Dann geh doch einfach?! Anna Kontriner erklärt, warum sie nicht aus der Kirche austritt, obwohl ihr diese  das Bleiben nicht unbedingt leicht macht.

Die katholische Kirche beleidigt meine Intelligenz als mündige, theologisch gebildete Bürgerin, indem sie auf komplexe Fragen unserer Zeit mit simplen Antworten aus dem vorletzten Jahrhundert reagiert und jegliche aufrichtige Bereitschaft, die eigenen Positionen zu revidieren, vermissen lässt. Und sie missachtet meine Autonomie im öffentlichen wie im privaten Leben, indem sie mir erklären zu können glaubt, welche Rolle in der Gesellschaft für mich angemessen ist – Jungfrau oder Mutter, am besten beides zugleich. Ja eh, mag man müde denken, das geht vielen so, und nicht erst seit gestern. Man suche sich eine liberale Gemeinde, die Katechismus und Codex iuris canonici höchstens als Realsatire rezipiert, eine weniger reaktionäre Kirche oder eine säkulare Kontingenzbewältigungsgemeinschaft. Es steht schließlich jeder*m frei zu gehen, und wem die Kirche nicht zusagt, die*der braucht sich von der Kirche auch nichts sagen zu lassen – oder?

Dann geh doch einfach?

So einfach ist es nicht. Natürlich kann ich mir eine liberale Gemeinde suchen und leben, wie ich will, solange ich die von der Kirche dogmatisierten Aussagen zu Glaubens- und Sittenlehre nicht explizit und öffentlichkeitswirksam in Zweifel ziehe. Natürlich kann ich gehen, und es kann mir egal sein, was die Amtskirche dazu sagt oder nicht sagt. Es kümmert niemanden, wie ich lebe, am wenigsten die Katholische Kirche: Solange ihre Struktur nicht unüberhörbar in Frage gestellt wird, ist es der nämlich völlig egal, ob die*der Einzelne dieser Struktur gemäß lebt oder nicht. Dafür hat man längst eine Sprache gefunden, dafür sind die Strukturen gar nicht irritabel genug: Und wer ihnen nicht entspricht, wird dennoch – obgleich in jüngerer Zeit zunehmend mit Nachsicht respektive Jovialität – von diesen her beurteilt.1

Natürlich kann es mir umgekehrt völlig gleichgültig sein, welche Position mir innerhalb der Kirche zu- oder abgesprochen wird. Schließlich bin ich Bürgerin eines säkularen Staates, der mir, unabhängig von meiner Religionszugehörigkeit und Lebensweise, Würde und Recht garantiert, und ich kann mich in sozialen Milieus bewegen, in denen ich unabhängig von meiner Religionszugehörigkeit auf Anerkennung hoffen darf.

Aber das geht nicht allen so, die Teil der Katholischen Kirche sind oder mit ihr zu tun haben. Nicht alle Katholik*innen leben in säkularen Rechtsstaaten und nicht alle können das soziale Milieu, in dem sie sich bewegen, selbst wählen und mitgestalten. Und solange die Strukturen der Kirche das Leben von Menschen prägen, solange sie das Potential haben, Menschen freier zu machen oder zu unterdrücken, ist es mir nicht einfach egal, was die Amtskirche sagt. Denn solange ich Mitglied dieser Kirche bin, bin ich auch dafür verantwortlich.

Es geht um ein strukturelles Grundproblem

Was aber meine ich eigentlich mit den „Strukturen der Kirche“ von denen ich soeben gesprochen habe? Ich meine damit die in dogmatischen und rechtlichen Dokumenten festgelegten Bestimmungen zur Verfassung der Katholischen Kirche und zu den unterschiedlichen Positionen, die ihren Mitgliedern zugeschrieben werden. Der in unserer Zeit wichtigste Text ist hier wohl, neben dem Codex iuris canonici, die dogmatische Konstitution Lumen Gentium, die im Zuge des Zweiten Vaticanums entstanden  und 1964 von Paul VI. promulgiert worden ist. Dem Dokument kommt höchste lehramtliche Autorität zu, und auch die Wirksamkeit, die es entfaltet hat, ist beachtlich; ganze Passagen daraus wurden nahezu wörtlich in den CIC von 1983 übernommen.

In Lumen Gentium wird festgeschrieben, dass die Katholische Kirche hierarchisch strukturiert ist, dass zwischen Klerikern und Lai*innen zu unterscheiden ist und dass den Mitgliedern unterschiedlicher Stände unterschiedliche Funktionen im Aufbau der Kirche zukommen. Mit diesen unterschiedlichen Funktionen geht die jeweilige Befugnis, Macht auszuüben, einher, und die „heilige Vollmacht“ wird mit dem Bischofsamt verbunden (vgl. LG 18). Diese Vollmacht wird mit der apostolischen Sukzessionbegründet und damit letztlich auf die Sendung Christi zurückgeführt. Die Hierarchien der Kirche sind vom Bischofsamt her zu verstehen, und Bischof ist, wer von anderen Bischöfen dazu bestimmt wird.

Warum ist das wichtig? Bischöfe entscheiden, was würdig und recht ist; und wenn Lai*innen, Ordensleute und Priester davon unabhängig eigene Wege gehen und Freiräume schaffen, bleibt dies ohne den Sanctus der Bischöfe stets prekär: In der rechtlichen Verfassung der Kirche findet es keinen Niederschlag, dass wiederverheiratet Geschiedene an der Kommunion teilnehmen, Lai*innen Homilien halten und homosexuelle Partnerschaften den Segen Gottes haben. Die rechtliche Verfassung nämlich erwächst nicht einer Reflexion auf die gelebten Verhältnisse oder darauf, was Menschen würdig ist, sondern ebenjener theologischen Argumentation, die die Verfassung der Kirche als hierarchisch festschreibt und die Macht, Normen festzulegen und zu urteilen, mit dem Bischofsamt verbindet. Macht in der Kirche haben einige alte Männer, die von anderen alten Männern dazu ausgewählt wurden.

Die Bischöfe leiten die ihnen zugewiesenen Teilkirchen als Stellvertreter und Gesandte Christi durch Rat, Zuspruch, Beispiel, aber auch in Autorität und heiliger Vollmacht […]. Kraft dieser Gewalt haben die Bischöfe das heilige Recht und vor dem Herrn die Pflicht, Gesetze für ihre Untergebenen zu erlassen, Urteile zu fällen und alles, was zur Ordnung des Gottesdienstes und des Apostolats gehört, zu regeln. (LG 27)

Als (un)vollkommener Teil der Kirche

Und alle anderen? Alle anderen haben ein vom Bischofsamt her zu verstehendes und demselben folglich untergeordnetes geistliches Amt – Priester, Diakone – oder einen Stand innerhalb der Kirche, der im CIC vor allem von daher verstanden wird, dass er nicht der Stand der Kleriker ist (vgl. CIC 1983, can. 207) – nicht-klerikale Rätechrist*innen, Lai*innen. Wenn sie Macht ausüben, dann immer im Rahmen dessen, was ihnen die Bischöfe und letztlich der Papst zugestehen, denen sie unterstellt sind.

Wer sich selbst als unabhängig von der Katholischen Kirche versteht, wird von derselben als unvollkommen mit ihr vereint und also auch von der Kirche her verstanden. (vgl. LG 15-17). Das Selbstverständnis, außerhalb der Kirche zu stehen, findet zwar Anerkennung, allerdings nur insofern, als solche Positionen, wie es in Nostra Aetate heißt – einem Dokument, das zweifelsohne Verbesserungen gebracht hat, aber weitaus nicht genug – „einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.“ (NA 2) Aus der Perspektive der Kirche wird jede*r von den Normen der Kirche her verstanden. Wer sich nicht freiwillig in ihre Strukturen eingliedert, wird aus der Perspektive der Kirche unabhängig vom eigenen Willen in dieselben eingeordnet – und zwar, indem sie*er marginalisiert wird.

Wer als exkommuniziert gilt, etwa, weil er eine von der Kirche festgelegte Glaubenswahrheit leugnet bzw. sich Papst und Amtskirche nicht unterwirft (vgl. CIC 1983, can. 751; can. 1364), ist vorübergehend oder dauerhaft von den Sakramenten ausgeschlossen und wird damit, angesichts der für die katholische Kirche konstitutiven Bedeutung der Liturgie, nicht als vollwertiges Mitglied der Kirche anerkannt. Dennoch bleibt man Teil der Kirche, nimmt es sich diese doch heraus, darüber zu urteilen und Strafen zu verhängen (vgl. CIC 1983, can. 1311), einer*m eine Position – oder einen Unort – am Rande ihrer Strukturen zuzuschreiben.

Es ist an der Zeit

Dass die Normen, die sie festschreibt, an der Lebensrealität der meisten Menschen vorbeigehen und sie dadurch systematisch Menschen diskriminiert und marginalisiert, scheint der Amtskirche egal zu sein. Initiativen zur Erneuerung gibt es immer wieder, doch wenn sie nicht unterbunden oder diskreditiert werden, scheinen sie eher dazu da zu sein, kritisches Potential aufzufangen und für Beruhigung zu sorgen. Statt ihre Strukturen in Frage zu stellen, versteht sich die katholische Kirche zunehmend als Kirche der Wenigen.2 Oder sie konzentriert sich auf andere Weltgegenden, in denen die mit einer patriarchalen Gesellschaftsordnung verbundenen Normvorstellungen noch stärker verankert sind. Oder sie trauert vormodernen Zeiten nach, in denen die Frage nach der Kirchenmitgliedschaft gar nicht gestellt wurde. Jedenfalls lässt sie sich nicht davon in Frage stellen, dass sich das Schisma unserer Zeit nicht in der Abspaltung organisierter Gemeinschaften, sondern im Austritt oder der innerlichen Abwendung viele Einzelner vollzieht. Damit kann die Amtskirche problemlos umgehen: Nicht sie ist im Unrecht, sondern die, die von ihr abirren und in Sünde verharren.

Weniger gut damit umgehen kann sie – das bleibt zu hoffen – wenn jene, die nun einmal Mitglieder der Katholischen Kirche sind, sich nicht an den Rand drängen lassen. Natürlich öffnet die Kirche oft mehr Freiräume als das Recht es vorsieht. Recht und Realität sind nicht ident, und das ist gut. Doch Recht formt Realität, und Realität, die nicht durch das Recht abgebildet und abgesichert ist, ist ständig gefährdet.

Es ist Zeit für Bischöf*innen und das Recht auf Ehe für Alle, es ist Zeit für transparente, demokratische Verfahren und Kontrollmechanismen, es ist Zeit, dass Kirche für Alle nicht heißt, dass die Kirche beansprucht, allen ihre Position oder ihren Unort zuschreiben zu können, sondern dass sie Würde und Recht Aller gleichermaßen anerkennt. Das ist das Mindeste. Und dass es naiv wäre, zu glauben, dass die Amtskirche dem nachkommen wird, erübrigt nicht die Forderung. Wir warten schon zu lange.

Hashtag der Woche: #itstime


Anmerkung der Autorin: Ich danke Marlene Deibl für die vielen Gespräche, aus denen dieser Text erwachsen ist, sowie für die kritischen Kommentare und Rückfragen.

(Beitragsbild: @Clay Banks)

1 Vgl. etwa Amoris Laetitia 78; 250.

2 Vgl. Joseph Ratzinger, Glaube und Zukunft. Neuausgabe. München: Kösel Verlag 2007 (1970), 113-130.

anna kontriner

anna kontriner

studiert Katholische Fachtheologie und Philosophie in Wien und arbeitet als Organisationsassistentin am Forschungszentrum Religion and Transformation in Contemporary Society. Am liebsten würde sie nur tote Sprachen lernen und am Zentralfriedhof spazieren gehen, aber noch ist sie nicht zynisch genug um zu glauben, dass es nichts bringt, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen.

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