Die großen Kirchen in Deutschland stecken in der Krise. Einige christliche Gruppierungen verzeichnen jedoch einen großen Zulauf: die Freikirchen. Martin Höhl meint, dass von ihnen Gefahren ausgehen, die immer noch unterschätzt werden. Anhand der GIVICI zeigt er auf, worin diese bestehen.

Das Konzept ist so einfach wie populär: Sympathisch rüberkommende Jungs und Mädels machen Youtubevideos und geben sich dabei wie Influencer*innen. Zahnpastalächeln, IKEA-Einrichtung im Hintergrund, alles hip, cool, easy, modern. Während andere Jugendliche sich jedoch Schmink-, Styling- und Beauty-Tipps ansehen, verbreitet die „GIVICI“, die „Global Video Church“, auf ihrem „GIVICI – Youth“ Channel eine ganz andere Message. Hier geht es um die großen Fragen im Leben bzw. Sterben: Pornos, Weltuntergang, Hölle, Identität, Taufe, Heilung, Gender – und natürlich Sex. Das lockere Auftreten suggeriert Spontaneität und Authentizität, die allerdings – wie bei anderen Youtuber*innen auch – Fassade bleibt. Die Sprecher*innen sind sorgfältig ausgewählt:

„Bevor sie im Namen von ‚GIVICI‘ über den Youtube-Kanal ihren Glauben verbreiten dürfen, müssen sie sich casten lassen. Es ist also kein Zufall, dass die ‚GIVICI‘-YouTuber vor allem junge, attraktive Menschen sind.“ 1

Sammy

Prototypisch dafür steht Sammy: ein junger Typ, grauer Kaputzenpulli, wuscheliges blondes Haar, Undercut, schneeweiße Zähne, leichter Bart, blaue Augen. In einem seiner Videos (mit immerhin ca. 4400 Klicks; Stand 28.03.19) erklärt er die Bedeutung der Taufe. Er kritisiert unspezifisch „Zeit, Tradition und Religion“ dafür, sich vom biblischen Verständnis abgewandt zu haben (1:06—1:16). Dem stellt er eine – sein – tiefere Erkenntnis gegenüber:

„Und ich hab’s selber geglaubt, des war alles, was ich wusste und ich dachte, man macht’s halt, aber da is so viel Kraft drin, wenn man wirklich versteht, um was es geht“ (4:16—4:24).

Illustriert wird das Ganze an einer Freundin von früher, die Sammy zufällig im Bus trifft und natürlich sofort mit ihr über den Glauben ins Gespräch kommt. Sie hört Stimmen, hat Selbstwertprobleme und spürt eine Liebe, die sie aber nicht annehmen kann. Sie ist nicht getauft. Am Tag darauf tauft Sammy sie an einem See, sie sieht ein helles Licht, die Sonne geht auf und alles ist gut (4:44—7:10).

Problematisch an dieser Episode ist nicht so sehr die Wertschätzung der Taufe oder die Fürsorge für die Freundin, sondern das magische Sakramentenverständnis: Das, was Christ*innen in der Taufe zugesagt wird und auf die eschatologische Erfüllung wartet, wird hier schon innerweltlich und insbesondere physisch wahrnehmbar eingelöst. Man wartet nur noch auf die Stimme aus dem Himmel (vgl. Mk 1,11).

„Du brauchst das nicht“

Wie einige andere Videos zeichnet sich auch dieses im zweiten Teil durch seinen appellativen Charakter aus: In Anlehnung an die Geschichte von Philippus und dem Äthiopier aus Apg 8,26—39 erklärt Sammy, dass es keines Pastors oder keiner weißen Klamotten für die Taufe bedürfe:

„Ich sage dir: Wir brauchen das alles nicht, du brauchst das nicht!“ (10:11—10:19).

Der Höhepunkt der Paränese findet sich bei 12:00, wenn Sammy sich die Worte aus Apg 22,16 zu eigen macht:

„Also – was zögerst du noch? Steh auf und lass dich taufen! Rufe dabei im Gebet den Namen Jesu an! Dann wirst du von deinen Sünden reingewaschen werden.“

Was „du“ allerdings brauchst, ist Kontakt zu einer Hauskirche in der Nähe. Dafür werben die letzten Sekunden. Es gibt sogar Schulungen und Starterkits, mit denen man seine eigene Hauskirche aufbauen kann, sollte keine in der Nähe zu finden sein.

Des Pudels Kern

Ein unorthodoxes Verständnis von Taufe bzw. die Aufforderung zur Wiedertaufe sind zwar theologisch fragwürdig, jedoch nicht per se gefährlich. Die zugrundeliegende steinbruchartige und wörtliche Exegese jedoch sehr wohl, v.a. wenn sie lebensweltlich übergriffig wird. Der Umgang mit der Bibel steht auch im Mittelpunkt der Kritik von Tobias Krone (DLF), der sich mit einer der Gründerinnen von GIVICI, „Li Marie“, auseinandergesetzt hat.

In einem früheren Video erklärt Sammy – noch ohne Bart und die Haare etwas weniger wuschelig, dafür mit EURO-Paletten im Hintergrund und Kakteen auf dem Tisch – ganz unverblümt:

„Ja, tatsächlich, meine Church kostet jetzt was“.

Sieht man von der hermeneutisch unreflektierten Begründung mit Dtn 14,22f. ab (1:05—2:30), scheint es zunächst ganz legitim, dass eine als Verein organisierte Religionsgemeinschaft einen Unkostenbeitrag erhebt, der für die laufenden Kosten (Miete, Strom, Wasser etc.) verwendet wird (3:00—3:14). Anstößig wiederum wird es, wenn das „Geld für unseren geistigen Leiter“ (3:15) ins Zentrum gestellt wird und die Forderung nach Unterstützung der Gemeindeleitung als Auftrag Jesu verkauft wird. Es wird zwar nicht genau spezifiziert, wie viel man geben soll (ob etwa 10% des Netto- oder Bruttogehaltes?), aber auf jeden Fall „gerne und großzügig“ (3:45), auch wenn’s nur ein Teil des Taschengeldes (!) ist. Du sollst „demjenigen, der dir und auch mir alles gegeben hat, was wir besitzen, einen kleinen Teil zurückgeben.“ (4:28—34).

Das Video endet wieder mit einem Appell: „Gibst du schon großzügig?“ (9:08), fragt der fromme Youtuber seine Zuschauer*innen. Zwischen den Zeilen hört man: „Wenn nicht, wird es höchste Zeit!“, denn eine großzügige Spende würde „mich bzw. uns unglaublich freuen und vor allem, vor allem würde es Gott freuen.“ (9:34—39). Jesu Verheißungen werden hier völlig unverblümt als Grund angeführt, der GIVICI sein Geld anzuvertrauen – ein Vorgehen, das sein Vorbild bei us-amerikanischen „Televangelists“ hat, die John Oliver wunderbar aufs Korn nimmt.

Es ist erstaunlich, dass die Plattform selbst so offen um Spenden wirbt. Dahinter stecken offensichtlich weitreichende Pläne:

„Dass hinter ‚GIVICI‘ aber noch viel mehr steckt, als eine verblendete Glaubensgemeinschaft, zeigen Sätze, die Jeremia Zimmerer sagt. Er bezeichnet sich als Vorstandsvorsitzenden von ‚GIVICI‘. Im Gespräch mit ihm wird deutlich: ‚GIVICI‘ strebt Großes an. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Dafür braucht ‚GIVICI‘ von den Mitgliedern vor allem eines: Geld. Das sei für Marketing und Vertrieb nötig, für das Equipment der Videos und natürlich für die Bezahlung der Angestellten und Azubis, sagt Zimmerer der HuffPost. Azubis und Festangestellte für eine Glaubensgemeinschaft? ‚Ja, wir haben viel vor. Es gibt über 70 Millionen Menschen in Deutschland, die nicht glauben.‘ Rund 45 Millionen Menschen in Deutschland sind Christen – für Zimmerer aber offenbar nicht gläubig genug.“ 2

So what?

Nun könnte man meinen: Okay, eine weitere Splittergruppe, die genauso unbemerkt gekommen ist, wie sie verschwunden sein wird. Zahlen und Zielgruppe sprechen jedoch dafür, die Organisation nicht zu unterschätzen. So wurde der seit September 2015 existierende Youtube-Channel immerhin ca. 340.000 mal (Stand jeweils 11.4.2019) angeklickt und auch einige Videos erfreuen sich großer Beliebtheit. Ca. 11.600 Menschen haben sich bspw. angesehen, wie Julia und Björn begründen, dass Sex vor der Ehe schlecht und schmerzhaft sei.3 Dass man mit diesem Thema Aufmerksamkeit generieren kann, zeigt auch die „Christfluencerin“ Li Marie mit ihrem eigenen Channel , der sogar ca. 800.000 Klicks zählt und der „wahrscheinlich meistgeklickte deutschsprachige Kanal von christlichen Influencern“4 ist.

An Sammy’s Taufvideo lässt sich jedoch eine große Gefahr dieses Formats zeigen. Es wird bewusst eine Zielgruppe angesprochen, die sich leicht manipulieren lässt: Jugendliche, die ihren Platz im Leben suchen, sich einer Community anschließen möchten und vielleicht sogar Selbstwertprobleme haben oder Ausgrenzungserfahrungen in ihrer Gemeinde machen. So kommentiert etwa YouTube-Nutzer*in „you are loved“ Sammy’s Video:

„so ein geniales Video! […] ich bin momentan nicht wirklich Teil einer Gemeinde […] Wäre cool wenn ihr mitbeten könntet, dass Gott eine Tür öffnet und mir zeigt, wo und wann es für mich dran ist mich taufen zu lassen! Seid gesegnet!“.

Scheinbar schafft es die GIVICI durch ihr hippes Auftreten, genau diejenigen Gefühle zu evozieren, die junge Menschen angreifbar und damit formbar machen: „Ich bin 14 und bin nicht getauft und fühle mich schlecht“, meint etwa „DAMN mkv A“.

Paränese

Christ*innen sind gefordert, hier ganz sensibel zu sein für moderne Strukturen geistlichen Missbrauchs. Letztlich bleibt es schwer zu belegen, welche Ziele die Initiator*innen verfolgen, doch sobald gezielt suchenden, jungen Menschen falsche Sicherheiten suggeriert werden, überfordernder nur-fest-genug Glaubensdruck aufgebürdet wird, und sie dann noch mit fadenscheinigen Gründen dazu gebracht werden, ihr Taschengeld „geistigen Leitern“ zur Verfügung zu stellen, müssen die Alarmglocken läuten.

Gleichzeitig sind diese Videos ein Denkzettel für die großen Kirchen, besonders die katholische5: Wieso ist deren Medienarbeit nicht so erfolgreich? Wo sind die hippen, jungen Katholik*innen, die aussehen wie Sammy? Wieso plündern einige junge Seminaristen lieber Opas Kleiderschrank und lassen seine Lederslipper mitgehen, um sich für die Oper schick zu machen, statt wie andere junge Leute in Hoodie und Vans auf Parties zu chillen, mit anderen Studierenden ins Gespräch zu kommen und in Clubs tanzen zu gehen?6

Vor der Kontrastfolie GIVICI werden Imageprobleme deutlich, die den zunehmenden Bedeutungsverlust der großen Kirchen befördern und eng mit dem Thema Klerikalismus zusammenhängen. Vielleicht wäre es ein erster Schritt in die richtige Richtung, dieselbe Lockerheit, die die „Christfluencer*innen“ vorspielen, wirklich zu leben. Der Verkündigung der frohen Botschaft tut das sicher keinen Abbruch. Eine solide Pastoral braucht nämlich nicht auf optische, lebensweltliche oder sexualrestriktive Unterschiede als Differenzkriterium bauen, sondern überzeugt durch ihren Inhalt und authentische Zeug*innen.

Hashtag der Woche: #christfluencing


(Beitragsbild: wxc026621)
3 Hier zeigt sich nochmals besonders schön das eisegetische Vorgehen der Gruppe: Julia spricht über das Hohelied, welches sie völlig selbstverständlich dem Autor Salomo zuschreibt, der darin über seine Freundin spreche und für Enthaltsamkeit vor der Ehe werbe (3:12—48).
5 Die EKD scheint hier die Nase vorne zu haben, wie der Channel von Jana Highholder zeigt, die vergleichbare Klickzahlen erreicht: https://www.youtube.com/channel/UC8bIqnUJRVWArAW8X3u7iJA/featured.
6 Disclaimer: Nichts spricht gegen Opernbesuche. Wieso bestimmte Hobbies, Kleidungsstile und Mittagstischgespräche statistisch aber so exorbitant häufiger vorkommen als bei Gleichaltrigen, muss man sich fragen – und ob das nur gut ist. Kleidung, Auftreten und Sprache können immense Distanz schaffen und suggerieren bisweilen Weltfremdheit.
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martin höhl

hat Theologie und Philosophie in München, Jerusalem und Frankfurt studiert. Er arbeitet in einer Unternehmensberatung und promoviert zum Thema Klerikalismus und Missbrauch.

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