Nachfolge organisieren. Dazu beordert er Kylo Ren kraft Machtmanipulation – „I have been every voice you have ever heard inside your head“ – zu sich und veranlasst ihn mittels einer subtilen Mischung aus Verheißung und Drohung dazu, auch Rey zu ihm zu bringen.

Nach etlichen Suchbewegungen auf bekannten wie unbekannten Planeten mit überwältigenden Panoramen, einigen dramatischen Aufeinandertreffen im realen wie auch im ‚Macht-Raum‘ und rasanten Charakterentwicklungen – Rey als zorngetriebene und unbelehrbare Jedi, Kylo Ren als ebenso geduldiger wie besorgter Sith – kommt es letztlich zum finalen Aufeinandertreffen der drei Protagonist*innen.

Dieses Treffen enthüllt ganz neue Perspektiven auf deren Verhältnis: weder soll Kylo Nachfolger des Imperators werden, noch sieht letzterer in Rey eine Bedrohung für seine Final Ordner, die es aus dem Weg zu schaffen gilt. Stattdessen offenbart sich der Imperator als Reys Großvater und plant, ihr an seiner statt die totalitäre Führung der Galaxis zu übergeben. Getrieben von Hass gegen ihren Vorvater soll sie den Imperator töten, um dadurch dessen Geist – sowie den Geist aller vorangegangenen, in ihm wohnenden Sith-Generationen – in sich aufzunehmen. „The ritual begins! She will strike me down, and pledge herself as a Sith. […] She will take her revenge. And with a stroke of her saber, the Sith are reborn.“ – so kommentiert der Imperator das verhängnisvolle Geschehen, während er Rey gebietet: „Strike me down! Take the throne! Reign over a new empire!“ Dramaturgisch untermalt er diesen dunklen Bekehrungsversuch weiterhin durch das Gewähren eines Blicks auf die über ihnen tobende Raumschlacht, in der eine Übermacht Sternzerstörer und Tie-Fighter Reys Freund*innen gerade ordentlich zusetzt… Man fühlt man sich doch stark an die Thronsaalszene aus Episode VI erinnert.2

Von einem bekehrten Kylo Ren – was sich besonders in der gewechselten Farbe des Lichtschwerts ausdrückt – im Kampf gegen den Imperator unterstützt, kommt es zu einer finalen Konfrontation: den grenzenlos-egoistischen Machtambitionen des Imperators stehen die selbstlosen Stellvertretungshingaben Reys und Kylos – wie früher im Film auch C3POs – gegenüber, bei der am Ende (natürlich) das ‚Gute‘ siegt, der Imperator sich vor Hass selbst vernichtet und den Sith damit eigenhändig ein (vorläufiges?) Ende bereitet.

Damit findet der Imperator nicht nur das einzige Ende das seiner Person würdig erscheint – nämlich das durch seine eigenen Hände –, sondern erweist sich nochmals als der heimliche Star der Star Wars Nonalogie: als einziger (menschlicher) Charakter tritt er in den Originalfilmen, den Prequels und den Sequels auf und wird in all diesen – obwohl nicht immer explizit genannt oder gezeigt – als Strippenzieher gezeichnet. Bei all dem Wandel um ihn herum:

  • stets anderen ‚Werkzeugen‘, denen er sich bedient: Darth Maul, die Handelsförderation, der Senats und seiner Klonarmee, Darth Vader, Snoke oder eben Kylo Ren
  • stets anderer und stets mächtiger werdender (Super-)Waffen: eine Klonarmee, die Todessterne, die Starkiller Base und zuletzt eine mobile, dezentrale Flotte tatsächlich planetenzerstörender Sternzerstörer
  • und stets unterschiedlicher Gegenspieler: der Jediorden sowie die Rebellion oder der Widerstand mit ihren verschiedenen Personifikationen

bildet er die einzige personale Konstante. Sein Aufstieg (und Fall und Aufstieg und Fall…) wird in allen neun Episoden nachgezeichnet: von einem anfänglichen Rädchen im System des coruscantschen Senats über den kommissarischen Alleinherrscher über die Republik bis hin zum totalitären Imperator. Damit erweist sich der Anti-Held als die Hauptfigur des Star Wars Universums, das als Ganzes in einer Art umgekehrter Heldenreise nacherzählt,3 die noch dazu spannender- bzw. verwirrenderweise aus der Sicht der positiv gezeichneten Antagonist*innen geschildert wird. 4

„The Rise of Skywalker“ liefert nicht nur den Abschluss der Star Wars Saga, sondern gleichzeitig auch einen neuen hermeneutischen Ausgangspunkt, die Filme ein weiteres Mal nachzudenken resp. anzusehen5 und wirft quasi zwangsläufig die Frage auf: handelt es sich wirklich um den Aufstieg Skywalkers oder doch eher um „The Rise of Palpatine“?

Hashtag der Woche: #riseofpalpatine


(Beitragsbild: Cade Roberts)

1 Bspw. https://www.reddit.com/r/StarWars/comments/bcy1yo/the_role_of_the_emperor_in_the_rise_of_skywalker/, https://www.youtube.com/watch?v=xe-gpbJr5ek (ScreenCrush), https://www.youtube.com/watch ?v=k1Fna7jYVBY (Star Wars Theory) u.v.a.m.

2 Das bleibt nicht die einzige Anspielung. Für ein Aufzeigen weiterer Referenzen und Easter Eggs, sh. https://www.youtube.com/watch?v=NajCKoU4x8k

3 Zur umgekehrten Heldenreise, sh.: https://www.tor-online.de/feature/und-der-ganze-rest/2017/02/wenn-das-gute-zum-boesen-wird-die-umkehr-der-heldenreise/

4 Versuche, einen ähnlichen Impuls umzusetzen und Star Wars aus der Perspektive des Imperiums zu erzählen, finden sich bspw. in der Star Wars: Empire Reihe oder einigen Independent-Umsetzungen: https://www.youtube.com/watch?v=PN_CP4SuoTU. Den Versuch eines Imperator-zentrierten Star Wars Story wagt https://www.youtube.com/watch?v=0lllB3QKXMQ, wo dessen Geschichte in 5 Minuten kondensiert wird.

5 Ähnliche Intentionen legte auch Kathleen Kennedy offen, auf die die Idee der Wiederkehr des Imperators in Episode IX maßgeblich zurückgeht. Vgl. https://www.ign.com/articles/2019/12/30/star-wars-palpatines-return-was-apparently-kathleen-kennedys-idea-jj-abrams-rise-of-skywalker-emperor-rey-kylo

max tretter

max tretter

studierte Evangelische Theologie in Erlangen und Berlin, nun wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie II (Ethik) in Erlangen. Sein Interesse für Ethik und Kulturwissenschaften drückt sich eigens aus in einer Begeisterungsfähigkeit für Rapmusik und Internetkultur, Straßenkleidung und Bodybuilding.

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