Jesus war nicht der erste Christ, Jesus war Jude. Solidarität mit Jesus als Jude – das heißt in diesen Tagen vielleicht Solidarität mit jüdischen Mitmenschen zu zeigen und sich mit dem Glauben Israels zu beschäftigen, wie Jesus ihn lebte. Katrin Juschka ist bei ihrer Beschäftigung jedoch auf drei hinderliche Distanzierungen gestoßen, die von den christlichen Traditionen im Laufe der Zeit vorgenommen wurden.

Aus der Sicht vieler herkömmlicher Traditionen im Christentum wurde Jesus lange nicht als Jude angesehen, der sich für seine Lehre auf die hebräischen Schriften und Traditionen bezog und zeitlebens in ihnen lebte.1 Die Perspektive seiner „Identität“ als Gottessohn dominierte in der Deutung Jesu, sodass er und seine Lehren teilweise völlig ohne den Kontext seiner kulturellen oder ethnischen Herkunft wahrgenommen werden konnte. Christliche Theologien, die ihre jüdischen Wurzeln vergessen oder verlassen, weil davon ausgegangen wird, durch Jesus sei angeblich alles „überwunden“, entwickeln sich weg von wichtigen Kernaspekten des Glaubensprofils Jesu und laufen Gefahr, immer wieder und meist ungewollt in rassistische, antisemitische Argumentationsstrukturen zu treten.
Im Folgenden werden drei Verlust-Perspektiven formuliert, die der christliche Glaube in seiner Distanzierung vom Judentum erlitten hat.2

Verlust_eins: Das Christentum wird Sache der Einzelnen und vergisst die Weltverantwortung

Israel hat einen reichen Erfahrungsschatz mit Gott, der sich in den Heiligen Schriften, dem Tanach,3 verdichtet hat und sich in der Glaubensgemeinschaft als eine besondere Kraft der Gemeinsamkeit in der Vielfalt zeigt. Jesu Lehre vom Reich Gottes wurde zeitweise dahingehend (miss-) verstanden, dass es sich allmählich in den einzelnen Seelen der Menschen verwirklicht und das als ganz private, innerliche Angelegenheit.4 Christlicher Glaube wird Sache der Einzelnen, wenn Individuen losgelöst vom Korrektiv anderer (auch jüdischer) Glaubender allein um ihr Seelenheil ringen und sich auf unterschiedliche Weise zu erbauen versuchen. Es hat einen Sinn, dass jüdische Gebete und auch das Vater-Unser-Gebet Jesu im kollektiven „Wir“ formuliert sind: Sie prägen die Haltung als Solidaritätsgemeinschaft in dieser Welt – trotz theologischer Differenzen. Das ist einer der grundlegenden Unterschiede zwischen biblischem Vaterunser und nachbiblischem Glaubensbekenntnis: Das „Wir“ ist verloren gegangen.

Das Konzentrieren nur oder primär auf den neutestamentlichen Teil der Bibel,5 entzieht dem Christentum einen großen Teil des alltagsrelevanten Erfahrungsschatzes seiner Glaubenstradition, stellt es vielleicht sogar in die Gefahr, zu einer weltfernen, auf eigene Nöte und Vorteile bedachten Religion zu werden, denn die meisten neutestamentlichen Schriften, insbesondere offensichtlich bei den Briefen, sind für spezielle Situationen geschriebene Texte. Die jüdische Bibel aber umfasst die umfassenden Lebensbereiche des Menschenseins, in ganz praktisch-alltäglicher Weise: Sie enthält Anweisungen für die unterschiedlichsten Lebenssituationen, erzählt davon, wie Beziehungen gelingen, wie Arbeit, Ruhe und Konsum, soziale Fragen, der Umgang mit Nichtglaubenden, Tieren und der Schöpfung gelingen.

Viele können sich schwer vorstellen, dass tägliche Konsum-Entscheidungen wie Kleidung, Einrichtung, Ernährung etc. mit ihrem Glauben zu tun haben oder empfinden eine Frage nach solchen Zusammenhängen als zu übergriffig oder „gesetzlich“. Diese vermeintliche Freiheit jedoch, die gerade die christlichen Kirchen für sich und den individuellen Lifestyle ihrer Gläubigen beanspruchten, führte zu einem konsum- und besitzorientierten Weltbild der Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Überheblichkeit über Menschen sowie über die Tier-, Pflanzen- und Umwelt.

Verlust_zwei: Der Glaube wird für eigene Interessen beansprucht und verliert seine Empathiefähigkeit

Die christliche Kirchengeschichte erweist in sich wiederholenden Katastrophen, wie Gott für das eigene Wohlergehen und eigene Interessen vereinnahmt wurde, indem die Freiheiten von Andersgläubigen und von Menschen mit anderer Herkunft dezidiert eingeschränkt wurden (z. B. durch Kreuzzüge, Sklaverei, Kolonisierung) – und das sogar mit theologischer Beihilfe.6 Die Beanspruchung von Bibelversen, die aus dem Zusammenhang gerissen und für politische und nationale Zwecke genutzt wurden, zeigt sich drastisch im Ersten Weltkrieg.7 Der verletzte Nationalstolz und die folgenden Krisen führten dazu, dass es nicht bei dieser einen Katastrophe im 20. Jahrhundert blieb, sondern in größerem Ausmaß eine „Rassen“-Lehre und Weltbilder entwickelt wurden, die systematische Vernichtung legitimierten.

Heute gibt es wieder vermehrt regionale und nationale Heimatbetonung und damit einhergehende Feindlichkeit gegenüber allem Fremden. Diese Feindlichkeit zeigt sich sowohl in einer Kritik von Asyl und Einwanderung, als auch in einer besonderen Hervorhebung von nationalen Produkten „made in Germany/Austria/Switzerland“. Nach wie vor existieren koloniale Überheblichkeiten im Handel mit der leider immer noch vereinzelt herabwürdigend so genannten „Dritten Welt“. Diese wären vielleicht nicht so stark, wenn mehr Bereitschaft bestände, die Ausbeutungsstrukturen und humanitären Schicksale im globalen Süden nachzuvollziehen und Menschen anderer Religion oder Kultur auf Augenhöhe zu begegnen.

Die Tora bietet in vielerlei Hinsicht Einhalt in Bezug auf hierarchische gesellschaftliche und wirtschaftliche Ausbeutungsstrukturen.8 Diejenigen, die ganz unten in der sozialen Hierarchieordnung sind, werden als besonders schutzbedürftig ins Augenmerk genommen, so gelten die Schabbatregeln z.B. dezidiert auch für Sklavinnen, Tiere und Andersgläubige, die am Ruhetag die gleichen Rechte erhalten (Dtn 5,14f). Die Verantwortung für alle anderen, gegenwärtigen wie zukünftigen Gesellschaftsmitglieder ist tief in die Texte eingezeichnet und an vielen Stellen geprägt von einem Appell an Empathie (Dtn 5,14f; Lev 19,34ff): Gerade weil die leidvolle Erfahrung von Sklaverei in Ägypten zur Geschichte Israels gehört, wird dazu aufgerufen, mit besonderer Vorsicht das Leben in Freiheit zu genießen und nicht als Unterdrückung von anderen zu missbrauchen.

Verlust_drei: Das Christentum wird gehorsame Religionsausübung

Wo gewartet wird, dass Gott in die Welt eingreift, kann der Mensch nicht agieren, dort hat das Menschsein keine Verantwortung, sondern schiebt diese auf die göttliche Instanz – das ist das Erbe des Christentums, das sich aus der apokalyptischen Tradition Israels entwickelte. Damit steht das Christentum immer wieder in Gefahr, sich in die Richtung einer von Fatalismus geprägten Gehorsamsreligion zu bewegen. Oder, um es mit einem anknüpfenden Wortspiel zugespitzt zu veranschaulichen: Der speziell christlich ausgeprägte „Vaterlismus“ als eine Ergebenheit, die sich im Gottesbild „Vater“ ausdrückt, ist in letzter Konsequenz die Abhängigkeit des unmündigen Kindes zu seinem himmlischen Vater, der alles erledigt: Der Vater übernimmt die Führung und Versorgung, sorgt für Gerechtigkeit, lässt politische, kirchliche und gesellschaftliche Herrschaftsformen zu oder hat sie vielleicht sogar eingesetzt und fordert Gehorsam ihnen gegenüber. Widerspruch gegen diese gesellschaftliche und religiöse Ordnung wäre Ungehorsam.

Das Gottesbild „Vater“ wurde vom Christentum aus der Hebräischen Bibel übernommen, wo es eine Gottesvorstellung unter vielen anderen ist, wohingegen es im Christentum nicht zuletzt wegen der Trinitätslehre zur Hauptvorstellung von Gott wurde.9 „Vater“ ist in den neutestamentlichen Schriften der meistgebrauchte Gottestitel neben dem Gottesbild des „Herrn“. Beide Gottesbilder prägten die christliche Vorstellung von Gott immens und haben im Beziehungsaspekt als gemeinsamen Nenner die hierarchisch untergeordnete Rolle des gehorsamen Kinds oder der gehorsamen Knechte und Mägde des Herrn.

Christliche Theologien, die in Kontinuität mit der Hebräischen Bibel von Gott sprechen möchten und die Hoffnung des Glaubens sprachlich in eine komplexe globale Welt transformieren wollen, können dort ansetzen, wie über Gott gesprochen wird. Gottesbilder wie „Quelle“, „Licht“ (Ps 36,10), „Tau“, „Tanne“ (Hos 14,6.9) oder „Fels“ (Ps 31,2f) haben vielleicht in einer klima- und natursensibler werdenden Gesellschaft höhere Brisanz. Das Gottesbild der „Hebamme“ (Ps 22,10) mit der Vorstellung der Geburtshilfe und Ermächtigung zum Leben birgt eine erfrischende Solidarität mit Verachteten und Rechtlosen in vielen Branchen der Arbeitswelt, in der Bezahlung in keinem Verhältnis steht mit Berufsrisiko und Verantwortung. Diese Gottesbilder, allesamt aus dem Tanach, das sogenannte „Alte“ Testament, hat das Christentum vernachlässigt.10 Christliche Glaubende können sich jedoch jederzeit testamentarisch darum kümmern, ihr „Testament“ anzutreten – in dem Sinne, dass diese Gottesbilder in ihrer Lebenshaltung und ihren Handlungen eine politische, gesellschaftliche, menschenwürdige Entfaltung und Rehabilitation erfahren.

Wir brauchen echte Veränderung

Ist es an der Zeit, sich zeitweise vom Gottesbild „Vater“ zu distanzieren und in eine erwachsen(d)e Mündigkeit einzutreten, diese Welt und ihre Zukunft verantwortungsvoll zu gestalten? Von einem Gottesbild Abstand zu nehmen, das die Hände in den Schoß legt und „führe mich, oh Herr, und leite meinen Gang“ singt11 – aber die notwendigen Schritte nicht antritt?

In diesen Tagen sind vermehrt Angriffe auf Synagogen ins Blickfeld der Medien geraten. Das Attentat in Halle rüttelt mit zwei Toten auf, Position gegen Rassismus und Antisemitismus zu beziehen. Unter dem Hashtag #werschweigtstimmtzu oder #wirstehenzusammen wird im Netz aufgerufen, sich zu solidarisieren und nicht wegzuschauen, wenn Unrecht geschieht. Nicht zu schweigen, sondern Worte des Beileids und Verurteilungen der Taten zu formulieren oder in den sozialen Medien zu teilen, sind ein erster Schritt. Doch beim Zusammenstehen darf es nicht stehen bleiben:

Worte haben wir genug gehört. Wir brauchen jetzt echte Veränderungen.12

Hashtag: #wirstehenzusammen


(Beitragsbild: @Tanner Mardis)

1 Der abgründige Tiefpunkt der Distanzierung vom Judesein Jesu zeigt sich zur Zeit des Nationalsozialismus, aber auch schon in den Jahrzehnten zuvor, wo tatsächlich über eine germanische Abstammung Jesu spekuliert wurde, vgl. Fenske, Wolfgang, Wie Jesus zum „Arier“ wurde. Auswirkungen der Entjudaisierung Christi im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 2005.

2 Die Perspektiven sind inspiriert von einem Text von Achim Buckenmaier, der fast fünf Jahre nach Veröffentlichung noch genauso lesenswert wie notwendig ist. Der Text ist komplett online einsehbar: Buckenmaier, A., „Das Vergessen der jüdischen Wurzel in der Theologie und seine Folgen für das Christentum“, in: Freiburger Rundbrief 22,3 (2015), 162−175. Buckenmaiers fünf Thesen wurden auf drei komprimiert und für eine nicht-wissenschaftliche Zielgruppe zugänglich gemacht, wobei ein Fokus auf zusätzliche globale Zusammenhänge und zeitaktuelle Perspektiven gelegt wurde. Wenn eine evangelische Neutestamentlerin den Beitrag eines katholischen Dogmatikers liest, ergibt sich überdies eine ökumenische und interdisziplinäre Dimension.

3 Der christliche Begriff „Altes Testament“ wird im Folgenden wechselweise mit weniger abwertend klingenden Bezeichnungen wie „Hebräische Bibel“, „Jüdische Bibel“, „Heilige Schriften“ oder dem jüdischen Ausdruck „Tanach“ bzw. „Tora“ verwendet.

4 Vgl. dafür vor allem die Reich-Gottes-Lehre seit Schleiermacher, dargestellt z.B. von Beintler, Michael, Art. Herrschaft Gottes/Reich Gottes (Neuzeit ab 1789), in: TRE 15 (1986), 226−228; Walther, Christian, Typen des Reich-Gottes-Verständnisses. Studien zur Eschatologie und Ethik im 19. Jahrhundert (Forschungen zur Geschichte und Lehre des Protestantismus 20), München 1961.

5 Zuletzt wurde der Rang des sogenannten „Alten Testaments“ in seiner Geltung als christlicher Kanon in Frage gestellt von Notger Slenczka, der sich aber auf andere christliche Positionen wie bereits Marcion im 2. Jahrhundert, oder Adolf von Harnack zu Beginn des 20. Jahrhunderts, berufen kann. Zur grundsätzlichen Auseinandersetzung des Verhältnisses vgl. Crüsemann, Frank, Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen. Die neue Sicht der christlichen Bibel, Gütersloh 2011.

6 Siehe dazu die päpstliche Legitimation der Sklaverei und Kolonisierung, dargestellt bei Danzer, Claudia, Als Päpste zur Sklaverei aufforderten (24.06.2019).

7 Mit Parolen wie „Gott mit uns“ oder millionenfach gedruckte Feldpostkarten mit Bibelversen, wurde der Glaube für Siegesverheißungen instrumentalisiert. Vgl. Werner, Theresia, „Gott mit uns“. Die Deutung des Ersten Weltkriegs im deutschen Katholizismus, in: Heidrun Alzheimer (Hg.), Glaubenssache Krieg. Religiöse Motive auf Bildpostkarten des Ersten Weltkriegs (Schriften und Kataloge des Fränkischen Freilandmuseums 55), Bad Windsheim 2009, 68−91 und Juschka, Katrin, „Beten Sie für uns, wir kämpfen für Sie.“ Das Vaterunser in Predigten und auf Feldpostkarten im Ersten Weltkrieg, in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte 108 (2014), 279−295.

8 Siehe dazu z.B. die Wirtschaftsethik der Tora, die finanzielle Ausbeutung der Armen verhindert: Nathan Lee Kaplan in der Ringvorlesung „Ethische Fragen in Judentum und Islam“, organisiert vom Jüdischen Museum Berlin am 8. Dezember 2016.

9 Im Tanach beschreibt der Titel vor allem den unverlierbaren Beziehungsaspekt Gottes zu Israel als Sohn/Kind, kommt aber auch als individuelle Anrede für Gott z.B. im Gebet von Einzelnen vor (Ps 89,27; Jes 63,16; Sir 51,10).

10 Erlösung als Geburtsprozess findet sich metaphorisch noch bei Paulus, vgl. Röm 8,22 und Gal 4,19.

11 So wird es zumindest in evangelischen Gemeinden seit dem 17. Jahrhundert gesungen, Liedtext von Heinrich Albert aus „Gott des Himmels und der Erden“. Der Liedtext greift, teilweise wörtlich, auf Luthers Morgengebet zurück.

12 So das Kasseler Sara-Nussbaum-Zentrum für Jüdisches Leben.

dr. katrin juschka

dr. katrin juschka

Jahrgang 1982, promovierte evangelische Theologin mit Schwerpunkt „Neues Testament“, Pädagogin und Bildungsreferentin in Kassel. Online unterwegs mit www.facebook.com/praxis.dr.katrin „Praxis Dr. Katrin“: Die erste und einzige „theologische Praxis“, mit der anhand eigener Texte und Bilder oder Empfehlenswertem aus Gesellschaft und Religion für mehr Inspiration, Tiefgang und theologischen Humor im Alltag der sozialen Medien gesorgt wird. Das Anliegen ist, Theologie praktisch und alltagstauglich zu machen. Deswegen hat Katrin in Kassel begonnen, bei Veranstaltungen der Synagoge an der Straße zu stehen und mit Schildern Solidarität zu zeigen, damit die vorbeigehende Gesellschaft auf das Antisemitismus-Problem in Deutschland aufmerksam wird und sich anschließen kann, etwas dagegen zu tun. Die christlichen Kirchen in Kassel haben beschlossen, diese Art Wachdienst vorerst bis zum Jahresende für die regelmäßigen Gottesdienste durchzuführen.

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