Daniel Bogner hat mit „Ihr macht uns die Kirche kaputt…“ eine Analyse der aktuellen katholisch-kirchlichen Situation geschrieben, die Pflichtlektüre für die Teilnehmer*innen des „Synodalen Weges“ sein sollte, der diesen Sonntag beginnt. Claudia Danzer fasst die Inhalte des Buches zusammen.

Die römisch-katholische Kirche hat ein massives Problem mit Machtmissbrauch. Nicht nur hängen das Ausüben von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch zusammen. Ein System der Vertuschung hat darüber hinaus dazu geführt, dass die Inhaber der Macht in der kirchlichen Hierarchie Sexualstraftäter schützen. Aktuelle Kinofilme wie „Gelobt sei Gott“ und „Verteidiger des Glaubens“ verhandeln das Thema auf der Leinwand.

Der Theologe Daniel Bogner (Fribourg / CH) hat dieses Jahr mit „Ihr macht uns die Kirche kaputt“ eine Analyse vorgelegt, die die Missbrauchstaten durch Kleriker und das System der Vertuschung zum Anlass einer Kritik der römisch-katholischen Kirchenstruktur nimmt. Eine Kurzversion gibt es auch auf feinschwarz.net zu lesen.

Die MHG-Studie hat die systemischen Faktoren, die Missbrauch begünstigen, empirisch belegt und der Moment ihrer Veröffentlichung ist für Daniel Bogner Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Denn seither sei es im deutschen Katholizismus nicht mehr „so, wie es bisher war“ (10), „etwas ist zerbrochen“ (10): nämlich das „Hintergrundvertrauen“ (10) in die Kirchenhierarchie.

Spätestens jetzt, mehr als jemals zuvor, müssen Gläubige sich eingestehen, dass dieses Vertrauen oft nicht gerechtfertigt war. Wir haben zu lange stillgehalten, schäfchen-brav hingenommen und uns einlullen lassen, wenn in fromm klingender Sprache von oben herab die herrschenden Verhältnisse für richtig erklärt wurden. (13)

Diese Erfahrung, die er schildert, ist es auch, die Maria 2.0 möglich gemacht hat. Die herrschenden Verhältnisse, so Daniel Bogner weiter, seien die einer absolutistischen Monarchie, in welcher nur ein Stand Zugang zur Macht habe – der der Kleriker. Der Vergleich mit einer höfischen Ständegesellschaft ergibt durchaus Sinn, wird doch die Zugehörigkeit zu diesem Stand durch das Tragen des Römerkragens und der liturgischen Kleidung auch nach außen sichtbar gemacht. Die benannte „fromm klingende Sprache“ (13) verschleiert darüber hinaus, dass es überhaupt um Macht geht, indem sie gerne – wie Christiane Florin betont – vom Dienst spricht.

Die Gleichheit aller gilt im Grundgesetz, aber nicht im Kirchenrecht

Die Analyse der Kirchenstruktur als absolutistische Monarchie ist die zentrale Aussage von Daniel Bogners Buch. Damit trifft er gleichzeitig die Wurzel des Problems der Kirche mit Macht und Machtmissbrauch: „Nicht Gewaltenteilung, sondern Gewaltenanhäufung ist hier das Prinzip“ (22). Menschenwürde sei gut für die Predigt, aber nicht für das Kirchenrecht (24), Kirchenleitung, Gesetzgebung und Rechtsprechung liegt allein in der Gewalt des Bischofs (30). Dabei wird klar: Macht wird nicht geteilt, sie wird zentralisiert und in den Händen des Bischofs personalisiert. Von der fehlenden Kontrolle ist der Weg zum Missbrauch von Macht nicht weit.

Daniel Bogner beschreibt des Weiteren, dass Gläubige, die demokratisch sozialisiert wurden, sich in einer paradoxen Situation wiederfinden:

Für unsere politische Existenz würden wir niemals akzeptieren, was im kirchlichen Gemeinwesen noch Standard ist, die beinahe vollständige Abhängigkeit der Kirchenmitglieder von Entscheidungen, die andere Personen in Ämtern treffen, zu denen viele per se – etwa kraft ‘falschen’ Geschlechts – keinen Zugang haben und deren Handeln wir in keiner Weise verbindlich kontrollieren oder mitbestimmen können. (33)

Die Folge davon ist, dass die gesamte Kirche von einer homogenen Gruppe regiert wird, die die Breite des Katholizismus gar nicht repräsentiert – Frauen werden von der Möglichkeit der Partizipation an Leitung sogar völlig ausgeschlossen. Während in einer Demokratie Herrschaft ihre Legitimation durch Repräsentation und Wahl gewinnt, ist das wichtigste Kriterium in der kirchlichen Hierarchie die Weihe. Magnus Striet hat vor Kurzem darauf aufmerksam gemacht, dass dabei die Gottesfrage und die Frage nach den kirchlichen Strukturen zusammenhängen:

Zugleich darf aber die Gottesfrage nicht ohne Konsequenzen für die Struktur der Kirche bleiben, an der schließlich sicht- und erfahrbar werden soll, auf welchen Gott diese Kirche ihre Hoffnung setzt.

Auf welchen Gott setzt also eine Kirche, die als absolutistische Monarchie verfasst ist und Frauen den Zugang zur Weihe versagt?

Hinzu tritt die nächste Paradoxie, zwar von der gleichen Würde aller Menschen vor Gott zu sprechen, sie aber innerkirchlich strukturell nicht umzusetzen. Die Aufgabe den „Graben zwischen rechtlicher Struktur und pastoral orientierter Praxis“ (40) zu schließen, wird an die Pastoralreferent*innen und Priester an der Basis weitergeben – „eine schier übermenschliche Herausforderung“ (40).

Grund des Frustes: Die fehlende Selbstwirksamkeit

Daniel Bogner liefert in einer Übertragung der Theorien über Resonanz von Hartmut Rosa auf den Katholizismus eine weitere Kategorie, die sich aus den strukturellen Problemen ergibt: Vielen Gläubigen fehlt die Erfahrung von Selbstwirksamkeit (67). Die fehlende Selbstwirksamkeit führt zu einer erhöhten Frustration der Kirchenmitglieder. Die Hoffnung, die viele Gläubige auf den Reformwillen von Papst Franziskus setzen, sieht Daniel Bogner indes als Ergebnis dieser lähmenden Erfahrung.

Wie ernüchternd, dass man als katholisches Kirchenmitglied dem ‘Putsch von oben’ am meisten Erfolgsaussichten einräumt, nicht dem sozialen Handeln an der Basis. Selbstheilungskräfte im Absolutismus? Fehlanzeige. (70)

Engagement für die Ämterfrage – „eine handlungstheoretische Sackgasse“ (79)

Eine weitere These Bogners lautet, dass sich an der „Frauenfrage“ das ganze Dilemma der gegenwärtigen Kirchenkrise zeige (72). Für Bogner steht außer Frage, dass die sakramentale Weihe von Frauen das Ziel sein müsse und nicht die Einführung eines speziellen Diakonats, der nur Rollenklischees reproduziere (83).

Aber was können sie tun? Wo keine Verfahren und Prozeduren für eine reguläre Debatte vorgesehen sind, bleibt nur die Bitte. Gebeten wird die amtierende Autorität, doch endlich ein Einsehen zu haben, zuzuhören, die vorgetragenen Argumente und Gesichtspunkte in Erwägung zu ziehen. (78)

Daniel Bogner beschreibt eine zweite Folge, die das Beharren auf den Zugangsbeschränkungen zum Weiheamt nach sich ziehe:

So verenden einst lebendige Gemeinden am Tropf eines immer weniger ausreichenden Priesternachwuchses, die nahräumige Organisation von Seelsorge wird löchrig. (88)

Die Kritik an den Zulassungsbedingungen am Weiheamt kommt dabei nicht nur aus Deutschland. Die Amazonien-Synode hat sie in Rom auf die Tagesordnung gebracht und dabei aus dem Herzen einer anderen Region der Welt gesprochen.

Der Synodale Weg als „vielleicht die letzte Chance für die deutsche Kirche“ (141)

Daniel Bogner setzt der geschilderten Situation die Vision einer Kirche entgegen, der es gelingt, „ihre Verfassung nach dem Prinzip der gleichen Würde aller Getauften umzugestalten.“ (70) Er schreibt aus der Mitte des Laienkatholizismus heraus im inklusiven „wir“ und nicht mit dem Ziel einer wissenschaftlichen Abhandlung:

Das Genre dieses Buches ist Kritik (16).

Sein Buch endet mit einem Ausblick auf den anstehenden „Synodalen Weg“. Daniel Bogner zeichnet zwei Zukunftsszenarien. Als worst case bezeichnet er ein Ergebnis, bei dem am Ende der DBK-Vorsitzende einen Brief nach Rom mit den Reformwünschen der Katholik*innen schreibt, die abgelehnt werden. Den best case sieht er dann gegeben, wenn im „Synodalen Weg“ drei Akteur*innen Verantwortung übernehmen: (1) Die Bischofskonferenz sucht sich verbündete Bischofskonferenzen. (2) Das ZdK wird ein kirchensteuerfinanziertes Kirchenparlament, in welchem auch Bischöfe (oder auch Bischöfinnen? Anmerk. CD) rechenschaftspflichtig sind. Und (3) die staatliche Politik kontrolliert die Umsetzung von Menschenrechten innerhalb der Religionsgemeinschaft (147).

Zusammenfassend kann man sagen: Daniel Bogners klare Worte sprechen aus, was viele denken, und immer mehr heute sich auch zu sagen trauen. Vielleicht würden noch ein paar weitere, konkrete Lösungsvorschläge am Ende die Leser*innen hoffnungsvoller stimmen – aber diese zu finden und festzulegen ist nun Aufgabe des „Synodalen Weges“. Für dessen Teilnehmer*innen sollte dieses Buch in jedem Fall eine Pflichtlektüre sein.

„Ihr macht uns die Kirche kaputt …“ hat dabei noch einen kleiner gedruckten Untertitel: „… doch wir lassen das nicht zu!“. Daniel Bogner gehört zu denjenigen, die in Kritik bleiben und nicht den „Ecclexit“ (119) wählen. Der „Synodale Weg“ ist nach ihm die „vielleicht letzte Chance für die deutsche Kirche“ (141), denn er profitiert noch einmal von dem Gestaltungswillen des deutschen partizipativen Laienkatholizismus mit der Vision einer anderen Kirche: einer Kirche, die nicht nur von der Gleichheit aller vor Gott redet, sondern sie auch innerkirchlich umsetzt.

Hashtag der Woche: #synodalerweg


(Beitragsbild @christopheferron)

Der Redaktion wurde vom Autor ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Bogner, Daniel: „Ihr macht uns die Kirche kaputt … doch wir lassen das nicht zu!“, Freiburg 2019.

claudia danzer

claudia danzer

studierte in Freiburg, Jerusalem und Wien Katholische Theologie (Magister) und Geschichte (Staatsexamen). Seit 2019 ist sie Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und Philosophische Anthropologie an der Uni Freiburg. Sie ist Teil der Redaktion von y-nachten.de.

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