Gerade wenn es um Sexualethik geht, fällt es rechtskonservativen Kreisen schwer einen empirischen Blick auf die von ihnen verurteilte Lebenswirklichkeit zu werfen. Moritz Kühn seziert ihre Argumentation und verweist auf aktuelle Studien.

Aus der Sicht selbsternannter Hüter*innen der katholischen Orthodoxie scheint die Lebenswirklichkeit so etwas wie die kleine Schwester des Zeitgeistes zu sein. Dementsprechend eindeutig und selbstsicher fallen die Beschreibungen aus, vor allem wenn sie die Sexualethik betreffen. Wie wirklich ist die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen in puncto Sexualmoral, die so überzeugend dargestellt wird? Eine Spurensuche nach der wirklich wahren Lebenswirklichkeit unter deutschen Bettdecken.

Da war es schon wieder! Das böse L-Wort. Sowohl der Präsident des ZdK Thomas Sternberg als auch die Organisatorinnen der vergangenen Protestaktion Maria 2.0 haben es in den Mund genommen. Die katholische Kirche, so die Forderungen, solle sich in ihrer Sexualmoral an die Lebenswirklichkeit anpassen oder mindestens dazu schweigen. „Schwerer Protest!“ tönt es unverzüglich aus dem Lager der lehramtstreuen Reformgegner*innen. Ein Beispiel dafür liefert der Kommentar aus der Feder Peter Winnemöllers, der vornehmlich auf Sternbergs Impuls reagiert. Winnemöllers Kommentar wurde vom inoffiziellen offiziellen Internetportal der deutschsprachigen rechtskonservativen Katholik*innen veröffentlicht und trägt die Überschrift „Lieber Herr Sternberg, die Lebenswirklichkeit führt ins Verderben“– so weit, so prophetisch.

Sodom und Gomorrha auf deutschen Straßen? Ein kruder Vergleich

Nun stelle man sich vor, der Vorsitzende des ADAC erhebe auf der Mitgliederversammlung des Automobilclubs die Forderung, die Verkehrspolizei möge doch mal eine Weile zur Straßenverkehrsordnung schweigen und besonders Geschwindigkeitsbegrenzungen sowie ruhenden Verkehr (also Parken) an die Lebenswirklichkeit der Autofahrer anpassen.

Von den Betten auf die Straße! Hauptsache Verkehr. Doch leider hinkt Winnemöllers Vergleich zum Einstieg seines Kommentars gewaltig: Der Konsens unter den Straßenverkehrsteilnehmer*innen zur StVo dürfte ungleich höher ausfallen als der Konsens (westlich geprägter) Katholik*innen zur katholischen Sexuallehre. Die Sexualmoral wird regelmäßig kritisiert; Demonstrationen zu den Geboten der StVo bleiben aus. Die Anteile der „Gesetzesbrecher*innen“ im jeweiligen Kontext, also hier bspw. die vorehelich sexuell Aktiven und dort die Falschparker*innen und Raser*innen, können beim besten Willen nicht verglichen werden.

„Life finds a way“ – ein Blick in die jüngere Kirchengeschichte

Das Problem ist nicht, dass die Kirche, […] in der Vergangenheit zu viel über Sexualmoral gesprochen hätten [sic!]. Das Gegenteil ist der Fall. Kaum ein Jugendlicher hält sich an das Gebot, keinen Sex vor der Ehe zu haben. […] Kaum ein Jugendlicher kennt das Gebot der Kirche, keinen Sex vor der Ehe zu haben. Erst recht ist kaum ein Jugendlicher in der Lage, die Begründung zu nennen, warum die Kirche so lehrt.

Diese These hat großes Irritations-Potential. Gerade mit Blick in die Vergangenheit könnte man viel eher zum Schluss kommen, dass die katholische Kirche öfter und expliziter über Sex gesprochen hat als so manch erfolgreicher Deutschrapper. Sich an seine Studienzeit erinnernd sprach sogar Kardinal Schönborn öffentlich von einer regelrechten Besessenheit der Moraltheologie von Themen unterhalb der Gürtellinie.1 Auch als Profanhistoriker möchte ich die 1950er Jahre ins Gedächtnis rufen, in denen der deutsche katholische Klerus sehr offensiv auftrat und von Politik, Presse sowie gesellschaftlichen Größen gehört und rezipiert wurde. Doch allen katholischen Sittlichkeits-Mahnungen zum Trotz wurde die beschworene Sexualmoral bis hinein ins homogenste Milieu ganz oder zu gewissen Teilen abgelehnt.2 Zwischenfazit: Was die Beschreibung der vergangenen Lebenswirklichkeit betrifft, kann Herr Winnemöller nicht wirklich überzeugen.

Auf der Suche nach alternativ(los)en Fakten

Nun aber zur Beschreibung der gegenwärtigen Lebenswirklichkeit. Diesbezüglich bekommt „Verkehrserzieher“ Winnemöller Konkurrenz von den Verantwortlichen der jüngsten bundesweiten Studie zur Jugendsexualität: Die Studie beginnt mit dem Ergebnis, dass – entgegen zahlreicher Annahmen – das Alter des ersten Geschlechtsverkehrs steigt. Tendenz ebenfalls zunehmend. Weiter legt die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen großen Wert darauf, dass das Erste Mal in einer festen und vertrauensvollen Liebesbeziehung erfolgt, in der eine universale, mithin auch sexuelle Treue die conditio sine qua non darstellt.3

Nanu? Das klingt doch eher nach Biedermeier als nach Libertinage oder relativistischer Sex-Revolution á la 1968, wie sie jüngst von Benedikt XVI. erinnert wurde.4 Wenn so das apokalyptische Verderben aussieht, welches Winnemöller in seiner Artikelüberschrift skizziert, wird einem eher wohlig warm als Angst und Bange.

Zurecht konstatiert Winnemöller, dass nur 4% der deutschen Jugendlichen eine sexuelle Beziehung vor der Eheschließung ablehnen. Jugendliche aus (vorwiegend muslimischen) Migrantenfamilien lehnen vorehelichen Sex zu 28% ab.5 Dass „kaum ein Jugendlicher“ das katholische Gebot der vorehelichen Enthaltsamkeit mehr kennen würde, ist dennoch schlicht und einfach falsch.

In leicht zugänglichen Foren von Jugendlichen für Jugendliche wird das Thema konstruktiv diskutiert. Diese Diskussionen laufe nicht auf eine Polemik gegen die kath. Sexuallehre hinaus, sondern fordern Achtung vor individuellen Entscheidungen in Respekt vor unterschiedlichsten Lebensentwürfen ein. Obendrein entpuppt sich das von rechtskonservativen Katholik*innen ja so argwöhnisch beäugte Milieu der gläubigen Muslim*innen regelrecht als „partner in crime“: Nicht selten werden diese Diskussionen von muslimisch-gläubigen Jugendlichen angestoßen oder basieren auf Erfahrungen mit Muslim*innen im Freundeskreis. Generell darf nicht vergessen werden, dass das Gebot der vorehelichen sexuellen Enthaltsamkeit nicht zum Proprium der katholischen Kirche gehört. Gerade die Freikirchen evangelikaler bzw. pentekostaler Prägung rufen – vorwiegend im US-amerikanischen Raum – mit purity balls, Anti-Masturbations-Blogs und öffentlichen Jungfräulichkeitsgelübden das moralische Gebot in Erinnerung.

Gegen die These vom gänzlich unbekannten Gebot unter den Jugendlichen sprechen schließlich noch zahlreiche Reflexion ebendieser Morallehre: Vom Slogan „Keine Ehe vor dem Sex!“ als provokanter T-Shirt-Aufdruck bis hin zu diversen Explikationen in Filmen, Serien und Büchern. Kurz: Die (katholisch-) moralischen Gebote sind unter den Jugendlichen sehr wohl bekannt. Sie werden allerdings im je eigenen moralischen Koordinatensystem reflektiert und in den meisten Fällen als unangemessene Einschränkung des persönlichen Lebensentwurfs abgelehnt.

Weder im Religionsunterricht noch in der Katechese und erst recht nicht in der sonntäglichen Predigt erfahren die Katholiken, was die Kirche in Fragen der Sexualität lehrt.

Winnemöllers Ruf nach Unterstützung wird bei den Religionslehrer*innen, aber auch bei manchem Priester wohl unerhört bleiben. Die Priester würden im Übrigen die Zielgruppe kaum erreichen. Eine weitere wichtige Erkenntnis der oben erwähnten Studie betrifft die Bedeutung des Elternhauses. Ebendieses spielt demnach die wichtigste Rolle in der Sexualaufklärung; Eltern sind die wichtigsten Vertrauenspersonen und stellen die zentrale Beratungsinstanz für Jugendliche dar.6 Gehen wir einmal davon aus, dass überzeugte Verfechter*innen der katholischen Sexualmoral versuchten und versuchen, ihre Kinder zur Befolgung der entsprechenden Gebote anzuhalten: Offenbar sind die allermeisten von ihnen grandios gescheitert. Abgesehen davon, dass Priester und Lehrer*innen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr „retten“ können, was die Eltern zuvor nicht schon zu „retten“ versucht haben – die meisten von ihnen empfinden es wohl auch als Grenzüberschreitung, den Jugendlichen derart konkrete Regeln für das individuelle Privatissimum zu diktieren, von denen sie außerdem auch selbst gar nicht oder nur teilweise überzeugt zu seien scheinen.

Reformgener*innen wie Peter Winnmöller instrumentalisieren apokalyptische Fiktionen für ihre fundamentalistische Agenda und schrecken nicht davor zurück, ihr subjektives Bild von der Lebenswirklichkeit der heutigen Jugendlichen mit Fake News und Fantasien anzureichern. Wenn sie im theologisch-pastoralen Diskurs wieder ernstgenommen werden wollen, sollten sie stattdessen empirische Fakten zur Kenntnis nehmen und die Ernsthaftigkeit wertschätzen, mit der die Jugendlichen ihre Lebensentwürfe gestalten.

Hashtag: #verkehrserziehung


(Beitragsbild @nathangbingle)

1 Eine ehemalige Ordensfrau klagt an (DokThema des Bayrischen Rundfunks) online unter https://www.youtube.com/watch?v=PfF_ArkQzFY, Minute 21:20 – 23:00.

2 Vgl. Doering-Manteuffel, Anselm: Kirche und Katholizismus in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre. In: Historisches Jahrbuch 102 (1982), S. 113-134.

3 Heßling, Angelika/Bode, Heidrun (2015): Jugendsexualität 2015. Die Perspektive der 14- bis 25-Jährigen. Ergebnisse einer aktuellen Repräsentativen Wiederholungsbefragung, Köln, S. 8; S. 90-94.

4 Repräsentatives Zitat: „Zu den Freiheiten, die die Revolution von 1968 erkämpfen wollte, gehörte auch diese völlige sexuelle Freiheit, die keine Normen mehr zuließ.“, siehe Artikel „Benedikt XVI. über Kirche und den Skandal sexuellen Missbrauchs“, online hier abrufbar.

5 Heßling/Bode (2015), S. 9.

6 Ebd., S. 5.

moritz kühn

moritz kühn

hat Theologie und Geschichte in Freiburg auf Lehramt studiert und wartet gerade auf seinen Platz für das Referendariat. 2019 hat er eine Promotion in der Fundamentaltheologie an der Uni Freiburg aufgenommen. Abseits vom Beruflichen geht es bei ihm vor allem um seine großen Leidenschaft für Comedy-Serien und Klassische Musik.

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