Dass Donald Trump gerne twittert, ist allgemein bekannt. Martin Breul hat sich die Tweets des us-amerikanischen Präsidenten genauer angeschaut und demonstriert daran die Gefahren einer Kommunikation, die auf Basis des Postfaktischen beruht.

Würde man den besten Kandidaten für einen Ausdruck suchen, der gegenwärtig gleichermaßen nervtötend wie notorisch unterbestimmt ist, käme das Adjektiv ‚postfaktisch‘ in jedem Fall in den engeren Bewerberkreis. Vielleicht hängt das Nervtötende dieses Ausdrucks auch damit zusammen, dass man zwar bestimmte Ahnungen hat, was mit dem ‚Postfaktischen‘ gemeint sein könnte (und auch sicherlich Beispiele für postfaktische Politiken geben könnte), aber es gar nicht so leicht ist, diese Ahnungen auf den Begriff zu bringen.

Gegen diese begriffliche Unschärfe möchte ich hier einen Vorschlag der begrifflichen Sortierung machen. Er besagt, dass das Postfaktische ein Konglomerat aus überlappenden Elementen ist: der Lüge, des Bullshits sowie der Propaganda. Dazu analysiere ich zunächst knapp, was eine Lüge zur Lüge, Bullshit zu Bullshit und Propaganda zu Propaganda macht. Um aber nicht allzu lange auf dieser abstrakten Ebene zu verweilen, zeige ich anhand von Tweets des amtierenden US-Präsidenten, wann welche Elemente zum Tragen kommen.

Die Lüge

Das Phänomen der Lüge ist philosophisch recht gut erforscht. Um zu lügen, muss ich mir der Falschheit meiner Aussage bewusst sein und diese mit einer Täuschungsabsicht äußern. Außerdem funktionieren Lügen nur punktuell, d.h. in einem ansonsten kohärenten Überzeugungssystem. Die Lüge ist keine moderne Erfindung, sondern schon immer ein Element der Politik gewesen. Das Postfaktische macht vielleicht exzessiveren Gebrauch dieses Stilmittels, aber lügende Politiker sind kein neues Phänomen. Exemplarisch kann das an einem Tweet von Donald Trump vom 18.06.2018 verdeutlicht werden:

Die Aussage, dass sich die Kriminalitätsrate in Deutschland erhöhen würde, ist schlicht eine falsche Aussage, die hier mutmaßlich mit Täuschungsabsicht geäußert wird.

Der Bullshit

Im Gegensatz zu diesen allgegenwärtigen Lügen politischer Akteure ist Bullshit nun nicht nur ein mondänes Schimpfwort, sondern vom Philosophen Harry Frankfurt als philosophischer Fachbegriff eingeführt worden. Im Unterschied zum Lügner ist dem Bullshitter der Wahrheitswert seiner Äußerung völlig einerlei – während der Lügner uns über einen Sachverhalt in der Welt täuschen möchte, möchte der Bullshitter uns darüber täuschen, dass es ihm eigentlich gleichgültig ist, wie es um Sachverhalte in der Welt bestellt ist. Wenn man sich beispielsweise einige der Behauptungen anschaut, die der amtierende US-Präsident über Twitter in die Welt gesetzt hat – Obama habe seine Geburtsurkunde gefälscht und sei kein US-Amerikaner,

die letzte US-Regierung habe ihn während des Wahlkampfs abhören lassen,

der eigene IQ sei einer der höchsten des Landes und in jedem Fall höher als derjenige des damaligen Außenministers Rex Tillerson

– scheinen diese weniger eine Lüge als Bullshit zu sein. Ich bin gar nicht sicher, ob Trump diese Äußerungen für falsch hält oder sie mit einer Täuschungsabsicht äußert – ihm scheint es vielmehr überhaupt nicht um Wahrheitswerte, sondern um machtgetriebenes Entertainment zu gehen.

Die Propaganda

Ein drittes (und das wohl gefährlichste) Element des Postfaktischen ist schließlich die enge Verbindung des Begriffs mit autoritärer Propaganda. Der Unterschied zur Lüge und zum Bullshit besteht darin, dass es totalitärer Propaganda darum geht, ein konsistentes alternatives Überzeugungssystem zu konstruieren, welches eine verzerrte Darstellung der Realität beinhaltet. Das einfache Bild, das Trump (und mit ihm eine Vielzahl weiterer Vertreter der Neuen Rechten) von der Welt zeichnen, dient der Konstruktion einer großen, existenzbedrohenden Unordnung. Diese alternative Realität, die durch gefälschte Kriminalitätsstatistiken, dumpfe Vorurteile gegenüber anderen Ethnien oder Flüchtlingen oder Verschwörungstheorien gegenüber dem sogenannten Establishment plausibel gemacht werden soll, dient letztlich dazu, Macht auf den autoritären Führer zu übertragen. Der Präsident hat die Macht, zu bestimmen, was wahr und real ist, und seine Bürger*innen fügen sich dieser neu definierten Realität und erkennen damit zugleich seine Macht an.

Diese Variation des Ziels ist entscheidend: Es geht nicht lediglich darum, niedere Emotionen durch Lügen oder Bullshit zu schüren, um eine rationale Debatte zu unterlaufen; vielmehr werden die Regeln rationaler Debatten selbst in der Konstruktion alternativer Realitäten neu geschrieben. Der politische Führer beansprucht eine epistemische Autorität, da er eigene Regeln der Evaluation von Aussagen einführt. Exemplarisch zeigt sich dies an einem Tweet von Donald Trump vom 06.02.2017:

Das Kriterium für truth oder fake ist hier nicht das methodische Set-Up der Umfrage oder die Größe der Stichprobe, sondern die Frage, inwiefern die Umfrage den Präsidenten in einem guten Licht dastehen lässt.

Lüge, Bullshit, Propaganda und die offene Gesellschaft

Es zeigt sich also: Der Lügner ist auf allgemein anerkannte Standards des Argumentierens und der rationalen Akzeptabilität als Kontrastfolie angewiesen, um Lügen überhaupt konstruieren zu können. Dem Bullshitter sind irgendwelche Standards des rationalen Argumentierens einfach nur egal. Er braucht keine Kriterien für Wahrheit, Richtigkeit oder Falschheit, weil er mit seinen Äußerungen ohnehin keine Geltung beansprucht, sondern lediglich politisches Entertainment zu bieten sucht. Der Propagandist wiederum versucht aktiv, allgemein anerkannte Standards des Argumentierens und der rationalen Akzeptabilität umzudefinieren und eine alternative Realität zu kreieren, innerhalb derer er nicht mehr nach gängigen Kriterien der Kritik zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Ein Verständnis dieser verschiedenen Facetten des Begriffs des Postfaktischen kann nun dabei helfen, das emanzipatorische und befreiende Potenzial einer offenen Gesellschaft zu verteidigen: Hat man die Strategie der Vermengung von Lüge, Bullshit und Propaganda zu einer neuen autoritären Form des Politischen durchschaut, ist diese gefährliche Entwicklung noch lange nicht erledigt, aber es könnte einfacher sein, die politischen Schachzüge der Neuen Rechten zu dekonstruieren und ihr eigentliches Interesse zu entlarven.

Hashtag der Woche: #alternativefacts


(Beitragsbild @freestocks.org)

dr. dr. martin breul

dr. dr. martin breul

ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Katholische Theologie der Universität zu Köln, Lehrstuhl für Systematische Theologie, und dort im Forschungsprojekt "Die theologische Relevanz von Michael Tomasellos evolutionärer Anthropologie" angestellt.

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